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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 25.10.2015

Behinderte im Spitzensport Handicap kein Hindernis?

Von Thomas Jaedicke

David Behre beim 200-Meter-Lauf während der Paralympics in London. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
David Behre beim 200-Meter-Lauf während der Paralympics in London. An diesem Wochenende trat er bei der WM in Katar an. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Erfolgreiche Sportler können es in der Gesellschaft weit bringen. Viele Topathleten verdienen gut und genießen hohes Ansehen. Der exklusive Leistungsgedanke schließt Athleten mit Handicaps allerdings aus. Könnten neue Regeln größere Gerechtigkeit bringen?

David Behre: "Ich hatte 2007 einen Unfall. Und zwar bin ich mit dem Fahrrad gefahren, wollte über einen Bahnübergang fahren, die Schranken hätten zu sein müssen, waren aber auf."

David Behre kann sich genau erinnern. Klar und nüchtern erzählt er von diesem fürchterlichen Unfall, der sein Leben vor acht Jahren - von einem Tag auf den anderen - komplett veränderte.

David Behre: "Und ich bin gerade drübergefahren, da kam vom ersten Gleis ein Zug, von rechts, der hat mich erwischt. Ich hing wohl am Zug, wurde mitgeschliffen und hatte dann keine Kraft mehr. Nach 100 Metern ist dann das rechte Bein abgefahren worden, 20 Meter weiter das linke ... .Und ja ... .so habe ich meine Unterschenkel verloren."

Jetzt ist David Behre 28 Jahre alt. Weil er seit dem Unfall keine Unterschenkel mehr hat, läuft er auf Prothesen. Fünf Tage nach dem Unglück hat David Behre, noch im Krankenhaus, einen Fernsehbeitrag gesehen.

(Nic Bothma / picture alliance / dpa)Oscar Pistorius (Bild: Nic Bothma / picture alliance / dpa) (Nic Bothma / picture alliance / dpa)

David Behre: "Da ging es um Oscar Pistorius, ob er bei den Paralym ... bei den Olympischen Spielen in Peking starten darf oder nicht. Und in diesem Beitrag war zu sehen, dass er nichtbehinderte Läufer schlägt, mit seinen Prothesen. Und ab diesem Moment habe ich gesagt: Ach! Guck mal, so was gibt´s! Das will ich auch! Also stand ab diesem Moment schon fest, dass ich Leichtathlet werde."

David Behre ist Sprinter geworden; genauso ein Blade Runner wie Oscar Pistorius, sein großes sportliches Vorbild.

Reportage-Ausschnitt:
"Oscar Pistorius kommt jetzt auf die Zielgerade und jetzt gibt er noch mal richtig Gas ... .Auf den Geraden, während die anderen ermüden, ist bei ihm der Ermüdungsfaktor nicht so groß. Jetzt läuft er ziemlich rund. Und er läuft ins Ziel als Dritter! Und ist damit eine Runde weiter."

Wie der Südafrikaner läuft auch Behre am liebsten 400 Meter, die härteste aller Sprintstrecken. 43,18 Sekunden, das ist der Weltrekord bei den Unversehrten, den Fußgängern. Der Amerikaner Michael Johnson hat die Bestzeit 1999 bei den Weltmeisterschaften in Sevilla aufgestellt.

David Behre: "Ich bin von der Norm für die Deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten ungefähr zwei Sekunden weg."

Doch in der Schadensklasse der unterschenkelamputierten Läufer ist David Behre über diese Distanz zurzeit der schnellste Mann der Welt. Für die Paralympics, im nächsten Jahr in Brasilien, hat er sich sehr viel vorgenommen.

David Behre: "Ich werde für Rio angreifen und hab da das hohe Ziel formuliert, Gold zu gewinnen. Und da muss man ´ne 47 für laufen. Ich bin im Moment bei ´ner 50. Und damit hätte ich ja auch die Zeit für die Deutschen Meisterschaften."

