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Buchkritik

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Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

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Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.06.2012

Begegnung mit einem Komponisten

Heinz-Klaus Metzger: "Die freigelassene Musik - Schriften zu John Cage", Verlag Klever Essay Wien, 218 Seiten

John Cage, amerikanischer Komponist, Schrifsteller und Philosoph, 1979
John Cage, amerikanischer Komponist, Schrifsteller und Philosoph, 1979 (AP)

Heinz-Klaus Metzger versammelt Essays, musikphilosophisch-gesellschaftskritische Arbeiten, Konzertberichte, Radiomanuskripte und Gespräche, in denen der Komponist John Cage mitgewirkt hat. Das Buch gibt ein Bild über die Kompositionswelt des Amerikaners, das nicht nur Cage-Enthusiasten zum empfehlen ist.

Drei Begegnungen hätten auf den jungen Heinz-Klaus Metzger, Jahrgang 1932, gestorben 2009, wie Befreiungsschläge gewirkt, bekannte der Autor einmal: die Begegnung mit Werken der Wiener Schule um Schönberg, die Lektüre der Schriften Theodor W. Adornos, in Sonderheit dessen "Philosophie der neuen Musik", und schließlich der Auftritt John Cage 1958 in Darmstadt zu den dortigen Ferienkursen. Die Folgen dieser "Befreiungsschläge" sind in dem gesamten Buch ablesbar.

Es versammelt in chronologischer Folge Essays, musikphilosophisch-gesellschaftskritische Arbeiten, Konzertberichte, Schallplatten-Texte, Radiomanuskripte, Gespräche, in denen der Autor und John Cage, Helmut Lachenmann, Frank Schneider und andere mitgewirkt haben. Das Buch gibt wahrlich ein Bild über die Kompositionswelt des Amerikaners, der immerhin bei Schönberg und Henry Cowell Kompositionsstudien betrieben hat, und ist nicht nur Cage-Enthusiasten zu empfehlen.

Freilich, Metzger, - wer seine Publizistik etwas kennt, weiß das - , Metzger macht es dem Leser nicht leicht. Das ist überhaupt keine Lektüre vor dem Einschlafen. Man muss sich mit den aufgeworfenen Thesen und Problemen beschäftigen, auch, weil das anarchistische Konzept von Cage viele Seitentriebe hat. Sie führen hinein in fast alle Kunstsparten.

Cage, das macht die Schrift deutlich, destruiert der Möglichkeit nach nicht allein die bestehende, ewig waltende Musik und deren Betrieb, sondern die Gesamtheit dessen, was Kunst genannt wird. Sprichwörtlich geworden sind seine Beziehungen zur bildenden Kunst, zum Theater, zum Tanz, zum Circus, zu Radio, Schallplatte, Film, zur multimedialen Kunst. Die Performance, beliebig ausführbar und ohne vorbestimmbares Resultat, wird seine Domäne.

Früh beschäftigen ihn die Möglichkeiten des Schlagzeugs, das Arbeiten mit präpariertem Klavier nach den Vorgaben von Henry Cowell. Cage überwindet die taktgebundene Rhythmik, indem er Verfahren der Zufallskomposition in die Musik einführt und einer Kultur der Desorganisation des emphatischen, vollkommen ausnotierten Kunstwerks modellhaft zum Durchbruch verhilft. Metzger demonstriert derlei Schritte an etlichen Beispielen.

Vor allem der eröffnende Aufsatz "John Cage und die freigelassene Musik" ist aufschlussreich. Der wirkt wie das Vorspiel einer Wagneroper, denn dessen Beschreibungen, Thesen und Antithesen kehren in den folgenden Arbeiten mehr oder minder variiert wieder. Geradezu leitmotivische Qualität erhält das von Metzger so bewunderte "Concert for Piano and Orchestra", das Cage 1958 als eine Art Versuchsanordnung vorgelegt hat.

Metzger hat selber vieles für die Einführung der "freigelassenen Musik" in Westeuropa getan. Nicht nur betrachtete er kritisch Cage-Aufführungen, er ermöglichte dem Komponisten auch Aufträge und Gelegenheiten, seine originellen, bisweilen schalkhaften musiktheoretischen Reflexionen einem deutschen Publikum nahe zu bringen. Derartige Bemühungen spiegelt diese hochinstruktive Schrift.

Besprochen von Stefan Amzoll

Heinz-Klaus Metzger: Die freigelassene Musik – Schriften zu John Cage Verlag Klever Essay Wien, 218 Seiten