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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.07.2014

Bayreuther Festspiele "Verballhornung des Publikums"

Musikkritikerin Eva Rieger beklagt Dilettantismus

Moderation: Liane von Billerbeck

Zuschauer bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth vor dem Festspielhaus  (dpa / picture alliance / Daniel Karmann)
Kritik an den Inszenierungen in Bayreuth kommt von Eva Rieger (hier Zuschauer vor dem Festspielhaus) (dpa / picture alliance / Daniel Karmann)

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger wirft der Festspielleitung in Bayreuth Versagen auf der ganzen Linie vor. Der Grund liege im dilettantischen Vorgehen und in der mangelnden Qualität der Inszenierungen.

Liane von Billerbeck: Bayreuth, das ist der Ort, ach was, das Mekka, wohin die weltweite Wagner-Gemeinde pilgert, ein Tempel der Kunst des Komponisten Richard Wagner. Festspiele und ein Festspielhaus, in dem man einfach mal gewesen sein muss, denn das gilt als geradezu demokratischer Musikort, jeder hat den gleich guten Blick und hört auch genauso gut, das Orchester kann versenkt werden. Bayreuth war immer auch ein Ort faszinierender und polarisierender Wagner-Inszenierungen. Viele der älteren Kenner schwärmen noch heute von einer "Ring"-Inszenierung aus dem Jahr 1976 von Patrice Chéreau. Jedoch, das war einmal! Musikexperten kritisieren die zunehmende Eventisierung auch bei den Festspielen von Bayreuth und wollen nicht mehr dazu schweigen. Kritisiert wird die fehlende künstlerische Handschrift der Leiterin Katharina Wagner und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Nachlass des Komponisten. Jedenfalls wächst die Wut unter den Liebhabern und Experten. Eine davon ist Eva Rieger, sie ist profunde Bayreuth-Kennerin und Autorin von Büchern über Wagner. Bayreuth in der Krise, Frau Wagner – wie zeigt sich das?

Eva Rieger: Ich würde sagen, es gibt zwei große Punkte. Da ist zum einen das Archiv, was völlig verkümmert, und da ist die Situation der Festspiele. Vielleicht zu den Festspielen als Erstes, da findet ja ein Sammelsurium an mittelmäßigen bis schlechten Inszenierungen statt, ich erinnere an den "Tannhäuser", von Sebastian Baumgarten inszeniert, wo Elisabeth in einem Biogasbehälter entsorgt wird, das ist gerade in einer Stätte, die so politisch belastet ist wie Bayreuth, ein Skandal. Und jetzt kommt auch noch der "Ring des Nibelungen" von Frank Castorf, man hört, dass das eine Notsituation war, weil jemand abgesagt hat, aber ich denke, dass das alles in einer Richtung geht, denn Katharina Wagner scheint ja diese Richtung auch zu unterstützen, man destruiert einfach Wagner.

von Billerbeck: Das heißt, da findet Event statt und nicht mehr Musikaufführung?

"Bei Castorf wird alles sexualisiert und übertrieben"

Rieger: Ja, es wird bei Castorf alles sexualisiert, übertrieben, wir haben Videoverdoppelung, sodass man sich überhaupt nicht mehr auf diese herrliche Musik, die doch im Mittelpunkt steht, konzentrieren kann. Ich kann ein Beispiel nennen, im dritten Akt der Oper "Siegfried", die ist ja im "Ring" enthalten, treffen sich die beiden Liebenden endlich und Brünhilde und Siegfried werden von einer herrlichen, leidenschaftlich aufwallenden Musik begleitet, die zum Schönsten gehört, was man sich denken kann. Stattdessen inszeniert Castorf zwei Menschen, die Spaghetti essen, zwei Krokodile kopulieren nebenher. Was das mit der Musik und mit der Tradition Wagners zu tun hat, frage ich mich. Denn Bayreuth hat eine bestimmte Aufgabe, nämlich das, was Wagner aufgebaut hat, in gewisser Weise zu respektieren und nicht einfach in den Dreck zu ziehen. Da muss es eine Grenze geben und ich fürchte, dass die Festspielleiterinnen nicht imstande sind, das zu übersehen.

von Billerbeck: Wo müsste denn diese Grenze liegen Ihrer Meinung nach? Völlig weglassen die Regie, nur noch die reine Musik aufführen?

Rieger: Nein, natürlich nicht. Zum Glück können ja die Regisseure die Musik nicht ändern. Sie können ja im Theater beispielsweise Theaterstücke bearbeiten, das geht nicht bei der Musik. Da können wir von Glück sagen, die Musik muss bleiben, auch der Text muss bleiben. Die Regie ist aber freigestellt. Und natürlich muss man mit den Zeiten gehen, wir wollen keine Walküren sehen mit Speeren und Helmen. Aber ich erinnere beispielsweise an die psychologisierende Betrachtung von Wieland Wagner, die große Diskussionen ausgelöst hat, dann die sozialen Bezüge bei Chéreau, der versucht hat, das 19. Jahrhundert darzustellen. Also, es gibt die Möglichkeiten, die Zeit einzubeziehen, aber nicht indem man Spaghetti isst und Blowjobs macht, wie das zwischen Erda und Wotan passiert, also zwei der Personen, die Respekt verdienen. Da muss man versuchen, doch einigermaßen die Intention von Wagner einzubeziehen. Vielleicht sollte man das noch sagen für die Hörer und Hörerinnen: Wagner hat ja zwölf Bände von Aufsätzen geschrieben und seine wichtigste Aussage ist der Begriff vom Gesamtkunstwerk. Er stellt in den Vordergrund, dass man Musik, Text, Handlung und Dramaturgie in einer Einheit sehen sollte. Und das wird sträflich vernachlässigt.

von Billerbeck: Das ging ja sogar noch weiter, er wollte ja auch das Publikum einbeziehen und die ganze Gesellschaft!

