Fazit / Archiv /

Berühmtester unbekannter Klassiker

Ausstellung über Karl Philipp Moritz' Roman "Anton Reisers Welt"

Von Jochen Stöckmann

Mit Büchern und Bildern macht die Ausstellung den Roman anschaulich.
Mit Büchern und Bildern macht die Ausstellung den Roman anschaulich. (AP)

Anlässlich des 250. Geburtstages von Karl Philipp Moritz zeigt die Stadtbibliothek Hannover Bücher, Bilder und Kupferstiche, die mit seinem berühmten autobiografischen Roman "Anton Reisers Welt" in Zusammenhang stehen. Sie stellt außerdem Personen und Orte vor, die den Schriftsteller geprägt haben.

Karl Philipp Moritz zählt wegen der Originalität und der Vielseitigkeit seines Werkes zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts. Die Orte seines Lebens, unter anderem Hameln, Hannover, Braunschweig und seine Flucht nach Erfurt hat Moritz detailliert in seinem autobiographischen Roman "Anton Reiser" gespiegelt, einem Buch, wie es, nach den Worten Arno Schmidts, "kein Volk der Erde sonst besitzt".

Die Ausstellung "Anton Reisers Welt" stellt Räume und Personen vor, die den Schriftsteller geprägt haben. Anton Reisers Orte und die ersten zwanzig Lebensjahre von Karl Philipp Moritz sind hier zum ersten Mal anhand neuen Bildmaterials und zeitgenössischer Dokumente anschaulich dargestellt. Zur Ausstellung erscheint der Katalog "Anton Reisers Welt" von Christof Wingertszahn im Wehrhahn Verlag.

Das Zeughaus als Sehnsuchtsort, wem würde das wohl einfallen? Karl Philipp Moritz natürlich, diesem "mit hellem Scharfblick ausgestatteten Sonderling", wie der zu seiner Zeit durchaus erfolgreiche Schriftsteller des 18. Jahrhunderts in diversen Literaturgeschichten geführt wird.

Sich selbst sei er zeitlebens rätselhaft gewesen, habe aber im "Anton Reiser", dem psychologischen Roman einer Jugend, "gehaltvolle Beobachtungen" wiedergegeben. Darunter eben auch die Geschichte vom Zeughaus, das der von einem Braunschweiger Hutmacher drangsalierte und gedemütigte Lehrling unbedingt einmal "inwendig" zu sehen wünscht. Als es dann soweit ist, Reiser für seinen Meister einen Korb mit Hüten im Braunschweiger Zeughaus abliefern soll, wird die Wunscherfüllung zum Albtraum: Der feinfühlige Junge muss die Kiepe auf dem Rücken tragen, "den Nacken unterm Joch gebeugt wie ein Lasttier".

So also sah "Anton Reisers Welt" aus, die Christoph Wingertszahn mit Büchern und Bildern, kostbaren Erstausgaben und Kupferstichen anschaulich macht. Aber hat der spätere Autor Moritz diese Lebenswelt nicht allein für seinen "Anton Reiser" erfunden, zumindest poetisch nachempfunden?

Christoph Wingertszahn: "Dennoch ist der Roman unglaublich nah an der Biografie von Moritz angelehnt, was wir auch nachweisen können. Es sind etwa Briefe des Hutmachers Lobenstein zu sehen."

Anton Reiser erträgt die Schinderei des Hutmachers nicht länger. Seine Tagträumereien machen das Dasein nur noch unerträglicher, sodass der arme Kerl, wie es bei Moritz heißt, "in jedem Augenblick lebend starb" und sich schließlich in das eisige Wasser der Oker stürzt. Braunschweig wird im Roman zum Tatort, und der Literaturwissenschaftler hat über 200 Jahre später Spurensuche betrieben:

Christoph Wingertszahn: "Wir können ungefähr nachvollziehen, wo Moritz in der Trockenstube des Hutmachers Lobenstein gelitten hat. Allerdings befinden sich genau dort in dieser Straße heute ein Laden für exotische Frisuren und ein Reisebüro. Dahinter muss es also dann so schlimm zugegangen sein, wie wir aus dem Anton Reiser hören."

Im Katalog erfahren wir dann gar, dass Lobenstein, wie Moritz’ Vater Anhänger einer pietistischen Sekte, nicht nur religiöser Neurotiker, sondern auch "pädophiler Sadist" gewesen sei. Die Ausstellung bietet also sehr viel Neues, identifiziert auch den Namensgeber des Romans, einen Klassenkameraden von Moritz in der hannoverschen Lateinschule:

"Bisher ist man, seit 100 Jahren, immer davon ausgegangen, dass Philipp Reiser ein ehrwürdiger Tischlermeister gewesen ist. Wenn man genauer recherchiert sieht man aber, dass dieser Philipp Reiser ein Geistesbruder von Moritz gewesen ist. Er ist nicht älter geworden als der, und er ist bettelarm gestorben als Klaviermacher. Und aus Zeitungsnachrichten wissen wir nur, dass er sehr viel Holz hinterlassen hat, um Klaviere zu zimmern."

Wichtiger noch als Personen, darunter als Mitschüler auch der später so berühmte Schauspieler und Theaterdirektor Ifflandt, aufschlussreich für das Denken und Dichten dieses Autors sind die Orte, ist Norddeutschland als Kulturlandschaft:

"Das Denken von Moritz ist insgesamt sehr räumlich strukturiert und in Hameln etwa lässt sich das nachweisen. Da hat er die Erinnerung an seine früheste Kindheit beschrieben, in der Zeitschrift für empirische Psychologie, die er herausgegeben hat. Da sind sehr genaue Erinnerungen festgehalten an enge Stuben, an große Schränke, in denen man sich als Kind verliert, an Schiffe auf der Weser und all diese Vorstellungen von höhlenartigen Innenräumen und auch der Landschaft um Hameln herum, die er als Befreiung erfährt, dazu der Gegensatz von Enge und Weite."

