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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.12.2014

Berühmtes CelloDas Ringen um Stradivaris "Mara"

Von Carolin Pirich

(Nikolaj Lund)
Der Schweizer Cellist Christian Poltéra mit dem berühmten Violoncello "Mara" von Antonio Stradivari (Nikolaj Lund)

Das "Mara" ist 300 Jahre alt und millionenschwer. Es ist eines von drei weltberühmten Violoncelli des italienischen Instrumentenbauers Antonio Stradivari. Im Jahre 2012 wäre es fast im Schrank eines Sammlers in Taiwan gelandet.

Christian Poltéra: "Ich darf es nicht allein im Auto lassen. Wenn ich zu Hause bin, muss ich die Türe schließen. Ich darf es nicht auf der Straße stehen lassen, das wäre fahrlässig:"

Marcel Richters: "Klar erkenn ich's sicher. Es ist ja, als würde man seine eigene Frau nicht erkennen."

Christian Poltéra:"Dieses Cello hat eine unheimliche Klarheit im Klang und auch etwas Schwereloses, Schwebendes."

Wolf Wondratschek:"Das Mara hatte ein schweres Leben. Es ist 300 Jahre zwischen den Schenkeln von Wahnsinnigen. Das ist ein harter Job."

Marcel Richters: "Über Besitzverhältnisse spreche ich nicht. Das fällt unter eine Art Arztgeheimnis."

Das Mara. The Mara. Eines der drei weltberühmten Celli, die im Jahr 1711 auf der Werkbank von Antonio Stradivari in Cremona lagen. Wie alle Instrumente Stradivaris tragen sie eigene Namen: Das "Romberg"; das "Duport", jahrelang gespielt von Msistislaw Rostropowitsch; und das "Mara", seit Kurzem gespielt von Christian Poltéra. Alle drei Celli aus der "Goldenen Periode" des Geigenbaumeisters, dessen Streichinstrumente bis heute Kult sind, Kunstwerk, Mythos, Investment. Nirgendwo sind die Stifter, Sammler, Musiker bereit, höhere Summen zu zahlen als für alte italienische Streichinstrumente aus Cremona.

Poltéra: "Ich bin der Besitzer, aber nicht der Eigentümer. Das ist ein großer Unterschied in dem Fall."

Das perfekte Instrument

Berlin im August 2014. Christian Poltéra sitzt in einem engen Hotelzimmer, gerade ist er für eine CD-Aufnahme von Zürich nach Berlin geflogen, das Cello auf dem Nebensitz mit dem Ticket eines erwachsenen Passagiers. Jetzt liegt neben ihm auf dem Bett der schwarz glänzende Cellokoffer, darin: das Mara-Cello. Poltéra hat es noch nicht lange.

"Der strahlende Klang von Stradivari ist recht typisch für die Instrumente nach 1700, wo er die Celli auch kleiner und kompakter gebaut hat. Sie sind einfach kräftiger im Klang und spielen sich auch leichter. Das ist auch stradivari-typisch und wird immer wieder kopiert. Ich habe gerade einen Anruf bekommen von einem Geigenbauer, der das Cello sehen möchte, weil er es kopieren möchte. Da gibt es immer mehr Technologien: 3D und Lackanalysen und alles Mögliche wird probiert."

Poltéra lässt den Cello-Koffer aufschnappen, zieht den weichen Stoff beiseite, in dem das Instrument eingeschlagen ist. Er hebt es behutsam am Korpus an, hält das f-Loch zum Tageslicht.

"Ich weiß nicht ob man das sehen kann, das Etikett...am Boden, je nach Lichteinfall."

Antonio Stradivarius cremonensis, faciebat Anno 1711.

"Besonders schön bei dem Cello ist die Rückseite. Er hatte wirklich das schönste Holz zur Verfügung. Wenn man jetzt anfängt, Instrumente auch optisch zu vergleichen, sieht man die Perfektion, mit der er gearbeitet hat. Die schöne Maserung, der Lack, das sieht man alles. Das ist eine Folie, die das Holz ein bisschen schützt, wenn man schwitzt."

Rötlich-helles Holz. An der Rückseite, dort wo beim Menschen die Wirbelsäule wäre, ist das Holz auffallend hell. Abgewetzt.

"Das ist Abnutzung... Es gibt so gut wie keine Instrumente, wo der originale Lack noch dran ist."

