Politisches Feuilleton / Archiv /

Berlin-Alexanderplatz - zu Unrecht in Verruf

Von Eberhard Straub

Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin
Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin (picture alliance / dpa - Jens Wolf)

Dass ein junger Mann am Alexanderplatz getötet wurde, führt bei manchen Berlinern und Nicht-Berlinern zu einem schon bekannten Reflex: die Großstadt zu verteufeln. Dabei waren Großstädte nie so sicher wie heute, und im Grunde ist auch der "Alex" ein friedlicher Platz - meint Eberhard Straub.

Mord und Totschlag, Plünderungen und Raub ereignen sich in der Regel in Privaträumen. Kommt es im öffentlichen Raum zu einer Prügelei und lebensgefährlichen Verletzungen werden neben der verständlichen Empörung sofort aufgeregte Forderungen nach mehr Sicherheit, mehr Polizei und mehr Überwachung von Bahnhöfen und Plätzen laut.

Der Berliner Alexanderplatz wird auf einmal wegen eines dort ganz ungewöhnlichen Verbrechens zum "Platz der Angst" erhoben. Als ein Schrecken einjagender Ort muss er selbstverständlich ohnehin schrecklich sein. Die plötzliche Dämonisierung von Berlins vitalem Mittelpunkt hat freilich wenig mit den möglichen ästhetischen Unzulänglichkeiten des Alex zu tun, wie die Berliner ihn nennen.

Deutsche geben nur abermals zu erkennen, sich vor der Stadt, dem unübersichtlichen städtischen Leben überhaupt zu fürchten und nicht bereit zu sein, sich auf die alte Devise zu verlassen: Stadtluft macht frei. Sie gewährt Freiheiten unter Umständen auch solchen Elementen, die ihnen nicht gewachsen sind und sie missbrauchen.

Städte waren noch nie so gefahrlos wie heute. Dennoch ergreift die Deutschen eine tiefe Weltangst, wenn sie hören, dass mitten in der Stadt einer zu Tode kam, nicht am hellen Tag, sondern in der Nacht, während sie schlafen und höchstens davon träumen, aus Eifersucht oder Wut eine Schandtat zu begehen.

Die Deutschen suchen in ihren öffentlichen Räumen – wie die Frankfurter um den Römer oder die Münchner um die Mariensäule – eine gute Stube, wo alle traulich beisammen sitzen, obschon gerade dort heftigster Streit, Vergewaltigungen aller Art und Unfrieden zuhause ist. Die Stadt öffnet jedem Fluchträume. In ihnen kann er unabhängig von beruflichen oder familiären Kontrollen, allein oder mit anderen Augenblicke der Zwanglosigkeit erleben.

Die Stadt ist unberechenbar. Deshalb sehnen sich Deutsche zurück in den Wald, pflegen ein Heimweh nach Natur, Erde und sie umhüllende Luft, damit die Stadt wieder werde, was sie nie war, ein Luftkurort. Die Berliner Luft war immer berühmt, aber nicht weil sie die Lungen erquickt, sondern Geist und Phantasie. Die verspielte Urbanität und ihre Lebhaftigkeit stimmt solche Deutsche, die eine Stadt mit einem Ballungszentrum voller Infrastruktur in grüner Umgebung verwechseln, bedenklich.

Ein Toter am Alexanderplatz ist ihnen sofort ein willkommener Anlass, das sie verwirrende Berlin zu einem gefährlichen und vor allem trostlosen Ort zu stilisieren, den exemplarisch der ihnen unheimliche Alexanderplatz veranschaulichen soll.

Der Alex ist keine gute Stube, er ist nicht heimelig oder gemütlich. Er ist nicht schön, und er wird zunehmend hässlicher durch die Bemühungen, ihm seinen sozialistischen Charakter zu nehmen. Das alles hält die Jugend der Welt, die dort 1973 heitere Weltjugendfestspiele als sozialistischem Woodstock feierte, nicht davon ab, nun in ganz neuem Sinn ein permanentes Weltjugendfestspiel zu veranstalten.

In der Sommersonne sitzen mittlerweile um den Brunnen der Völkerfreundschaft tatsächliche Friedensfreunde. Sie freuen sich aneinander, während sie sich umarmen, ihre Bierflasche dem Nachbarn reichen und mit ihren Füßen im Wasser plantschen. Irgendeiner macht Musik dazu. Die Jugend der Welt liebt diesen Platz, dort trifft sie sich unter der Weltuhr.

Während der Nacht tummelt sie sich in zwei Clubs, die zu den ganz berühmten von Berlin gehören, oder in Bars und Kneipen, in denen Nachtschwärmer nach einem immer neuen, vorletzten Bier verlangen. Bei den ersten Strahlen der Sonne oder im herbstlichen Frühnebel begegnen sie den Schlachtopfern des Fleißes, die zur S-Bahn eilen, selig weiterhin arbeiten zu dürfen.

Berlin-Alexanderplatz ist ein poetischer Ort. Als solcher wird er geschätzt und gesucht - ungeachtet deutscher Panikmacher und Angsthasen, denen der Asphalt nicht grün genug ist.

Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin. Buchveröffentlichungen u. a. "Die Wittelsbacher", "Drei letzte Kaiser", sowie "Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit" und "Zur Tyrannei der Werte".

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Politisches Feuilleton

RusslandWladimir Putin ist kein Peter der Große

Putin-Plakat bei einer Demonstration in Berlin.

Wladimir Putin will eine konservative Revolution, die sich als Antipode zu Europa inszeniert, meint die Journalistin Sylke Tempel. Die Modernisierungspartnerschaft mit Europa ist für sie gescheitert.

GleichstellungDie Frauenquote für Vorstände ist fällig

Frauen bei einem Kongress

Die schwarz-rote Koalition will börsennotierte Unternehmen gesetzlich zwingen, mehr Frauen in Führungspositionen zu berufen. Eine solche Vorgabe hält die Journalistin Deborah Steinborn für überfällig - allen Protesten zum Trotz.

PsychiatrieKranksein ist nicht mehr normal

Ein Junge sitzt an einem Tisch und wirbelt mit den Armen in der Luft herum, vor ihm liegt ein Federmäppchen. Es sieht aus als raste er aus.

Heutzutage wäre der Komponist Franz Schubert ein Borderliner, meint der Publizist Michael Böhm. Vor lauter Medikamenteschlucken käme er nicht mehr zum Komponieren. Böhm kritisiert, dass jede Auffälligkeit gleich als Krankheit gedeutet wird.