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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.02.2013

"Bei allem, was bekannt ist, ist Gorleben nicht auszuschließen"

Vize-Chef der Entsorgungskommission wartet auf politische Entscheidung

Transportbehälter mit hoch radioaktiven Abfällen, darunter auch Castor-Behälter, stehen in Gorleben im Transportbehälterlager.
Transportbehälter mit hoch radioaktiven Abfällen, darunter auch Castor-Behälter, stehen in Gorleben im Transportbehälterlager. (AP)

Gorleben sei aus fachlicher Sicht ein geeigneter Standort zur Endlagerung, meint Thomas Fanghänel, stellvertretender Vorsitzender der Entsorgungskommission. Allerdings wolle er einem Endergebnis nicht vorgreifen, da dies eine Erkundung erfordere und die Standortsuche ergebnisoffen sei.

Ute Welty: Das ist irgendwie blöd gelaufen: Rot-Grün in Berlin hatte sich schon in groben Zügen mit der Bundesregierung verständigt, wie man denn weiterkommt in Sachen Endlagersuche, und jetzt kommt Rot-Grün in Niedersachsen und sagt, Endlagersuche ja, aber nur ohne Gorleben. Davon war bislang nicht die Rede, und das wirft die Verhandlungen auch um ein Jahr zurück. Dabei läuft die Zeit: Bis 2015 muss Deutschland wie die anderen EU-Mitgliedsstaaten auch über ein nationales Programm für ein Endlager verfügen – mit Angaben über Bauumsetzung und Kosten.

Da kann und muss die Bundesregierung auf Expertise hoffen, unter anderem von der Entsorgungskommission. Deren stellvertretender Leiter Thomas Fanghänel, den habe ich gefragt, und welche Entscheidung über Gorleben ist denn nun die fachlich richtige? Die auf Bundesebene getroffen wird oder die aus Niedersachsen?

Thomas Fanghänel: Ja, also ich glaube, dass die fachliche Entscheidung ganz klar so sein müsste, dass nichts gegen Gorleben spricht, also alle Dinge, die bisher bekannt wurden von Gorleben, zeigen, dass das ein geeigneter Endlagerstandort wäre. Insofern ist die Diskussion, die in den letzten Monaten stattgefunden hat, dass man sich also für einen Konsens entschieden hat und ein ergebnisoffenes Endlagersuchkonzept-Gesetz verabschieden möchte, wahrscheinlich der richtige Weg.

Welty: Jetzt ist die Lage aber zwischen Bund und Land, sprich, zwischen Bund und Niedersachsen doch einigermaßen festgefahren. Was können Sie als Entsorgungskommission tun, um wieder Schwung in die Sache zu bringen?

Fanghänel: Wir können da relativ wenig tun, denn Sie haben es ja eingangs schon gesagt, das ist eine rein politische Entscheidung. Also fachlich ist das sicherlich nicht begründet, und die Entsorgungskommission ist ja ein fachliches Beratungsgremium. Also wir können natürlich jederzeit unsere Meinung äußern bezüglich einer Eignung von Gorleben, wir können Sicherheitsfragen analysieren et cetera, aber wir können natürlich uns nicht einmischen in politische Entscheidungen.

Welty: Welche Voraussetzungen muss ein Standort überhaupt mit sich bringen, um als Endlager infrage zu kommen?

Fanghänel: Also das Wichtigste ist, dass er die radioaktiven Abfälle – wir sprechen ja hier von hochradioaktiven Abfällen – für eine sehr lange Zeit sicher isolieren kann von der Biosphäre. Das ist die Grundanforderung. Wenn wir über sehr lange Zeit sprechen, dann sprechen wir hier über einen Zeitraum von einer Million Jahren.

Welty: Das schreibt auch die EU-Richtlinie vor?

Fanghänel: Das schreibt die EU-Richtlinie vor, aber das ergibt sich auch aus der Radiotoxizität des eingelagerten Abfalls. Wenn Sie sich anschauen, wie lang die Radiotoxizitätskurve braucht von abgebranntem Brennstoff, bis sie den Wert erreicht von Natururan zum Beispiel, dann vergehen da 170.000 Jahre. Insofern sind die eine Million Jahre wohl gerechtfertigt.

Welty: Also bis die Radioaktivität nicht mehr giftig ist.

Fanghänel: Ja, bis sie so weit abgeklungen ist, dass sie so was wie das, was wir in der Natur vorfinden, ergibt. Ja, dazu brauchen sie eben einen sehr langen Zeitraum. Insofern ist die Million Jahre schon gerechtfertigt, und Sie müssen halt einen Standort wählen, eine geologische Formation, die Ihnen das gewährleistet, dass sie diese radioaktiven Abfälle über sehr lange Zeiträume isolieren können von der Biosphäre. Und da kommen international im Prinzip drei wesentliche Gesteinsformationen infrage, das ist zum einen das Salz, das sind Tongesteine, und in manchen Ländern werden auch Hartgesteine, zum Beispiel Granit, betrachtet.

Welty: Und wenn man das alles zusammennimmt, dann heißt das für Gorleben Ihrer Einschätzung nach: geeignet.

