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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.04.2005

"Bekenntnisse eines Economic Hit Man"

John Perkins war Wirtschaftskiller im Auftrag des US-Geheimdienstes

Von Johannes Kaiser

Panama-Kanal: Nach Darstellung von John Perkins war er an diesem Projekt als Economic Hit Man beteiligt. (AP)
Panama-Kanal: Nach Darstellung von John Perkins war er an diesem Projekt als Economic Hit Man beteiligt. (AP)

Die Geschichte klingt nach James Bond und wüsste man nicht inzwischen so viel über die illegalen Aktivitäten der US-Geheimdienste zur Destabilisierung von Regierungen, zum Sturz von missliebigen Staatschefs würde man die Bekenntnisse dieses so genannten Economic Hit Mann, also Wirtschaftskillers auf den großen Haufen von Verschwörungstheorien packen.

Doch John Perkins realistische Einblicke in die Korporatokratie, wie er es nennt, also die Welt der Großfinanz und der multinationalen Konzerne, gewann er als Chefökonom einer großen amerikanischen Unternehmensberatung , als NSA-Geheimdienstler und als Wirtschaftsfachmann einer inzwischen untergegangenen Bostoner Consultingfirma namens MAIN. Seine Aufgabe: extrem optimistische Prognosen zur Wirtschaftsentwicklung aufstrebender Entwicklungsländer zu konstruieren. Verführt durch die Aussicht auf einen Wirtschaftsboom sollten diese Staaten Staudämme und Kraftwerke, Schnellstraßen, Häfen und Flughäfen, Gewerbeparks errichten. Da sie das aus eigener Kraft nicht schaffen konnten, bot man ihnen großzügige Milliardenkredite.

Perkins schreibt: "An den Kredit ist die Bedingung geknüpft, dass Ingenieurfirmen und Bauunternehmer aus unserem Land alle diese Projekte bauen. Im Prinzip verlässt ein Großteil des Geldes nie die USA, es wird einfach von Banken in Washington an Ingenieursbüros in New York, Houston oder San Francisco überwiesen."

Widerstrebende und misstrauische Regierungsexperten und Politiker in den betroffenen Ländern wurden bestochen.

Natürlich trafen die Prognosen nicht zu, so dass die geldleihenden Länder schon bald mit der Rückzahlung ihrer Kreditsumme plus Zinsen in Verzug gerieten. Sie steckten in der Schuldenfalle.

"Dann verlangen wir wie die Mafia unseren Anteil. Dazu gehören vor allem: die Kontrolle über die Stimmen in der UNO, die Errichtung von Militärstützpunkten oder der Zugang zu wichtigen Ressourcen wie Öl oder die Kontrolle über den Panamakanal. Natürlich erlassen wir dem Schuldner dafür nicht die Schulden – und haben uns so wieder ein Land dauerhaft unterworfen."

Genau darauf hatte man in Washington gesetzt. Getarnt als Entwicklungshilfe machten die Kredite die Schuldner politisch und wirtschaftlich abhängig von den USA und damit erpressbar. Ein perfides Spiel und die Economic Hit Men, wie man sie intern nannte, hatten es einzuleiten. Der Vorteil: für die Unterwerfung unter die Ziele des US-Imperiums floss kein Tropfen Blut, bedurfte es keiner Invasion, keines Krieges, keines blutigen Staatstreiches. Nach außen hin lief alles völlig friedlich ab.

John Perkins war in Indonesien, in Panama, Kolumbien und Saudi Arabien – einem Sonderfall, denn das Land hatte durchaus genug Geld für alle möglichen Infrastrukturprojekte. Hier galt es, diese Milliarden auf amerikanische Konten zu lenken. Dafür betätigte sich John Perkins dann auch einmal als Zuhälter, verschaffte einem der arabischen Entscheidungsträger blonde Frauen.
Das System der bewusst geplanten finanziellen Abhängigkeit zerstört natürlich auch die Umwelt und damit die Lebensbedingungen vieler indigener Völker.

So musste zum Beispiel Ecuador - extrem hoch bei den USA verschuldet - einen Teil seines Amazonas-Regenwaldes an den Ölkonzern Texaco abgeben, damit der dort Öl fördern kann. Dafür wird der Urwald abgeholzt, werden die Flüsse verschmutzt, wird die Landschaft vergiftet und Tausende Indios verlieren ihren angestammten Lebensraum.

Der Chefökonom John Perkins hat lange gebraucht, um sich aus den mit einem luxuriösen Lebensstandard belohnten Verstrickungen zu lösen, obwohl er bei all seinen Aufträgen große moralische Skrupel verspürte. Selbst als er seine Firma endlich verlassen hatte, schwieg er weiterhin. Als seine Pläne, ein Buch zu schreiben, bekannt wurden, bestach man ihn mit sehr hohen Beratungshonoraren, für die er nichts tun musste. So dauerte es über 20 Jahre, bis ihn endlich sein schlechtes Gewissen zum Reden beziehungsweise Scheiben brachte.

Herausgekommen ist ein engagiertes Schuldbekenntnis, bisweilen arg simplifizierend, moralisierend, generalisierend. Statt konkreter und neuer Beweise: Bekenntnisse und seitenlange Aufzählungen längst bekannter, andernorts bereits abgedruckter Hintergründe. Das macht die Lektüre ermüdend voraussagbar. Trotz vieler Details fehlen die wirklich harten Fakten, sensationelle Enthüllungen sucht man vergebens. Man muss ihm glauben – oder auch nicht. So hat John Perkins sehr persönlich gehaltenes Geständnis etwas von einer Beichte und Abbitte. Doch Absolution gibt nur die Kirche.

John Perkins: Bekenntnisse eines Economic Hit Mann – Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia
Übersetzt von Hans Freundl und Heike Schlatterer
Verlag Riemann, München 2005
382 Seiten, 19 €

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