Dienstag, 30. Juni 2015MESZ10:23 Uhr

Politisches Feuilleton

D-Mark für alleDer Tag, an dem die Finanzmauer fiel
"Kommt die DM bleiben wir kommt sie nicht geh'n wir zu ihr!" ist auf einem Transparent zu lesen, das ein Paar bei einer Montagsdemonstration am 12.2.1990 in Leipzig mit sich führt. Die von den Demonstranten hier geforderte Einführung der D-Mark in der DDR wurde im Rahmen der per Staatsvertrag vereinbarten Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1.7.1990 realisiert. Sie bildete einen entscheidenden Schritt zur Wiedervereinigung der beiden deutsche Staaten am 3.10.1990. (picture alliance / dpa / Wolfgang Weihs)

Als die D-Mark in die DDR kam, vereinte das zwar die Deutschen insgesamt. Es spaltete aber die Ostdeutschen, meint der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow. Man konnte schnell an Geld kommen - und es genauso schnell verlieren.Mehr

Kirill PetrenkoNationale Misstöne der Musikkritik
Der russische Dirigent Kirill Petrenko (dpa / picture alliance / Frank Leonhardt)

Kirill Petrenko wird 2018 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Einige feierten die Entscheidung als mutig, doch zum Teil mischten sich nationalkulturelle Misstöne in die Kritik. Empörend sei das, meint Uwe Friedrich.Mehr

FamilienrechtDas "Kindeswohl" ist eine leere Floskel
Ein Vater lässt am 16.03.2014 in Berlin auf dem Teufelsberg bei starkem Wind und dicht bewölktem Himmel mit seinem Sohn einen Drachen steigen. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Wenn Eltern sich trennen, leiden die Kinder - und Familiengerichte müssen retten, was zu retten ist. Soweit die Theorie. Doch in Wirklichkeit, sagt der Künstler und Publizist Peter Kees, sorgen die Gerichte oft dafür, dass der Schaden noch größer wird.Mehr

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.11.2012

Berlin-Alexanderplatz - zu Unrecht in Verruf

Von Eberhard Straub

Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin (picture alliance / dpa - Jens Wolf)
Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin (picture alliance / dpa - Jens Wolf)

Dass ein junger Mann am Alexanderplatz getötet wurde, führt bei manchen Berlinern und Nicht-Berlinern zu einem schon bekannten Reflex: die Großstadt zu verteufeln. Dabei waren Großstädte nie so sicher wie heute, und im Grunde ist auch der "Alex" ein friedlicher Platz - meint Eberhard Straub.

Mord und Totschlag, Plünderungen und Raub ereignen sich in der Regel in Privaträumen. Kommt es im öffentlichen Raum zu einer Prügelei und lebensgefährlichen Verletzungen werden neben der verständlichen Empörung sofort aufgeregte Forderungen nach mehr Sicherheit, mehr Polizei und mehr Überwachung von Bahnhöfen und Plätzen laut.

Der Berliner Alexanderplatz wird auf einmal wegen eines dort ganz ungewöhnlichen Verbrechens zum "Platz der Angst" erhoben. Als ein Schrecken einjagender Ort muss er selbstverständlich ohnehin schrecklich sein. Die plötzliche Dämonisierung von Berlins vitalem Mittelpunkt hat freilich wenig mit den möglichen ästhetischen Unzulänglichkeiten des Alex zu tun, wie die Berliner ihn nennen.

Deutsche geben nur abermals zu erkennen, sich vor der Stadt, dem unübersichtlichen städtischen Leben überhaupt zu fürchten und nicht bereit zu sein, sich auf die alte Devise zu verlassen: Stadtluft macht frei. Sie gewährt Freiheiten unter Umständen auch solchen Elementen, die ihnen nicht gewachsen sind und sie missbrauchen.

Städte waren noch nie so gefahrlos wie heute. Dennoch ergreift die Deutschen eine tiefe Weltangst, wenn sie hören, dass mitten in der Stadt einer zu Tode kam, nicht am hellen Tag, sondern in der Nacht, während sie schlafen und höchstens davon träumen, aus Eifersucht oder Wut eine Schandtat zu begehen.

Die Deutschen suchen in ihren öffentlichen Räumen – wie die Frankfurter um den Römer oder die Münchner um die Mariensäule – eine gute Stube, wo alle traulich beisammen sitzen, obschon gerade dort heftigster Streit, Vergewaltigungen aller Art und Unfrieden zuhause ist. Die Stadt öffnet jedem Fluchträume. In ihnen kann er unabhängig von beruflichen oder familiären Kontrollen, allein oder mit anderen Augenblicke der Zwanglosigkeit erleben.

Die Stadt ist unberechenbar. Deshalb sehnen sich Deutsche zurück in den Wald, pflegen ein Heimweh nach Natur, Erde und sie umhüllende Luft, damit die Stadt wieder werde, was sie nie war, ein Luftkurort. Die Berliner Luft war immer berühmt, aber nicht weil sie die Lungen erquickt, sondern Geist und Phantasie. Die verspielte Urbanität und ihre Lebhaftigkeit stimmt solche Deutsche, die eine Stadt mit einem Ballungszentrum voller Infrastruktur in grüner Umgebung verwechseln, bedenklich.

Ein Toter am Alexanderplatz ist ihnen sofort ein willkommener Anlass, das sie verwirrende Berlin zu einem gefährlichen und vor allem trostlosen Ort zu stilisieren, den exemplarisch der ihnen unheimliche Alexanderplatz veranschaulichen soll.

Der Alex ist keine gute Stube, er ist nicht heimelig oder gemütlich. Er ist nicht schön, und er wird zunehmend hässlicher durch die Bemühungen, ihm seinen sozialistischen Charakter zu nehmen. Das alles hält die Jugend der Welt, die dort 1973 heitere Weltjugendfestspiele als sozialistischem Woodstock feierte, nicht davon ab, nun in ganz neuem Sinn ein permanentes Weltjugendfestspiel zu veranstalten.

In der Sommersonne sitzen mittlerweile um den Brunnen der Völkerfreundschaft tatsächliche Friedensfreunde. Sie freuen sich aneinander, während sie sich umarmen, ihre Bierflasche dem Nachbarn reichen und mit ihren Füßen im Wasser plantschen. Irgendeiner macht Musik dazu. Die Jugend der Welt liebt diesen Platz, dort trifft sie sich unter der Weltuhr.

Während der Nacht tummelt sie sich in zwei Clubs, die zu den ganz berühmten von Berlin gehören, oder in Bars und Kneipen, in denen Nachtschwärmer nach einem immer neuen, vorletzten Bier verlangen. Bei den ersten Strahlen der Sonne oder im herbstlichen Frühnebel begegnen sie den Schlachtopfern des Fleißes, die zur S-Bahn eilen, selig weiterhin arbeiten zu dürfen.

Berlin-Alexanderplatz ist ein poetischer Ort. Als solcher wird er geschätzt und gesucht - ungeachtet deutscher Panikmacher und Angsthasen, denen der Asphalt nicht grün genug ist.

Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin. Buchveröffentlichungen u. a. "Die Wittelsbacher", "Drei letzte Kaiser", sowie "Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit" und "Zur Tyrannei der Werte".