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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.03.2013

Bestandsaufnahme der Stadtentwicklung

Philipp Oswalt, Klaus Overmeyer, Philipp Misselwitz: "Urban Catalyst" DOM publishers, Berlin 2013, 384 Seiten

Luftaufnahme des Flughafen Tempelhof in Berlin. Erholungsgebiet oder Bauland?  (AP)
Luftaufnahme des Flughafen Tempelhof in Berlin. Erholungsgebiet oder Bauland? (AP)

Die Zwischennutzung von Gebäuden und Stadträumen wird vielfältig eingesetzt um den Leerstand von Immobilien zu vermeiden. Das Forschungsprojekt "Urban Catalyst" hat dieses Phänomen an zahlreichen Beispielen untersucht und in einem Sammelband dokumentiert.

Anhand vielfältiger Beispiele und begleitender Essays macht der inhaltlich wie gestalterisch aufwendige Sammelband, der ein über zehnjähriges Forschungsprojekt um den Architekten Philipp Oswalt zusammenfasst, das stadtentwicklerische Potenzial von Zwischennutzungen deutlich. Das Buch ist ein Plädoyer für einen Städtebau des Gebrauchs. Denn das paternalistische System des Wohlfahrtsstaates habe genauso ausgedient, wie die unternehmensorientierte Stadtentwicklung des Neoliberalismus. Stadtentwicklung dürfe nicht länger als Akkumulation von Baumasse verstanden werden, sondern sei die Verdichtung von Aktivität. Nicht die Gestalt einer Stadt solle daher im Zentrum stadtplanerischen Denkens stehen, sondern ihre Benutzung und die primäre Aufgabe von Stadtplanern liege entsprechend in der Ermöglichung von Handlungsräumen.

Unter diesem Blickwinkel werden Zwischennutzungen vom Pausenfüller zum vitalen Seismograf für Bedarfsermittlung. Da sie nicht primär von lukrativem Erfolg geleitet sind, haben sie ein eigenes Potenzial und "können einen wesentlichen Impuls für eine neue Form von prozessualer Stadtentwicklung geben, bei der es um das Neucodieren und Neuprogrammieren schon existenter Räume geht." In der Tat wäre beispielsweise der Bedarf für eine innerstädtische Freifläche zur sportlichen Freizeitbetätigung nicht derart deutlich zu Tage getreten, hätten Investoren den Tempelhofer Flughafen in Berlin sofort nach dessen Stilllegung entwickelt. Auch die aus dieser Erfahrung resultierenden Forderungen der Öffentlichkeit hätten sich nicht in gleicher Weise formiert.

Zwischennutzung – so die geradezu euphorische Überzeugung von Urban Catalyst – ist notwendiger Gegenpol zu monetärer Stadtentwicklung. Doch ist hierin auch eine Krux verborgen. Denn Zwischennutzungen sind eben nicht nur von temporärer Natur, sondern definieren sich also auch darüber, dass sie finanziell leistungsschwach sind und nur durch die "blinden Fenster in der ökonomischen Verwertung von Flächen" existieren. Immobilien- und Grundstückseigentümer stellen ihren Besitz für Zwischennutzungen zu extrem günstigen Mietbedingungen nur als Alternative zum Leerstand zur Verfügung.

So existieren Zwischennutzungen in der Regel also in dem Schonraum einer suspendierten Wirtschaftlichkeit. Sie sind von dem Leerlauf des herrschenden ökonomischen Systems genauso abhängig, wie von dessen Kraft, diesen Leerlauf zu überbrücken. Entsprechend formulieren sich am Ende der Lektüre dieser reichhaltigen Material- und Gedankensammlung, deren Bestandsaufnahme mehr als Rückblick denn als Prognose wirkt, eine Reihe von Fragen: Wie steht es um die Balance von monetärer Stadtentwicklung und nicht-monetärer Zwischennutzung? Wie belastbar ist diese Wechselbeziehung? Welche alternativen Rahmenbedingungen wären denkbar und welche Konsequenzen hätten sie für das beschriebene stadtentwicklerische Potenzial?

Besprochen von Dorothée Brill

Philipp Oswalt, Klaus Overmeyer, Philipp Misselwitz: Urban Catalyst. Mit Zwischennutzung Stadt entwickeln
DOM publishers, Berlin 2013
384 Seiten, 38,00 Euro

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