Das Mara in den Flammen vergessen

51 Jahre zuvor, Montevideo, Juli 1963. Dasselbe Instrument, ein anderer Solist: Amadeo Baldovino.

"Montevideo, am Morgen des 12. Juli 1963. Nebel hielt den gesamten Luftverkehr am Boden. Seit 7 Uhr warteten wir auf eine Möglichkeit, nach Buenos Aires aufzubrechen, von dort aus sollte es nach Rosario weitergehen, wo wir ein Konzert geben sollten."

Amadeo Baldovino, Cellist im weltbekannten "Trio di Trieste", in einem Brief, er hat ihn vermutlich an die Instrumenten-Versicherung oder an die Restauratoren von Hill in London geschrieben. Baldovino rekapituliert eine Konzertreise in Südamerika. Die einzige Möglichkeit, pünktlich nach Buenos Aires zu gelangen: die Nachtfähre über den Rio de la Plata. Sie sollte um 20 Uhr abends ablegen und um 8 Uhr morgens in Buenos Aires ankommen.

"Das Schiff erinnerte mich an ein Geisterschiff. Zu meinen Freunden wagte ich sogar lächelnd 'Schiffbruch heut' Nacht' zu sagen. (...) Bevor wir uns in unsere Kabinen zurückzogen, machten wir einen Spaziergang über Deck. Eine eigenartige Reise. Ohne den Maschinenlärm - wir hätten es nicht für möglich gehalten, dass wir uns auf ruhigem Wasser fortbewegten. Man sah: nichts."

4:30 Uhr. Etwa 50 Kilometer Flussfahrt noch bis Buenos Aires. In den Kabinen rumpelt es, als die Fähre auf ein gesunkenes Wrack aufläuft. Kurz danach bricht an Deck Feuer aus. Chaos, Panik unter den Passagieren. Schwimmwesten werden verteilt, Rettungsboote zu Wasser gelassen. Amadeo Baldovino greift den Cellokoffer mit dem Mara, alles andere lässt er in der Kabine. Mit dem Cellokoffer rennt er an Deck, sieht die Rettungsboote im Wasser. Er muss springen, um zu einem zu schwimmen.

"Ich weiß nicht mehr genau, wann genau ich das Mara stehen lassen habe. Mein Überlebensinstinkt übernahm das Kommando. Ich konnte nicht mehr atmen. Verzweifelt schlug ich um mich, um zu einem Rettungsboot zu kommen. War das das Ende? (...) Ich griff nach einem Seil, ohne mir bewusst zu werden, dass ich es geschafft hatte. (...). Ich gebe zu, dass ich sehr lange überhaupt nicht an mein Mara gedacht habe. Wir kamen mit einer Mischung aus Trauer und Freude an Land."

Wundersame Rettung – in Einzelteilen

Im Taxi erreichen Amadeo Baldovino und seine Musikerkollegen vom Trio di Trieste Buenos Aires. Dort werden sie umsorgt, bekommen ein heißes Bad, trockene Kleidung, ein üppiges Essen. Im Hotel schläft Baldovino 14 Stunden lang.

"Als ich aufwachte, traf mich der enorme Verlust meines Mara. Es klopfte an meiner Zimmertür. Renato kam mit einer Zeitung herein. Die Schlagzeile: "Das Stradivari wurde gerettet!"  ... Aber ich war sicher, dass es verloren sein musste. Ich hatte das Feuer ausbrechen sehen, und ich hatte das Cello bestimmt nicht ins Wasser geworfen. ... Ich wurde gebeten, nach La Plata zu fahren, um das Cello zu identifizieren. Zumindest sollte dort ein Objekt liegen, das jeder, Zeitungen, die Öffentlichkeit als das Stradivari beschrieb - auf wundersame Weise aus dem Wasser des immensen Flusses gerettet."

Und tatsächlich: In La Plata liegt ein Cellokoffer, aufgebahrt wie ein Sarg. Baldovino und seine Triokollegen erkennen ihn sofort. Behutsam wird der Koffer geöffnet.

"Renato stieß ein verzweifeltes "Oh mein Gott" aus. (...) Das war kein Instrument, sondern eine Anzahl von Teilen, die ich zu identifizieren versuchte, indem ich sie so gut, wie ich konnte, zu einer möglichen Rekonstruktion des Mara zusammensteckte. (...) Das war unmöglich."

