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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.02.2016

Bedrohte TheaterPolitiker vernachlässigen die Kultur

Von Klaus J. Rathjens

Für die Uraufführung von "Jedermann - Die Rockoper" bei den Erfurter Domstufen-Festspielen proben Andreas Lichtenberger als Jedermann und Nadja Mchantaf als Die Liebste in Erfurt (Thüringen) eine Szene. (dpa picture alliance/ Martin Schutt)
Das Stück "Jedermann - Die Rockoper" lockte Tausende zu den Erfurter Domstufen-Festspielen. Doch die Kulturlandschaft in Thüringen ist gefährdet. (dpa picture alliance/ Martin Schutt)

Wie auch in anderen Bundesländern sollen in Thüringen mehrere Theaterbühnen fusionieren. Der Komponist Klaus J. Rathjens hält das für alarmierend. Seine Meinung: Bund, Länder und Gemeinden müssen mehr Geld springen lassen, um die deutsche Kulturlandschaft zu erhalten.

Noch wird heftig diskutiert. Und derweil müssen Thüringer Bühnen, Ensembles und Orchester um ihre Existenz oder Eigenständigkeit bangen. Ein zweites Mal droht ein schmerzhafter Prozess mit vielen Opfern und Fehlentscheidungen.

Schon nach der Wende wurden Theater geschlossen und zusammengelegt – und beispielsweise die Zahl der Musikerstellen von 1066 auf 587 reduziert. Dies war damals unumgänglich, weil die DDR eine hoch subventionierte Kulturlandschaft hinterlassen hatte, deren Theaterdichte enorm war – und die noch heute im Vergleich zu Westdeutschland beachtlich ist.

Thüringens Theater vertreten kulturelles Erbe

Länder wie Thüringen haben ein großes kulturelles Erbe zu vertreten. Auch wenn Städte wie Meiningen und Weimar nicht groß sind, hat die künstlerische Leistung ihrer Häuser seit Jahrhunderten wahrlich nationalen und internationalen Ruf. Meiningen beheimatete einst eines der besten europäischen Orchester und über Weimars Bedeutung muss angesichts der dort wirkenden Herren Goethe, Schiller, Liszt und Herder nicht diskutiert werden.

Auch heute sollte man die sogenannte "Provinz" nicht unterschätzen. Wie früher bietet sie Schauspielern, Sängern, Tänzern und Musikern, Solisten, Regisseuren, Dramaturgen und Dirigenten notwendige Lehr- und Wanderjahre, die sie erst befähigen, an prominenten Spielstätten weltweit zu bestehen. Selbst amerikanische Künstler halten die Ochsentour durch deutsche Provinzhäuser für sehr karrierefördernd.

Und wenn jemand unkonventionelle Inszenierungen jenseits des Mainstreams sehen möchte, so kann er dort durchaus fündig werden. Provinz bedeutet außerdem "Fläche", in der die enge Verzahnung von Bildung und Kultur wirksam werden kann. Ein Umstand, der gerade mit dem Aufkommen vermehrter rechtspopulistischer Strömungen nicht unterschätzt werden darf.

Bühnen werden nicht angemessen finanziert

Doch diese guten alten Argumente scheinen nicht verhindern zu können, dass weiterhin das kommunale Kulturangebot schrumpfen wird. Und das liegt nicht am Publikum. So zählte der Deutsche Bühnenverein in der letzten Spielzeit 2013/14 35,5 Millionen Zuschauer, deutlich mehr als zuvor.

Die Pläne der thüringischen Landesregierung alarmieren deswegen so sehr, weil sie zweierlei offenbaren. Zum einen fällt es Ländern und Städten unverändert schwer, Theater und Orchester angemessen zu finanzieren. Zum anderen redet die große Politik gern voll des Lobes über Kunst und Kultur, aber bezahlen möchte sie dafür nicht.

Es klingt ja fast schon rührend, wenn Erfurt als Perspektive verspricht, nach den geplanten Fusionen endlich alle Theaterschaffende nach Tarif bezahlen zu wollen. Womit man gleichzeitig eingesteht, auf wessen Kosten die bisherige Unterfinanzierung stattfand.

Finanzausgleich muss Kulturangebot berücksichtigen

Wenn der Bund dauerhaft eine "schwarze Null" im Etat anstrebt, Länder und Kommunen aber mit ihren Aufgaben finanziell überfordert sind, dann müssen politische Weichen neu gestellt werden – auch zugunsten der Bühnen, gerade jetzt, da wieder über den nationalen Finanzausgleich gerungen wird.

Und das ist nicht zu viel verlangt, denn die Länder stöhnen über ihre Kulturausgaben, obwohl diese nur etwa 1,5% ihres Gesamtetats umfassen, in Thüringen sogar nur 1,4 Prozent. Der direkte Vergleich Bund –Länder deutet also auf eine schlechte Finanzaufteilung hin.

Übrigens: während thüringische Künstler um ihre Existenz bangen, stellte die Fraktion von Bündnis90/DieGrünen kürzlich dem Kulturausschuss des Bundestages die Frage: Ist eine Frauenquote im Kulturbereich notwendig? – Ja natürlich. Man muss eben Schwerpunkte zu setzen wissen.

Klaus Joachim Rathjens, Kirchenmusiker (picture alliance / dpa / Foto: Achim Harbeck)Klaus Joachim Rathjens, Kirchenmusiker (picture alliance / dpa / Foto: Achim Harbeck)Klaus-J. Rathjens studierte Kirchenmusik an der Hamburger Musikhochschule und war Leiter der Schauspielmusik am Schleswig-Holsteinischen Landestheater. Es folgten Engagements als Korrepetitor und Kapellmeister an Opernhäusern, Theatern, auf Tourneen und Festivals (Rossini-Festspiele, Ludwigsburger Schlossfestspiele).

Parallel dazu arbeitet er als Arrangeur und Komponist, schrieb Bühnenmusiken, u.a. zur deutschsprachigen Bühnenfassung des Disney-Films "Das Dschungelbuch", sowie weihnachtliche Klarinettentrios. Interessiert am "Crossover" arrangierte er für sein Pop-Rock-Trio und das Hamburger Sinfonieorchester den Genre-Klassiker "Pictures at an Exhibition".

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