Seit 23:05 Uhr Fazit
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 23:05 Uhr Fazit
 
 

Thema / Archiv | Beitrag vom 09.05.2012

"Bei den Gänsen geht es sehr bunt zu"

Die Verhaltensforscherin Brigitte Weiß über Homosexualität in der Tierwelt

Brigitte Weiß im Gespräch mit Joachim Scholl

Die Hälfte aller Männchen gehe eine Bindung mit einem anderen Männchen ein, so Weiß. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)
Die Hälfte aller Männchen gehe eine Bindung mit einem anderen Männchen ein, so Weiß. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)

Neben den klassischen Männchen-Weibchen-Paaren gebe es bei Gänsen auch häufig Männchen, die sich miteinander verpaaren, erklärt Brigitte Weiß, Tierverhaltensforscherin an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle. Beim Großteil der Männchenpaare scheine es sich aber um eine Zweckehe zu handeln.

Joachim Scholl: Homosexualität galt lange als widernatürlich. Dass dies mitnichten der Fall ist, zeigen zahlreiche Beobachtungen aus der Natur, aus der Tierwelt. Und auch bei Vögeln ist gleichgeschlechtliche Paarbildung keine Seltenheit. Bei uns im Studio ist jetzt die Tierverhaltensforscherin Brigitte Weiß. Willkommen zu unserer Vogelschau im Deutschlandradio Kultur!

Brigitte Weiß: Hallo!

Scholl: Ja, die Tiere halten sich nicht ans Lehrbuch, sagt Joachim Schöne, der Tierarzt vom Bremerhavener Zoo. Sie, Frau Weiß, Sie arbeiten seit 20 Jahren an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Berlin-Grünau mit Gänsen, der immer gleichen Gruppe. Haben Sie auch schon festgestellt, dass die sich nicht ans Lehrbuch halten?

Weiß: Ja, also bei den Gänsen geht es auch sehr bunt zu. Wir haben neben den klassischen Männchen-Weibchen-Paaren auch häufig einfach zwei Männchen, die sich miteinander verpaaren, und das in den verschiedensten Varianten: Indem sie vorher mit Weibchen verpaart waren, oder sich, nachdem sie mal mit einem Männchen verpaart waren, wieder mit Weibchen verpaaren, bunt durcheinander mischen oder auch einfach - es gibt auch Männchen dabei, die ihr ganzes Leben lang sich einfach nur mit anderen Männchen verpaaren.

Scholl: Wie oft kommt das vor? Ist das eine Ausnahmeerscheinung oder doch häufiger der Fall?

Weiß: Nein, das kommt schon regelmäßig vor. Also insgesamt ist ungefähr die Hälfte aller Männchen geht irgendwann in ihrem Leben auch eine Paarbindung mit einem anderen Männchen ein. Der Großteil derer verpaart sich auch irgendwann mal mit einem Weibchen, aber es sind schon so zehn, 15 Prozent der Männchen, die sich wirklich nur mit anderen Männchen verpaaren.

Scholl: Gibt es eine Erklärung, warum die sozusagen einmal in diese Richtung wählen und dann in die andere? Also die Ganter sind ja jetzt nicht aus Not beisammen, weil es zu wenig Weibchen gibt.

Weiß: Das ist zum Teil schon ein Grund, das ist so, dass gerade bei Wasservögeln wie den Gänsen einfach die Weibchen am Nest sehr gefährdet sind, vom Fuchs oder dergleichen gefressen zu werden. Dadurch verschwinden erwachsene Weibchen recht häufig, und es sind dann - also in unserer Schar ist das so, dass wir stetig einen mehr oder weniger großen Männchenüberschuss haben.

Und wir wissen, dass das sich mit anderen Männchen Verpaaren auch damit zusammenhängt. Also zu Zeiten, wo wir besonders großen Männchenüberschuss haben, haben wir auch mehr von diesen Ganterpaaren, also von diesen Paaren, wo sich zwei Männchen zusammentun. Aber das kommt auch vor, wenn wir ein nahezu ausgeglichenes Geschlechtsverhältnis haben.

Also selbst dann tun sich manchmal Männchen mit anderen Männchen zusammen. Beim Großteil der Männchenpaare scheint es aber eher eine Zweckehe zu sein, also da ist es dann so, dass sich Ganter, die ihr Weibchen verloren haben und nicht sofort wieder ein neues Weibchen bekommen, sich dann mehr oder weniger lang mit einem anderen Männchen zusammentun.

Scholl: Wie sieht denn deren Sexualleben dann aus? Haben die richtig Sex miteinander?

Weiß: Das kommt schon vor, aber die Gänse sind ja über mehrere Jahre hinweg fest zusammen, und Sexualleben in dem Sinn spielt immer nur in einem kurzen Zeitraum im Frühjahr eine Rolle. Da ist es so, dass durchaus auch Männchenpaare Sex haben, kommt allerdings seltener vor als bei den Männchen-Weibchen-Paaren.

