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Studio 9 | Beitrag vom 15.02.2016

Berlinale 2016Erinnern an Portugals koloniale Vergangenheit

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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Regisseur Ivo Ferreira ("Cartas da guerra") bei einer Pressekonferenz im Rahmen der Berlinale 2016. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Regisseur Ivo Ferreira ("Cartas da guerra") bei einer Pressekonferenz im Rahmen der Berlinale 2016. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Schleppend, langsam und tödlich beschreibt der Wettbewerbsfilm "Cartas da Guerra" den Kolonialkrieg in Angola. Auch ein zweiter Film aus Portugal setzt sich bei der Berlinale mit der Kolonialgeschichte des Landes auseinander. Beide haben einen unspektakulären, aber eindringlichen Ton.

1971. In Angola kämpft die Kolonialmacht Portugal gegen die Partisanen der Unabhängigkeitsbewegung. Ein Hubschrauber schwebt über vebrannten Hütten. Täglich schreibt ein junger Arzt seiner Frau lange Briefe nach Lissabon. Die literarische Vorlage für "Cartas da Guerra" stammt von dem portugiesischen Schriftsteller Antonio Lobos Antunes, Briefe, die er selbst aus dem Angolakrieg an seine damalige Ehefrau schrieb.

In ruhigen stilisierten Schwarz-Weiß-Bildern, unterlegt von klassisch-impressionistischer Musik, erzählt  "Cartas da Guerra" von einem endlosen Kolonialkrieg und der zunehmenden Degenerierung des jungen Militärarztes und seiner Kameraden. Für Regisseur Ivo Ferreira entwickelt sein Protagonist in Afrika sein schriftstellerisches Potential, entfaltet aber gleichzeitig ganz selbstzerstörerische Energien

"Er lebt in Afrika, wie unter Hypnose. Er und die anderen sind einfach weit weg, abgeschnitten von allem, ein monotones Leben, da entwickelt sich eine Gewissheit, bald sterben zu müssen."

Kein actiongeladenes heroisches Kriegskino

Ferreiras Film ist kein actiongeladenes heroisches Kriegs- oder Antikriegskino, sein Afrikakrieg ist schleppend, langsam und tödlich. Angola und die weite afrikanische Landschaft sind in "Cartas da Guerra" Projektionsfläche für die tiefe Dekadenz des kolonialen Systems und der portugiesischen Gesellschaft zum Ende einer mehr als 40-jährigen Diktatur.

Antonio, der junge Arzt, steht für eine ganze Generation junger Portugiesen, die in Afrika verheizt wurden, in einem Kolonialkrieg, der erst 1974 mit dem Sturz der Diktatur durch die Nelkenrevolution endete. Bis heute, sind die Wunden, die der Krieg in Portugal gerissen hat, nicht verheilt, sagt der 40-Jährige:

"Es ist ein Tabu. Als ich zum ersten Mal davon sprach, diesen Film zu machen, waren alle entsetzt. Auch die Leute, die damals selbst in Afrika kämpfen mussten. Aber ich glaube, jetzt ist die richtige Zeit, um solche Filme zu machen: Noch leben viele der 800.000 Menschen, die diesen Krieg mitmachen mussten. Vielleicht kann so ein Film auch die Menschen zum Sprechen bringen, viele haben ja nie über ihre Erfahrungen geredet, manche nicht einmal mit ihren eigenen Frauen."

"Meine Generation kann besser reflektieren"

Auch der 41-jährige Filmemacher Hugo Vieira da Silva glaubt, dass es jetzt an der Zeit sei, sich nach Jahren des Schweigens, wieder mit der kolonialen Vergangenheit in Afrika auseinanderzusetzen:

"Mein Vater zum Beispiel war im Krieg in Angola in der portugiesischen Armee, jeder aus meiner Generation hat direkt oder indirekt eine Beziehung zu Afrika, sehr traumatisch! (...) Und ich glaube, meine Generation kann jetzt vielleicht besser denken und reflektieren."

Hugo Vieira da Silva hat seinen zweistündigen Film zum Thema Afrika im "Forum" der Berlinale uraufgeführt: "Posto-Avançado do Progresso" ("Vorposten des Fortschritts") spielt Ende des 19. Jahrhunderts und führt nach Nord-Angola, in den Dschungel am Kongo.

Zwei portugiesische Kolonialbeamte lassen sich dort nieder und versuchen, mit den Einheimischen Handel zu treiben. Aber sie werden von den Gespenstern einer jahrhundertelangen kolonialen Vergangenheit eingeholt, verlieren ihre edlen Ziele vom Sieg des Fortschritts und der Zivilisierung Afrikas:

"Aber sie enden immer in einer Dekadenz und eigentlich für die portugiesische Kolonialgeschichte, das ist die Dekadenzperiode, es ist ein Kolonialismus, aber nicht von Macht und Kraft und Geld und Waffen, kolonial natürlich, aber anders als ein französischer, belgischer oder deutscher Kolonialismus."

Die beiden Filme aus Portugal sind sehr unterschiedlich, beide Filmemacher sind kurz nach Ende der Kolonialzeit geboren. Gemeinsam ist ihnen ein unspektakulärer, aber eindringlicher Ton. Beide erzählen Kolonialgeschichte über den psychologischen Verfall ihrer Protagonisten.

Zur Berlinale: Filme, die man gesehen haben muss from Deutschlandradio Kultur on Vimeo.

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