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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 13.02.2011

Bauchweh durch Obst

Immer öfter wird Fructose-Unverträglichkeit diagnostiziert

Von Udo Pollmer

Enthalten Fructose-Überschuss: Äpfel. (usda.gov)
Enthalten Fructose-Überschuss: Äpfel. (usda.gov)

Eine neue Diagnose breitet sich immer mehr aus: Die Fruchtzucker-Malabsorption. Diese Verdauungsstörung scheint in den letzten Jahren deutlich zugenommen zu haben. Was steckt dahinter?

Es gibt Menschen, die bekommen Verdauungsprobleme, wenn sie zuviel Fruchtzucker essen. Man spricht dann von einer Fructose-Malabsorption. Sie ähnelt der heute allgemein bekannten Unverträglichkeit von Lactose, also von Milchzucker. Die Folgen sind die gleichen. Wenn einer der beiden Zucker nicht vom Darm aufgenommen wird, kommt es zu Blähungen, Bauchweh und Durchfall. Für die Unverträglichkeit von Milchzucker gibt es eine logische Erklärung: In Kulturen, die keine Weidewirtschaft betreiben, geht die Fähigkeit, Milch zu verdauen beim Erwachsenen verloren. Beim Fruchtzucker fehlt eine solche Erklärung. Schließlich sind Früchte ja gesund. Und vor allem: Warum nehmen diese Beschwerden so rasant zu?

Zunächst: Die Verdauung des Fruchtzuckers unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt vom Milchzucker. Ob Fructose vertragen wird, hängt nicht so sehr davon ab, ob davon viel oder wenig im Essen ist, sondern vom Verhältnis von Fruchtzucker zu Traubenzucker. Erst wenn mehr Fructose drin ist als Glucose, also Traubenzucker, dann kann es Probleme geben. Deshalb wird der normale Haushaltszucker gut vertragen, weil er zu gleichen Teilen aus Fructose und Glucose besteht.

Ob jemand an einer solchen Unverträglichkeit leidet, wird durch den H2-Atemtest ermittelt. Der Patient darf auf nüchternen Magen eine Fructoselösung trinken. Dann wird anhand seiner Atemluft gemessen, ob sein Darm damit zurechtkommt. Und genau da gibt’s ein Problem: Denn dieser Test liefert reihenweise Volltreffer. Für viele Ärzte gilt die Regel: Wenn ein Patient Probleme hat, und unbedingt eine Diagnose will – dann ab zum Fructosetest – da findet man immer was. Der Patient hat seine Diagnose, er soll sein Essen entsprechend dem Fructosegehalt zusammenstellen und ist endlich beschäftigt. Und auch dem Umsatz tut es gut. Je mehr Patienten, desto lauter klingeln die Krankenkassen.

Aber niemand trinkt daheim auf leeren Magen ein Glas mit einer Fructoselösung. Und deshalb verläuft die Verdauung im richtigen Leben meist ganz anders als bei diesem Test. Denn es kommt nur selten vor, dass in der Nahrung ein derart hoher Fructose-Überschuss vorliegt, wie in dem Glas, das der Patient austrinkt. Außerdem enthält unser Essen weitere Komponenten wie Fette, die ihrerseits die Folgen abschwächen.

Diese Einsicht hat dazu geführt, dass die ersten Kliniken inzwischen auf diesen Test verzichten, einfach, weil es nicht sein kann, dass jeder zweite Mitbürger fructosekrank ist. Dort gilt jetzt die Regel: Lassen Sie bitte ein paar Tage jenes Obst weg, das einen Fructose-Überschuss enthält – namentlich Äpfel. Wenn es dann eindeutig besser wird, dann war der Patient vermutlich ein Malabsorber. Und wer den Fruchtzucker nicht verträgt, hat eine simple Möglichkeit für Abhilfe zu sorgen: Man gebe einen Teelöffel Traubenzucker dazu und schon wird die Fructose vom Körper spielend aufgenommen.

Die Zunahme der Fructose-Malabsorption ist eine Folge der H2-Atem-Tests - und der "gesunden Ernährung". Viele Menschen vertragen Obst halt nicht, vor allem keine Äpfel und keinen Apfelsaft. Diese enthalten nicht nur einen Fructose-Überschuss, sondern zusätzlich den ähnlich wirkenden Sorbit. Dazu kommt neuerdings das Inulin, ebenfalls eine Fructoseverbindung. Als Zusatz in Joghurt und Wurst soll es der Darmflora auf die Sprünge helfen. Wer dann noch seine Fettzufuhr drosselt, der darf sich nicht beschweren, wenn sein Darm aus dem letzten Loche pfeift. Aber statt die Ursachen zu beheben, namentlich die unsägliche 5-am-Tag-Kampagne, erfindet man lieber eine neue "Volkskrankheit".

Entdeckt hat diese Unverträglichkeit übrigens ein Innsbrucker Ernährungsmediziner: Professor Maximilian Ledochowski. Im Gespräch meinte er einmal: Wenn ich gewusst hätte, was die Ärzte daraus machen, ich hätte vielleicht besser auf eine Veröffentlichung verzichtet. Recht hat er. Mahlzeit!

Literatur:
Ledochowski M et al: Fruktosemalabsorption, Ernährung/Nutrition 2005; 29: 157-165
Gibson PR et al: Review article: fructose malsbsorptionand the bigger picture. Alimentary Pharmacology & Therapeutics 2007; 25: 349-363
Skoog SM et al: Dietary fructose and gastrointestinal symptoms: a review. American Journal of Gastroenterology 2004; 99: 2046-2050
Shu R et al: Dietary fructose enhances intestinal fructose transport and GLUT5 expression in weaning rats. American Journal of Physiology Gastrointestinal and Liver Physiology 1997; 272: G446-453
Drozdowski L et al: Dietary lipids modify the age-associated changes in intestinal uptake of fructose in rats. American Journal of Physiology Gastrointestinal and Liver Physiology 2005; 288: G125-G134

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