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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.03.2014

Belarus"Es wird nicht allein bei der Krim bleiben"

Schriftsteller Artur Klinau über den Kampf der weißrussischen Opposition

Moderation: Katrin Heise

Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)
"Wenn das Denken der Menschen sich nicht verändert, dann wird nach diesem Lukaschenko ein neuer Lukaschenko gewählt", so Artur Klinau. (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)

In Weißrussland werde die Gefahr einer Annexion durch Russland noch größer empfunden als in der Ukraine, sagt der Künstler Artur Klinau. In der Ukraine gebe es "eine innere Bereitschaft zur Verteidigung des Landes", in Belarus fehle dies.

Katrin Heise: Fortschritt in Weißrussland, das war einmal. Künstler sind vorsichtig geworden in dem Land. Der prorussische autokratische Präsident Alexander Lukaschenko sorgte für ein Verbot der belarussischen Sprache, Kulturinstitutionen wurden systematisch ausgetrocknet. Gerade für Künstler glich diese Entwicklung einem Rückfall in die Vormoderne.

Bald waren sie gezwungen, im Untergrund zu agieren. Um der Kultur eine Stimme zu geben, gründete eine Gruppe von Kulturschaffenden das Magazin "PARTisan", wobei die drei Buchstaben ART, also Kunst, großgeschrieben sind. Einer der Herausgeber ist der Schriftsteller und Künstler Artur Klinau. Auf der Leipziger Buchmesse wurde ein Buch mit gesammelten "PARTisan"-Artikeln vorgestellt, und ich konnte mit Klinau sprechen während der Buchmesse, also vor dem Ende des Referendums auf der Krim.

Bevor ich ihn über Weißrussland fragte, wollte ich seine Gefühle wissen angesichts der Vorgänge in der Ukraine.

Artur Klinau: Ich kann ganz klar sagen, dass die belarussische Gesellschaft geschlossen ist in dieser Frage, dass sie einer Meinung ist zur Situation in der Ukraine, und was das für Belarus bedeutet. Sowohl die kulturelle Elite als auch die Gesellschaft insgesamt ist absolut solidarisch mit der Ukraine und sieht die gegenwärtige Situation als kolossale Bedrohung für die Unabhängigkeit an.

Heise: Wenn Sie sagen, ist solidarisch mit der Ukraine. Die Ukraine ist ja durchaus gespalten, die ukrainische Bevölkerung. Womit sind Sie solidarisch?

Klinau: Die Solidarität bezieht sich natürlich auf die demokratische, die neue Ukraine, die gerade im Entstehen begriffen ist. Und die Ukraine ist nicht nur geografisch der nächste Nachbar von Belarus. Das Land ist uns sowohl mit seiner Geschichte als auch mit seiner Mentalität sehr nahe, und das Schicksal, das die Ukraine gerade erleidet, quasi ein Bruderland zu Belarus, ist auch die Tragödie der Belarussen.

Heise: Bezeichnen Sie es als eine Tragödie, dass sich erhebliche Teile der Bevölkerung, sowohl in der Ukraine als auch in Belarus, eigentlich den Zerfall der Sowjetunion bedauern, sich vielleicht dem Westen unbedingt so und Europa zuwenden wollen, oder was ist die Tragödie? Ist die Tragödie, jetzt von Russland sich bedroht zu sehen?

Angst vor Annexion 

Fahnen der autonomen Republik Krim wehen auf dem Lenin-Platz in Simferopol auf der ukrainischen Halbinsel Krim. (picture alliance / dpa / Markku Ulander)Die Bewohner der Krim stimmen über einen Anschluss an Russland ab. (picture alliance / dpa / Markku Ulander)

Klinau:
Ich sehe die Tragödie darin, dass Russland damit begonnen hat, einen Teil der Ukraine zu annektieren und irgendwie die Krim besetzt hat. Ich bin überzeugt, dass es nicht allein bei der Krim bleiben wird, sondern versuchen wird, auch weitere Teile der Ukraine sich einzuverleiben. Und eben in dieser militärischen Aggression von russischer Seite, die so brutal gerade vollzogen wird, sehe ich eine große Tragödie, die sich noch viel weiter auswachsen kann.

Heise: Verstehe ich Sie auch richtig, dass auch in Belarus Angst vor Annexion herrscht?

