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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 16.08.2013

"Bei Menschen ohne Freunde sollte eine Warnlampe angehen"

Die Jüdische Gemeinde in Oslo engagiert sich für eine tolerante Gesellschaft

Von Robert Fishman

Die norwegische Hauptstadt Oslo (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Die norwegische Hauptstadt Oslo (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Die Anschläge des Rechtsfanatikers Anders Behring Breivigk vor zwei Jahren haben die Juden in Norwegen erschüttert - auch wenn sie sich sonst relativ sicher fühlen. Die jüdische Gemeinde in Oslo will verhindern, dass so etwas noch einmal passiert.

Auf dem zentralen Friedhof in Oslo singen Mitglieder der jüdischen Gemeinde die norwegische Nationalhymne. Wie jedes Jahr am Nationalfeiertag versammeln sie sich am Grab von Henrik Wergeland. Ihm sei es zu verdanken, dass Artikel 2 aus der Verfassung von 1814 gestrichen wurde. Darin war bis 1851 festgeschrieben, dass Juden und Jesuiten nicht nach Norwegen einwandern dürfen.

Der große Andrang kam auch danach nicht. Heute leben in ganz Norwegen rund 850 Juden, die meisten von ihnen in der Hauptstadt Oslo und rund 120 in Trondheim.

Auf dem Friedhof hält eine junge Frau aus der jüdischen Gemeinde eine Ansprache. Die meisten Besucher haben sich zum Nationalfeiertag schick angezogen. Viele halten, wie andere Norweger auch, eine norwegische Fahne in der Hand. Ein junger Vater im dunklen Jacket lauscht, wie alle, still der Zeremonie. Seine Frau mit dem kleinen Kind auf dem Arm trägt eine traditionelle norwegische Tracht. Die kleine jüdische Familie fühlt sich norwegisch.

"Ich war immer ein glücklicher und stolzer Norweger und habe mich immer sicher gefühlt. Mit einer Ausnahme: Vor ein paar Jahren hat jemand auf die Synagoge geschossen. Aber das war mitten in der Nacht. Wir sind nicht naiv, wir denken nicht, dass gar nichts passieren kann. Wir haben unsere Vorsichtsmaßnahmen. Deshalb fühlen wir uns sicher",

sagt der 29-jährige Aleksander Nordgarden-Rödner. Die kleine Osloer Gemeinde versteht sich als orthodox, überlässt es aber ihren Mitgliedern, ob sie sich im Privatleben an die Regeln halten. So kommen auch am Schabbat viele mit dem Auto zum Gottesdienst und zum Kiddusch.

"Es gibt viele junge Juden in meinem Alter, und wir versuchen, im Kontakt zu bleiben. Und natürlich machen wir Sachen im Rahmen der Gemeinde. Nachdem wir Eltern geworden sind, haben wir unsere Kinder im jüdischen Kindergarten und es gibt eine jüdische Jugendorganisation, die am Wochenende Programme für die Kinder anbietet."

Der Gemeindevorsitzende Ervin Kohn, ein gebildeter, weltgewandter Mann, ist in Budapest geboren und aufgewachsen. Zum Nationalfeiertag ist er im dunklen Anzug mit Kippa und norwegischer Fahne auf den Friedhof gekommen:

"Wir hätten es gern, wenn mehr zum Schacharit am Morgen kämen. In 20 Jahren wollen wir eine lebendige, demokratische, liberale, orthodoxe Gemeinde sein, die für ihre Mitglieder wirklich wichtig ist. Wenn meine Enkelin, die bald geboren wird, in 20 Jahren in die Synagoge kommt und dann sagt, 'das ist nicht wichtig für mich', dann haben wir versagt."

Neben der Synagoge hat die Gemeinde einen eigenen Kindergarten und ein Altenheim.

