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Vollbild | Beitrag vom 13.09.2014

Berlin-SchönefeldLeben im Wartezustand

Gespräch mit Silke Enders, Regisseurin von "Schönefeld Boulevard"

Moderation: Patrick Wellinski

Regisseurin Sylke Enders (l) und Schauspielerin Julia Jendroßek während der Dreharbeiten zu ihrem Film "Schönefeld Boulevard" (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Regisseurin Sylke Enders (l) und Schauspielerin Julia Jendroßek während der Dreharbeiten zu ihrem Film "Schönefeld Boulevard" (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

"Schönefeld Boulevard" spielt am Flughafen BER, dem politischen Fiasko und Milliardengrab. Dort erzählt Regisseurin Sylke Enders die Geschichte einer Teenagerin, die ein perspektivloses Dasein fristet - bis ein Mann in ihr Leben tritt.

Patrick Wellinski: Es gibt so Orte, die schreien geradezu danach, dass man sie erzählt beziehungsweise dort einen Film dreht. Der zukünftige Hauptstadtflughafen BER, dieses politische Fiasko und dieses Milliardengrab ist so ein Ort. Und am Donnerstag kommt ein Film in unsere Kinos, der genau das wagt: "Schönefeld Boulevard" heißt er, es ist die Geschichte der Teenagerin Cindy, die in Schönefeld ein einsames Dasein erst fristet, im Wartezustand quasi ist, wie der auch immer noch nicht eröffnete Flughafen. Perspektivlosigkeit überall und auch die Zukunft verspricht keine Änderung.

Filmausschnitt:"Cindy hat Post bekommen aus Baden-Baden!"

"Sie haben ihr was angeboten."

"Und? Was sagt der Rosinenbomber dazu?"

"Nö."

"Da bietet dir so eine bekannte Kette eine Alternative an, aber Madame will ja nicht. Was du ohne Lehrstelle machst, weißt du auch nicht. Fakt ist, dass die das Hotel nicht eröffnen. Also, was machst du jetzt?"

"Mensch, Rüdiger..."

"Als Stewardess passt sie ja nicht durch die Gänge und als Fluganweiserin will sie nicht. Obwohl das ideal wäre, da würden sie alle sehen."

"Lass doch mal das Kind in Ruhe, die muss erst mal durchs Abitur durch und dann sieht vielleicht alles wieder ganz anders aus!"

"Nächstes Jahr ganz bestimmt nicht! Außerdem wollen wir erst mal sehen, ob sie das überhaupt schafft, das Abitur, oder? Ich meine, man wird doch mal über Alternativen nachdenken dürfen!"

"Ich will aber nicht am Flughafen arbeiten."

"Das Hotel ist aber auch auf dem Flughafen."

"Das ist aber auch ein Hotel und kein Drehkreuz."

"Das ist kein Drehkreuz, das ist ein Sicherheitscheck!"

Wellinski: Über die sicherlich ungewöhnlichste Teenagerin des Kinojahres spreche ich jetzt mit der Regisseurin von "Schönefeld Boulevard", Sylke Enders. Willkommen!

Sylke Enders: Hallo!

Wellinski: Frau Enders, Ihr Kollege Wim Wenders hat einmal gesagt, dass man als Filmemacher mit seiner Geschichte durch die Gegend reist und einen Ort sucht, wo man sie erzählen kann. Und wenn man Glück hat, findet man ihn und liest etwas in diese Landschaft hinein. Und ich hatte das Gefühl, dass gerade bei "Schönefeld Boulevard" es andersherum sein musste, dass der Ort zuerst da war und er Ihnen die Geschichte quasi aufgedrückt hat. Oder wie haben Sie den Stoff entwickelt?

Enders: Moment, können Sie hellsehen?

Wellinski: Nein, so weit …

Enders: Ja, aber es ist schon so gewesen. Es war vor einigen Jahren, man weiß ja, heutzutage braucht man sehr lange, um einen Kinofilm zu produzieren, und tatsächlich, nach Jahren bin ich mal wieder von Kleinmachnow aus über Schönefeld mit dem Auto gefahren und komischerweise hat es mich dann irgendwie aus dem Auto gezogen und ich habe mir diesen Ort angeguckt und hatte dann auch wirklich diese Bilder. Es wirkt schon etwas skurril, auch dieser Friedhof, der ist ja extrem besonders, der grenzt ja direkt an den alten Flughafen an. Und natürlich sah ich dann auch so Jugendliche kettenrauchend an der Bushaltestelle, sich langweilend, na ja, das typische Bild. Und ich sah diese gigantischen Motels, die auch so … Die Einsamkeit roch schon irgendwie aus ihnen! Und dann habe ich das wirklich ziemlich schnell nur in meinem Kopf, diese Konstruktion gehabt. Und tatsächlich sind die Figuren natürlich, haben auch Vorbilder im realen Leben.