Meisterschaften der Nichtbehinderten

Wenn David Behre es schafft, 400 Meter in 47 Sekunden zu laufen, könnte er auch bei den Deutschen Meisterschaften der Nichtbehinderten teilnehmen. Und irgendwann vielleicht, wie Oscar Pistorius, nicht nur bei den Paralympics, sondern auch bei den Olympischen Spielen an den Start gehen, um die Sprinter mit zwei gesunden Beinen herauszufordern.

Für seine Ziele braucht David Behre schnelle Blades. Es sind ganz spezielle Carbon-Federn, die nach seinen individuellen Maßen angefertigt werden. Seit zwei Jahren benutzt David Behre ein neues Modell. Zu Anfang verschlechterten sich seine Zeiten, weil er sich erst an die neuen Sprintprothesen, die über einen Schaft mit den Stümpfen seiner amputierten Unterschenkel verbunden sind, gewöhnen musste.

David Behre: "Bin dann aber 2-14 deutlich schneller geworden. Bin ´ne Zehntel über 100 Meter schneller geworden. ´ne halbe Sekunde über 200 und sieben Zehntel über 400. Und wenn man das jetzt mal weiterspinnt, so anderthalb Jahre, dann ist man so ungefähr bei ´ner 48. Und Paralympics, da sind wahrscheinlich wieder so 80.000 Leute, die peitschen einen dann auch nach vorne. Dann kommt noch mal das Zubrot auf die Leistung drauf, hoffe ich auf jeden Fall."

"... auf der Fritz-Jacobi-Anlage. Hier ist halt die Leichtathletikhochburg sozusagen. Hier trainieren eigentlich alle Topleichtathleten im Nichtbehinderten und Behindertensport. Hier sehen wir auch die Außenanlage ..."

Die Fritz-Jacobi-Halle im Leverkusener Stadtteil Manfort gehört dem TSV Bayer 04. Der vom Bayer-Konzern gesponserte Klub ist der größte paralympische Sportverein Deutschlands. Von 300 Kaderathleten des Deutschen Behindertensportverbands trainieren zurzeit allein 30 bei Bayer 04. Zehn Prozent, das ist eine stolze Quote, die kein anderer Behindertensportverein hierzulande vorweisen kann.

David Behre hat sich 2012, vier Jahre nach seinem Unfall, der Bayer-Leichtathletik-Abteilung angeschlossen. In der riesigen, luftigen Halle, die mit einer von innen nach außen steil ansteigenden 200-Meter-Laufbahn internationale Standards erfüllt, trainiert der gehandicapte Topsprinter unter hochprofessionellen Bedingungen. Fünf bis sechs Einheiten die Woche. Ein Pensum, das sich vom Trainingsaufwand nichtbehinderter Spitzensportler kaum unterscheidet.

Karl-Heinz Düe: "Man hat ja irgendwie so ein bisschen Berührungsängste. Weiß nicht, wie es Ihnen geht?, wenn man das erste Mal mit Behinderten ist."

Karl-Heinz Düe ist seit über 40 Jahren Leichtathletiktrainer bei Bayer Leverkusen.

Karl-Heinz Düe: "Man meint, man muss alles für die machen oder auch nicht machen, oder was. Das wollen die ja gar nicht. Die wollen ganz normal behandelt werden, die Amputierten. Denen fehlt ja nur ein Arm oder ein Fuß."

Manche Sachen gehen, andere nicht

Die Trainingsgruppe von Karl-Heinz Düe ist gemischt, behinderte und nichtbehinderte Spitzenathleten trainieren hier ganz selbstverständlich miteinander. Der Niedersachse Düe ist Pragmatiker. Manche Sachen gehen, andere nicht. Der Begriff Inklusion sagt ihm wenig. Mit diesem Modewort würden oft Erwartungen geweckt, die an der Realität scheitern. Hinterher sei die Enttäuschung dann riesengroß.

