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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.07.2010

Beschreiber deutscher Seelenlagen

Reinhard Jirgl erhält den Büchnerpreis 2010

Von Sigried Wesener

Reinhard Jirgl (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Reinhard Jirgl (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Eigensinn und Einzelgängertum charakterisieren den Georg-Büchnerpreisträger 2010. Reinhard Jirgl ist zwar mit vielen Literaturpreisen geehrt worden, dennoch bewegt er sich abseits des Literaturbetriebes, enthält sich des lauten Gesprächs über Tagesthemen. Vom Rand her spricht er in die Mitte der Gesellschaft mit seinen Büchern:

"Es geht darum, dass Arno Schmidt einer von vielen Mutmachern gewesen ist, die in der Tat eine Art von Einzelgängertum beim Schreiben, was mir sehr nahe ist, diese Haltung, die ich immer versuche, auch bis heute zu bewahren, nämlich Mut insofern, was möglich ist, aus der Moderne heraus in die Gegenwart zu reflektieren und diese Gegenwart im Schreiben, im Buch, in der Schrift wiederkehren zu lassen."

Seine öffentliche Existenz als Autor begann vor zwei Jahrzehnten. Nach dem Mauerfall reiste Reinhard Jirgl zum Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt mit einem Text, der 1985 in DDR-Verlagen als antisozialistisch abgelehnt worden ist

"Natürlich gehöre ich zu der Generation, die im Prinzip in die Krise des Sozialismus geboren wurde. Die Machtkrisen, die großen Auseinandersetzungen waren längst gelaufen, der Hoffnungshorizont war auf null geschrumpft. So gab's im wörtlichsten Sinn nichts zu erwarten."

Der Text des "Mutter-Vater-Romans" spaltete aber auch 1990 mit seiner sprachlichen Üppigkeit und Aufgeladenheit die Gemüter der Juroren in Klagenfurt. Der Ostbonus war aufgebraucht, Reinhard Jirgl schien erneut in eine Nische geschoben, aber er ließ sich nie beirren, er schrieb weiter und polarisiert bis heute.

"Abschied von den Feinden", "Die atlantische Mauer", "Die Unvollendeten", "Abtrünnig", "Stille" heißen seine Romane, die ihn zu einer der wichtigsten Stimmen in seiner Generation gemacht haben, - zu der auch der diesjährige Bachmannpreisträger Peter Wawerzinek gehört.

Reinhard Jirgl holt in seinen Texten die Vergangenheit ins Heute, erzählt Geschichten der kleinen Leute, Familiendramen, die sich mal um Flucht und Vertreibung aus der vertrauten sudetendeutschen Welt entwickeln oder ein Anwesen in der Lausitz zum Halt für zwei Familien werden lassen, die in den Wirren von Krieg und Nachkrieg ein Zuhause suchen. Der Horror kommt nicht allein von außen, spielt sich zwischen vertrauten Menschen ab, die hassen, lieben, zweifeln und verzweifeln, auch irgendwie durchkommen.

"Mir geht es darum, zu zeigen, dass jeder bekommt, was er braucht. Es ist nicht das, was er wünscht, wenn jemandem beschert wird, was er braucht, dann ist das die beste Nachricht, die man haben kann und ein Zeichen für seinen Charakter. Und diese Fürchterlichkeiten des 20. Jahrhunderts, was ja nur kalendarisch vorbei ist, alles andere des 20. Jahrhunderts lebt ja bis heute fort. Was mich interessiert hat an der ganzen Geschichte war, wie diese Menschen versuchen, auf Grund dieser ganzen Gegebenheiten und auch dieser von ihnen nicht beeinflussbaren Geschehnisse des 20. Jahrhunderts, wie man sich dagegen zur Wehr setzt, welche Listen man gebraucht, wie ein inneres Gemeinwesen entsteht."

Und er entdeckt die Widerständlichkeit im Leben am Rande der großen Politik,
zeigt Parallelwelten im Normalen :

"Wie etabliert sich, ohne dass es gewollt ist, ein oppositionelles Gemeinwesen innerhalb einer Herrschaftsmachtstruktur von außen her, das hat mich sehr interessiert."

Jirgl ist geprägt durch das Werk Heiner Müllers, der ihn gefördert hat, er wehrt sich gegen falsches Erinnern, holt ins Gedächtnis, was wehtut, verdrängt und verborgen ist, beschreibt deutsche Seelenlagen, und liefert ein Panorama innerer und äußerer Existenzen. Er schreibt über Kontinuitäten in der deutschen Geschichte, arbeitet mit Dokumenten, Fotos, führt das Faktische in fiktive Figuren.

"Das hat damit zu tun, dass ich in allen Büchern immer versucht habe, über die Gegenwart zu schreiben, von dort aus den Ansatzpunkt zu suchen, in die Vergangenheit zurückzugehen, und da findet man sehr schnell , dass wir auch in der heutigen Zeit in mehrere Gegenwarten oder in mehreren Zeiten zugleich leben. Das sind nicht nur vergangene Vergangenheiten, da sind schon hereinragende Zukunftsteile."

"Das Gedächtnis ist nicht das Instrument zum Erkunden der Vergangenheit, sondern es ist der Schauplatz." Auf diesen Satz von Walter Benjamin bezieht sich Reinhard Jirgl, wenn er über Erinnern und Vergessen spricht. Für ihn bestimmt mehr noch "die Qualität des Vergessens die Qualität der Erinnerung". Das Jetzt wird das Gewesene in anderer Gestalt erscheinen lassen.
Jirgls Bücher sind von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit, grafisch expressiv aufgebaut.

Satzzeichen sind für ihn bloße Konvention, er bricht Vertrautes auf, leitet Fragen bereits mit dem Fragezeichen ein, setzt Ausrufezeichen vor und nach einem Wort, um seine Wichtigkeit im Satz bildlich herauszustellen, seine Texte sprudeln vor Wortschöpfungen. In "Die Unvollendeten" – zerlegt er das Wort Ideologen in Ideo und logen, verbunden mit einem Gleichheitszeichen. In der Wendeeuphorie wird DASVOLK in Großbuchstaben zu einem Wort.

"Es hat mit Eigensinn zu tun, das hat damit zu tun, dass man die Literatur in diesem alphanumerischen Code, aus dem ja Buchstaben und Ziffern unserer Schreibmaschinentastaturen bestehen, das auch zu nutzen, um sozusagen das Körpersignal in den Text hereinzubringen, also ein erotisches Signal, was im Text steckt, was immer vom Kontext abhängig ist."

Reinhard Jirgl – ein außergewöhnlicher Schriftsteller, gefeiert und hoffentlich mit dieser Ehrung künftig von einem größeren Publikum verstanden und gelesen:

" "Und ich glaube, dass die Gewohnheit, die sie vermuten, an dieses Schriftbild nicht vorhanden ist, sonst würden sich meine Bücher besser verkaufen." (lacht) "

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