Klinau: Das ist auf jeden Fall so. In Belarus wird die Bedrohung sogar noch viel größer empfunden. Die Bedrohung für Belarus ist größer als die für die Ukraine im Moment. In der Ukraine haben sich bestimmte Mechanismen sich bereits entwickelt, um die Unabhängigkeit und das eigene Land zu verteidigen gegen diese Aggression. Es gibt eine innere Bereitschaft zur Verteidigung des Landes. In Belarus sieht das anders aus. Es stehen keine Ressourcen zur Verfügung, das Land ist viel kleiner, ist wirtschaftlich wesentlich schwächer als die Ukraine. Und es gibt eben nicht diese Mechanismen mündiger Bürger, das eigene Land zu verteidigen.

Deswegen wäre im Falle einer Aggression gegenüber Belarus noch einmal eine andere als in der Ukraine. Es würde noch krasser ausfallen. Wenn Russland nun versucht, sich die Ukraine in mehreren Schritten einzuverleiben, so würde Belarus auf einen Satz verschlungen werden.

Heise: Ängste des Künstlers und Schriftstellers aus Belarus, Artur Klinau. Herr Klinau, Sie vermissen in Belarus also die Menschen, die sich gegen Russland stellen würden. Sie schreiben da von einem posttotalitären Volk, das, wenn es auf demokratische Weise wählen würde, sich wieder die gleiche Macht wählen würde, und bezeichnen sie, Sie haben es eben, glaube ich, auch schon gesagt, als "unmündige Mehrheit".

Warum qualifizieren Sie diese Mehrheit so ab als unmündig?

Verlorene Jahre

Klinau: Wenn wir noch mal den Vergleich mit der Ukraine wählen, dann lässt sich über die Ukraine sagen, dass dort in den vergangenen 20 Jahren eine neue Generation mündiger Bürger herangewachsen ist. Das waren zwar vielleicht anarchische Zeiten, aber doch auch in gewisser Form demokratische Zeiten.

Es sind Bürger herangewachsen, die bereit sind, für ihre Stimme und für ihr Land einzustehen. In Belarus sieht die Situation ganz anders aus. Dort sind in den vergangenen 20 Jahren eben nicht diese Bürger herangewachsen und herrschte, wenn auch keine schwarzweiß vereinfachte Diktatur, doch ein autokratisches System, und dieses System hatte gar kein Interesse daran, freie Bürger heranzubilden, konnte gar kein Interesse daran haben.

Was sollte sie auch mit mündigen Bürgern? Dort hat man eher auf die postsowjetische Tradition und die postsowjetische Kultur gesetzt, sich der alten Werte besonnen, und im Grunde waren die letzten 20 Jahre verloren für Belarus.

Heise: Wie konnte, Herr Klinau, eigentlich aus einer fortschrittlichen Sowjetrepublik und, wie Sie sagen, einer mit erstklassiger technischer Intelligenz und anderen auch wunderbaren Voraussetzungen, wie konnte da dieses totalitär geführte Regime werden? Diese Frage hat Sie ja bewegt, Sie und Ihre Mitstreiter, als Sie "PARTisan" gegründet haben. Haben Sie da eigentlich eine Antwort gefunden?

Klinau: Ich denke, die Wurzeln liegen hier einiges tiefer. Man muss in die Geschichte zurückgehen, um diese Frage wirklich beantworten zu können. Belarus ist ein einzigartiges Land in vielerlei Hinsicht. Hier haben mehrere Kriege stattgefunden über die Jahrhunderte hinweg, und diese besondere Situation hat sich auf das Bewusstsein der Menschen ausgebildet, hat prägend gewirkt.

Es ist überlebenswichtig geworden für die Menschen in diesem Land, eine Partisanentaktik anzuwenden, als Partisanen aufzutreten, um überleben zu können. Und diese Strategie des Partisanen eignet sich tatsächlich, um in Kriegszeiten oder in der Okkupation überleben zu können.

Sie ist aber ungeeignet für die Zeit nach dem Krieg. Und deswegen leben wir heute in einer Gesellschaft von zehn Millionen Individualisten, die nicht in der Lage sind, kollektive Taten zu vollbringen, was aber unerlässlich wäre, um einen demokratischen Prozess anzuschieben und in dieser Hinsicht Fortschritte zu machen.

Heise: "PARTisan", also Ihre Zeitschrift, Ihr Magazin, möchte ja die belarussische Gesellschaft verändern, also die Mentalität verändern, wie Sie sagen. Aber das geht natürlich nicht über Nacht, das ist ein langsamer, ein, wie Sie schreiben, evolutionärer Prozess, und die Kultur ist da die Triebfeder. Was können Sie tun?