1992 kam Karl-Heinz Düe erstmals mit einem behinderten Sportler in Berührung. Jörg Frischmann stellte sich vor. Wegen einer angeborenen Dysmelie an Händen und Füßen fehlen Frischmann auf beiden Seiten die Vorfüße; es sind also nur die Fersen da. An der einen Hand fehlen vier Finger, an der anderen drei. Jörg Frischmann war trotz seines Handicaps Stürmer in der Fußball-Kreisliga und hatte Erfahrungen als Handballtorwart gesammelt. Von Karl-Heinz Düe wollte er lernen, wie man Speere richtig wirft. Zuerst war der Leichtathletiktrainer konsterniert, zögerte, stellte sich aber schließlich doch dieser neuen Herausforderung.

Karl-Heinz Düe: "Ich hab´ ihm aber gleich gesagt, glaub ja nicht, dass Du bei mir Sonderrechte hast. Das kann ich nicht. Ich hab auch keine Ahnung. Wir müssen das zusammen erarbeiten. Klar, muss man ein paar Einschränkungen machen. Aufgrund seiner Behinderung konnte er nicht so sehr viele Sprünge machen. Aber andere Dinge gingen."

Jörg Frischmann: "Wenn ich heute an meine ersten Gehversuche im Speerwerfen denke ... .das war wahrscheinlich so, als wenn jemand auf Wildschweinjagd geht mit ´nem Speer. Das hat überhaupt nichts mit Speerwerfen zu tun gehabt."

Für Jörg Frischmann zahlte sich die Arbeit mit dem erfahrenen Trainer schnell aus. Noch im selben Jahr holte er bei den Paralympics, die 1992 in Barcelona stattfanden, mit 43 Meter 86 Silber im Speerwurf.

Jörg Frischmann: "Ich weiß noch, damals kam ich zu meinem Trainer und hatte beim Speerwerfen so einen Hoppler drin. Da hat er zu mir gesagt, pass auf, mit diesem Hoppler, da nimmste Dir Geschwindigkeit. Das ändern wir. Hab ich gesagt, kann ich nicht, will ich nicht! Sagt er: Gib mir vier Wochen Zeit. Und er hat dann Übungen gemacht, wo er einfach das alte Bewegungsmuster kaputtgemacht hat und mir ein neues Bewegungsmuster beigebracht hat. Und nach einer Woche wusste ich nicht mehr, wie dieser Hoppler ging."

Arbeitsplätze sind mischfinanziert

Bei Bayer Leverkusen trainieren seit über 30 Jahren Behinderte und Nichtbehinderte zusammen. Noch während seiner aktiven Zeit als Sportler machte sich Jörg Frischmann Gedanken, wie man den Behindertensport weiter professionalisieren könnte. 1998 schrieb er ein Konzept und wurde bei Bayer 04 als hauptamtlicher Geschäftsführer der Behindertensportabteilung eingestellt. Ein Novum in Deutschland. Damals arbeitete er allein in der Geschäftsstelle. Heute, 17 Jahre später, gibt es zwei volle Trainerstellen für die Leichtathletik und zwei halbe Stellen im Schwimmen und Sitzvolleyball. Alle Arbeitsplätze sind mischfinanziert. Das Geld kommt vom Bundesinnenministerium, dem Land Nordrheinwestfalen, der Sportstiftung NRW und der Bayer AG. Der Chemie-Konzern, der sich 2007 aus dem Sponsoring einiger Profisportarten im Ballspielbereich zurückzog, fördert Behindertensport inzwischen seit 65 Jahren.

Jörg Frischmann: "Gehe ich mal zehn, 15 Jahre zurück da hat man über einen unterschenkelamputierten Weitspringer beim DLV gelächelt. Die sind damals sechs Meter gesprungen."

