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Bebilderte Vorurteile

200 Exponate aus 6000 Jahren in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn über Narren in der Gesellschaft

Von Ute May

Verkleidete Narren feiern in Köln.
Verkleidete Narren feiern in Köln. (AP)

Wie werden sie wohl dargestellt, die Narren, Künstler, Heiligen, denen die Ausstellung gewidmet ist? Zugegeben: die rechte Vorstellung fehlt mir!

Passt der Zauber, der von ihnen ausgehen soll, noch in diese Welt? Welche Wirkung entfaltet Topu, der brasilianische Gott des Donners, der als zierliches Püppchen mit bunter Federkrone in einer Vitrine steht? Vielleicht ist es auch die rhythmische Musik, nach der sich die expressionistische Tänzerin Mary Wigman in Trance tanzt. Die Kopie ihres einzigen erhaltenen Films von 1927 ist ein unbedingtes Highlight der Ausstellung.

Das dämmerige Licht schärft zusätzlich die Wahrnehmung. Diese Gegensätze sind gewollt, sagt Wolfger Stumpfe, Ausstellungsleiter der Bundeskunsthalle:

"Der Slogan lautet ja: 'Wo die Kulturen in Dialog miteinander treten.' Und was in dieser Ausstellung unterstrichen werden soll, diese Auswahl von vielen verschiedenen Religionen, aus vielen verschiedenen Kulturen und verschiedenen Zeiten, 3000 Jahre Menschheitsgeschichte, mit dem Heute zu verbinden."

Um diesen gewaltigen Anspruch zu erfüllen und dennoch die Schau nicht mit Exponaten zu überfrachten, haben die Ausstellungsmacher große inhaltliche Sprünge gemacht. Sie verknüpfen elegant, aber überzeugend Kunstwerke aus Alaska mit solchen aus Südafrika, haben Exponate aus Ozeanien und Sibirien kombiniert. Die 200 ausgewählten Arbeiten seien dabei nur eine Auswahl oder ein Versuch.

"Wir gehen nicht strikt wissenschaftlich vor und beobachten die Völker Zentralafrikas von 1890-1895. Sondern wir sind auf der Suche, was scheinbar überall und universal unabdingbar ist; nämlich die Idee, dass es ein Chaos geben muss."

Das natürlich ohne Regeln nicht funktionieren würde. Dafür gibt es in den meisten Kulturen sogenannte Meister der Unordnung. Ihre Funktion ist es, das Normale durch Exzentrisches, Ungewöhnliches zu brechen.

Durch eine Trommel beispielsweise - groß wie eine Bratpfanne mit bunt bemaltem Fell. In ihrem Innern, so heißt es, könne sie sowohl die Seele eines Opfertieres wie auch eines Kranken bewahren. Das gilt ebenso für eine kostbare Decke aus dem Museum für Ethnologie im russischen St. Petersburg. Sie ist dünn wie Leder, aber aus Baumrinde gefertigt und mit einer feinen Ritzzeichnung versehen. Der Frosch in der Mitte kennzeichnet die Tiefe, in die ein Schamane bei seinen kosmischen Reisen abtaucht.

"Von dem hebräischen Tohuwabohu in eine zivilisierte Welt, das ist ja die urmenschliche Idee. Auch die Meister der Unordnung sagen, es muss eine Unterbrechung geben. Die fünfte Jahreszeit hier bei uns im Rheinland, den Karneval. Aber in der normalen Zeit ist es eben so, dass nach den Regeln gelebt wird, nach sozialen Normen..."

So ganz scheint die westliche Welt den Zugang zu magischen Kräften noch nicht verloren zu haben. Unmittelbar nachdem ein Voodoo-Priester aus Benin den Altar im Museum geweiht hatte, bekam Wolfger Stumpfe einen Anruf.

"... von jemandem, der Hilfe braucht und der sich ganz verzweifelt an uns gewendet hat, und wir möchten doch bitte den Kontakt herstellen, so schnell wie möglich, weil er in einer aussichtslosen Lage ist und sich vorstellen kann, dass er... Hilfe von unserem Voodoo-Priester erhalten könnte."

Dazu passt auch die Zusage des österreichischen Mysterien- und Aktionskünstlers Hermann Nitsch, für die Ausstellung ein riesiges, blutrotes Wandgemälde aus einer seiner jüngsten Opfersessions beizusteuern.

Gegenüber: ein halbes Dutzend seltener Grafiken von Picasso zum Thema Karneval. In einer sogenannten Kraftapotheke befinden sich über 50 verschiedene Objekte: Talismane, Glücksbringer, Amulette, Krokodil- und Menschenköpfe, aufgespießte bunte Vögel.

Was die Ausstellung über Narren, Künstler und Heilige zeigt, ist ein Urbedürfnis nach Zauber und Magie, zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Ohne diese Parallelwelten, so meint zumindest Ausstellungsleiter Wolfger Stumpfe, könne die Welt kaum funktionieren.

#"Wir haben ja den Untertitel Lob der Torheit für die Ausstellung gewählt. Und alles das, was für den normalen Menschen, den normalen Alltag ungewöhnlich, närrisch, töricht ist, das haben wir in dieser Ausstellung versammelt und haben gesagt, das wollen wir loben."

Beim allzu raschen Rundgang durch die Bonner Bundeskunsthalle mag man diese Aspekte leicht übersehen. Es lohnt sich aber, genau hinzuschauen und zu staunen, zu schmunzeln und ein wenig den Schauder zu spüren, den manche Objekte auslösen.

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