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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.05.2012

Begnadetes Exposé für das nächste Projekt

Jörg Albrecht: "Beim Anblick des Bildes vom Wolf", Roman, Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 259 Seiten

Innenhofs des ehemaligen Fabrikgeländes "Pfefferberg" im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Eine Projekthochburg.
Innenhofs des ehemaligen Fabrikgeländes "Pfefferberg" im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Eine Projekthochburg. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Der zweite Roman des Pop-Autors spielt mitten im hauptstädtischen Prekariat. Man hangelt sich von Projekt zu Projekt, von Projekt zum Arbeitsamt und zurück zu den meist unbezahlten Projekten. Leider verzichtet Albrecht fast vollständig auf Handlung - und ein Großteil seiner begnadeten Prosa verpufft.

Die "Süddeutsche Zeitung" bestätigte dem 1981 in Bonn geborenen Autor Jörg Albrecht die Fähigkeit, Popliteratur nach der Popliteratur zu schreiben. Wohl weil sein Geburtsdatum mit Rainald Goetzens ersten Versuchen zusammen fällt. Vielleicht auch, weil die anderen Protagonisten inzwischen ganz unterschiedliche Stilebenen anpeilen (Christian Kracht schreibt nur mehr altertümelnd, Thomas Meinecke akademisch).

Einen Roman und einen Quasi-Roman legte der Frühbegabte Albrecht bereits vor - und niemand der Rezensenten konnte ihm Sprachbegabung, gesellschaftliche Intuition und den Willen zu poetischer Verdichtung absprechen. Auch sein neuer Roman spielt an der heißen Front des hauptstädtischen Prekariats: Man hangelt sich von Projekt zu Projekt, von Projekt zum Arbeitsamt und zurück zu den Projekten, von denen kaum eines bezahlt wird. Es ist so, als hätten alle Protagonisten einen der neumodischen Studiengänge wie Kommunikationsdesign absolviert und würden nun ebenso leutselig wie verbissen dessen Alltagstauglichkeit testen.

Thies, etwa im Alter seines Erschaffers, hofft auf den Werwolf-Film seines Freundes, um aus dem anstrengenden Umherzappen zwischen Klein- und Kleinstjobs einmal herauszukommen. Wenn man schon durch das ewige Kreativsein nicht sein Privatleben finanzieren kann, dann doch wenigstens empirisches Material sammeln, um dereinst das Buch zum Leben zu schreiben. Auch wenn man weiß, dass alles Erlebte doch nur eine "fucking fiction" ist: "Und jetzt? Hat Sandrine das ultimative Angebot, denn sie wird einen Roman schreiben, für irgendeinen großen Verlag einen Roman schreiben über die vielen Jobs, die sie machen musste, und mit diesem Roman wird sie endlich DEN Job finden: Autorin von Jobromanen."

Jörg Albrecht zieht die zeittypischen Redewendungen inklusive Anglizismen an wie ein statisch aufgeladener Kamm, mit dem er sich eben noch den Nullerjahre-Pony zurechtmachte ("Ich bin wirklich viel relaxter durch Fitness."). Albrecht ist ein ausgesprochenes Sprachtalent, das wurde ihm schon häufiger bescheinigt, er versucht gar nicht erst wie Rainald Goetz aus dem alltäglichen Sprachamalgam das ideales Sprachgold zu destillieren. Albrecht nimmt und klebt übereinander, verbindet notdürftig und prägt dem Ganzen seinen subtilen Humor auf. Nur: Albrecht verzichtet fast vollständig auf die Segnungen der Romanhandlung für Autor und Leser.

Natürlich soll in einer oberflächenorientierten Welt ein oberflächenorientierter Roman seinen Platz haben - aber in "Beim Anblick des Bildes vom Wolf" dominieren innere Monologe, poetische Zwischenstücke, lautmalerische Flächen und Gedankenskizzen. Als vielleicht letztes analoges Medium spukt die Polaroid-Sofortbildkamera durch das Kreuzkölln der Nullerjahre. So wie auf diesen vergilbenden Papierchen verpufft ein Großteil der begnaden Prosa von Jörg Albrecht. Man liest gebannt von diesem Sprachtalent - und kann kaum einen Eindruck festhalten. Es ist, als würde hier einer ein begnadetes Exposé hinwerfen für - ja für das nächste Projekt.

Besprochen von Marius Meller

Jörg Albrecht: Beim Anblick des Bildes vom Wolf
Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2012
259 Seiten, 19,90 Euro

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