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Tonart | Beitrag vom 02.05.2016

Berlin der 20er-JahreReise zur Wiege der Popindustrie

Von Karoline Knappe

Eine Schellack-Platte der Firma Electrola mit dem Lied "Adieu mein kleiner Gardeoffizier" (Robert Stolz, gesungen von Liane Haid, 78 Umdrehungen) wird auf einem trichterlosen Grammophon aus den 1920er-Jahren abgespielt (picture alliance / dpa / Peter Zimmermann)
Eine Schellack-Platte der Firma Electrola mit dem Lied "Adieu mein kleiner Gardeoffizier" (Robert Stolz, gesungen von Liane Haid, 78 Umdrehungen) wird auf einem trichterlosen Grammophon aus den 1920er-Jahren abgespielt (picture alliance / dpa / Peter Zimmermann)

Vor rund 100 Jahren wurde in Berlin mit Wachswalzen und Schellackplatten die Ära der "produzierten Musik" eingeläutet. Ein Swing-Experte und ein Musikethnologe geben auf einer Bustour durch die Hauptstadt Einblick in diese Zeit - und den Ausdruck "bis in die Puppen tanzen".

Ein Bus mit gut 40 Teilnehmern, zwei Männern und einem Grammophon.

"Der Walkman der 20er-Jahre: ein Koffergrammophon Elektrola, gekauft 1930, rein analog und autark."

Dessen Besitzer ist der Berliner Swing-Experte Stephan Wuthe. Mit Schirmmütze, Krawatte und Weste wirkt er ein bisschen wie den 20er-Jahren entsprungen. Zusammen mit dem finnischen Musikwissenschaftler Pekka Gronow begeben sich die Teilnehmer nun auf die Spuren dieser Zeit. Was sie hergeführt hat?

Mann: "Wir kommen aus Berlin und von diesen alten Tonstudios, da haben wir noch nichts gehört, das find' ich spannend."

Frau mit englischem Akzent: "Es gibt ein interessante Geschichte von Musik in Berlin. Und ich kann sagen, dass der Typ, der das auf Deutsch macht, berühmt ist für seine Swing-Tours. Und ich hab immer gedacht, ja, das würd ich so gern machen, und jetzt bin ich hier."

Vom Haus der Kulturen der Welt führt die Route entlang des heutigen Regierungsviertels auf der einen und des Tiergartens auf der anderen Seite. Diese Gegend, die früher vor den Toren Berlins lag, war in jenen Jahren ein beliebtes Amüsierviertel. Um 1900 gab es hier viele Bierzelte und andere Lokalitäten.

Wuttke: "Es befand sich hier gegenüber vom Reichstag die Kroll-Oper, die für ihre legendären Künstlerbälle bekannt war, aus dieser Zeit stammt der Begriff: Bis in die Puppen tanzen. Die Puppen standen für die Siegesallee, eine mit Marmorfiguren geschmückte Allee, die die Feldherren und Generäle der preußischen Kriege darstellten. Diese Siegesallee hieß im Volksmund die Puppenallee. Von daher konnte man also ohne Weiteres, auch wenn bei Kroll es zu voll war und die Fenster offen waren, auch noch in der 200 Meter entfernten Puppenallee tanzen, weil man auch dort noch die Musik hören konnte."

Zum Beispiel auch die Sängerin Fritzi Massari, die nicht nur in der Kroll-Oper zu hören war, sondern auch im damaligen Moulin Rouge auf der Friedrichstraße:

"Quasi das Berghain der 10er-Jahre befand sich hier in dieser Straße. Das Berliner Moulin Rouge, im Volksmund die Mühle genannt, war so erfolgreich, dass es ein Franchise-Unternehmen – das Moulin Rouge in Paris – gegeben hat. Das Berliner Moulin Rouge existiert nicht mehr, das Pariser Moulin Rouge ist bis heute legendär, es war derselbe Betreiber, Franchise hatte den Namen weggegeben."

Zentrum der frühen Musikproduktion

Früher als Saufstraße mit billigen Lokalen bekannt, fährt der Bus heute vorbei an den Luxusgeschäften von Karl Lagerfeld und Estée Lauder. Vor dem inneren Auge der Teilnehmer und dank der alten Fotos, die auf den Monitoren im Bus zu sehen sind, entsteht währenddessen das Bild der Friedrichstraße von vor 100 Jahren: mit ihren unzähligen Amüsierlokalen, Theatern und Cafés. Und mit Jazz, die Musiker aus Amerika mitbrachten Weiter geht es nach Kreuzberg, in die Ritterstraße, die Stätte der frühen Musikproduktion, erklärt Pekka Gronow.

"Man kann sich das heute nur schwer vorstellen und ich bitte Sie, nicht auf die Straße zu schauen, sondern lieber auf den Bildschirm."