Jörg Frischmann ist stolz darauf, dass sich paralympische Athleten inzwischen in manchen Disziplinen mit unversehrten Konkurrenten auf Augenhöhe messen können. Eines der prominentesten Beispiele dafür liefert der Weitspringer Markus Rehm. Als erster Behindertensportler hatte der unterschenkelamputierte Rehm im vergangenen Jahr mit einer Weite von 8 Meter 24 den Titel bei der Deutschen Meisterschaft der Nichtbehinderten in Ulm geholt. Dennoch ließ der Deutsche Leichtathletikverband den Prothesenspringer nicht bei der Europameisterschaft in Zürich starten. Begründung: Das Ergebnis von Ulm deute darauf hin, dass Markus Rehm bevorteilt sei. Nur: Einen Beweis für diese steile These lieferte der DLV nicht.

Jörg Frischmann: "Es kann keiner sagen, es ist ein Vorteil, weil die dafür relevanten Messungen wurden nie in Auftrag gegeben."

Jörg Frischmann glaubt, dass Markus Rehms Startverbot weitere Diskussionen um Startgenehmigungen für behinderte Wettkämpfer im Keim ersticken sollte.

Jörg Frischmann: "Letztendlich hat der Deutsche Leichtathletik Verband eine riesige Chance vertan. Denn nachdem die Diskussion aufkam, hat direkt der Chef der europäischen Leichtathleten gesagt, das ist nicht unser Thema. Das ist ein Thema der IAAF, des Weltverbandes der Leichtathleten. Und somit hätte der DLV die Chance gehabt, wenn er Markus Rehm nominiert hätte, das direkt auf die höchste Ebene zu schieben und da wäre eine Entscheidung gefällt worden."

Aus Furcht vor einem Präzedenzfall Rehm hat der Deutsche Leichtathletikverband stattdessen sein Regelwerk geändert. In allen Alters- und Leistungsklassen werden Wettbewerbe - ganz gleich ob es sich um Kreis-, Landes- oder Deutsche Meisterschaften handelt -, nun wieder getrennt gewertet. In den Ergebnislisten werden Behinderte und Nichtbehinderte nicht mehr gemeinsam geführt.

Jörg Frischmann: "Ich kann nicht ableiten von Markus Rehm, der als Weitspringer nun auch einige Nichtbehinderte geschlagen hat, dass deshalb alle Behindertensportler nicht mehr mit Nichtbehinderten in der Wertung sein können."

Jörg Frischmann findet die Entscheidung des DLV falsch. Sie sende ein fatales Signal. Statt Inklusion betreibe der Verband Exklusion.

Jörg Frischmann: "Das ist einfach etwas, wo sie gegen das arbeiten, was wir über Jahre versucht haben. Wir haben hier behinderte Kinder, die wir motivieren wollen, Sport zu treiben. So, jetzt fahren wir zu ´nem nichtbehinderten Wettkampf. Ich habe eine Ergebnisliste, sagen wir mal, ich nehme ein oberschenkelamputiertes Kind mit. Dann stehen links 15 Nichtbehinderte und rechts steht ein Behindertensportler, der Erster von Einem ist."

Olympische Spiele und Paralympics zusammenlegen?

Auch Behinderte wollen Wettkampf, sagt Jörg Frischmann. Nicht nur unter sich. In vielen Schadensklassen ließen sich auf Landes-, Kreis- oder Bezirksebene ziemlich leicht Wettbewerbe finden, wo man sich auf demselben Leistungsniveau messen könne. Bei den absoluten Spitzenathleten ist es dagegen wegen der großen Leistungsunterschiede schon viel komplizierter, die Wettbewerbe sinnvoll zu verschmelzen. Von der immer wieder diskutierten Idee, Olympische Spiele und Paralympics zusammenzulegen, hält der Geschäftsführer der Behindertensportabteilung von Bayer Leverkusen wenig.

