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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.05.2012

"Bei Tauben ist das eine sehr, sehr abstrakte Gefahr"

Tiermedizinerin: Großstadtvögel übertragen nicht mehr Erreger als andere Tiere

Almut Malone im Gespräch mit Joachim Scholl

Tauben vor dem Mailänder Dom (picture-alliance / dpa)
Tauben vor dem Mailänder Dom (picture-alliance / dpa)

Die Chance, durch Tauben mit Krankheiten infiziert zu werden, ist sehr gering, sagt die Berliner Tiermedizinerin Almut Malone. Vom Füttern der Vögel rät sie dennoch ab: Tauben seien domestizierte Tiere, die sich sehr schnell an Versorgung durch einen Menschen gewöhnten.

Joachim Scholl: Beginnen wollen wir heute mit einem Gespräch zu einem ziemlich umstrittenen Vogel, der Taube. In vielen Städten ist ihr massenhaftes Auftreten ein Problem, und wie man es human lösen kann ohne Gewalt und Gift, das weiß die Berliner Tiermedizinerin Almut Malone.

Im Studio ist jetzt Almut Malone aus Berlin, sie ist Tiermedizinerin und kümmert sich mit ihrem Verein Avian ehrenamtlich um Großstadtvögel, speziell auch um Tauben.

Almut Malone: Ja, guten Morgen, Herr Scholl!

Scholl: Stichwort humane Taubenvergrämung, man muss es, glaube ich, noch mal deutlich sagen, wir wollen die Tauben nicht töten, sondern weggrämen. Sie haben in Berlin, Frau Malone, den ersten Taubenschlag selbst gebaut und betreuen seitdem weitere solcher Taubenhäuser. Es mutet ja auf den ersten Blick ersten Blick vielleicht widersprüchlich an, Tauben extra zu füttern, ihnen optimale Brutmöglichkeiten anzubieten. Zieht man dadurch nicht noch mehr Tauben aus der Umgebung an?

Malone: Ja, also, den ersten Taubenschlag habe ich in meinem Garten gebaut. Aber da sind Stadttauben als Felsenbrüter überhaupt nicht ansässig zu bekommen. Und ein Taubenschlag in einem öffentlichen Gebäude war ein Keller, der war schon gebaut und die Tauben hatten den bereits entdeckt durch eine zerbrochene Scheibe. Also gab es quasi bereits einen verschmutzten Taubenschlag, den wir nur übernehmen und reinigen mussten. Und Sinn der Sache war eben, die Tiere dort auch zu füttern, mit sauberem Wasser zu versorgen und zum Brüten zu animieren unter hygienischen Bedingungen und dann die Eier auszutauschen. Denn nur der Zugang zur Reproduktion regelt die Population nach unten.

Alles andere, jegliche Entnahmeformen, die versucht wurden jahrzehntelang in sämtlichen Städten Deutschlands, Vergiftungen, Abschüsse, Herumjagen mit Falken und so weiter, haben keine nachhaltige Reduktion gebracht, weil es ja auch klar ist, dass eine Beutetierpopulation sich durch Entnahmen sehr schnell wieder anpasst, und die ganzjährig brütende Stadttaube sowieso.

Scholl: Wir haben ja eben von der Strategie der Gipseier als Geburtenkontrolle schon gehört. Wie viele Junge muss man den Tauben denn zugestehen, damit sie die Methode nicht durchschauen und einfach woanders brüten?

Malone: Also, das ist unterschiedlich. Wir haben betreute Schläge, wo wir eigentlich kaum Küken zulassen. Wir bekommen genügend Küken aus den Brücken- und Sanierungsarbeiten, die wir den Tauben dann als Ammenpaare untersetzen, Stiefkinder sozusagen statt echte Küken. Damit verschwinden diese Küken nicht mehr auf obskuren Wege und die Tauben haben was zu tun, ohne dass man neue Tauben schlüpfen lässt. Das ist also in der Regel in der Stadt, wo es noch zu viele Tauben gibt, gar nicht nötig.

Scholl: Man muss sich ja auch noch mal vergegenwärtigen, Frau Malone, dass Tauben sieben mal im Jahr brüten!

Malone: Ja, anders als jeder Wildvogel wurde Tauben gezielt angezüchtet, sich ganzjährig zu vermehren, weil die Menschen ja auch ganzjährig Ertrag an Fleisch, Eiern und Federn haben wollten. Und deshalb kommen zwar immer nur zwei Eier und es schlüpfen maximal zwei Küken, aber das eben sieben mal im Jahr in Folge, auch im Winter, wenn es keine Nahrungsgrundlage für den Nachwuchs gibt.

Scholl: Kommen wir mal auf das schlechte Image der Taube zu sprechen, Frau Malone, Ratten der Lüfte nennt man sie ja und das klingt ja gemein. Damit wird oft auch der Verdacht ausgedrückt, Tauben seien Krankheitserreger und -übertrager. Ist da eigentlich etwas dran, sind Tauben gefährlich?

Malone: Ja, ich habe das sehr genau recherchiert als Tiermediziner, auch um Gefährdungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter abzuwenden, und finde keine reale Grundlage dafür, nach wie vor nicht. Auch Herr Dr. Kamphausen aus Essen hat nur 230 Fälle weltweit gefunden, die auch nur vermutet nachgewiesen, also noch nicht mal alle vollständig belegt sind, davon waren allein 68 durch eine falsch gewartete Klimaanlage. Das können Sie mal auf die Zahl der Menschen auf der Erde umrechnen, Sie bekommen kein nennenswertes Risiko und das Risiko ist wie bei jedem anderen Tier. Sie können sich von jedem Wirbeltier theoretisch eine Infektion holen, bei Tauben ist das eine sehr, sehr abstrakte Gefahr.