Besuch beim Wiener Instrumentenarzt

Marcel Richters:"Das mit dem Absaufen, in Stücken sein, das ist das, was die Leute besonders fasziniert.Das ist natürlich ein Wahnsinn, so eine Geschichte. Dass eine solche Ikone von Instrument plötzlich als Einzelhaufen vor dir liegt."

Wien,2014, Werkstatt des Geigenbauers, Restaurators und Händlers Marcel Richters. 17. Bezirk.

"Das ist super gemacht, das siehst du dem Instrument nicht an, dass es in Teilen war. "

Kein Schild, kein Name am Gebäude, an der Klingel, der darauf hindeutet, dass Marcel Richters in dieser Werkstatt den Klang millionenschwerer Instrumente einstellt, sie restauriert, mit ihnen handelt. Gerade bessert er eine Geige von Guarneri del Gesù aus: Routine. Es ist die Geige des Konzertmeisters der Wiener Philharmoniker. Sie liegt auf der Werkbank, leicht wie ein Päckchen Zucker, 500 Gramm, acht Millionen Euro wert. 

"Das ganze Geschäft ist ein einziger Tresor. Das ist bewusst so, dass da nichts groß dransteht."

Marcel Richters sitzt an einem kleinen Tisch in der Küche der Werkstatt, trinkt selbst gemahlenen Kaffee, Blickrichtung auf eine Wand mit gerahmten Fotos. Darauf Musiker, Solisten mit großen Namen, die ihm Widmungen auf die Fotos schrieben: Mischa Maisky mit seinem Cello, einem Montagnana. Partricia Kopatchinskaja mit ihrer Geige von 1834, eine Pressenda. Ein Foto vom bestimmt 20 Jahre jüngeren Richters, der lächelnd neben Heinrich Schiff und einem Cellokasten steht. Heinrich Schiff spielte das Mara eineinhalb Jahrzehnte lang, bevor er es abgeben musste. Jahrelang hatte Schiff Ratschläge der Ärzte verworfen, seinen Arm zu schonen. Quasi über Nacht musste er wegen der unheilbaren Verletzung seines Arms seine Karriere als Solist aufgeben. Für immer.

Zwei ganz unterschiedliche Celli

Das muss 2010 gewesen sein. Schiffs Konzertkalender war noch für Monate ausgebucht. Aber er konnte nicht mehr auftreten.

"Ich war bei fast allen Konzerten, die der Heinrich in Wien gegeben hatte. (...) Da waren ein paar Konzerte, wo es ihm wirklich sehr schlecht ging, aber bei einem solchen war ich gar nicht dabei, das hätte ich wahrscheinlich gar nicht ausgehalten."

Seitdem Heinrich Schiff Mitte der 1990er-Jahre das Mara-Cello von einem Mäzen geliehen bekommen hatte, betreut es Marcel Richter wie ein Hausarzt seine Stammpatienten. Mindestens einmal im Jahr, aber meistens öfter liegt es vor Richters auf der Werkbank. Der Wert des Cellos wurde vor ein paar Jahren noch auf etwa sechs Millionen US-Dollar geschätzt. Den heutigen Preis will niemand genau wissen. 

"Das Mara kam zu mir. Ich habe es kennengelernt, als Heinrich Schiff zu mir kam. ... Dann kam er zuerst mit dem Sleeping Beauty ..."

...ein anderes altes italienisches Cello, aus der Werkstatt von Domenico Montagnana...

"... und meinte, naja, ich soll mir das doch mal anhören, er hätte ja zwei Celli, die unterschiedlicher nicht sein können. Das Montagnana war eher extrem dunkel, das Stradivari eher scharf. Es hat einen hellen, durchdringenden, fast sopranen Klang, was sehr im Kontrast zum Montagnana, einem dunklen, warmen, fast bassartigen Cello steht. Sehr voll, ein bisschen wie Burgunderwein. Jeder hätte so Respekt, ob ich denn den Mut hätte, da etwas zu machen. Ein Instrument, das 300 Jahre oder mehr alt ist und ständig gespielt wird, muss ja auch gewartet werden. Ich hab da keine Hemmungen. Ich weiß ja, was ich mache."

Hitziger Markt für alte Streichinstrumente

Die Werkstatt gleicht einer Apotheke: In den Regalen und Schränken reihen sich Gläser, Tuben, Dosen, Schachteln mit Farbpigmenten, Lacken, Klebstoffen aneinander. Eine der häufigen Reparaturen ist die Ausbesserung des Schutzlacks.

