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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.09.2013

Bei Energiewende "fehlt es an Richtung"

Unternehmer-Klimainitiative kritisiert Versäumnisse der Bundesregierung

Max Schön im Gespräch mit Gabi Wuttke

Die Energiewende betrifft nicht nur die Stromproduktion, erklärt Max Schön. (AP)
Die Energiewende betrifft nicht nur die Stromproduktion, erklärt Max Schön. (AP)

Die Uneinigkeit der Bundesregierung bei der Energiepolitik habe Konsequenzen für den Klimaschutz, sagt Max Schön. Der Vorstand der Unternehmer-Klimainitiative Stiftung 2º fordert einen "nationalen Konsens", um die Ziele beim Drosseln der Erderwärmung zu erreichen.

Gabi Wuttke: Wir kommen an unsere Grenzen, an die Fördergrenzen nicht erneuerbarer Ressourcen – nicht heute, nicht morgen, aber übermorgen –, während der Schaden für die Umwelt weiter rasant zunimmt. Der Club of Rome hat das im Sommer in einer Studie noch mal auf den Punkt gebracht. Schon seit vielen Jahren ist Max Schön engagierter Umweltschützer und erfolgreicher Unternehmer, wie die Gründer der Organisation, deren Vollversammlung heute in Ottawa beginnt. Der Präsident des Club of Rome Deutschland und Vorstand der Stiftung 2° ist jetzt am Telefon. Einen guten Morgen, Max Schön!

Max Schön: Guten Morgen, Frau Wuttke!

Wuttke: Im Juli vor einem Jahr haben Sie noch Geduld gezeigt, dass die Energiewende in Deutschland nicht wirklich vorankommt, und jetzt, zweieinhalb Jahre nach Fukushima, wenige Tage vor der Bundestagswahl?

Schön: Jetzt wird die Ungeduld doch ziemlich groß, denn was wir nach wie vor nicht haben, ist jemand, der verantwortlich ist. Und das ist für den Wähler, für den Bürger einfach nicht zu durchschauen, und die Sache verliert dadurch ganz erheblich an emotionaler Unterstützung in der Bevölkerung.

Wuttke: Und was sagen Sie als Unternehmer und Mitglied des Rats für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung?

Schön: Für die Unternehmen gibt es auch eine Riesenschwierigkeit, wenn wir nicht wissen, wo wir hin wollen. Das wirkt sich darin aus, dass im Moment eben ganz wenig in Sachen Kraftwerksbau passiert, aber auch in vielen gewerblichen Investitionen. Da könnte viel mehr wirtschaftlich los sein bei uns, als es jetzt ist.

Wuttke: Was ist Ihre Meinung: Hat die Bundesregierung die Energiewende von Anfang an falsch vermarktet, oder tut sie eben gut daran, dass sie alles so kleinredet?

"Wir verspielen einfach gutes Kapital, viel Wohlwollen"

Schön: Also das Thema taucht im Wahlkampf schon auf, aber alle Welt spricht über den Strom – das ist schade. Denn grundsätzlich bedeutet eine Energiewende ja, wenn sie denn Sinn machen soll, dass wir massiv unseren Beitrag zur Klimaerwärmung reduzieren. Und dann betrifft es eben alle energetischen Vorgänge: Das Heizen, das Kühlen, natürlich auch Licht und Strom, aber auch das Autofahren, auch unsere Infrastruktur, wie bewegen wir uns, was für Kleidung tragen wir und wie ernähren wir uns. Und all diese Dinge gehören in eine Energiewende, die den Namen verdient, mit hinein.

Und da erleben wir, dass die einzelnen Ressorts, so wie es Ressorts halt üblicherweise machen, jeder seine einzelne Strategie fährt, aber es fehlt daran, dass es zusammengebunden wird. Und dazu brauchen wir auch einen, ja, ich sag mal, einen nationalen Konsens. Also das, was damals die Ethikkommission unter Töpfer beim Atomausstieg eingefordert hat. Eine nationale Debatte darüber, wie soll unser Staat am Ende der Energiewende aussehen. Das wird jetzt mühselig nachgeholt. Das wäre besser moderiert, dass man innerhalb von zwei Jahren die Energiewende nicht schaffen kann, das, denke ich, ist allen klar. Aber wir verspielen einfach gutes Kapital, viel Wohlwollen dadurch, dass wir es nicht schaffen, gemeinschaftliche Ziele zusammen zu verabreden und dann auch umzusetzen.

Wuttke: Sie hätten es ja gerne, dass die Energiewende den Verbrauchern Spaß macht. Wie stellen Sie sich das vor?

Schön: Es gibt unheimlich viele Initiativen, in der Wirtschaft wie auch bei Privaten, die zeigen, dass Energiewende eigentlich eine richtig tolle Sache ist. Im Privatbereich haben sich, glaube ich, im letzten Jahr einige Hundert Energiegenossenschaften gegründet, und das Gleiche passiert auch bei vielen Unternehmen. Ich erlebe es in der Stiftung 2°, da gibt es zum Beispiel ein Unternehmen Schüco, das trotz schwieriger weltwirtschaftlicher Verhältnisse sagt, wir stellen um auf Ökostrom. Und siehe da, es kostet gerade mal 1,3 Prozent mehr. Das ist nicht nichts, aber es ist eben machbar. Oder andere entwerfen eine Kollektion von Sportkleidung, die man, wenn man sie am Ende der Nutzungsdauer nicht zurückgibt in den Laden, einfach auf den Kompost legen kann, um zu zeigen: Guck mal, du kannst es in den großen Kreislauf der Natur zurückgeben. Und Deutschland schafft es mittlerweile zum Beispiel, 50 Prozent aller hauswirtschaftlichen Abfälle wieder in die Produktion zu bringen.