Scholl: Nun fragt sich der biologische Laie, Frau Weiß, was hat die Natur denn davon, die doch immer auf Reproduktion, Arterhaltung, Artvermehrung aus ist? Gibt es einen evolutionären Nutzen durch Homosexualität?

Weiß: Bei den Gänsen ist es so, dass einen Sozialpartner zu haben, extrem wichtig ist. Eine einzelne Gans, die keinen Partner hat, ist in einer Gänseschar quasi der Loser, also die ist ganz niedrig in der Rangordnung, die hat Schwierigkeiten, an gute Futterstellen ranzukommen, an sicheren Plätzen ruhen zu können, und auch Weibchen zu erobern.

Das heißt, es ist in erster Linie erst mal wichtig, einen Partner zu haben, und da ist es besser, irgendeinen Partner zu haben, als allein in der Schar zu sein, weil dadurch hat man zum einen einfach durch die Bindung reduzierten Stress, also die Stresshormone sind reduziert, wenn man einen Sozialpartner hat, egal ob das jetzt ein Männchen oder ein Weibchen ist, und dann kann der Partner einem natürlich auch bei Interaktionen helfen.

Der kann einen wirklich dabei helfen, um gutes Futter zu kämpfen, um an einem guten Platz zu liegen. Das heißt, in erster Linie bringt das den Tieren mal was im Sinne von besser zu überleben, also bessere Überlebenschancen zu haben, und dann, wenn wieder eine Gelegenheit kommt, sich vielleicht mit einem Weibchen fortzupflanzen, dann auch in besserer Verfassung zu sein.

Scholl: Das heißt, es hat für die Vögel richtiggehend Vorteile, homosexuell zu sein?

Weiß: Das hat es, also gerade so bei diesen Zweckehen auf jeden Fall. Es ist natürlich die Frage, warum manche Ganter sich ihr ganzes Leben lang nie mit einem Weibchen verpaaren. Aber selbst die können ja trotzdem reproduktiv erfolgreich sein, weil die - wenn der Sozialpartner das Männchen ist - trotzdem noch mit einem Weibchen Sex haben können.

Scholl: Wir haben ja, Frau Weiß, Gott sei Dank eine gesellschaftliche Entwicklung, die Homosexualität bei Menschen toleriert und die Diskriminierung auch verbietet. Wie ist das eigentlich, wenn Sie von Ihren homosexuellen Gänsen erzählen?

Ich frage das mit einer inzwischen sogar schon berühmten Geschichte im Hinterkopf: Im Zoo von Jerusalem trug es sich zu, dass zwei homosexuelle Geier, die voneinander nicht lassen konnten, richtig das Opfer einer Kampagne wurden. Man schob ihnen ein Ei unter, sie haben es bebrütet, das Junge dann liebevoll aufgezogen - unter wütendem Protest von ultraorthodoxen Rabbinern. Haben Sie auch schon solche Ressentiments erlebt?

Weiß: Nein, da muss ich sagen, bei den Gänsen ist das einfach - es ist normal, es gehört einfach auch zum Repertoire mit dazu.

Scholl: Und aber so eine wissenschaftliche Erklärung dafür - ich meine, Sie arbeiten seit 20 Jahren mit der gleichen Gänsegruppe - gibt es noch nicht in dieser Form?

Weiß: Es sind wahrscheinlich verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen. Es sind eben diese unmittelbaren Sachen, dass man in erster Linie mal am Leben bleiben muss, in guter Verfassung bleiben muss. Und dann eben ist es auch eine Möglichkeit, sich fortzupflanzen.

Das ist ja auch so, dass ein Tier, das jetzt eine Fortpflanzungsvariante wählt, die auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich erfolgsversprechend aussieht, dass dieses Tier in einer anderen Variante, also zum Beispiel ein Männchen, das sich dann mit einem Weibchen verpaart, dass es dann erfolgreicher wäre.

Weil auch die heterosexuellen Paare, die Männchen-Weibchen-Paare, sind nicht unbedingt erfolgreich. Es ist sogar so, dass ein großer Anteil auch dieser Paare es nie schafft in ihrem Leben, erfolgreich Junge aufzuziehen.

Scholl: Homosexualität unter Vögeln - das war die Tierverhaltensforscherin Brigitte Weiß. Herzlichen Dank für Ihren Besuch und das Gespräch, Frau Weiß! Und schon in dieser Stunde geht unsere Vogelschau weiter hier im Deutschlandradio Kultur: Um fünf vor drei gehen wir ins Krankenhaus, in eine Klinik für Mauersegler im hessischen Griesheim. Und nicht vergessen: Um viertel vor vier sind Sie, unsere Hörer, dann wieder aufgerufen, Ihre Fragen zu stellen, dann wird ihnen wieder ein Experte vom Naturschutzbund Deutschland Rede und Antwort stehen in unserer Debatte unter der Telefonnummer 00 800 22 54 22 54.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Da fliegen sie wieder!
Die Große Vogelschau im Deutschlandradio Kultur vom 7.-12. Mai

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Da fliegen sie wieder!

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur