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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.02.2011

Beherzt, aber nicht originell

Stéphane Hessel: "Empört Euch!", Ullstein Verlag, Berlin 2011, 32 Seiten

Stéphane Hessel, ehemaliger Resistance-Kämpfer und Publizist (picture alliance / dpa)
Stéphane Hessel, ehemaliger Resistance-Kämpfer und Publizist (picture alliance / dpa)

Die kapitalismuskritische Streitschrift von Stéphane Hessel erreichte in Frankreich eine Millionenauflage. Doch auf nur 14 Seiten ist kein Platz für dichte Argumentationen. "Empört Euch! profitiert allerdings von der freundlichen Autorität des 93-jährigen Autors.

Man tritt dem 93-jährigen Stéphane Hessel nicht zu nahe, wenn man Empört Euch! als energischen Gruß vom Grabesrand bezeichnet. "Wie lange noch bis zum Ende?" fragt Hessel eingangs ohne Melodramatik und kommt sogleich zur Zeitdiagnose: Das "gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften der Résistance" sei gegenwärtig in Frage gestellt, und zwar weil "die Macht des Geldes […] niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch war wie heute". Da sich Hessels beherzte, keineswegs originelle Kapitalismuskritik auf den Widerstand gegen Nazideutschland beruft, empfiehlt er den Heutigen folgerichtig, das "Grundmotiv" der Résistance zu reaktivieren: eben die Empörung.

Auf 14 Seiten – 32 Seiten hat das Heftlein nur dank angehängter Fußnoten und dem Nachwort der französischen Verlegerin Sylvie Crossman – ist kein Platz für dichte Argumentationen, wohl aber für gelindes Pathos, Polemik und Bekenntnisse. Hessel glaubt, dass sich die Empörten stets mit "dem Strom der Geschichte" verbinden, während Gleichgültigkeit "das Schlimmste" sei. Er empfiehlt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 als universelle Orientierungsmarke. Sein stiller Optimismus stützt sich auf Hegels Geschichtsphilosophie, nach der die Menschheit sich auf einem schwierigen, aber unumkehrbaren Weg in die Freiheit befindet. Die gegensätzliche, an Paul Klees Angelus Novus und Walter Benjamins berühmte Interpretation angelehnte Auffassung, dass die Geschichte eine einzige Katastrophe sei, die Trümmer auf Trümmer häuft, lehnt Hessel ab. Gleichwohl steht der Angelus Novus dem Text suggestiv voran.

Hessel lobt die Nichtregierungsorganisationen, schilt die Behandlung der Sinti und Roma in Frankreich und empört sich über Israels Palästina-Politik, namentlich die dreiwöchige Militäroperation "Gegossenes Blei": "Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich." Dass die Palästinenser ihrerseits Israel mit Raketen beschießen, findet Hessel erklärlich: "Ist es wirklich realistisch zu erwarten, dass ein mit unendlich überlegenen militärischen Mitteln besetzt gehaltenes Volk gewaltlos reagiert?"

An Sartre kritisiert Hessel, dass dieser zwischenzeitlich den Terrorismus unterstützt hat. Er proklamiert Gewaltlosigkeit als wirkungsvollstes Mittel gegen Gewalt, gibt die "Hoffnung auf Gewaltlosigkeit" als sein, äußerst vages, Credo aus und ruft endlich zum "Aufstand in Friedfertigkeit" auf, denn "das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen." Fett gedruckt verkündet eine wandspruchartige Sentenz am Ende: "Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen."

Empört Euch! erreichte in Frankreich Millionenauflage. Die Gründe dafür sind nicht im intellektuellen Gewicht, der zeitdiagnostischen Präzision oder der stilistischen Brillanz zu suchen. Täglich liest man Zeitungsartikel auf ähnlichem oder höherem Niveau. Die Schrift profitiert von der freundlichen Autorität Hessels, von seiner unaffektierten Besorgtheit, von der Wucht eines bewegten Lebens – und davon, dass der ehemalige Résistancekämpfer und KZ-Überlebende sein Publikum nun vom Grabesrand grüßt. Empört Euch! wiegelt nicht wirklich auf – es berührt.

Besprochen von Arno Orzessek

Stéphane Hessel: "Empört Euch!"
Aus dem Französischen von Michael Kogon
Ullstein Verlag, Berlin 2011
32 Seiten, 3,99 Euro

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