Jörg Frischmann: "Ich denke einfach, dass die Paralympics mittlerweile ´ne eigene Marke sind. Da denke ich, würde man nur verlieren, wenn man versuchen würde, die Paralympics in die Olympischen Spiele zu integrieren. Es würde vielleicht einige Highlights wie Pistorius, Rehm geben, die wahrgenommen werden. Aber im Großen und Ganzen würden wir untergehen."

Moritz Raykowski: "Allein, was bei uns fast Weltrekord ist, ist bei den Deutschen Meisterschaften U-16 Norm für Gesunde. Und da sind halt zwischen Weltrekord der Gesunden und meiner spezifischen Behinderung zwei Sekunden zwischen. Also, ´ne 11,5 ist das. Deswegen ist es halt schon ein enormer Unterschied."

Wenn Moritz Raykowski im Wettkampf 100 Meter sprintet, startet er in der Schadensklasse T-37. Seit seiner Geburt ist der 15jährige Schüler, der ein ganz normales Gymnasium besucht, wegen einer Placentainsuffizienz, die von den Ärzten nicht entdeckt worden war, halbseitig gelähmt. Obwohl Moritz auch "gesunde" Einheiten trainiert, übt er in seiner Trainingsgruppe bei Bayer 04 trotzdem fast nur zusammen mit anderen behinderten Sportlern.

Moritz Raykowski: "Man realisiert halt selber gar nicht, dass man humpelt. Dadurch, dass man´s gewöhnt ist. Und dann guckt man mal so im Spiegel an der Seite, am Straßenrand und sieht halt so, wo der Fuß nachschlappt."

Insgesamt gesehen, fühlt sich Moritz ziemlich gut integriert. Traumatisiert habe ihn sein lebenslanges Handicap jedenfalls nicht, auch wenn der Schüler im Alltag immer wieder an seine Grenzen stößt.

Moritz Raykowski: "Manchmal hapert´s an Sachen wie Fleischneiden zum Beispiel oder so´n Reißverschluss zumachen oder Bananen öffnen. Dafür gibt´s die Ergotherapie, da lernt man viele Sachen. Man kommt immer besser damit klar, einfach im Alltag selber die Sachen abzunehmen und selber immer selbstständiger zu werden."

Vier Mal pro Woche kommt Moritz Raykowski zum Training nach Leverkusen. Er lebt in Leichlingen, 25 Kilometer entfernt. Die Familie fährt ihn mit dem Auto hin und wieder zurück. Von der Deutschen Sporthilfe werden die Fahrtkosten für den Aufwand erstattet. Moritz findet die scharfe Abgrenzung zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen im Sport falsch. Es demotiviert ihn.

Moritz Raykowski: "Eine strikte Trennung soll meiner Meinung nach nicht stattfinden. Da zum Beispiel Leute in bestimmten Leistungsbereichen, wie das zum Beispiel jetzt bei den Deutschen war, beim Rehm, der kann doch ganz normal bei den Gesunden mitspringen, wenn man denn die Leistung bringt. Und wenn das halt für alle noch mal ein Ansporn ist, ´nen Push ist und natürlich die eigene Leistung verbessert und das in dem Fall auch keinen benachteiligt."

Durch die äußeren Rahmenbedingungen, die vielleicht sogar gut gemeinten Regeln der Sportverbände, bleibt der Sportler mit Handicap quasi im Rollen-Klischee des Leistungsgeminderten, des Hilfsbedürftigen gefangen. Auch wenn es ihm gelingt, seine Einschränkungen zu überwinden.

Wir sollen eine inklusive Gesellschaft sein, die auch Behinderte willkommen heißt. Das ist der Leitgedanke des "Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention", den die Bundesregierung vor dreieinhalb Jahren beschlossen hat. Der Prothesenweitspringer Markus Rehm hat es geschafft. Als unterschenkelamputierter Athlet ist er bei den Deutschen Meisterschaften der Gesunden gestartet. Er ist in unserer Mitte angekommen. Nachdem er die Konkurrenz sogar gewann, durfte er aber trotzdem nicht zur Europameisterschaft. Erst wird er eingeladen, in unsere Mitte zu kommen. Aber sobald er da ist, lädt man ihn wieder aus.

