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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.06.2009

Bestandsaufnahme zu Woodstock

Mike Evans, Paul Kingsbury: "Woodstock", Collection Rolf Heyne, München 2009, 288 Seiten

Besucher des Woodstock-Festivals 1969 (AP Archiv)
Besucher des Woodstock-Festivals 1969 (AP Archiv)

Zum 40-jährigen Jubiläum des berühmten Pop- und Rockfestivals "Woodstock" legen die Musikjournalisten Mike Evans und Paul Kingsbury eine Bestandsaufnahme vor. Ihr Buch "Woodstock – Die Chronik" wendet sich gegen eine Verklärung des Festivals zum wahr gewordenen Hippietraum von Liebe, Frieden und Freiheit und zeigt auch problematische Aspekte von "Woodstock".

Wenn es in der Geschichte der Popmusik der 60er-Jahre ein Ereignis gibt, das selbst Musik-Desinteressierten ein Begriff ist, dann dürfte es das Woodstock-Musikfestival sein. Knapp 500.000 Menschen campierten im August des Jahres 1969 friedlich auf einem Acker in einem kleinen Ort 160 Kilometer von New York entfernt und feierten in drei Tagen und Nächten sich und 32 bekannte und unbekannte Künstler und Musikgruppen der Rock- und Folkszene.

In den vergangenen 40 Jahren haben sich die Bilder und Informationen über das Woodstock-Festival derart verklärt, dass man fast den Eindruck hat, dass damals der alte Hippetraum von Liebe, Frieden und Freiheit wahr geworden wäre.

Doch die drei Tage waren alles andere als paradiesisch. Nicht nur durch das regnerische Wetter herrschten chaotische Zustände auf dem Gelände, das ab dem zweiten Tag im Schlamm versank. Die Organisatoren waren dem Großereignis in keiner Weise gewachsen, die sanitären Verhältnisse waren katastrophal, Verpflegung und Unterbringung waren mehr als unbefriedigend. Im Endeffekt waren die Festivalbesucher sich selbst überlassen.

Dass es dabei nicht zu einer Katastrophe kam, ist wohl nur dem Zufall und der friedlichen Stimmung unter den Besuchern zu verdanken. Gern übersehen wird, dass immerhin drei Menschen auf dem Gelände starben, Hunderte erlitten kleinere Verletzungen und Tausende mussten wegen Drogenproblemen behandelt werden. Für die beiden Veranstalter, Michael Lang und Artie Kornfeld, und die jungen Investoren John Roberts und Joel Roseman, die das Festival aus rein kommerziellen Überlegungen organisiert und sich Millionengewinne erhofft hatten, geriet das Festival zu einem finanziellen Fiasko.

Woodstock war nicht das erste und nicht das letzte Festival in den späten 60er-Jahren, wohl aber das musikalisch schlechteste. Viele der Bands waren nach dem ersten großen Popfestival 1967 in Monterrey und in den Wochen vor Woodstock bei Festivals in Atlanta, Denver und Miami unter deutlich besseren technischen und organisatorischen Bedingungen aufgetreten. Diese Festivals sind so gut wie vergessen, obwohl dort jeweils bis zu 100.000 Besucher gezählt wurden.

Auch wenn sich unter den knapp 500.000 Woodstock-Besuchern der Love-and-Peace-Gedanke für drei Tage vordergründig realisierte, so wurde hinter den Kulissen schon kräftig an der Vermarktung des Hippietraums gearbeitet. Schallplatten- und Filmrechte wurden schon vor Beginn des Festivals meistbietend verdealt. Neben Janis Joplin, The Who, Jimi Hendrix und Grateful Dead traten neue und wenig bekannte Bands und Künstler wie Melanie, Joe Cocker, Crosby, Stills & Nash und Carlos Santana auf, denen der Auftritt allerdings zum weltweiten Durchbruch verhalf. Für die meisten dieser Musiker bleibt Woodstock in bester Erinnerung, obgleich keiner von ihnen unter zufriedenstellenden Bedingungen auf der Bühne stand.

Die Musikjournalisten Mike Evans und Paul Kingsbury haben aus Gesprächen mit Musikern wie Carlos Santana, Pete Townshend von The Who oder Richie Havens, anwesenden Journalisten und Zeitzeugen eine objektive Bestandsaufnahme dieses Festivals erstellt und versucht, den Mythos zurechtzurücken. Die Autoren erläutern die politischen Verhältnisse im Vorfeld von Woodstock, beschreiben die Vorbereitungen, den Verlauf und die Nachwirkungen des Festivals. Dennoch bleibt Woodstock - trotz des Chaos vor und hinter der Bühne - das Synonym für den Versuch, eine friedliche, alternative Gegenkultur aufzubauen.

Evans und Kingsbury gelang mit "Woodstock" ein faktenreiches und höchst informatives Buch, das nicht nur ein Ereignis der Popmusikgeschichte dokumentiert, sondern auch einen Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung der USA in den 60er-Jahren erlaubt. Dabei haben die Autoren zugunsten einer objektiven Berichterstattung auf jede Bewertung des Ereignisses verzichtet.

Das Buch "Woodstock" hat 288 Seiten, Hunderte zum Teil unveröffentlichte Fotos, eine Bibliografie und Übersicht über die aufgetretenen Bands mit Besetzung und Discografie. Das Buch ist im Verlag Collection Rolf Heyne erschienen und kostet 39,90 Euro.

Besprochen von Uwe Wohlmacher

Mike Evans, Paul Kingsbury: Woodstock - Die Chronik
Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Tiarks
Collection Rolf Heyne, München 2009
288 Seiten, 39,90 Euro

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