"Schutzlack ist Schutzlack. In der Regel redet man nicht darüber, jeder hat da sein Rezeptchen. Naturharzlack, Kolophonium, Schellack: Das kommt auf den Schweiß des Spielers an, da kann man unterschiedlich resistente Strukturen nehmen ... Es geht nur darum, das Instrument vor den Menschen zu schützen."

Zeitgenössische Darstellung des italienischen Geigenbauers Antonio Stradivari. Er wurde 1644 (nach anderen Angaben 1648 oder 1649) in Cremona geboren und starb ebenda am 18. Dezember 1737. Stradivari, der auch Violoncelli und Violas herstellte, entwickelte eine eigene Geigenform. Die volltönenden Instrumenten brachten ihm den Ruf ein, einer der bedeutendsten Meister der Geigenbaukunst zu sein. Für Stradivari-Geigen werden heutzutage Höchstsummen gezahlt. 1998 versteigerte das Auktionshaus Christie's eine Violine für 2,9 Millionen Mark. (picture-alliance / dpa)Zeitgenössische Darstellung des italienischen Geigenbauers Antonio Stradivari (picture-alliance / dpa)

Was macht solche Instrumente so begehrt, dass man sie vor dem Schweiß der Musiker schützt, dass man sie in Tresoren einschließt, dass man heute so viel Geld für sie bezahlt wie für gleich mehrere Eigentumswohnungen in München-Schwabing oder Gemälde der berühmtesten Maler? Der Markt für alte Streichinstrumente ist so hitzig geworden wie der Kunstmarkt. 1971 noch ersteigerte das Auktionshaus Sotheby's die "Lady-Blunt"-Stradivari für 200.000 Dollar. 2011 verkaufte die Nippon Music Foundation dasselbe Instrument für 15,9 Millionen Dollar.

"Es gibt halt gewisse Namen der Menschheitsgeschichte, die Geschichte schreiben. Und diese Jungs - Amati, Stradivari, Montagnana - waren die Urheber dieser Form, dieser Art von Instrument, nicht die Erfinder, sondern die, die es vervollkommnet haben. Und es ist auch wirklich so, dass man dem nichts mehr hinzugefügt hat. (...) Menschen haben immer eine Faszination mit Alter. Und mit Dingen, die vor 2, 3, 400 Jahren entstanden sind und die heute fast besser funktionieren als damals. Das hat natürlich eine Faszination."

Autor Wolf Wondratschek lässt das Mara erzählen

Aus Wolf Wondradtschek "Mara":  "Die Wissenschaft, die sich mit ihm beschäftigt, mit dem Mann, dem Phänomen, der Eigenart seines Könnens (...) ist unüberschaubar geworden. (...)"

Das Mara-Cello. 300 Jahre alt. In seinem Roman "Mara" lässt der Schriftsteller Wolf Wondratschek das Cello selbst erzählen:

Aus Wolf Wondradtschek "Mara": "Die Welt nennt mich Mara. The Mara. Das berühmte, weltberühmte Mara. Kein schlechter Name, auch wenn er anspielt auf einen eher temperament- als glanzvollen Musiker, ansonsten aber, glauben Sie mir, faszinierenden Sündenlümmel, der Giovanni Mara hieß und dem ich als Eigentum zu Diensten war, eine aufregende, gefährliche Zeit lang, auch für mich gefährlich. Ich erinnere nur an eine Flasche Wodka..."

Wondratschek lässt das Mara-Cello erzählen: von den Musikern, die es spielten, von seinem Namensgeber, von seinem Erschaffer, Antonio Stradivari, und vom Tamtam, das die Menschen um seine Instrumente immer schon gemacht haben, spätestens seit dem Zeitpunkt, als ein findiger Geschäftsmann (Luigi Tarisio) im frühen 19. Jahrhundert alle Stradivari-Instrumente, die er in Italien finden konnte, aufkaufte und nach Paris brachte. Mit der Stimme des Cellos wundert sich der Schriftsteller Wondratschek über den Hype, mokiert sich. Er selbst allerdings erliegt der Faszination ebenso. Er recherchierte mehr als ein Jahr lang die Geschichte des Instruments, veröffentlichte einen Roman – und  schreibt an der Geschichte bis heute weiter. 