Leistungsbereitschaft und individuelle Fähigkeiten des einzelnen, gehandicapten Sportlers werden nicht berücksichtigt. Führt also die Anderskörperlichkeit des Einzelnen zwangsläufig zu einem allgemeingültigen Stigma?

Uwe Becker: "Das Problem ist, wenn aus diesen Einzelfällen, die es gibt, eine gesellschaftliche Kollektivnorm entsteht, die einen enormen Druck aufbaut, einen gesellschaftlichen Druck aufbaut auf eine anonyme Riesengruppe von Menschen."

Uwe Becker ist evangelischer Sozialethiker. In seinem neuen Buch "Die Inklusionslüge" beschäftigt er sich mit der Frage, wer in unserer Gesellschaft eigentlich "drinnen" und wer "draußen" ist.

Uwe Becker: "Und diese mangelnde Differenzierung, die man dann an den Tag legt, heißt, sie setzt Menschen unter Druck, die diesem Druck möglicherweise nicht standhalten oder nur unzureichend standhalten und die dann möglicherweise aus dem System rausgekickt werden und sich dann auch noch vorwerfen lassen müssen, sie seien nicht anstrengungsbereit gewesen und würden dem Gemeinwohl zur Last fallen."

Die 2008 in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention hat die Debatte noch mal extrem befeuert. Der Inklusion wird seitdem, so sieht es Uwe Becker, der Charakter eines "heiligen Projekts" zugeschrieben, durch das Menschen mit Behinderung Aufnahme in die Gesellschaft finden sollen. Uwe Becker definiert Inklusion aber nicht als "Einschluss in Bestehendes", sondern als "Zusammenschluss von Vielfalt".

Uwe Becker: "Es wird ja so ein bisschen so das Bild gestaltet, wir hätten eine Gesellschaft im Innenkreis und die würde jetzt eine große Einladung aussprechen an die, die draußen sind. Und dieses Bild ist schon völlig schief. Ich möchte behaupten, dass Menschen mit Behinderungen oftmals sehr klar und selbstbewusst sich als Teil dieser Gesellschaft verstehen und möglicherweise auf diese Einladung auch gerne verzichten können. Weil sie sagen: Bitte, ich gehöre längst dazu. Ich möchte nur, dass ihr toleriert und akzeptiert, dass ich selber entscheide, wie mein Lebensweg ist."

Solange Olympische Spiele und Paralympics, die beiden größten Sportfeste unserer Zeit, weiter separate Veranstaltungen bleiben, wird man wahrscheinlich auch weiter strikt zwischen gehandicapten und nichtbehinderten Sportlern, zwischen "drinnen und draußen", unterscheiden. Uwe Becker erwartet auch keine gesellschaftliche Revolution, wenn eine Hochleistungsveranstaltung wie Olympia sich stärker für ebenso leistungsorientierte Spitzenathleten mit Handicap öffnen würde. Wirklich nachhaltige Veränderungen können seiner Meinung nach sowieso nicht von der Spitze ausgehen.

Uwe Becker: "Wenn Menschen mit Behinderungen in diesem System aktiv mitwirken, dann bringen sie ihr eigenes Tempo mit; dann bringen sie ihre eigene Empathie mit. Und sie werden natürlich das System aufmischen. Und das ist das, was ich meine. Die, die heutzutage Inklusion im Munde führen, würden sich wundern, was aus Inklusion wird, wenn es wirklich diese Logiken erheblich aufbricht."

