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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.06.2012

Bedeutendes Werk der Nachkriegslyrik

Paul Celan: "Mohn und Gedächtnis", Deutsche Verlags-Anstalt, 104 Seiten

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Mohn und Gedächtnis" gilt als ein bedeutendes Werk der deutschen Nachkriegslyrik. Es ist vor 60 Jahren erstmals erschienen. Nun hat es der Verlag zum Jubiläum neu aufgelegt.

Den Akut, das heißt den Akzent des Aktuellen setzen, das wollte Celan mit seinen Gedichten. Wie ein Gedicht, ein Wort, eine Tat sich auf das Heutige auswirkt, das interessierte ihn. Und nicht ihr Ewigkeitswert. Bezieht man dieses Erkenntnisinteresse auf sein bekanntestes Buch "Mohn und Gedächtnis", dann liest man es heute völlig anders als vor 60 Jahren. Beim Lesen der weltberühmten "Todesfuge" wird genau das Neue deutlich.

Mit der "Todesfuge" gelang Celan der Durchbruch als Dichter. Aus heutiger Kenntnis führte sie aber auch zu seinem Zusammenbruch. Beim Vortragen in Paris, im November 1949, zollten ihm das Dichterpaar Yvan und Claire Goll, damals noch Freunde, Beifall. Als es zum Zerwürfnis kam, giftete Witwe Goll gegen Celan, warf ihm ein Plagiat vor. Heute wissen wir, dass dieser Vorwurf des Plagiats Celan in die Paranoia trieb.

Zum Durchbruch in Deutschland verhalf Celan sein Vortrag der "Todesfuge" vor der Gruppe 47 im Jahr 1952. Aber auch dort stieß er auf ein geteiltes Echo. Ausgerechnet Ex-Wehrmachtsoldaten der Gruppe 47 warfen Celan vor, er zelebriere seine "Todesfuge" mit dem Pathos und der Rhetorik eines Goebbels.

Aber bei der Tagung waren auch die Lektoren anwesend, die das Gedicht im Band "Mohn und Gedächtnis" noch im selben Jahr bei DVA veröffentlichten. Die Deutsche Verlagsanstalt war damals eines der renommiertesten Verlagshäuser, allerdings auch mit dem Hausautor Gottfried Benn und anderen Autoren, die sich von den Nazis verpflichten ließen. Wie man aus dem Nachwort von Jan Bürger erfährt.

Mit Halbversen wie "der Tod ist ein Meister aus Deutschland" und "wir schaufeln ein Grab in den Lüften/ da liegt man nicht eng" wurde die "Todesfuge" zu dem deutschen Schlüsselgedicht des 20. Jahrhunderts. Auch wenn der Philosoph Adorno für sich die Deutungshoheit über die Verbrechen der Nazis erringen wollte und deshalb sein Verdikt los ließ: "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch", so erfasste doch Celan mit zwei Halbzeilen genauer die Verbrechen in Auschwitz. 1970 erschien in einer kleinen Bukarester Zeitschrift ein Gedicht von Immanuel Weißglas, einem Jugendfreund von Celan, das im selben Jahr entstanden sein soll. Mit der Zeile: "Das Grab in Wolken wird nicht eng gerichtet" und dem Bild vom "Tod, er ist ein deutscher Meister".

Möglicherweise befürchtete Celan einen erneuten Plagiatsvorwurf. Vielleicht war das der letzte Auslöser für seinen Sprung in die Seine. Jedenfalls liest man mit diesen Hinweisen die "Todesfuge" heute anders als vor 60 oder selbst noch vor 10 Jahren. Was aber bleibt auch nach dem Vergleich mit Weißglas und anderen Bildanleihen? Die "Todesfuge" ist moderner, offener, gewagter als all die anderen Gedichte aus der Zeit.

Es ist eines der schönsten deutschen Gedichte überhaupt. Und eines der schrecklichsten. Denn es handelt von Auschwitz. Die Schönheit verdankt es weniger den Bildern als dem Rhythmus. Denn es ist weniger eine Todesfuge als ein "Todestango", so lautete der ursprüngliche Titel dieses Totentanzes, dieses Tanzes von nicht begrabenen Toten, von Untoten, die "trinken und trinken".

Besprochen von Ruthard Stäblein

Paul Celan: Mohn und Gedächtnis
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012
104 Seiten, 19,99 Euro