Erste Wanderungen führen den bildungshungrigen Autodidakten bis nach Erfurt, später werden Reisen nach England und Italien folgen.

"All diese Städte sind auch noch 1770 oder 1780 durch sehr starke Befestigungen und Wälle gekennzeichnet. Und eine Vorliebe von Moritz war es immer, auf diesen Wällen spazieren zu gehen, um die Stadt als Ganzes wahrzunehmen und als Ganzes fassen zu können. Ein Grundsatz, der später auch in seine Ästhetik eingegangen ist. Die Stadt wird später auch sehr psychisch erfahren, mit dem Umfassen und Umgehen mit der Stadt umfasst man auch selber sein eigenes Innere."

Goethe stützte sich bei seinem "Zweiten römischen Aufenthalt" ausdrücklich auf Moritz’ Überlegungen zur "bildenden Nachahmung des Schönen". Auch Schiller war des Lobes voll und charakterisierte ihn als "tiefen Denker, der seine Materie scharf anfasst und tief heraufholt". Ein treffendes Wort, gilt es doch auch für die große kritische Gesamtausgabe von Moritz’ Werken und Briefen, die Wingertszahn mit einigen Kollegen an der Berliner Akademie der Wissenschaften betreut:

"Der erste Band, ein vollkommen unbekanntes Werk von Moritz, ist erschienen: 'Anthusa oder Roms Altertümer'. Ein altertumskundliches Werk, das kaum jemand kennt. Der nächste Band wird der 'Anton Reiser’ sein, der im November herauskommt. Und auch der dritte Band wird vollkommen unbekannt sein, er wird zwei Bücher vorstellen, die Moritz geschrieben hat, um dem Publikum das Verfassen von Briefen beizubringen."

Als Autor, der die Einnahmen aus seinen Büchern bitter nötig hatte, arbeitete Moritz zeitweise an einem halben Dutzend Neuerscheinungen gleichzeitig:

"Wir wissen bei vielen Texten von Moritz noch gar nicht, ob sie von ihm stammen und in welchem Umfang er sie geschrieben hat. Das betrifft zum Beispiel seine Tätigkeit in der Berliner Akademie der Künste, da können wir ihn nur anhand der Handschrift identifizieren. Zweites Problemfeld: Moritz als Journalist. Ein Jahr lang hat er die Vossische Zeitung in Berlin redigiert, viele Artikel verfasst – und unter keinem dieser Artikel steht sein Name."

Aber was sagen schon die Namen, Moritz, Reiser oder auch Andreas Hartknopff, auf Büchern, bei denen es allemal auf die Inhalte, die Ideen und auch die seltsamen Sehnsüchte ankommt:

"Das ist das reizvolle an diesem Schriftsteller, dass er keine ganz eingängige Entwicklung lebt, die von der Mystik in einen Rationalismus berolinischer Prägung führt, sondern dass er es immer wieder schafft, in einem Werk ganz rationalistisch zu argumentieren und im nächsten schon wieder eine ganz andere Position einzunehmen. Das macht ihn schwierig, aber auch u so faszinierender."

Service:
Die Ausstellung zum 250. Geburtstag von Karl Philipp Moritz: "Anton Reisers Welt - Eine Jugend in Niedersachsen 1756-1776" ist in der Stadtbibliothek Hannover bis 14. Oktober zu sehen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kulturpresseschau

Aus den Feuilletons"Der größte Dramatiker der Menschheit"

William Shakespeare - eine zeitgenössische Darstellung des erfolgreichsten Bühnenautors aller Zeiten.

Anlässlich des 450. Geburtstages von William Shakespeare geht es in der Kulturpresseschau vor allem um den Lyriker und Schauspieler. "Er zeigt den Menschen und die Welt so böse wie sie sind", schreibt der "Tagesspiegel".

 

Fazit

Kino"Irre sind männlich"

Die Schauspieler Peri Baumeister (l-r), Fahri Yardim, Milan Peschel und Marie Bäumer kommen am 10.04.2014 zur Premiere des Films "Irre sind männlich" in den Mathäser Filmpalast in München (Bayern).

Die Titelhelden und Programmierer Daniel und Thomas begeben sich in "Irre sind männlich" aufgrund ihrer Beziehungsprobleme in Therapie. Was komisch sein soll bleibt vorhersehbar und lahm und enttäuscht auf ganzer Linie.

RegiedebütLärmende Zukunftswarnung

Wally Pfister lächelt in die Kameras, seinem Oscar für die beste Kamera im Film "Inception" bei den 83. Academy Awards 2011 in der Hand.

In dem Cyber-Thriller "Transcendence" digitalisiert der Wissenschaftler Dr. Caster (Johnny Depp) kurz vor dem Tod sein Gehirn, um so als Daten-Mensch weiterzuleben. Die Geschichte bleibt aber allzu fade.

Schwabinger KunstfundWie geht es weiter mit den Gurlitt-Bildern?

Ingeborg Berggreen-Merkel 27.11.13

Eine Taskforce untersucht derzeit die verdächtigsten Bilder des Schwabinger Kunstfundes. Das Ziel: Innerhalb eines Jahres soll weitgehend aufgeklärt sein, wem die Bilder aus der Sammlung zustehen.