In der Leverkusener Leichtathletikhalle hat David Behre sein Training inzwischen beendet. Für den Prothesenläufer war es die sechste Einheit in dieser Woche. Bevor er seine Blades abnimmt und duscht, setzt er sich auf einen Stuhl und gönnt sich eine kleine Verschnaufpause.

Autor: "Was ist das für´n Material?"

David Behre: "Das ist aus Carbon komplett. Ich sage mal, ich brauche ungefähr vier Blades im Jahr."

Autor: "Vier. Also, vier Paare?"

David Behre: "Nee, nee. Vier Stück, zwei Paar quasi. Früher sind die Blades gebrochen. Heute delaminieren die, das heißt, die werden weich. Und dann kommt irgendwann nichts mehr raus, keine Energie, die man reingibt, kommt nicht mehr raus. Und deshalb sollte man dann die Federn wechseln."

Ein Paar von David Behres Hightech-Blades kostet 10.000 Euro. Das bezahlen seine Sponsoren. Allzu viele Prothesenhersteller gibt es nicht. David Behre läuft auf Modellen der isländischen Firma Össur. Weltmarktführer ist Otto Bock in Duderstadt.

Wachsendes Interesse an den Paralympics

2013 lag der Umsatz des niedersächsischen Unternehmens, das in 50 Ländern präsent ist und rund 6000 Mitarbeiter beschäftigt, bei 724 Millionen Euro. Zwar wird bei Otto Bock der Löwenanteil des Umsatzes mit Alltagsprothesen erwirtschaftet, doch durch die steigende Popularität der Paralympics ist auch der Leistungssport der Behinderten als Geschäftsfeld für den Betrieb in den vergangenen Jahren immer interessanter geworden. Otto Bock rüstet zum Beispiel den deutschen Weltklassesprinter Heinrich Popow, dessen linkes Bein wegen einer Krebserkrankung bis zum Oberschenkel amputiert werden musste, mit Hochleistungsprothesen aus. Bei den Paralympics in Seoul war die Firma 1988 mit drei Orthopädietechnikern vor Ort, vor drei Jahren in London waren es schon 78. Durch das wachsende Interesse an den Paralympics wird auch bei Otto Bock inzwischen mehr Geld und Manpower in die Entwicklung von Sportprothesen investiert.

Andreas Samson: "Das ist ein Fuß, der speziell entwickelt worden ist fürs Laufen. Und wenn man sich das Rennen anschaut, auch gerade der Paralympioniken, dann laufen die ja nicht so: Fersenauftritt, mittlere Standphase, Zehenablösung. Sondern die haben ja den Oberkörper nach vorne gelegt. Die gehen ja in diese Position rein und belasten dadurch einfach nur den Vorfuß."

Andreas Samson ist in der Entwicklungsabteilung von Otto Bock für den Technologietransfer bei Beinprothesen verantwortlich. In Zusammenarbeit mit Auto- und Flugzeugindustrie sorgt der Orthopädietechnikermeister dafür, dass die besten Materialien und die neueste Technik in die Prothesen eingebaut werden.

Andreas Samson: "Also, diese nach vorne Gelehnte hat einfach dazu geführt, dass man nur eine Belastung auf den Vorfuß macht, damit die Feder spannt und dann die Kraft, die man reingeben kann, zu einem gewissen Maße wieder reinbekommt."

Das Modell 3-S-80 ist speziell für oberschenkelamputierte Läufer entwickelt worden. Der obere Teil besteht aus Aluminium, Stahl und Titan. Der untere Teil, die Feder, die den Fuß ersetzt, ist aus mehreren Carbon-Schichten gefertigt. Entscheidend für den nächsten Schritt, für eine weitere Leistungssteigerung, könnte der Radius an der Stelle sein, wo die Feder von der Vertikalen in die Horizontale gebogen wird, also die Stelle, wo beim Nichtbehinderten der Unterschenkel aufhört und der Fuß anfängt. Also müsste man doch bloß den Radius vergrößern, um die Kraft noch besser nach vorne zu richten und noch schneller laufen zu können?

