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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.02.2016

Berlinale: "Death in Sarajevo", "Alone in Berlin" und "Crosscurrent"Einer preisverdächtig, einer obszön und einer poetisch

Patrick Wellinski im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Emma Thompson und Daniel Brühl auf den 66. Internationalen Filmfestspielen Berlin. Sie spielen im Film "Jeder stirbt für sich allein" ("Alone in Berlin"). Die Verfilmung von Hans Falladas Roman wurde im Wettbewerb der Berlinale 2015 gezeigt. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Emma Thompson und Daniel Brühl (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

"Brav, harmlos und sehr bieder" - die Fallada-Verfilmung "Alone in Berlin" ist bei Filmkritiker Patrick Wellinski komplett durchgefallen. Begeistert ist er dagegen von der bosnisch-französischen Koproduktion "Death in Sarajevo und dem chinesischen Wettbewerbsbeitrag.

"Alone in Berlin" lautet der holprige englische Titel der Hans-Fallada-Verfilmung "Jeder stirbt für sich allein", der Geschichte eines Berliner Ehepaars, das nach dem Kriegstod des Sohnes in den 40er Jahren zum Widerstand gegen Hitler aufruft.

Die Roman-Adaption des Schweizers Vincent Perez mit Emma Thompson und Daniel Brühl ist auf Englisch gedreht und startete deshalb nicht als deutsche Produktion im Wettbewerb. Und genau diese holprige Konstruktion ist bereits der erste Stolperstein, der den Film seltsam kunstvoll werden lässt: eine Geschichte über das Leben und die politischen Verhältnisse im Berlin der Kriegsjahre, gedreht mit teils deutschen Schauspielern, die in einer Art Denglisch reden.

"Brav, harmlos und sehr bieder", so das Fazit von Filmkritiker Patrick Wellinski über den Film. Und er geht noch weiter: Dieser Film sei nicht etwa das Herzensprojekt eines Autoren, sondern "im Kern die Arbeit von mehreren Produzenten, die versuchen, die Verwertungskette des Buches zu verlängern, um einfach mehr Kohle zu scheffeln." Die Dialoge hölzern, oft merkwürdig komisch, auch sei keine Handschrift des Regisseurs zu erkennen. "Monoton und öde", sagt Wellinski, sei das und in einem Wort zusammengefasst: "obszön" - "ein sehr, sehr seltsamer und auch seltsam gescheiterter Film."

"Death in Sarajevo"
Regie: Danis Tanović, Darsteller: Jacques Weber, Snežana Vidović, Izudin Bajrović, Vedrana Seksan, Muhamed Hadžović; 
Frankreich / Bosnien und Herzegowina 2016, 85 Min

Der zweite Wettbewerbsbeitrag des Tages "Tod in Sarajevo" (Original: "Smrt u Sarajevu/Mort à Sarajevo") des bosnischen Filmemachers Danis Tanovic ("Aus dem Leben eines Schrottsammlers") setzt sich ebenfalls mit den Themen Krieg und Widerstand auseinander.

Eine Geschichte aus der Jetzt-Zeit wird verschränkt mit Recherchen zum Attentat von Sarajevo 1914, das den Ersten Weltkrieg auslöste. Das Filmskript basiert dabei auf einem Theaterstück des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy. Allerdings erweiterte Tanovic die Story des Stücks.

Sein Film ist eine Satire auf politische Träume und Albträume. Er spielt in einem Hotel, aus dem am 100. Jahrestag des Attentats von 1914, das als Auslöser für den Ersten Weltkrieg gilt, ein Appell für Frieden und Verständigung gestartet werden soll. Doch die Angestellten, seit Monaten ohne Lohn, planen einen Streik. Das Hotel wird zur Bühne von Hoffnung, Gewalt und Tod. Sein Film steht auch im Zusammenhang mit der Geschichte Bosniens, wo zwischen 1992 und 1995 ein Krieg stattfand.

"Er zeigt uns einen Tag in diesem Hotel Europa und folgt vielen Personen für eine kurze Zeit." Angestellte, Mafiosi, Journalisten, Staatsfunktionäre - all sie und ihre kleinen und großen Abhängigkeiten und Interessen sind Teil dieser Gesellschaft rund um ein Hotel. "In diesen kleinen Episoden spiegelt sich die Schizophrenie Europas. Dieser Film ist wunderbar agil", urteilt Wellinski. "Wir bekommen ein Europa am Rande des Nervenzusammenbruchs gezeigt." - Für Wellinski durchaus ein Favorit im Rennen um die Bären.

"Alone in Berlin"
Regie: Vincent Perez, Darsteller: Emma Thompson, Brendan Gleeson, Daniel Brühl, Mikael Persbrandt, Monique Chaumette; Deutschland / Frankreich / Großbritannien 2016, 103 Min

Ein Kontrastprogramm zu diesen beiden Filmen ist "Chang Jiang Tu" ("Crosscurrent") des chinesischen Filmemachers Yang Chao. Yang Chao schickt einen jungen Kapitän nach dem Tod des Vaters auf die Flussfahrt, die immer mehr zu einer geheimnisvollen Odyssee wird - eine Reise durch Zeit und Raum, die ihn auch mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Dieser Film setze "ganz viel auf Mythologie, auf Dichte, auf Poethik", sagt Wellinski. Der Film irritiere, biete viel Raum für Interpretation: "Kino als Trance, als Bilderteppich."

"Crosscurrrent"
Regie: Yang Chao; Darsteller: Qin Hao, Xin Zhi Lei, Wu Lipeng, Wang Hongwei, Jiang Hualin, Volksrepublik China 2015, 116 Min

 

 

 

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