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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.06.2014

BelletristikMetapher der Macht

Ismail Kadaré: "Die Pyramide"

Von Jörg Magenau

Die Cheops-Pyramide ist die älteste und größte der drei Pyramiden von Gizeh und wird deshalb auch als Große Pyramide bezeichnet. Sie ist die höchste Pyramide der Welt. (dpa picture alliance/ Felix Heyder)
Die Cheops-Pyramide ist die älteste und größte der drei Pyramiden von Gizeh und wird deshalb auch als Große Pyramide bezeichnet. Sie ist die höchste Pyramide der Welt. (dpa picture alliance/ Felix Heyder)

Der Bau der Cheops-Pyramide ist für Ismail Kadaré ein Sinnbild für aktuellere Verschwendung. Sei es das gigantische Bunkersystem in seinem Heimatland Albanien oder die kapitalistische Wirtschaft an sich. Ein grandioser Erzähler und Spezialist für bizarre Machtverhältnisse.

Hauptfigur und Zentrum des Geschehens ist die Cheops-Pyramide. Sie bestimmt das Denken der handelnden Personen schon zu einem Zeitpunkt, als sie noch gar nicht existiert. Sie ist die eigentliche Herrscherin und beherrscht schließlich sogar den Pharao, der sie errichten lässt als Zeichen seiner Macht und seiner mumifizierten Unsterblichkeit. Dabei ist Cheops dem Pyramidenbau zunächst eher abgeneigt, er kann mit dieser Tradition nichts anfangen, bis ihn seine Hofastrologen eines besseren belehren.

Die ägyptische Gesellschaft befindet sich in einer schweren Krise, den Leuten geht es zu gut, das macht sie aufmüpfig, also ist ein Vorhaben erforderlich, das alle Kräfte bindet und Ressourcen verschwendet, etwas Riesiges, Überflüssiges, tendenziell Endloses, in dessen Dienst die Macht- und Unterdrückungsverhältnisse sich wieder fest etablieren lassen.

Gesellschaft muss ihren Überfluss irgendwie bewältigen

Ismail Kadaré erzählt vom Bau der Cheops-Pyramide als Metapher der Macht. Es ist nicht schwer, dabei an das totalitäre Regime Enver Hoxhas in Albanien zu denken. Kadaré, 1936 im südalbanischen Gjirokastra geboren, gehörte durchaus zu den Privilegierten des an Wahnsinn grenzenden Diktators, der in seinem Land zwar keine Pyramiden, aber dafür ein gigantisches Bunker-Verteidigungssystem errichten ließ.

In Albanien konnte Kadaré all die Erscheinungsformen des Opportunismus, der Gemeinheit, brutaler Gewalt und der Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschenleben beobachten, wie er sie in "Die Pyramide" beschreibt. Doch das Buch ist nicht auf diese Bedeutungsebene einzugrenzen: Auch die kapitalistische Wirtschaft muss den Überfluss, den sie produziert, irgendwie bewältigen, und sei es dadurch, dass sie Flughäfen baut, die nie in Betrieb gehen.

Die Cheops-Pyramide mag als Gebäude hypertroph und überflüssig gewesen sein, als Plan und als Werk war sie es nicht. Ihr Bau beanspruchte alle Kräfte der Gesellschaft, von den Arbeitern im Steinbruch, den Schiffbauern und Transporteuren auf dem Nil bis zu den Sklaven auf der Baustelle. Tausende kamen durch Unfälle ums Leben, und alle anderen hatten den gewaltigen Spitzel- und Überwachungsapparat zu fürchten, der im Dienst der Sache etabliert wurde. Nichts schlimmer als die Fertigstellung der Pyramide, denn dann gerät die Gesellschaft in eine postpyramidale Krise.

Der Erzähler bleibt im Hintergrund

Zugleich ist sie aber auch ein Zeichen metapyhsischer Größe, eine Idee, die jedes Menschenleben überragt und schließlich auch den Pharao als Zeichen seines eigenen Todes besiegt. Je näher nach vielen Jahrzehnten die Fertigstellung rückt, umso lauter ruft in seinen Träumen sie nach ihm: Fertig ist die Pyramide erst, wenn sie den königlichen Sarkophag mit der Mumie aufgenommen hat.

So ist sie ein großes Menetekel und Zeichen der Vergänglichkeit, dem auch sie selbst nicht entkommt: Kadaré erzählt gleich noch die nächsten viertausend Jahre mit; der Verfall der Pyramide beginnt mit ihrer Vollendung. Als Erzähler bleibt er dabei unsichtbar im Hintergrund, wie ein Chronist, der mitleidslos und ungerührt die Ereignisse zu Protokoll gibt. Das macht dieses Buch, im albanischen Original schon 1992 erschienen, so eindrucksvoll. Kadaré beweist sich einmal mehr als grandioser Erzähler und Spezialist bizarrer Machtverhältnisse.

Ismail Kadaré: Die Pyramide
Aus dem Albanischen von Joachim Röhm
S. Fischer, Frankfurt/Main 2014
160 Seiten, 19,99 Euro

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