Andreas Samson: "Sie merken, dass ich jetzt so ein bisschen hm, hm, hm ... rede. Wir haben ein Entwicklungsprojekt, die sich genau damit beschäftigen, über das ich eben so nicht reden darf, außer dass ich Ihnen sagen darf, da kommen nette, interessante Dinge. Composit-Materialien sind eben interessant, auch gerade Carbon-Composit sind eben interessant, weil sie sehr, sehr hohe Steifigkeiten bei absolut geringem Gewicht realisieren lassen. Aber das heißt einfach nicht, dass die Carbon-Faser in Zukunft die Faser ist. Sondern da werden Dinge weitergehen. Da gibt es ganz interessante Ansätze. Und diese Materialerkenntnisse müssen natürlich in diese ganze Charakteristik und Verformung von so ´nem Fuß mit einfließen."

Immer perfekter werdende Technik

Vor zehn Jahren noch wurden, wie sich Jörg Frischmann, der Geschäftsführer der Behindertensportabteilung von Bayer Leverkusen, erinnert, gehandicapte Sportler vom Deutschen Leichtathletikverband belächelt. Jetzt können behinderte Spitzenathleten immer öfter mit den "Gesunden" mithalten. Wenn immer mehr Geld in die Weiterentwicklung der Prothesentechnik fließt, müsste es doch bloß eine Frage der Zeit sein, bis behinderte Sportler die unversehrten Athleten überflügeln, die immer perfekter werdende Technik die menschliche Kraft schlägt. Andreas Samson glaubt nicht, dass diese Vision in absehbarer Zeit Wirklichkeit werden wird.

Andreas Samson: "Also, ich glaube, dass sowas nur machbar ist, wenn man wirklich in den Bereich der Aktuatoren eingeht, wenn so ein Kniegelenk auf einmal motorisch angetrieben wird. Wenn Füße viel mehr Energie abgeben können als die beim Schritt eingeleitet werden, dann ist vielleicht so ein Szenario mal denkbar. Man weiß nicht, was da in dem Bereich Robotik noch alles kommen kann."

In Zürich findet im nächsten Jahr zum ersten Mal ein "Cybathlon" statt. Im Gegensatz zu den Paralympics sollen dort Athleten gegeneinander antreten, die Systeme nutzen, die nicht nur verlorene Fähigkeiten ersetzen, sondern gleichzeitig auch neue verleihen. Es gibt sechs Mannschaftswettbewerbe für die Cyborgathleten. In einer Disziplin geht es zum Beispiel darum, dass schwer gelähmte Sportler über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle Rennautos steuern.

Karin Harraser: "Das ist ein Sport-Leistungs-Wettkampf, in dem die Technologien nicht verborgen, sondern mitbewertet werden. Wir versuchen das, sozusagen, nicht mehr rauszurechnen, sondern bewerten die Maschinen quasi mit."

Die österreichische Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser sieht in diesem neuen Technologie-Wettbewerb die Chance, den Sport gesellschaftlich umzudefinieren, sich von den sehr gut mit neoliberalen Wirtschaftsideen verkoppelbaren Leistungsidealen zu verabschieden. Allerdings ist sie skeptisch, ob es tatsächlich gelingen kann, eine weniger leistungsorientierte Sportlichkeit in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Reizvoll fände Karin Harrasser einen "anderen" Sport allemal.

Karin Harrasser: "Ich finde das cool, wenn man Bewerbe hätte, in denen tatsächlich alle Voraussetzungen mit einberechnet sind, wo man eben eine Riesenbandbreite von Fortbewegungsarten, Geschicklichkeitsversionen, Umgangsweisen mit Körpern und Technologien hätte. Wäre schön! Wird aber eher dann wahrscheinlich Richtung Zirkus gehen und weniger Richtung Olympiade."

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