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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.08.2012

Beamter, Staatsmann und Reformer

Hans Fenske: "Freiherr vom Stein", Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, 128 Seiten

Eine Statue des Staatsministers steht vor dem Berliner Abgeordnetenhaus. (picture alliance / dpa /)
Eine Statue des Staatsministers steht vor dem Berliner Abgeordnetenhaus. (picture alliance / dpa /)

Freiherr vom Stein gilt als einer der größten politischen Erneuerer der deutschen Geschichte. Er befreite die Bauern aus der Erbuntertänigkeit, ordnete das Regierungssystem und führte die kommunale Selbstverwaltung ein. Der Historiker Hans Fenske hat ihn porträtiert.

Selbst Goethe oder Bismarck haben das nicht geschafft: Über 300 Straßen sind in Deutschland nach ihm benannt. Ein berühmter Mann also. Der Reichsritter und Freiherr vom Stein. 1807, als Preußen von Napoleons Truppen vernichtend geschlagen wurde, schob er das größte Reformprojekt der deutschen Geschichte an.

Hans Fenske, emeritierter Professor für Neuere Geschichte, konzentriert sich in seiner Biografie auf jene kurze Zeit, in der Stein die Weichen für die Neuorganisation des Staates stellte, für das, was man später gern als die "Revolution von oben" bezeichnete. Er zeichnet nach, wie Stein nach seiner Ausbildung als Jurist und langjähriger Arbeit als Beamter in preußischen Diensten in seiner ersten Amtshandlung als neubestallter Minister die Bauern aus der Erbuntertänigkeit befreite. Wie er Schluss machte mit einem unübersichtlichen Regierungssystem, das aus viel zu vielen, neben- und gegeneinander agierenden Behörden bestand, mit einem König an der Spitze, der sich Berater hielt, die immer mitredeten, aber für nichts verantwortlich waren.

Stein richtete stattdessen ordentliche Ministerressorts ein. Diese Regierungsform, auch darauf weist Fenske hin, hat sich bis heute ebenso erhalten wie sein Programm für die kommunale Selbstverwaltung. Die Bürger wählten dank seiner entschlossenen Reform ihre Stadtverordneten selbst und entschieden so über Steuern und Ausgaben.

Nur 14 Monate waren Stein für sein umstürzlerisches Vorhaben vergönnt, dann entzog er sich der Gefahr, von Napoleon (wegen seiner vermeintlichen Pläne zu einem Volksaufstand) festgenommen zu werden, durch Flucht. Er ging nach Österreich, später nach Russland, wo er zum Berater des Zaren aufstieg. Am Wiener Kongress nahm er nur als Mitglied der russischen Delegation teil. In Preußen bekam er politisch nie wieder ein Bein auf die Erde. Vom unmittelbaren Einfluss auf die Staatsgeschicke ausgeschlossen, zog er sich verbittert auf seine westfälischen Domänen zurück und widmete sich von nun an der Regionalpolitik, in der er seine Reformen teilweise wieder zurücknahm.

Nur gestreift wird die Rolle, die Stein für die Welt der Wissenschaft spielt. Unter dem Namen "Monumenta Germaniae Historicae" rief er die damals umfangreichste Edition historischer Quellentexte ins Leben, die namentlich mittelalterliche Dokumente sichern und aufarbeiten sollte und bis heute existiert.

Stein ist ein Mann in seinem Widerspruch. Als einstiger Reichsritter noch dem alten Denken und seinen Strukturen verhaftet, setzte er in seinem Reformgeist auf Traditionen und letztlich auf eine ständische Ordnung. Einen ungebremsten Wirtschaftsliberalismus lehnte er ab. Doch in seinem frühliberalen Bestreben war er zugleich modern, da er den Bürger, wenngleich nur den besitzenden, zur Teilhabe an der Macht aufforderte. Diese widersprüchliche Disposition bleibt in Fenskes Darstellung leider etwas unscharf.

Der langjährige Herausgeber von Quellenmaterial zu und über Stein verliert sich in dem löblichen Ehrgeiz, seinen Protagonisten inmitten der politischen Großwetterlage zu profilieren. So werden etwa die fortwährend wechselnden Bündnisse zwischen den Mittel- und Großmächten zwar immer wieder skizziert, doch aufgrund der Kürze des Buches erschließen sie sich nur dem Preußenkenner. Da hätte man sich eine pointiertere Zuspitzung gewünscht.

Auch kommt die Person Stein etwas zu kurz. Dieser kantige Charakter, dessen eruptives Temperament sich nicht mit dem geforderten neuen Politikertypus verträgt, der seine Ziele nur dank geschickten Taktierens, der Fähigkeit zum Kompromiss zu erreichen vermag. Dennoch, Fenske würdigt zu Recht vor allem die größte Leistung des Freiherrn - die Einführung der Demokratie auf kommunaler Ebene, eine deutsche Errungenschaft. Und damit ruft er einen Mann ins Gedächtnis, dem wir mehr als nur ein paar Straßennamen verdanken.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Hans Fenske: Freiherr vom Stein. Reformer und Moralist
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012
128 Seiten, 19,90 Euro

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