Fanghänel: Nach allem, was bis jetzt bekannt ist. Natürlich kann man dem Endergebnis nicht vorgreifen. Das erfordert natürlich eine Erkundung, es erfordert eine dezidierte Untersuchung des Standorts, ich sage nur noch, bei allem, was bekannt ist bisher, ist Gorleben nicht auszuschließen. Ich kann nicht heute das Ergebnis vorwegnehmen, das wäre auch völlig falsch. Wir wollen ja eine ergebnisoffene Standortsuche, dann wäre es völlig verkehrt, jetzt das Ergebnis vorwegnehmen zu wollen, das kann auch keiner. Man muss den Standort erkunden, und dann kann man eine Aussage machen. Aber das kann man mit anderen Standorten genau so machen, das war ja vorgesehen in dem jetzt eigentlich anstehenden Endlagersuchgesetz.

Welty: In Gorleben hat die Erkundung bisher 1,6 Milliarden Euro gekostet. Reicht das nicht, um ein sicheres Ergebnis zu haben?

Fanghänel: Ja, das wäre sicherlich eine sicherlich große, ausreichende Menge Geld, die da schon eingesetzt ist, man muss natürlich ja auch berücksichtigen, dass das über sehr lange Zeiträume gelaufen ist mit vielen, ich sage mal, Aufs und Abs, man hätte es sicherlich auch ein bisschen billiger machen können. Aber ich denke, die Finanzen sind ja nicht das Primäre, das Primäre ist natürlich die Sicherheit.

Welty: Welche anderen Standorte würden Sie noch für sicher halten?

Fanghänel: Ich kann keine dezidierte Standortaussage machen. Man kann natürlich schon sagen, es gibt da eine Landkarte in Deutschland, wo die BGR, also dieses Bundesamt für Geowissenschaften ja schon mal potenzielle Gebiete ausgewählt hat, die man sich näher anschauen müsste. Da gibt es weitere in Norddeutschland, es gibt sicherlich auch in Süddeutschland Standorte, die da potenziell in Frage kommen könnten.

Welty: Wie gesagt, bis 2015 muss ein nationales Programm her für ein Endlager. Wie viel Zeit erlauben die heutigen Zwischenlager denn für die Fertigstellung?

Fanghänel: Ja, es ist also so, dass 2015 das Programm da sein muss. Das heißt nicht, dass da ein Endlager da sein wird. Es wird kein Land bis 2015 ein Endlager für radioaktive Abfälle fertig haben, bereit haben zur Einlagerung. Die ersten werden so vielleicht um 2020 fertig sein. Wie lange die Zwischenlager – die Zwischenlager sind so in der Größenordnung 30 bis 40 Jahre genehmigt. Es sind natürlich die meisten schon über zehn Jahre in Betrieb, kann man sich jetzt leicht selbst ausrechnen, wie lange die noch betrieben werden können, das bedeutet nicht, dass wenn die Genehmigung ausläuft, dass man die nicht auch verlängern kann, aber es ist ganz klar, dass die Langzeitzwischenlagerung oder die dauerhafte Zwischenlagerung oberirdisch natürlich überhaupt keine Lösung ist.

Welty: In anderen Staaten scheinen die Schwierigkeiten ja ähnlich groß, wäre es da nicht wirklich sinnvoller, man sucht sich irgendwo eine einsame Insel, die für allen Atommüll groß genug ist?

Fanghänel: Das würde ich keinesfalls unterstützen, denn ich glaube, man sollte es schon dort entsorgen, wo man es produziert hat, insbesondere wenn es dafür auch technische Lösungen gibt. Man muss ja immer sehen, dass die Schwierigkeiten bisher ja nicht technisch begründet sind, sondern die Schwierigkeiten sind rein politisch oder gesellschaftspolitisch begründet.

Welty: Wann rechnen Sie mit einem Endlager in Deutschland?

Fanghänel: Da kann man keine Prognose abgeben, ich würde das nicht wagen. Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, hätte ich Ihnen gesagt, ja, gut, bis 2025 bis 2030 haben wir sicherlich ein Endlager für hochaktive Abfälle. Heute würde ich da keine Prognose mehr abgeben.

Welty: Und Sie stellen auch keine Prognose, ob das Endlager dann in Gorleben steht oder nicht?

Fanghänel: Keinesfalls. Das kann man nicht machen, das wäre aber wie gesagt auch falsch, heute so eine Prognose abzugeben, wenn man sich zu dieser ergebnisoffenen Erkundung oder Standortauswahl bekennt. Was natürlich falsch wäre aus meiner Sicht, ist, wenn heute eben Gorleben dort aus diesem Prozess herausnehmen würde. Dann machte man ja kein ergebnisoffenes Verfahren, sondern man nimmt ja schon ein Ergebnis weg und sagt, Gorleben ist nicht geeignet und steht nicht zur Verfügung. Das ist mit Sicherheit eine falsche Entscheidung aus meiner Sicht, aber heute schon vorwegzunehmen, was geeignet ist und was nicht geeignet ist, das wäre auch nicht gerechtfertigt.

Welty: Gorleben oder nicht Gorleben, zu dieser Gretchenfrage Thomas Fanghänel, Vize der Entsorgungskommission. Ich danke sehr fürs Gespräch.

Fanghänel: Ja, gerne.


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