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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 20.04.2012

Bedrohlich-verführerische Vampirfiguren

Vor 100 Jahren starb der irische Schriftsteller Bram Stoker

Von Patric Seibel

Bela Lugosi in der Dracula-Verfilmung von 1931. (AP Archiv)
Bela Lugosi in der Dracula-Verfilmung von 1931. (AP Archiv)

Der irische Schriftstelle Bram Stoker wurde mit dem Roman "Dracula" weltberühmt – allerdings erst nach seinem Tod mithilfe des Kinos. Zu Lebzeiten hatte Bram Stoker als nebenberuflicher Schriftsteller mit seinen zwölf Romanen nur mäßigen Erfolg. Am 20. April 1912 verstarb er.

"Ein Schlüssel drehte sich laut kreischend in dem scheinbar selten genutzten Schlüsselloch und das große Tor ging auf. Eine altertümliche silberne Lampe warf lange zitternde Schatten in der Zugluft des offenen Tores.
- "Willkommen, hier in meinem Hause. Treten Sie frei und freiwillig herein."
– "Graf Dracula?""Dracula", der Roman um den transsylvanischen Vampir, der England heimsucht, spiegelt viele Obsessionen seines Autors. Bram Stoker ist Mitglied in mehreren Geheimgesellschaften der okkulten Londoner Subkultur. Er liebt romantische Schauerliteratur und ist fasziniert vom südosteuropäischen Vampirkult des 18. Jahrhunderts.

In "Dracula" bricht der Aberglaube ein in die wissenschaftliche Welt der jungen Moderne. Im gespenstischen Schloss des Grafen Dracula stürzen die Sicherheiten des englischen Anwalts Jonathan Harker zusammen:

""Ein Meer gemischter Gefühle umbrandet mich. Ich zweifle, ich fürchte, ich denke an seltsame Dinge, die ich meiner eigenen Seele gar nicht einzugestehen wage. Gott schütze mich. Und sei es auch nur um derer willen, die mir teuer sind."

Die Neigung zum Unheimlichen entwickelt Abraham Stoker bereits in der Kindheit. Er kommt am 8. November 1847 im Küstenort Clontarf bei Dublin zur Welt – als drittes von sieben Kindern einer protestantischen Familie. Bis zu seinem achten Lebensjahr kann er weder gehen noch stehen. Seine Mutter erzählt ihm irische Spukgeschichten. Dann wird er plötzlich gesund. Ein Wunder, so scheint es.

Aus dem kranken Kind wird ein Kerl wie ein Schrank: zwei Meter groß, kräftig, rothaarig. Nach dem Studium tritt er eine Stelle als Justizangestellter an. Bram Stoker veröffentlicht Kurzgeschichten und Theaterkritiken. Dublin ist ihm zu eng. Er träumt vom Theater und von London. Mit 29 lernt er den gefeierten englischen Shakespeare-Darsteller Henry Irving kennen.

Der 38-jährige Irving will ein eigenes Theater in London eröffnen und braucht einen Assistenten. Der charismatische Mime wirkt wie hypnotisierend auf den suchenden Stoker. Der schreibt später:

"Eine Seele hatte in die andere geblickt. In dieser Stunde begann eine Freundschaft, so tief, so intim, so anhaltend, wie sie zwischen zwei Männern nur sein kann."

Zwei Jahre später übersiedelt Bram Stoker mit seiner Frau Florence nach London, wird Irvings Privatsekretär, Theatermanager und Organisator ausgedehnter USA-Tourneen. Stoker bleibt der Mann im Hintergrund, während Irvings Ruhm ständig wächst.

Nach der Arbeit schreibt Bram Stoker, wie schon in Dublin, Kurzgeschichten und Bücher. Insgesamt werden es zwölf in der Mehrzahl fantastische Romane. Mit "Dracula" gelingt ihm das Buch seines Lebens. Er bildet das Verhältnis zu Irving literarisch ab. Dieser erscheint als Dämon, der Stokers Lebenskraft für sich nutzt, ihn aussaugt. Wie ein Vampir, der vom Blut anderer lebt.

"Hier, in einer der etwa 50 herumstehenden Kisten auf einem Haufen frischer Erde, lag der Graf. Er war tot oder schlief. Ich konnte es nicht erkennen."

Auch ein zeitgeschichtlicher Hintergrund ist in "Dracula" erkennbar: Massenhafte Einwanderung aus Osteuropa, soziale Unruhen und der Wandel der Geschlechterverhältnisse lösen Ängste im viktorianischen England aus - auch bei Stoker. Seine Vampirfiguren sind bedrohlich, weil sie verführen und die sexuellen Rollenverhältnisse verdrehen.

Zu seinen Lebzeiten deutet nichts auf den späteren Welterfolg des "Dracula" hin. Nach dem Tod seines Meisters Henry Irving im Jahr 1905 verschlechtert sich Bram Stokers eigener Gesundheitszustand. Er erleidet zwei Schlaganfälle und stirbt am 20. April 1912.

Der literarische und kinematografische Vampirkult erlebt im 21. Jahrhundert eine Renaissance. Die Twilight-Saga der US-Autorin Stephenie Meyer zieht Millionen, vor allem junger Leser und Kinobesucher, in Bann. Weitere Bücher, Filme und Fernsehserien über Vampire sind Teil eines "New-Gothic"-Trends in der Tradition Bram Stokers.

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