"Klar, alle wollen, mehr oder weniger wissenschaftlich, nichts anderes, als Antonio Stradivari in die Karten schauen, ihn enträtseln, sein Geheimnis lüften, das er, falls er eines hatte – was ich stark bezweifle! –, mit  ins Grab nahm. (...) Ein Geheimnis zu haben, war das nicht die Erfindung einer späteren Generation, die dann begann, in internationalem Maßstab zu spekulieren, an Profite glaubte, an Agenten, an die Eroberung neuer Märkte?"

Zu viel Spekulation

"Heute wird immer wieder überlegt, ja, woran liegt diese unglaubliche Qualität dieser Instrumente? Die einen schieben's auf den Lack, die anderen schieben's auf die kleine Eiszeit, und die dritten auf irgendeine Pilzbehandlung.

Annette Otterstedt ist Instrumentenkundlerin und Kuratorin am Musikinstrumentenmuseum in Berlin.

"Der Denkfehler heutzutage: die Leute denken immer von der Chemie aus. Aber früher dachte man vom Handwerk aus. Das war pures Handwerk. Die Cremonenser wussten, wie man mit dem Holz umgeht, die wussten, wie man es behandelt, wie man es schneidet, wann man es schlägt. Das ist eine Urkenntnis des Materials."

In ihrem kleinen Büro, in dem Annette Otterstedt viele türkische Tulpentassen mit grünem Tee trinkt, sitzt sie inmitten von Büchern über alte Musikinstrumente und sagt, sie spiele gern die Böse, wenn es um den Kult um die alten italienischen Instrumente aus Cremona geht.

"Einmal ist es so, dass ein gutes Instrument wertvoll ist. Und wenn das der berühmte Geiger XY gespielt hat, und der stirbt dann, dann wird spekuliert und dann wird der Preis hochgetrieben. Da kann man nix machen. ... Das ist eine riesengroße Luftblase, die irgendwann zusammenkracht. Schon deswegen, weil die Geigen sich nicht ewig halten. Es sind absurde Preise, die stehen meines Erachtens  mit dem tatsächlichen Wert, auch dem hohen kulturellen Wert, auch dem musikalischen Wert in keiner Relation.

Zwei Stockwerke unter ihrem Büro, im Museum, hängen hinter Glas Jahrhunderte alte Geigen, Bratschen, Bassgeigen. Als Musikerin würde Annette Otterstedt gerne auf allen spielen – aber als Wissenschaftlerin am liebsten in der Vitrine lassen, damit sie sich, wie sie sagt, ausruhen können. Das Museum hat eine Stradivari-Geige von 1703.

"Die prominenten Instrumente sind alle noch in Betrieb. Die Stradivari haben wir als Geschenk, also übereignet sozusagen von der Bundesrepublik, weil das Instrument in Orchesterbenutzung war die ganze Zeit und derartig runtergespielt. Mir tun alte Instrumente im Orchester leid. Sie müssen leiden. Durch Überanstrengung, durch Klimawechsel, durch Reisen."

Der Musiker macht das Instrument

Selbst das Holz der besten Geige würde eines Tages ermüden, sagt sie. Was aber hat diese Instrumente überhaupt "gut" gemacht? Klingen sie tatsächlich besser als viele andere, als jüngere Instrumente?

"Der Test ist oft gemacht worden, dass das Publikum gedacht hat, oh, der spielt auf einer Guarneri oder einer Stradivari, und er hat auf einem Neubau gespielt. Oder: Vor dem Vorhang sitzen Instrumentenbauer und Musiker, und hinterm Vorhang spielt jemand Instrument nach Instrument. Die meisten können nicht hören, welches die echte Stradivari ist und welches der Nachbau. Ich denke, da ist wahnsinnig viel finanzielle Spekulation bei."

Ist es vielleicht doch der Name der Musiker, die sie besessen haben, der sie so begehrt macht? Als würde sich sein Genie in das Holz einschreiben? Wie bei Kunstwerken, deren Wert steigt je nach Galerie, in der sie hängen, je nach namhaftem Sammler, der sie kauft, je nach Museum, das sie ausstellt?

"Der Genius des Musikers ist mit Sicherheit drin. ... Routinierte Musiker wissen natürlich, wie man ein Holz anfasst. ... Das ist eine große Leistung, sich so auf das Instrument einzuschießen... ... Wenn diese Instrumente seit 200 Jahren von Könner zu Könner gehen, dann sacken sie auch nicht ab. Und ich wette, wenn Sie in einem Landschloss in der Basilicata oder sonstwo eine Stradivari finden, die noch nie gespielt worden ist, ich kann Ihnen Brief und Siegel darauf geben: Die klingt wie Arsch und Friedrich."