Junge Weißrussen schwenken Landesfahnen bei einem Popkonzert am Vorabend der Präsidentschaftswahlen in Minsk. (AP)Junge Weißrussen schwenken Landesfahnen bei einem Popkonzert am Vorabend der Präsidentschaftswahlen in Minsk. (AP)

Klinau: Ich vertrete schon seit Langem die These, dass das politische Projekt nicht erfolgreich sein kann ohne das kulturelle Projekt. Wenn das Denken der Menschen sich nicht verändert, dann wird einfach nach diesem Lukaschenko ein neuer Lukaschenko gewählt. Und ich beobachte in den letzten zehn, fünfzehn Jahren, dass sich tatsächlich eine neue offene Kultur entwickelt, die auch notwendig ist, um überhaupt einen politischen Wandel ins Werk zu setzen. Das wird nicht ohne die Kultur gelingen.

Wenn Sie nun fragen, wie das konkret aussieht, dann kann ich nur wieder auf das Buch verweisen. Das Buch "PARTISANEN. Kultur_Macht_Belarus", in dem wir versucht haben, die letzten zehn oder fünfzehn Jahre zu analysieren, diese Prozesse zu beobachten. Und mein Fazit ist eigentlich, dass das einzige Projekt in Belarus, das in diesem Zeitraum erfolgreich gelaufen ist, gerade die Kultur ist. Sie erreicht zunehmend die Gesellschaft. Die Gesellschaft verändert sich, die Kulturlandschaft verändert sich auch.

Dieser Prozess verläuft sehr langsam, und gerade angesichts der aktuellen Situation, der Aggression von russischer Seite stellen wir fest, dass die Zeit sehr knapp geworden ist, Änderungen zu bewerkstelligen, und dass wir den Prozess unbedingt beschleunigen müssen.

Heise: Wie können Sie den Prozess beschleunigen, und hoffen Sie vielleicht da auch auf Hilfe aus dem Ausland, also beispielsweise von der EU? Was erwarten Sie?

Es muss sich etwas bewegen

Klinau: Ja, Hilfe vonseiten der EU wäre sicher sehr wichtig in diesem Prozess. Aber ich denke, dass der Prozess vor allem von innen ausgehen muss. Er muss von innen heraus gestaltet werden, und das Problem ist, wie gesagt, dass wir wenig Ressourcen zur Verfügung haben in Belarus. Das Regime hat erfolgreich in den vergangenen Jahren die Kultur, die unabhängige, freie Kultur niedergehalten und sie an den Rand gedrängt. Die wichtigste Ressource, die ich sehe, ist eben die neue Künstlergeneration, die trotz allem herangewachsen ist und die die aktuelle Kultur schafft. In dieser Situation der Bedrohung von außen muss diese Ressource mobilisiert werden, muss sich etwas bewegen. Und ich denke auch, dass es in dieser de facto Kriegssituation zu einer Konsolidierung kommen wird, dass sich vielleicht auch in der Situation der Sprache in Belarus etwas ändern wird.

Heise: Sie meinen das Verbot der belarussischen Sprache?

Klinau: Ja, ich meine die Haltung des Regimes zur Sprache, zur belarussischen Sprache. Ich weiß nicht, ob sich an der Haltung des Regimes tatsächlich etwas ändern wird. Das ist schwer vorauszusagen. Auf jeden Fall hat sich schon etwas geändert an der Haltung der belarussischen Gesellschaft zu ihrer Sprache. In den letzten Jahren sind wesentlich mehr Sprecher dazugekommen. Es gibt viel mehr Leute, die aktiv belarussisch sprechen. Es gibt mehr Leser als früher, die belarussische Bücher lesen wollen. Und ich denke, in der aktuellen Situation wird sich diese Zahl noch mal potenzieren. Das ist meine Prognose.

Heise: Strömungen in der belarussischen Gesellschaft angesichts der Situation in der Ukraine. Und welche Verantwortung die Kunst- und Kulturschaffenden eigentlich dabei haben. Artur Klinau ist Künstler und Schriftsteller in Belarus. Ich danke Ihnen ganz herzlich, Herr Klinau, für dieses Gespräch, und ich danke ganz herzlich Thomas Weiler für die Übersetzung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Artur Klinaŭ: PARTISANEN. Kultur_Macht_Belarus. edition.fotoTAPETA 2014, Berlin
168 Seiten, 12,80 Euro

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