Wellinski: Was für ein Ort genau ist aber dieser Flughafen BER? Sie haben ja schon Ihre erste Begegnung damit geschildert, für Sie, aber auch für Cindy in diesem Film?

Enders: Ehrlich gesagt, wer dort lebt, der ist es gewohnt. So wie ich damals die Berliner Mauer als Gartenzaun hatte. Vielleicht fühlt man sich auch insgeheim etwas aufgewertet, weil es ja irgendwie doch etwas Besonderes ist, was andere dazu verleitet, es negativ oder positiv zu betrachten, das ist sehr unterschiedlich. Klar, wer kann schon Fluglärm allgemein ertragen. Und dennoch: Ich glaube nicht, dass Menschen, die da leben, ständig reflektieren, wer sie sind, wo sie leben. Sie halten Dinge aus, sie nehmen Dinge hin, sie meckern, wie der Brandenburger es sowieso macht, das gehört zum Leben dazu. Das ist halt so eine Art Überlebenstaktik.

Wellinski: Wenn wir die Bilder aus Schönefeld heute sehen, dann sind das meist Reportagen oder Berichte halt über den Flughafen. Die Stadt oder der Ort Schönefeld ist dabei relativ gesichtslos, wir vermuten Tristesse, wir sehen sie aber nicht. Entspricht das Ihren Erfahrungen auch bei den Dreharbeiten oder was für eine Atmosphäre haben Sie in Schönefeld vorgefunden?

"Der Schönefelder ist gezwungen, sich die Farbe selbst zu schaffen"

Enders: Okay, dazu müsste man die Augen von meinem Kameramann sehen und der sieht alles ganz anders. Der sieht es aus der Sicht eines Jungen und dann leuchten die Augen immer. Insofern, das ist auch eine Frage der Perspektive. Man kann nicht einfach sagen … Natürlich wird es wohl kaum jemanden geben, der sich in Schönefeld besonders wohl fühlt a priori, also wer zum ersten Mal da ist. Egal wie warmherzig der Direktor vom Holiday Inn ist – und das ist er – und auch die Menschen an sich uns sehr wohlwollend gegenüberstanden, auch der Bürgermeister et cetera. Aber na ja, hm, ich meine, es ist nicht der einzige Platz in diesem Land, der so trist ist. Insofern ist das dann … Natürlich, mit dem BER war die Hoffnung gegeben, dass es ein bisschen bunter, ein bisschen farbenreicher … Somit ist der Schönefelder jetzt gezwungen, sich die Farbe selbst zu schaffen.

Wellinski: Nicht ohne Grund heißt der Film ja auch "Schönefeld Boulevard", der Boulevard verweist ja auf etwas Schönes, etwas, sagen wir mal, Internationales. Cindy als Figur steht kurz vor dem Abitur, sie ist Teenagerin, wie gesagt, wir haben es gehört, die Zukunftsperspektiven, sagen wir mal, sind nicht gerade gut. Und im ersten Moment könnte man meinen, das ist ein sehr antriebsloser, lethargischer Teenager. Aber sie hat ja irgendeinen Drang und plötzlich begegnet sie einem finnischen Ingenieur, Leif, und folgt ihm in dieses Flughafenhotel. Und sie beginnt, sich dann sehr außergewöhnlich zu verhalten. Aber was treibt sie da plötzlich aus ihrem Alltag raus zu diesem Leif?

Enders: Cindy ist genauso sehnsüchtig, bedürftig wie alle anderen. Und ich glaube, in dem Alter denkt man sowieso, man hätte schon alle Züge verpasst, wenn man noch nicht so weit ist, dass man das erste Mal hinter sich hat. Das ist aber was ganz Unbewusstes, was sie zu diesem Mann führen lässt. Und alles andere entspricht eben wirklich auch diesem naiven Blick auf diesen Mann, der irgendwie auch nicht besonders auf den ersten Blick attraktiv ist, sondern auf den zweiten. Und wie sie aber die Welt sieht und das auf ihn überschwappt und wie sie wiederum von ihm glaubt, gesehen worden zu sein, das ist ja das, für so ein Mädchen, zum ersten Mal so einen Blick auf sich haften zu fühlen, das, glaube ich, war der springende Punkt, dass überhaupt etwas bei ihr in Bewegung gesetzt wird: Ah, vielleicht hat da jemand mich gemeint! Und das, glaube ich, kennt jeder, egal, ob man jung oder alt ist. Man wartet auf solche Blicke.