"Diese Verballhornung des Publikums, dagegen wehre ich mich"

Rieger: Ja, natürlich, er will auch eine Aussage machen. Und die wichtigste Aussage vom "Ring" ist, dass Liebe und Macht sich nicht vereinen können, dass die Liebe siegen muss. Man denke an den Schlussgesang, den jubelnden von Brünhilde. Und Castorf dreht das ins Umgekehrte, in der "Walküre" umarmt Wotan ja seine Tochter, die er bestrafen musste, weil er sie liebt. Und Castorf macht daraus einen sexuellen Kuss auf den Mund, sodass Brünhilde angewidert weggeht. Was ist das für eine Verkehrung, was sollen wir daraus lernen, frage ich mich. Und diese Verballhornung des Publikums, dagegen wehre ich mich.

von Billerbeck: Wo liegt denn nun die Verantwortung für diese Entwicklung, die Sie da so deutlich kritisieren in Bayreuth?

Rieger: Die liegt meiner Meinung nach im dilettantischen Vorgehen der Festspielführung. Man müsste, wenn man wenig Erfahrung hat, sich die richtigen Berater holen. Ich freue mich ja, wenn Frauen an wichtigen Stellen arbeiten, als Feministin habe ich mir das immer gewünscht, aber dann dürfen sie auch nicht in Dilettantismus verfallen, sondern müssen sich professionelle Berater holen. Es ist ja auch so, dass versagt wird auf der ganzen Linie! Vor zwei Jahren gab es die Eröffnung der wichtigen Ausstellung "Verstummte Stimmen", da wurde gezeigt, wie viele Sängerinnen und Sänger als jüdisch gebrandmarkt und rausgeworfen wurden aus Bayreuth. Zu dieser Eröffnung sollte eine der Festspielleiterinnen ein Grußwort sprechen, sie ist nicht erschienen. Der israelische Botschafter hat versucht, eine Unterredung – er hat dort eine lange Rede gehalten –, hat versucht, so hat er in 3sat in "Kulturzeit" danach gesagt, er hat versucht, mit den beiden zu sprechen, kriegte keinen Termin. Solche Dinge dürfen nicht in Bayreuth passieren. Unser Ruf wird verspielt im In- und vor allen Dingen auch im Ausland.

von Billerbeck: Nun könnte man ja böse sagen: Muss es denn Bayreuth sein, gibt es nicht Alternativen dazu?

Rieger: Meinen Sie jetzt für Wagner-Inszenierungen?

von Billerbeck: Genau!

Abspeisen mit Krokodilen und Spaghetti

Rieger: Ja, natürlich, die werden auch getan. Ich habe gerade die "Tristan und Isolde"-Premiere in Stuttgart gesehen, wunderbar, und ich kann nur Frau Katharina Wagner wünschen, dass sie, die im nächsten Jahr den "Tristan" inszenieren wird, sich das anschaut. Dort sind wirklich Möglichkeiten gegeben, um ein Stück auch im Stil des 21. Jahrhunderts zu inszenieren. Aber Bayreuth hat eine besondere Verantwortung. Die Menschen kommen ja aus dem Ausland hierher und wollen sich auch die Akustik anhören und den fabelhaften Klang, der von diesem versenkbaren Orchester kommt, und werden dann abgespeist mit Krokodilen und Spaghetti, das geht einfach nicht. Da muss irgendwas passieren, dass in den nächsten fünf Jahren – die bayrische Regierung hat ja Frau Katharina Wagners Vertrag verlängert –, dass sie da die richtige Beratung bekommt und dass das nicht so weitergeht.

von Billerbeck: Da stellt man sich natürlich sofort die Frage nach der Finanzierung von Bayreuth durch den Staat, Bund, Land und Stadt. Es ist ja nicht das erste Mal, dass da Stimmen laut werden, die sagen, wieso müssen eigentlich Steuergelder für ein familiengeführtes, elitäres Festival gegeben werden, das offenbar auch den Ansprüchen nicht mehr genügt?

Forderung nach einen Gesamtkonzept

Rieger: Ja, Sie haben recht, es muss ein Gesamtkonzept her, und ich denke, das Gesamtkonzept müsste das Festspielhaus, die Villa Wahnfried und das Richard-Wagner-Archiv umschließen. Aber dieses Gesamtkonzept gibt es nicht. Das Richard-Wagner-Archiv ist auch in einem schrecklichen Zustand, es ist dort nichts digitalisiert, es gibt nicht genügend Personal, momentan wird jetzt das Museum aufgebaut, da sollen sich die Touristen, die kommen, und Besucher informieren können auch über die Vergangenheit Bayreuths, das ist ja okay. Dafür sind aber keine Stellen vorhanden. Es sind vier Stellen beantragt für dieses Museum, keine einzige ist bewilligt, und für das Archiv ist erst recht gar nichts da. Und Forscher aus dem In- und Ausland können dort nicht richtig forschen. Es gibt noch nicht einmal, wenn ich das hinzufügen darf, ein sogenanntes Findbuch im Internet, das ist eine Aufstellung der Bestände, die es überhaupt in dieser größten Wagner-Sammlung der Welt gibt. Man kann sich nicht informieren, wenn man in Amerika oder China lebt. Das sind auch Zustände, die beschämend sind.

von Billerbeck: Die Musikkritikerin Eva Rieger wird ihrem Berufsnamen als Kritikerin gerecht und kritisiert, was in Bayreuth abläuft. Danke, Frau Rieger!

Rieger: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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