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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.06.2011

Baustelle Berliner Stadtschloss

Kein Ende der Verschwörungstheorien

Von Reinhard Knodt

Bereits 1993 wurde eine Plastikfassade des ehemaligen Berliner Stadtschlosses vorübergehend am historischen Standort aufgebaut. (AP)
Bereits 1993 wurde eine Plastikfassade des ehemaligen Berliner Stadtschlosses vorübergehend am historischen Standort aufgebaut. (AP)

Seit 1443 wird auf dem Berliner Schlossplatz gebaut. Erst eine Festung, dann ein Schloss. 1701 durch Friedrich I. das heute als "Berliner Stadtschloss" bekannte Gebäude. Friedrich Schinkel setzte 1850 eine Kuppel auf, wodurch es mit dem Dom zu einem Ensemble verschmolz. 1918 wurde von diesem Schloss aus die Republik ausgerufen. Im Krieg brannte es aus. Die DDR baute nach der Interimszeit als Marx-Engels Platz den Palast der Republik, der die Identität der DDR bis 1989 vorstellte.

Der Berliner Schlossplatz steht für preußische und deutsche Geschichte. In dem, was auf ihm gebaut wurde, spiegelte sich, was Preußen, Deutschland und die DDR im jeweiligen historischen Moment für seine Eigenart und Leistung hielten; und es ist daher vollkommen folgerichtig, dass 2003 der Bundestag des wiedervereinigten Deutschland beschloss, dort das Humboldt-Forum zu errichten. Dieses ist im Wesentlichen ein Kultur- und Museumsbau, denn ein historisch reflektiertes und kulturell orientiertes Land ist oder will Deutschland sein, auch wenn man heute gelegentlich den Eindruck hat, es sei eine Bank.

Nun gab es eigenartigerweise nahezu bei jedem Schritt in Richtung Humboldt-Forum eine Grundsatzdiskussion, die wenig mit Logik, Politikverstand und Geschichtsbewusstsein, aber dafür um so mehr mit anderen Interessen und Befindlichkeiten zu tun hatte. Nur eine Minderheit wolle das Schloss, hört man noch heute und fragt sich, woher denn dann die parlamentarische Mehrheit kam und warum es keine Initiative für einen Gegenbeschluss gibt. Keiner brauche das Schloss hört man, wobei der Vertreter dieser Ansicht vermutlich schon lange nicht mehr die Nationalbibliothek von innen gesehen hat, sonst wüsste er, dass dort eher indische Verhältnisse herrschen. Ein Luftschloss sei der Bau und dazu da, um die Sponsorengelder in dunkle Kanäle zu leiten, hört man bis heute und vor allem, der Gewinner des Architekturwettbewerbs Frank Stella sei ein Provinzler und gehöre nicht der internationalen Gruppe um die zehn Verdächtigen zwischen Forster und Chipperfield an.

Ja, dagegen ist nun natürlich kein Argument mehr möglich. Das Humboldt-Forum ist für solche Gegner ganz offensichtlich nur aufgrund einer riesigen Verschwörung rückwärtsgewandter Dunkelmänner zustande gekommen, die Parlamentsbeschlüsse erzeugen, die Bevölkerung manipulieren, Preisausschreiben fälschen und Architektenkammern übertölpeln. Verschwörungstheorien leben von der unwiderleglichen Vermutung, dass in dunklen Zimmern mächtige Leute sitzen, die am Volk vorbei ihre Geschäfte betreiben. Verschwörungstheorien werden von Machtlosen in die Welt gesetzt und mit Populismen ausgestattet, wie etwa dem Argument, das Schloss sei zu teuer.

Die Kosten für das Berliner Stadtschloss belaufen sich auf weniger als die Kosten für einen mittelgroßen U-Bahnhof. Selbst die Kosten für zwei oder drei U-Bahnhöfe würden vermutlich kein großes Problem sein, sei vorsorglich angemerkt, weswegen selbst bei steigenden Kosten zu wünschen wäre, dass es nach Plan weitergeht. Dass man hier um jeden Preis "zurück" wolle, stimmt auch nicht. Es wurde lediglich nicht der fortschrittlichste Bau, sondern die wertvollste Lösung der Bebauungsgeschichte dieses Platzes rekonstruiert - nach Meinung der Öffentlichkeit.

Dass man privat natürlich auch für grünen Rasen und Architekturfuturismus eintreten kann, dass man einen Kunstpark bauen oder eine der Burgen aus dem 15. Jahrhundert rekonstruieren könnte, etwa nach dem Muster des Towers in London, das sei unbenommen. Nur haben diese Lösungen eben die Öffentlichkeit nicht überzeugt, weil es keine politischen, sondern nostalgische Vorschläge waren. Die Gegner der heutigen Version sind also in allen Punkten unterlegen, weil sie sich mit Petitessen befassten und Verschwörungstheorien entwickelten in einer Frage, bei der es tatsächlich um etwas ganz anderes ging: Um kulturelles Selbstverständnis und Politik nämlich, Dinge, die glücklicherweise nicht in den Hintergrund gedrängt wurden – durchaus ein gutes Signal.

Reinhard Knodt, geboren 1951, ist Schriftsteller, Publizist und Rundfunkautor in Berlin. Als Verfasser zahlreicher philosophischer Essays zur Kulturkritik (eine Sammlung erschien bei Reclam) war er Lehrbeauftragter, Vortragsredner und Lehrstuhlvertreter an zahleichen Universitäten im In- und Ausland, darunter Collège de France, Penn State University, UCD Dublin, HDK-Kassel, die Universitäten Freiburg, Bamberg, Bayreuth, Erlangen-Nürnberg, Hannover und UdK Berlin. Er erhielt mehrere Kulturpreise, darunter den Friedrich-Baur-Preis für Literatur 2007 der Bayerischen Akademie der Künste.

Mehr zum Thema:
"Es geht um das Wie" - Ein Streitgespräch über das Berliner Humboldt-Forum (Thema, DKultur)

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