Denn heute ist die Straße von unspektakulären Neubauten geprägt. Auf den Fotos sieht man jedoch eine Prachtstraße mit großen repräsentativen Bürgerhäusern.

Um die zehn Plattenlabels hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts hier ihren Sitz, darunter Beka, Odeon und Columbia.

"Von 1900 bis 1907, das waren die sieben fetten Jahre der Musikproduktion. So, wie heute jeder einen Computer hat, wollte damals jeder, der das Geld dazu hatte, ein Grammophon und Platten haben. Zu der Zeit, muss es etwas ganz Fantastisches gehabt haben, einen berühmten Sänger bei sich zu Hause hören zu können."

Die Nachfrage von deutscher Musik, vor allem auch im Ausland, war jedoch nicht so groß, dass die Plattenfirmen allein davon hätten existieren können. Also produzierten sie auch chinesische, argentinische oder chilenische Musik.

"Dafür mussten die Firmen ihre Techniker in die jeweiligen Länder schicken, um die Aufnahmen zu machen. Einer der Pioniere dieser internationalen Aufnahmen war Heinrich Bumb, der Gründer der Beka Record. Er hat übrigens die singende Postkarte erfunden, eine Postkarte, die man auf das Grammophon legte und so abspielen konnte."

Ein Stück von 1907, im Wintergarten von der amerikanischen Ragtime-Legende Arabella Fields gesungen und in den Studios in der Ritterstraße produziert und gepresst. Der Bus passiert unterdessen das Patentamt. Es war schon damals von großer Bedeutung, war die frühe Musikproduktion doch an stetige Weiterentwicklungen, Verbesserungen und unzählige Neuerfindungen geknüpft.

"Meine liebste war ein singender Weihnachtsbaum. Das war eine Kombination aus einem Weihnachtsbaum und einem Grammophon."

Schallplatten mit Dreck auf dem Label

Einen Halt macht der Bus schließlich an der Schlesischen Straße. Hier hat Europas größter damaliger Schallplattenproduzent, die Carl Lindström AG, 1919 seine Fabrik gebaut. Alle steigen aus und besichtigen das Gelände, auf dem sich heute verschiedene kleine Firmen angesiedelt haben. Das Grammophon hat Stephan Wuthe auch hier mit dabei.

"In der Selbstdarstellung hat sich die Carl-Lindström natürlich sehr elegant und groß gesehen, wenn man sich jetzt diesen Komplex anguckt und durchzählt, sieht man, auf der Grafik ist das Haus um einen Hof größer, als es tatsächlich ist. Aber das macht ja nichts, es ist die Carl Lindström AG in der Selbstdarstellung. Es ist schon erstaunlich, auf einem Plattenetikett, auf einer Plattenhülle eine Fabrik zu sehen. Die Lindström war nicht die einzige Firma, die das gemacht hat, die Tempo in Babelsberg hat das sehr ähnlich gehandhabt, man war also sehr stolz auf die Produktionsstätte."

Die übrigens direkt an der Spree liegt, heute gegenüber von Universal. Die Nähe zum Wasser ist einigen Aufnahmen fast zum Verhängnis geworden, erzählt Pekka Gronow später im Bus.

"Von alten Plattensammlern habe ich gehört, dass 1946 einige Leute in die Keller der Lindström-Fabrik hinunter gegangen sind, wo sie Aufnahmen fanden, die unter Wasser standen. Die Fabrik war ja an der Kreuzung des Landwehrkanals und der Spree, weil es am einfachsten war, Waren über Boote zu transportieren. Aber als die Bomben fielen, drang natürlich Wasser in die Keller und einige Lagerräume ein. Und ich habe gehört, dass nach dem Krieg Schallplatten verkauft wurden mit Dreck auf dem Label."

Auf direktem Weg geht es schließlich zur letzten Station der Tour. Im Märkischen Museum bekommen die Teilnehmer die verschiedensten mechanischen Musikinstrumente der damaligen Zeit vorgeführt: vom Leierkasten über den Edison-Phonographen und das Pianola bis zum Orchestrion ist alles dabei. Schließlich endet die Tour dort, wo sie angefangen hat: am Haus der Kulturen der Welt. Und wie hat es den Teilnehmern gefallen?

Mann: "Prima."

Mann: "Sehr gut."

Frau: "Wunderbar, also ick muss sagen, fantastisch! Hab ick mir ja nich so toll vorjestellt."#

Mehr zur Veranstaltungsreihe "Pop16 – 100 Jahre produzierte Musik" vom Wochenende im "Haus der Kulturen der Welt", die im Rahmen der Reihe "100 Jahre Gegenwart" stattfand

Tonart

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