"Norwegen ist als Land easy going, wo die meisten Leute sicher sind. Sogar die Juden. Aber wir haben auch Vorfälle erlebt. 2006 hat ein Moslem mit einigen anderen mit einer großkalibrige Waffen auf unsere Synagoge geschossen. Seitdem haben wir eine Sicherheitsschleuse und die Polizei bewacht uns. Auch im letzten Jahr gab es einige Drohungen. Im Gemeindezentrum haben wir auch einen Kindergarten. Und Eltern von Kindergartenkindern machen sich leicht Sorgen. Nebenan haben wir ein Altersheim und viele von den Bewohnern erinnern sich an den Krieg. Ihre Albträume kommen leicht wieder. Drohungen sind für uns kein Spaß, aber wir bekommen sie von Zeit zu Zeit."

Wichtig ist dem Gemeindevorsitzenden auch die Kommunikation nach außen. Die meisten Norweger wüssten wenig über das Judentum.

"Es gibt eine Reihe von 'unterkommunizierten Themen'. Eines ist, dass Norweger sich an der Deportation von Juden beteiligt haben. Inzwischen findet der 'norwegische Holocaust' mehr Beachtung. Die andere Seite: Ungefähr die Hälfte der jüdischen Bevölkerung ist von guten Norwegern gerettet worden. Auch diese Geschichte ist zu wenig kommuniziert."

Auch mit den muslimischen Gemeinden sucht Kohn den Austausch. Im Februar war er mit Vertretern der Kirche und der islamischen Gemeinschaft in Israel.

"Da haben wir erkannt, dass wir zunächst ein paar Schritte zurück gehen müssen. Das Thema Antisemitismus zum Beispiel. Was man im Dialog mit Juden nicht sagen sollte, beispielsweise, mussten wir der muslimischen Gemeinde beibringen. Die Vergleiche von Situationen in Israel und den besetzten Gebieten mit der Nazi-Zeit sind keine guten Vergleiche. Das ist antisemitisch."

Die meisten Muslime, die in Norwegen leben, stammen aus Pakistan. Sie wüssten, so Kohn, kaum etwas über den Holocaust und die Geschichte des Nahostkonflikts.

Den 22. Juli 2011, als der rechtsradikale Fanatiker Anders Behring Breivik eine Bombe im Osloer Regierungsviertel legte und auf der Insel Utoya 77 Jugendliche erschoss, nennt Ervin Kohn Norwegens 11. September.

"Sofort nachdem wir erkannt haben, dass es sich um einen weißen norwegischen Mann handelte, von norwegischer Herkunft, hier mit christlichem Hintergrund geboren und aufgewachsen, der zu den gleichen Schulen ging, wie jeder andere auch; zur gleichen Schule, auf die ich auch gegangen bin, da hörten die Fragen auf. Viele wollten ihn für verrückt erklären. Die Diskussion, ob er geisteskrank war oder nicht, wäre nicht dieselbe gewesen, wenn der Übeltäter ein Moslem gewesen wäre. Wie konnte es passieren, dass wir einen Extremisten wie diesen ausgebrütet haben? Was hätten wir als Gesellschaft anders machen müssen, um das zu verhindern?"

Kohns Antwort:

"Wie soll man jemanden daran hindern, so ein Monster zu werden? Nähe, sicher zu stellen, dass keiner allein ist, dass jeder zumindest einen Freund hat. Wenn wir also aufeinander aufpassen, und feststellen, dass Menschen allein sind, ohne Freunde, dann sollte eine Warnlampe angehen - und wir sollten füreinander da sein."

Anfangen will er damit in der Gemeinde:

"Wir kümmern uns umeinander, zuerst um unsere Kinder. Es ist also nicht nur: ja, du hast deine Kinder, sondern, wir haben sie auch. Rabbi Akiva zum Beispiel hätte gesagt: Du sollst deinen Nächsten wie dich selbst lieben. Das Gebot, einander zu lieben, ist also das wichtigste. Rabbi Hillel würde etwas Ähnliches sagen, die Goldene Regel, du solltest anderen nichts antun, was du nicht wolltest, das andere dir antäten. Das wichtigste Gebet, das wir haben ist das Schma Israel. Unmittelbar danach muss man seine Kinder unterrichten, erziehen, wo immer man hingeht, zu Hause, auf Reisen, am Abend, am Morgen. Die wichtigste Sache im Judentum ist also die Ausbildung, und das ist nicht nur die Verantwortung der Eltern, sondern die der Gemeinde."


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