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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 06.06.2015

Bedrohte Weltmeere Was tun gegen den Plastikmüll?

Gäste: Meeresbiologin Melanie Bergmann und Stefanie Werner vom Umweltbundesamt

Eine Plastiktüte schwimmt ähnlich wie eine Qualle im Meer. Die Sonne scheint von oben auf die Tüte, der Rand ist dunkel. (imago/Bluegreen Pictures)
Eine Plastiktüte schwimmt ähnlich wie eine Qualle im Meer. (imago/Bluegreen Pictures)

Die Weltmeere sind bedroht: In jedem Quadratkilometer schwimmt Plastikmüll. Was können wir gegen die Vermüllung der Ozeane tun? Darüber diskutieren die Meeresbiologin Melanie Bergmann und Stefanie Werner, Meeresexpertin beim Bundesumweltamt.

Etwa 70 Prozent der Erde sind von Wasser bedeckt. Die Ozeane sind ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sie binden Kohlendioxid, spenden Sauerstoff – und sie versorgen uns mit Nahrung und Wasser. Doch die Weltmeere sind mehr und mehr bedroht: In jedem Quadratkilometer schwimmen zehntausende Teile Plastikmüll. Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten ein Müllstrudel, der mittlerweile so groß ist wie Zentraleuropa. Auch in der Nordsee sind Plastikabfälle eine allgegenwärtige Gefahr für Fische, Vögel und Meeressäuger. Nicht zuletzt können kleinste Mikropartikel und Plastik-Giftstoffe über die Fische auch in die menschliche Nahrungskette gelangen.

Was können wir gegen den Plastikmüll in den Meeren tun?

Müll und andere Dinge schwimmen zusammen mit einem Fisch im Meer kurz vor der Küste Abu Dhabis. Das Wasser sieht grün und dreckig aus. Ein kleiner Damm hindert den Müll zu passieren. ( Imago / Thomas Mueller )Müll und andere Dinge schwimmen zusammen mit einem Fisch im Meer kurz vor der Küste Abu Dhabis. ( Imago / Thomas Mueller )

Werner: "Plastik ist faktisch nicht abbaubar"

"Wir gehen davon aus, dass wir bereits 142 Millionen Tonnen Müll in unseren Weltmeeren haben. Jährlich kommen rund zehn Millionen Tonnen dazu", sagt Stefanie Werner, Meeresschutzexpertin beim Umweltbundesamt.

Sie warnt: "Plastik ist faktisch nicht abbaubar. Bis zu 600 Jahre braucht ein Nylonnetz, bis es sich zersetzt hat; bis zu 450 Jahre benötigen eine Kunststoffflasche oder eine Wegwerfwindel. Was in den 1950er Jahren mit dem neuen, unendlich formbaren Wunderwerkstoff so verheißungsvoll begann, hat sich für unsere Natur als regelrechter Fluch entpuppt."

Die Folgen: Tausende von Meerestiere verheddern sich jährlich in Resten von Fangnetzen oder ersticken an Plastikteilen. Am gefährlichsten sind die Kleinstteile, das Mikroplastik, das mittlerweile in allen Meeren und auch in vielen Binnengewässern zu finden ist. Es stammt nicht nur von den Zersetzungsprozessen; es findet sich auch in vielen Kosmetikprodukten, wie Peelings oder Zahncremes.

Die ehemalige Greenpeace-Aktivistin Stefanie Werner setzt sich unter anderem dafür ein, dass die Meeresstrategierichtlinie in die Tat umgesetzt wird. Die EU-Staaten verpflichten sich darin, die Verschmutzung der Meere bis 2020 so weit zu reduzieren, dass der Müll dort keinen Schaden mehr anrichten kann. Die Biologin sieht auch die Industrie in der Pflicht, weniger Plastik zu produzieren.

"Warum muss jeder USB-Stick in dickem Plastik verpackt werden? Warum legen sie im Supermarkt zwischen jede Käsescheibe eine Plastikfolie?" Letztlich solle auch jeder Verbraucher versuchen, weniger Plastik zu nutzen und mehr wiederverwertbare Produkte zu kaufen.

Bergmann: "Wir müssen jetzt gegensteuern"

"Dass inzwischen bei fast jedem Kamera- oder Schleppnetz-Einsatz in der Tiefsee Müll zu sehen ist, stimmt schon traurig", sagt die Meeresbiologin Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Müll in den Ozeanen und war an verschiedenen internationalen Studien beteiligt.

"In unserer Studie haben wir erstmals großflächig 32 verschiedene Meeresgebiete untersucht, unter anderem den Nordost-Atlantik, das Mittelmeer und den Arktischen Ozean – eine riesige Bandbreite unterschiedlichster maritimer Lebensräume. Darunter waren dicht besiedelte Küstenabschnitte, aber auch fast unberührte Tiefsee in der Arktis. Knapp 3.000 Bilder habe ich ausgewertet: Zwischen 2002 und 2011 hatte sich die Müllbelastung mehr als verdoppelt."

Gemeinsam mit anderen Meeresbiologen hat sie Anfang Juni ein Fachbuch über die Müllbelastung der Weltmeere herausgebracht.

Ihre Forderung: "Wir müssen jetzt gegensteuern, damit sich das Problem nicht verschlimmert. Zum Beispiel müssten Klärwerke so ausgerüstet werden, dass sie Mikroplastikpartikel abfangen. Letztendlich hilft es nur, konsequent Plastiktüten zu verbieten und gesetzlich sowie ökonomisch Anreize zu schaffen, die helfen, die zunehmende Verpackungsflut einzudämmen."

Was können wir gegen den Plastikmüll in den Meeren tun? Darüber diskutiert Klaus Pokatzky am 06. Juni von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Stefanie Werner und Melanie Bergmann.
Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de sowie über Facebook und Twitter.

Informationen im Internet:
Zur Themenseite des Umweltbundesamtes
Informationen des Alfred-Wegener-Instituts

Literaturhinweis:
Melanie Bergmann, Lars Gutow, Michael Klages: Marine Anthropogenic Litter 
Springer-Verlag, Heidelberg 2015
Das Buch ist auch als Open Access Publikation frei im Internet verfügbar.

Mehr zum Thema:

Serie: Sehnsuchtsort Meer - "Die Probleme der Meere kommen zu uns zurück"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 31.07.2014)

Apokalyptische Verschmutzung im Pazifik
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 11.12.2012)

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