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Buchkritik

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

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Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

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Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.06.2012

Bedeutendes Werk der Nachkriegslyrik

Paul Celan: "Mohn und Gedächtnis", Deutsche Verlags-Anstalt, 104 Seiten

Buchseiten
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Mohn und Gedächtnis" gilt als ein bedeutendes Werk der deutschen Nachkriegslyrik. Es ist vor 60 Jahren erstmals erschienen. Nun hat es der Verlag zum Jubiläum neu aufgelegt.

Den Akut, das heißt den Akzent des Aktuellen setzen, das wollte Celan mit seinen Gedichten. Wie ein Gedicht, ein Wort, eine Tat sich auf das Heutige auswirkt, das interessierte ihn. Und nicht ihr Ewigkeitswert. Bezieht man dieses Erkenntnisinteresse auf sein bekanntestes Buch "Mohn und Gedächtnis", dann liest man es heute völlig anders als vor 60 Jahren. Beim Lesen der weltberühmten "Todesfuge" wird genau das Neue deutlich.

Mit der "Todesfuge" gelang Celan der Durchbruch als Dichter. Aus heutiger Kenntnis führte sie aber auch zu seinem Zusammenbruch. Beim Vortragen in Paris, im November 1949, zollten ihm das Dichterpaar Yvan und Claire Goll, damals noch Freunde, Beifall. Als es zum Zerwürfnis kam, giftete Witwe Goll gegen Celan, warf ihm ein Plagiat vor. Heute wissen wir, dass dieser Vorwurf des Plagiats Celan in die Paranoia trieb.

Zum Durchbruch in Deutschland verhalf Celan sein Vortrag der "Todesfuge" vor der Gruppe 47 im Jahr 1952. Aber auch dort stieß er auf ein geteiltes Echo. Ausgerechnet Ex-Wehrmachtsoldaten der Gruppe 47 warfen Celan vor, er zelebriere seine "Todesfuge" mit dem Pathos und der Rhetorik eines Goebbels.

Aber bei der Tagung waren auch die Lektoren anwesend, die das Gedicht im Band "Mohn und Gedächtnis" noch im selben Jahr bei DVA veröffentlichten. Die Deutsche Verlagsanstalt war damals eines der renommiertesten Verlagshäuser, allerdings auch mit dem Hausautor Gottfried Benn und anderen Autoren, die sich von den Nazis verpflichten ließen. Wie man aus dem Nachwort von Jan Bürger erfährt.

Mit Halbversen wie "der Tod ist ein Meister aus Deutschland" und "wir schaufeln ein Grab in den Lüften/ da liegt man nicht eng" wurde die "Todesfuge" zu dem deutschen Schlüsselgedicht des 20. Jahrhunderts. Auch wenn der Philosoph Adorno für sich die Deutungshoheit über die Verbrechen der Nazis erringen wollte und deshalb sein Verdikt los ließ: "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch", so erfasste doch Celan mit zwei Halbzeilen genauer die Verbrechen in Auschwitz. 1970 erschien in einer kleinen Bukarester Zeitschrift ein Gedicht von Immanuel Weißglas, einem Jugendfreund von Celan, das im selben Jahr entstanden sein soll. Mit der Zeile: "Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet" und dem Bild vom "Tod, er ist ein deutscher Meister".

Möglicherweise befürchtete Celan einen erneuten Plagiatsvorwurf. Vielleicht war das der letzte Auslöser für seinen Sprung in die Seine. Jedenfalls liest man mit diesen Hinweisen die "Todesfuge" heute anders als vor 60 oder selbst noch vor 10 Jahren. Was aber bleibt auch nach dem Vergleich mit Weißglas und anderen Bildanleihen? Die "Todesfuge" ist moderner, offener, gewagter als all die anderen Gedichte aus der Zeit.

Es ist eines der schönsten deutschen Gedichte überhaupt. Und eines der schrecklichsten. Denn es handelt von Auschwitz. Die Schönheit verdankt es weniger den Bildern als dem Rhythmus. Denn es ist weniger eine Todesfuge als ein "Todestango", so lautete der ursprüngliche Titel dieses Totentanzes, dieses Tanzes von nicht begrabenen Toten, von Untoten, die "trinken und trinken".

Besprochen von Ruthard Stäblein

Paul Celan: Mohn und Gedächtnis
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012
104 Seiten, 19,99 Euro