Das heißt, so ein großes Ding wie die Kreislaufwirtschaft haben wir schon zur Hälfte realisiert, und ich glaube, das Kreislaufwirtschaftsgesetz stammt irgendwie aus Mitte der 90er-Jahre. Innerhalb von 20 Jahren ist es also gelungen, die Hälfte unseres Wirtschaftens, unseres stofflichen Wirtschaftens tatsächlich im Kreislauf zu fahren. Und das, was ich nicht so gut verstehe, ist, warum wir dieses Zutrauen bei all dem, was wir in der Vergangenheit schon geschafft haben, nicht in die Zukunft übersetzen und sagen, gut, dann machen wir ganz gezielt weiter so. Und dann werden wir es auch schaffen, im Jahr 2050 90 Prozent weniger CO2 zu haben. Das ist machbar.

Wuttke: Könnte es an der Skepsis in der Gesellschaft liegen, dass Unternehmer die Energiewende vor allem als Mittel zum Zweck des Profits verstehen, wird da auch etwas nicht ordentlich kommuniziert?

"Nicht warten "bis tatsächlich Klimawandel kommt""

Schön: Dass ein Unternehmen Veränderungen in der Gesellschaft, in der Wirtschaft dazu ausnutzt, trotzdem hinterher Geld zu verdienen, ist ja auch sehr nachhaltig. Also ein Versuch von einem Unternehmen, ohne Gewinne auszukommen, ist das Unnachhaltigste, was man machen kann, man geht nämlich dann ökonomisch pleite. Also insofern finde ich das ganz gut, wenn es neue Produkte gibt, wenn es neue Energiesparvorschläge gibt, neue Kühlschränke, neue Mobilitätsangebote. Das ist eigentlich super, und je mehr Geld damit verdient werden kann, umso schneller würde es gehen. Das finde ich eigentlich nicht verwerflich. Schade finde ich, dass das Ganze so groß diskutiert wird, als sei es ökonomisch nicht machbar.

Also der "Stern Report" hat damals ja errechnet, dass wir ein Prozent des Bruttosozialproduktes anders ausgeben müssen – ich sag gar nicht mal mehr ausgeben müssten –, um einen gefährlichen Klimawandel über die Zwei-Grad-Grenze hinaus zu vermeiden. Also die Umsteuerung, die wir jetzt vornehmen könnten in der Zeit, ist viel, viel geringer, als wenn wir warten, bis tatsächlich Klimawandel kommt. Denn dann müssten wir damit rechnen, dass wir drei, vier, fünf Prozent in Deutschland – in einigen Ländern auf der Welt sind es sogar zehn, 15 Prozent – unseres Wohlstands verlieren, weil wir Reparaturmaßnahmen bezahlen. Das vermindert alles die Wohlfahrt.

Wuttke: Hat die Bundesregierung nicht verstanden, welches Pfund da ist, mit dem es gilt zu wuchern?

Schön: Die Bundesregierung ist da ja leider nicht mit einer Stimme am Arbeiten. Es gibt ja einige, die das sehr wohl erkannt haben und sehr progressiv sind, und andere, die aus ganz anderen Motiven auf dem Bremspedal sitzen. Wenn ich dann Argumente höre wie, da wollen wir jetzt nicht eingreifen, das soll der Markt regeln, dann kann ich das als Unternehmer, als Ökonom gut verstehen, solange die Marktregel dann aber sinnvoll gesetzt wird. Im Moment fehlt es an Richtung, und dann muss man diese Richtungssignale geben. Und dann anschließend kann man wieder sagen, okay, jetzt lassen wir locker, und innerhalb dieser neuen Richtung, da möge es dann wieder im Markt mit Angebot der Nachfrage gehen. Aber diese neuen Regeln, die haben wir noch nicht gesetzt, aber da sind eben die Kräfte wirklich unterschiedlich am Wirken innerhalb der Regierung. Deswegen kann man nicht sagen, die Regierung, es sind wirklich unterschiedliche Interessen – wie es in Koalitionen leider häufig der Fall ist.

Wuttke: Aber das hieße ja, es wird sich nie was ändern?

Schön: Ja, aber ich glaube, wenn man sich gemeinschaftlich das Ziel setzt, wirklich messbar, nachvollziehbar innerhalb von zehn, von 20 und von 30 Jahren in den und den Schritten Klimawandel zu vermeiden, indem man CO2 oder Treibhausgase insgesamt reduziert, dann kann man seine Maßnahmen nachher daran messen lassen. Und jetzt geht es erst mal auch wirklich darum, Ziele für 2020, 2030, 2040 zu formulieren. Viel zu viele verlassen sich darauf, dass man sagt, na, in den letzten zehn Jahren werden wir’s richten. Wenn wir zum Beispiel aber den Gebäudesektor nehmen, also sowohl das Haus der Familie als auch gewerbliche Immobilien mit Mietwohnungen oder Gewerbehallen, dann müssen wir jetzt eigentlich ab sofort anders bauen, damit wir dann in 40 Jahren auch einen Immobilienbestand in Deutschland haben, der nahezu CO2-neutral ist. Und das ist eine Aufgabe, die liegt jetzt an und die kann man eben nicht verschieben mit irgendwelchen grundsätzlichen ordnungspolitischen Debatten. Ich denke, eine Koalition könnte so was nach der Bundestagswahl wirklich vereinbaren, aufs Papier bringen und umsetzen.

Wuttke: Sagt Max Schön, den ich jetzt nicht frage, was er am Sonntag wählen wird, Vorstand der Stiftung 2°, Präsident der deutschen Filiale des Club of Rome und nebenher auch Unternehmer. Ich danke Ihnen sehr, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Schön: Auf Wiederhören!

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