Wellinski: Ist sie dahingehend wirklich eine Ausnahme? Ich meine, weil, die Eltern sind von einem Pragmatismus durchtrieben, der sehr lustig ist in dem Film, und sie ist ja – würde ich fast schon sagen – eine Träumerin.

Enders: Na klar, aber wie wir eigentlich alle. Also, ich hoffe es zumindest für uns. Denn, ehrlich gesagt, 17-Jährige ohne Träume, das ist wie der Tod auf Latschen. Dann kann man wirklich weinen. Und die gibt es auch zur Genüge. Und dass bei Cindy die Schwäche vor allem sichtbar ist für die anderen, das ist der springende Punkt, der sie immer zu dieser Knallcharge werden lässt, an ihr kann man sich auslassen, da kann man treten …

Wellinski: Weil sie übergewichtig ist.

Enders: Genau, das sieht man halt, bei den anderen sieht man die Schwächen nicht. Was ich eben so toll finde an dieser Figur, dass sie eben nicht so nur gebeutelt, sondern die ist auch ein bisschen immun dagegen. Und das stachelt ja die Leute noch mehr an. Die werden da ja richtig erfinderisch. Sie können sie nicht richtig treffen, da prallt alles ab, die Fülle des Körpers ist ein Panzer. Und ich meine, das kennen wir auch, wir wissen, dass Schweigen zum Beispiel eine große Kraft hat, eine Macht hat. Und dieses leichte … Macht in der Ohnmacht, das suche ich immer. Und ich finde das auch toll, wenn der Zuschauer auch ständig die Leute neu bewerten muss. Na ja, hoffen wir, dass der Zuschauer manchmal was empfindet, wovon er vielleicht gar nichts wissen will!

Wellinski: In Ihren Antworten schwingt schon was mit, wofür ich Ihnen ein Kompliment aussprechen möchte! Denn es ist häufig so im aktuellen deutschen Kino, wenn ich da im Kino sitze und ich sehe irgendwelche Fantasiewelten mit Fantasiemenschen und irgendwelchen Fantasieproblemen wie in diesen Schweighöfer-Filmen … Aber wenn ich Ihre Filme sehe, da habe ich so das Gefühl: Na, geht doch, Deutschland im Jahr 2014! Warum gehen Sie der Gegenwart nicht aus dem Weg wie jeder zweite Ihrer Kollegen?

"Ich lasse mich treiben - die Geschichten kommen zu mir"

Enders: Ich lasse mich treiben, genau wie die Geschichten zu mir kommen, und ich lasse mich berühren, wahrscheinlich manchmal auch zu viel. Und das ist mein Ventil, Dinge zu verarbeiten für mein Leben. Weil ich keine Filter habe, auf mich drängen die Sachen ein. Und natürlich interessiert mich die Psychologie der Figuren sehr, aber die ist ja auch sehr komplexer Natur. Und manchmal ist Film nicht mal das richtige Medium dafür. Es ist sehr schwierig. Ein Roman hätte es da einfacher. Trotzdem suche ich nach dem, was auch ein Tschechow mit mir macht, dass er mich zum Schwanken bringt. Und das ist für mich seit 15, 20 Jahren eine Herausforderung, dem auf die Spur zu kommen und immer wieder neu und immer wieder auf die jungen Schauspieler, auf das, was ich da will … Dazu bedarf es einer wirklichen, vertraulichen Basis, sonst kann man so mit fünf Minuten am Tag nicht Filme machen heutzutage. Weil, wir sind nicht Mike Leigh, die wir sechs Monate vielleicht zusammen leben und uns besser kennenlernen. Und so muss ich eben manchmal auch einen Satz von meinem Sohn einfließen lassen.

Wellinski: Aber Mike Leigh ist da schon ein großes Referenzsystem, der große englische Regisseur, wie ich heraushöre?

Enders: Auch Ken Loach und natürlich Cassavetes sowieso.