Scholl: Warum aber hassen anscheinend so viele Menschen die Stadttauben? Selbst unter Ornithologen genießen sie ja keinen sonderlich guten Ruf.

Malone: Ja, ich denke, die Berichterstattung, dass Tauben Krankheiten übertragen könnten, die fruchtet. Das ist aber bei Hunden, Katzen, Hausvögeln viel höher die Gefahr, das wird nur nicht in dem Maße darauf aufmerksam gemacht. Und meine These ist darüber hinaus: Wenn es schöne, bunte Vögel wären, die sich vielleicht auch nicht ganz so nervig verhalten würden, würden die Menschen sich gar nicht daran stören. Aber dadurch, dass sie alle grau, in Massen auftreten und Schmutz verursachen, sind sie uns sehr ähnlich und eine schöne Projektionsfläche, ist meine eigene These dazu.

Scholl: Also, ich bin ja so einer, der Tauben eigentlich ganz gern mag. Wenn ich im Park bin und ein Stückchen Brot dabei habe, dann kann ich einfach nicht widerstehen, den Tauben was zu geben. Ich finde sie niedlich und rührend, wenn sie so auf einen zuwackeln. Gleichzeitig denkt man als aufgeklärter Stadtbewohner: Nein, das solltest du nicht tun, es heißt immer, bloß nicht füttern. Was sagen Sie denn zu diesem Konflikt?

Malone: Also, in Berlin kommen Sie da zumindest nicht in gesetzliche Nöte. So alles weggepickt ist, verstoßen Sie gegen kein Fütterungsverbot, das haben wir hier nicht. Nach dem Straßenreinigungsgesetz muss aber alles weg sein, wenn Sie gehen, es darf nichts liegen bleiben. Ansonsten ist das wilde Füttern natürlich nicht so gut, weil die Tauben sich sehr schnell daran gewöhnen. Das heißt, die werden nicht nur Sie an der Jacke, sondern irgendwann auch Ihr Gesicht erkennen und vielleicht Ausschau halten, wenn Sie jeden Tag denselben Weg gehen und ...

Scholl: ... na, das ist doch schön ...

Malone: ... einfach auf ihr Futter warten. Und eigentlich, wenn man diese Verantwortung übernimmt, sollte man die 365 Tage im Jahr durchhalten und nicht ein Tier an Fütterung gewöhnen, um es dann im Stich zu lassen. Denn gerade die Tauben als Haustiere, als domestizierte Vögel, gewöhnen sich sehr schnell daran und suchen dann da auch immer wieder.

Scholl: Stichwort Haustiere: Woher kommen eigentlich diese vielen Tauben, war das früher in den Städten auch so?

Malone: Nein, das war früher eigentlich kein Problem. Aber Tauben wurden immer in menschlicher Nähe gehalten, beginnend mit den Türken, vor über 7000 Jahren domestiziert. Der Dünger, der Kot war sogar sehr begehrt als Dünger für die Felder, wurde auf die Felder aufgebracht und das Gemüse unter nicht heute hygienischen Bedingungen gegessen und niemand hatte Angst vor Krankheiten. Deshalb halte ich das eigentlich für eine moderne Phobie nach dem Zweiten Weltkrieg, die da entstanden ist, als die Tauben sich in den Kriegsruinen einnisten konnten und dadurch ideale Brutbedingungen vorfanden, dann auch die Nahrungsgrundlage durch die beginnende Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft und Imbissbuden und dergleichen. Und dann fand eine verwilderte Vermehrung statt eines Haustieres, das so nicht auf die Straße gehört.

Scholl: Noch mal zurück zu dem Füttern, Frau Malone: Wir haben vorhin im Beitrag gehört, als der Taubenwart sich bitter beklagt hat über die Stadtmutterln mit ihren Fütterungsstrategien. Ist es nicht gut, Tauben einfach Brot zu geben oder irgendwas anderes, weil das gesundheitsgefährdend ist für die Tauben, oder ... ?

Malone: Brot und Haferflocken sind generell nicht gut für Vögel, weil es verarbeitetes Getreide ist, im Magen quillt und aufweicht und verpampt. Wir bekommen auch Taubenküken mit völlig verklebten Kröpfen durch Haferflockenfütterung zum Beispiel. Und davon bleibt auch überwiegend was liegen, regnet nass und zieht die Ratten an. Und dann kommt das Gesundheitsamt und vergiftet die Ratten. Also, das zieht einen Rattenschwanz nach sich, der eigentlich von diesen Leuten auch nicht gewollt ist. Wenn man Vögel füttert, sollte man artgemäßes Futter verwenden, das sind bei Tauben Körner.

Scholl: Wie sollen wir also mit den Stadttauben umgehen? Sind die Strategien, von denen wir jetzt gehört haben, die Taubenhäuser, ist das wirklich ein probates Mittel, also auch für generell alle Städte? Wird man damit der Taubenplage Herr insofern, dass man also weniger Tauben produziert?

Malone: Also, es sieht ja so aus. Über 60 Städte, die mit betreuten Taubenschlägen begonnen haben, rücken nicht mehr davon ab, weil es offensichtlich erfolgreicher ist als alle bisherigen Maßnahmen. Die Holländer und Belgier haben sich das ebenfalls von uns in Deutschland abgeschaut, nur die Hauptstadt Berlin ist ein bisschen spät dran vor diesen Erfolgsgeschichten, finde ich.

Scholl: Die Tauben in der Stadt. Das war die Tierärztin Almut Malone zum Auftakt unserer Vogelwoche hier im Deutschlandradio Kultur. Herzlichen Dank für Ihren Besuch!

Malone: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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