"Musiker haben eine Faszination, wenn sie ein Instrument in den Händen halten, dass vor ihnen von einem von ihnen verehrten Musiker gespielt wurde, und da ist vielleicht am Anfang die Idee im Kopf, das Wissen, ach, das war mal dessen Geige."

Aus Wolf Wondratscheks "Mara": "Ich werde mit jedem Jahr, das es mich gibt, seltener. Wechselt mein Besitzer, steigt mein Preis."

Das Mara, das durch den Schriftsteller Wolf Wondratschek spricht.

"Im Augenblick bin ich fünf bis sechs Millionen wert, US-Dollar-Millionen, wohlgemerkt. ... Verblüfft war ich, was diese Summen betrifft, schon vor 150 Jahren, als es damit anfing, dass sich nicht nur der eine oder andere Hofmusiker, sondern auch sehr bald Sammler und Händler für mich interessierten. ... Plötzlich war ich als Aktie entdeckt, als Geldanlage, ein Objekt der Begierde nicht nur für Enthusiasten musikalischen Wohlklangs."

Nur vier Tage auf dem Markt

"Ein Gerücht, ist, dass mein Lehrer Heinrich Schiff mir das Mara geschenkt habe. Was natürlich Quatsch ist. Er hat es ja nie besessen. Das legen sich die Leute so zurecht, das geht dann ganz schnell."

Christian Poltéra, Schweizer, 37 Jahre alt, Solo-Cellist. Er spielt das Mara-Cello seit 2012. 

"Wenn so ein Cello den Besitzer wechselt, gibt es manche, die es haben möchten, es gibt dann viele Leute mit erstaunlich viel Geld, und so ein Cello ist nur ganz, ganz kurz auf dem Markt."

Vier Tage nur soll es gedauert haben von dem Zeitpunkt, als klar war, dass Heinrich Schiff seine Solistenkarriere beenden und das Cello abgeben würde, bis es einen neuen Eigentümer fand. Heinrich Schiff hatte es zur Verfügung gestellt bekommen, von einer Stifterfamilie.

"...Leute, die Spaß daran haben, die haben so viel Geld, dass sie das machen können, ohne im Alltag darunter zu leiden. Und es macht ihnen Freude, so etwas zu ermöglichen. Es geht ihnen darum, dass so ein Kulturgut in Europa bleibt und gespielt und gehört wird. Viel mehr haben sie ja selber nicht davon.

2012. London, Wien, Taiwan, Salzburger Land. Als der Cellist Heinrich Schiff wegen einer Verletzung seine Solistenkarriere für immer aufgeben musste, sind gleich zwei berühmte, begehrte Instrumente wieder auf dem Markt: Das Mara-Cellovon Antonio Stradivariund das Sleeping Beautyaus der Werkstatt von Domenico Montagnana.  Sleeping Beautywar schon verkauft und auf dem Weg nach Taiwan. Marcel Richters, der Geigenbauer in Wien, weiß:

Richters: "Die Kanäle, über die das Sleeping Beauty gewandert war, die waren ganz gierig darauf, dass das Mara auch nach Asien verschwinden sollte."

Poltéra: "Da gibt es einen Sammler angeblich in Taiwan, wo Geld keine Rolle spielt, und der sammelt diese Instrumente. Er hat auch einen Sohn, der Cello spielt."

Als Christian Poltéra seinen Lehrer am Attersee bei Salzburg besucht, erzählt ihm Heinrich Schiff bei einer Tasse Kaffee davon, dass der Stifter auch das Mara-Cello verkauft.

"Es war nicht das Cello X für mich, sondern eines, das ich seit 20 Jahren kenne."

Wie das Mara in die Hände des Schweizer Cellisten Poltéra kam

Es sollte an den Geschäftsmann in Taiwan gehen. An den, bei dem nun auch das Sleeping Beauty im Wohnzimmer steht.

Poltéra: "Man müsste meinen, dass ein, zwei, drei Celli genügen, aber es genügt halt nicht. ... Ich habe mir nicht so viel dabei gedacht, weil, ich kann es ja nicht kaufen. Ich kenne auch niemanden, der auf die Schnelle so viele Millionen hinlegt. Ich ging in mein Hotel am Mondsee."