Wellinski: Über die Arbeit mit den jungen Darstellern würde ich jetzt gern mit Ihnen sprechen! Julia Jendroßek spielt die Cindy, also diese dicke, etwas träge Teenagerin. Wie haben Sie Frau Jendroßek überhaupt gefunden?

Enders: Ehrlich, das war der Tiefpunkt. Dieses Casting war für mich grausig, weil ich dachte, oh Gott, der Dreh steht bevor und ohne eine Darstellerin! Die letzte, die wir auf der Straße in Steglitz gefunden haben, die hatte mir abgesagt. Die Produzentin Susann Schimk sah per Zufall von einem jungen Schauspieler einen längeren Film und da fand sie Julia in einer kleineren Rolle und sagte zu mir, da käme noch heute jemand, um 17 Uhr noch. Und dann kam sie, ich dachte, wow! Ein großes Menschlein mit hübscher Zahnlücke, mal gucken, wie sie spricht, mal gucken, wie sie sich bewegt! Du, hör mal zu, keine Kamera hier, ach, Jenny, mach du die Kamera, Sylke hier, pass auf, ich bin Sylke, ich spiel jetzt mit dir! – Was denn, ich kenne keinen Text, ich weiß von nichts! – Ja, ich sage, egal, komm, lass uns die Szene anschauen, beweg dich! Und dann war sie's!

Wellinski: Für Ihr Debüt "Kroko" hatten Sie damals Franziska Jünger entdeckt und als Hauptdarstellerin besetzt. Was reizt Sie eigentlich daran, regelmäßig mit nicht professionellen Darstellern zu arbeiten, was ja ein sehr anstrengender Akt sein kann, wie Sie es ja selber gerade beschrieben haben? Aber Sie suchen das ja, Sie hätten ja genauso gut auf eine professionelle Darstellerin zurückgreifen können!

Enders: Nee, hätte ich nicht! Nein!

Wellinski: Warum nicht?

"Diese Power, diese Kraft - und null Eitelkeit"

Enders: Erstens, bei "Kroko" damals haben mir auch junge Leute abgesagt, die bereits sehr gut im Geschäft waren. Und in dem Fall aber gab es niemanden mit der Lebenshaltung, denn Julia hat tatsächlich eine sehr positive Haltung zum Leben, und das war notwendig für so eine Figur. Und dann noch diese Power, diese Kraft, dieses auch null Eitelkeit, sich zu zeigen und auch mit all dem, was man erfahren hat, zu arbeiten. Und es gab wirklich niemanden mit der Körperlichkeit. Und insofern, ja, waren wir da wirklich schon sehr frustriert. Und dann waren wir plötzlich so, wow, ein Geschenk!

Wellinski: Der Film – das sollten wir vielleicht gegen Ende noch mal zusammenfassen – ist eine Tragikomödie, wie fast alle Ihre Filme, sagen wir mal, unterm Strich Tragikomödien sind. Was treibt Sie dazu, immer diesen Ton anzuschlagen? Hat das vielleicht was damit zu tun, dass die Einsamkeit und Verlorenheit der Figuren, die ja eigentlich da ist, sich leichter verkraften lässt?

Enders: Ich glaube mal, dass ich diesen Ton mit der Muttermilch aufgesogen habe, denn mein Vater sprach nur so. Und ich glaube auch, dass ich das selbst meinem Sohn weitergebe. Es ist einfach in mir. Ich kann gar nicht anders. Und aber, ich sehe, dass ich nicht alleine bin. Ich meine, wenn ich mir britische Filme angucke, fühle ich mich ganz zu Hause oder auch bei den Skandinaviern, auch bei den Amerikanern, ich liebe das! Ich weiß nicht, das hat was mit der Liebe zu Ironie zu tun, aber auch vielleicht Liebe und Sarkasmus, na ja, sind natürlich auch Schutzmäntelchen. Also, es ist ja auch so, dass man an sich selbst begreift, wie weit man Dinge gebraucht, weil man bestimmte Defizite hat. Und wer sie bei sich selbst nicht kennt, klar, ohne den könnte ich jetzt so was auch nicht schreiben und könnte auch nicht Regie führen. Also hängt viel auch mit mir zusammen, ja.

Wellinski: Ab Donnerstag läuft dann "Schönefeld Boulevard" in den deutschen Kinos, für alle zu sehen und dringlich empfohlen! Wir sprachen mit der Regisseurin Sylke Enders, vielen Dank für Ihre Zeit!

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