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Tonart | Beitrag vom 16.02.2017

Begegnung mit neuen WeltenJunge Fado-Generation entdeckt Brasilien

Von Tilo Wagner

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Die portugiesische Fado-Sängerin Carminho (links) und die brasilianische Sängerin Marisa Monte (dpa / picture alliance / José Sena Goulao)
Auch die portugiesische Fado-Sängerin Carminho (links, hier neben der brasilianischen Sängerin Marisa Monte) hat den Sprung über den Atlantik gewagt. (dpa / picture alliance / José Sena Goulao)

Lange Zeit gab es klare Grenzen zwischen dem traditionalistischen Fado-Gesang aus Portugal und den lebhaften Klängen aus Brasilien. Doch nun bringt eine neue Fado-Generation Weltmusik in den Fado mit ein. Die musik-kulturellen Beziehungen werden intensiver.

Die zarte Stimme von António Zambujo ist in Portugal weit bekannt. Seit Zambujo vor 15 Jahren sein Debütalbum vorgelegt hat, ist er zu den großen Sängern einer neuen Generation aufgestiegen, die den Fado gründlich erneuert hat. Zambujo hat sich noch nie davor gescheut, andere musikalische Einflüsse mit in sein Werk aufzunehmen.

Und dennoch: So wie auf seinem neusten Album "Até pensei que fosse minha" war Zambujo bisher nicht zu hören: Mit leichtem brasilianischem Akzent singt er die poetischen Texte von Chico Buarque, einem der einflussreichsten Musiker Brasiliens der vergangenen 50 Jahre. Zambujo und Buarque haben sich vor drei Jahren kennengelernt. Bei der Auswahl der Lieder für das neue Album des Fado-Sängers hat Buarque mitgeholfen – und das war auch nötig: Fast 100 Songs standen auf Zambujos vorläufiger Liste, 16 sind letztendlich aufgenommen worden.

Zambujos Album ist innerhalb von kürzester Zeit bereits das zweite eines großen Fado-Interpreten, das sich mit der brasilianischen Musik beschäftigt. Auch die Sängerin Carminho hat den Sprung über den Atlantik gewagt und auf ihrer neuen Platte Stücke des brasilianischen Komponisten Tom Jobim interpretiert. Die Verbindung zwischen Fado und brasilianischer Musik sei instinktiv, sagt Edgar Canelas, der im portugiesischen Rundfunk für das Fado-Programm zuständig ist:

"Musikwissenschaftler, die sich mit der Geschichte des Fado beschäftigen, verweisen auf die brasilianischen Ursprünge des Gesangs: die sogenannten 'Modinhas' im 19. Jahrhundert. Vielleicht kehren wir gerade wieder zu den Wurzeln zurück. Zudem kommt ein anderer wichtiger Punkt: Fado ist ja vor allem Poesie, und das Wort spielt darin eine wichtigere Rolle als die Musik.

Viele Fado-Musiker, mit denen ich gesprochen habe, verweisen auf die gemeinsame portugiesische Sprache. Es fällt ihnen nicht schwer, einen brasilianischen Liedtext zu nehmen und in ihre Musik zu integrieren. Die neuen Fado-Sänger, die sich mit Brasilien beschäftigen, stehen auf einem Gebiet, das von beiden Kulturen besetzt ist: Sie mussten nur die Fäden aufheben und zusammenführen."

Ganz so harmonisch waren die kulturellen Beziehungen zwischen Portugal und Brasilien jedoch nicht immer. Und Vorurteile und verzerrte Realitäten bestimmen immer noch die Bilder, die in Portugal von Brasilien, beziehungsweise in Brasilien von Portugal, existieren.

Doch auch dieser Aspekt wird von den portugiesischen Musikern aufgegriffen. Die Band Deolinda hat bereits vor ein paar Jahren einen Song geschrieben über eine Brasilianerin, die in einem Lissabonner Fado-Restaurant arbeitet und sich eines Abends auf die Bühne stiehlt und ihre eigene, vom Samba durchtränkte Version des urportugiesischen Liedes wild tanzend präsentiert.

"Neue Fado-Generation hat Fantastisches geschafft"

Mit der brasilianischen Musik sei sie und ihre Generation aufgewachsen, erzählt die Sängerin von Deolinda, Ana Bacalhau. Dieses Lied, sagt sie, sei eine ironische Kampfansage an die verzerrten Bilder, die zwischen Portugal und der ehemaligen Kolonie weiter existieren würden:

"Wir wollen aufzeigen, wie irrsinnig Vorurteile eigentlich sind. Die Vorstellung, dass jeder Brasilianer sofort zu tanzen anfängt, wenn er Musik hört, während der Portugiese dagegen andächtig auf seinem Stuhl sitzt und zuhört - das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

Wir spielen in dem Lied mit diesem Gedanken und hoffentlich lachen Brasilianer und Portugiesen gemeinsam über dieses Klischee. Denn das Gegenteil passiert ja immer wieder: Ich bin Portugiesin und fange bei jedem Rhythmus sofort an, zu tanzen, und ein Brasilianer steht daneben und bewegt sich nicht."

Auch Ana Moura kann sich auf ihrem aktuellen Album ein ironisches Lied über das portugiesische Brasilien-Bild nicht verkneifen. Sie besingt "o meu amor" - ihren Geliebten, der nach Brasilien ausgewandert ist und sich unter den Mulattinnen rumtreibt, die Einsamkeit vergessen hat und nicht einmal mehr weint, wenn er Fado hört. Mit so einem Ekeltyp, singt Ana Moura, wolle sie nichts mehr zu tun haben.

Dass Portugal gerade jetzt so spielerisch auf Brasilien blicken kann, sei keine Überraschung, sagt Edgar Canelas:

"Diese neue Fado-Generation hat etwas ganz Fantastisches geschafft. Sie respektiert die Ursprünge und glänzt auch im traditionellen Fado, doch sie wagt die Begegnung mit neuen Welten. Sie bringt die Weltmusik in den Fado mit ein, und das Resultat kann sich sehen lassen."

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