An der Rezeption trifft Christian Poltéra seine Streicherkollegen vom Auryn-Quartett, erzählt ihnen vom Verkauf. Noch ein altes Instrument würde von der Konzertbühne verschwinden.

Poltéra: "Und die meinten, Moment mal, ich kenne da jemanden. Lass uns das probieren. Die haben einen Anruf getätigt, und die Leute, die angerufen haben, die kannten das Buch schon von Herrn Wondratschek. Und haben sofort ihren Anwalt eingeschaltet und Kontakt aufgenommen mit dem damaligen Besitzer und das unheimlich schnell geregelt, um das zu verhindern. Es war ja schon eingefädelt, dass das dann über einen anderen Händler über London nach Taiwan geht. Und das musste dann alles abgeblasen werden. Die hatten dann nicht so viel Freude, denn es geht um hohe Provisionen, denke ich jetzt mal. Weil da ist ein ganz großer Deal geplatzt. Und der verkauft auch nicht alle Tage so ein Cello."

In jenen Tagen lag das Mara in Wien, bei Marcel Richters in der Werkstatt.

Richters:"Das war eine heiße Aktion, ging ganz schnell und war in letzter Minute. Man könnte sicher einen super Krimi daraus machen.

Auch Richters telefoniert eine ganze Nacht lang, um den Verkauf nach Taiwan zu verhindern. Aber wen er wann gesprochen hat, darüber will er nicht öffentlich sprechen. Namen fallen in dieser Branche ohnehin selten.

"Ich kann nur sagen, dass es jetzt hier ist, dass wir alle nicht ganz unbeteiligt daran waren."

Poltéra: "So ein Instrument hat eine ganz eigene Stimme"

Poltéra: "Auch das ist was, was man entdecken muss. Man darf es nicht forcieren. Wenn man zu viel drückt, wie es bei anderen Celli auch ganz gut funktioniert, dann wird es eng und klein. Man muss es wirklich entdecken, wie man das Maximum herausholt."  

Berlin, Ende August 2014. Christian Poltéra will mit dem Mara-Cello das Cello-Konzert von Antonin Dvorak aufnehmen. Es wäre die erste CD-Aufnahme eines der berühmtesten Konzerte für Cello und Orchester mit dem Mara-Cello überhaupt. Ein Werk, mit dem sich der Solist an anderen messen lassen muss.

"Jeder Ton hat eine eigene Farbe, eine eigene Resonanz. Das geht so weit, dass es nicht alle so unbedingt mögen. Wenn ich ein g spiele (spielt) und einen Halbton höher spiele (spielt). Ich weiß nicht, ob man das hören kann auf dem Band: Es fühlt sich anders an - die Resonanz! Es ist auch sehr sensibel auf den Bogendruck und die Geschwindigkeit."

"Das hat etwas Normaleres das G, und hier spürt man das deutlich, ohne, dass ich etwas tue. Ich mache kein Vibrato. Je besser das Instrument, desto komplizierter auch. Also man kommt nicht sofort damit zurecht."

Das Orchester macht Pause. Christian Poltéra ist allein im Kirchenschiff sitzengeblieben, in dem die CD aufgenommen wird. Er ist noch nicht ganz zufrieden.

"So ein Instrument hat auch eine eigene Stimme. Ich dachte am Anfang, ja, das klingt ganz gut, aber das bin nicht ich. Als würde man sprechen mit der Stimme eines anderen. Also das dauert schon ein, zwei Jahre, ... und es ist noch nicht abgeschlossen, der Prozess, also dass es auch nach mir klingt."

Christian Poltéra ist 37 Jahre alt, ein Cellist am Anfang einer großen Karriere, der nun auf einem Instrument spielt, dessen Mythos Lust und Last zugleich ist. Er will nicht so viel darüber nachdenken. Man macht sich sonst verrückt, sagt er.

"Es ist jetzt nicht so, wenn man kein Stradivari-Cello hat, dass man jetzt verloren ist. Es geht um die letzten paar Prozent. Ich vergleiche es manchmal mit einem Auto, man kann auch mit einem normalen Auto fahren. Es braucht niemand einen Ferrari."

Als Christian Poltéra den Raum verlässt, bleibt das Cello für einen Augenblick allein auf dem Podest liegen, auf einer Seite, wie eine schlafende Frau. 

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