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Zeitfragen | Beitrag vom 08.02.2016

"Bank für Gemeinwohl" in WienOhne Zinsen und (zu) sozial

Von Philip Artelt

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"Bank für Gemeinwohl" in Wien: Vorständin Christine Tschütscher mit einem biologisch abbaubaren Werbe-Sticker (Deutschlandradio / Philip Artelt)
"Bank für Gemeinwohl" in Wien: Vorständin Christine Tschütscher mit einem biologisch abbaubaren Werbe-Sticker (Deutschlandradio / Philip Artelt)

Auch in der Bankenwelt prosperiert das Geschäft mit dem guten Gewissen. Seit 2008 freuen sich ethische Banken in Deutschland über steigende Kundenzahlen. In Wien braucht die "Bank für Gemeinwohl" noch vier Millionen Euro für ihre Lizenz.

"Ihr Geld in unseren Händen. Hohe Renditechancen dank Investition in absatzstarke Rüstungsindustrien. Top-Fondsmanagement dank hochbezahlter Anlageexperten. Und das Beste: Eine Kreditkarte gibt es gratis dazu!"

Die Zukunft des Bankenwesens. In Wien stellt man sie sich dann doch etwas anders vor. Bei der "Bank für Gemeinwohl" – etwas außerhalb des teuren Stadtzentrums – gibt es keine Lachsbrötchen, stattdessen Salzstangen und Brotstückchen. An den Fensterscheiben klebt das Logo dieser neuen Bank: eine Blüte in sieben Farben von Gelb bis Violett. Fröhlich und lebendig soll sie symbolisieren, was diese Bank erreichen will – eine bessere Welt. Die potentiellen Investoren wollen es weniger blumig.

"Das heißt aber, das Risiko für die Genossenschaftler ist eigentlich wirklich hoch."

"Das würde ich jetzt nicht so sagen. Wenn man sich anschaut, wie die Rücklaufquote bei den Krediten aussieht."

Michael Pöltl und die vielen anderen, die heute gekommen sind, wollen es genau wissen, was hier hinter den buntbeklebten Scheiben passieren soll. Denn dieses Projekt hat es in sich: 200 Euro aufwärts zahlen Genossenschaftler aus Österreich oder aus Deutschland für einen Anteil an der "Bank für Gemeinwohl". Für das eingezahlte Geld bekommen die Teilhaber: nichts. Keine Dividende, egal, wie erfolgreich die Bank einmal sein sollte. Nur ein bisschen Mitbestimmung der Genossenschaftler über die grobe Linie, die die Bank verfolgt. Christine Tschütscher aus dem Vorstand.

"Wir werden ganz sicher dann in den Jahren sagen, heuer wird es eher das Jahr, wo wir auf die erneuerbaren Energien schauen oder dass es Bildungsprojekte gibt, aber auch, die Regionalgruppen in den einzelnen Regionen, dass die auch festlegen können, was ihnen gerade wichtig ist."

Investitionsobjekte: Ökologie und Fair Trade statt Großkraftwerke und Rüstungsgüter

Ökologie, Fair Trade, da will diese Bank investieren. "Positivkriterien" nennen Finanzfachleute das, während "Negativkriterien" festlegen, wo die Bank nicht investieren will: Großkraftwerke zum Beispiel. Agrar-Gentechnik. Oder Rüstungsindustrie.

"Die schöne, faire Bankenwelt ist eigentlich nichts Neues. Bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts setzen sich Angehörige der Quäker-Glaubensgemeinschaft in den USA gegen die Sklaverei ein. 1758 gilt dann als Ursprungsjahr aller ethischen Investments: Damals beschlossen die Quäker in Philadelphia ein faktisches Verbot für Investitionen in den Sklavenhandel. In Deutschland entstanden ab den 70er-Jahren Ethikbanken. Die GLS-Bank, die Umweltbank oder die ehemalige Ökobank, sie alle stammen noch aus der Zeit vor der Jahrtausendwende."

Einige dieser Banken bieten ihren Kunden einen Zinsverzicht an. Willigt der Kunde ein, kann die Bank mit dem einbehaltenen Geld soziale oder ökologischen Projekte fördern, indem sie z. B. einen günstigen Kredit für den Bau eines Windparks vergibt. Ein Drittel der Kunden von Ethikbanken sei zu diesem radikalen Schritt bereit, schreibt die "Bank für Gemeinwohl" hoffnungsfroh auf ihrer Webseite und will auch dazu einladen. Aber ihre wahre Besonderheit liegt woanders:

"Mein Name ist Birgitt Wodon- Lauboeck, ich bin Juristin und als Juristin lange Jahre in einer Bank tätig gewesen, speziell im Sanierungsbereich."

Birgitt Wodon-Lauboeck gehört zum Heer der Freiwilligen, den Menschen, die sich neben ihrer Arbeit für die "Bank für Gemeinwohl" engagieren. Hauptberuflich ist sie inzwischen freie Unternehmensberaterin, aber etwa einen Arbeitstag pro Woche widmet sie "ihrer" neuen Bank. Und das völlig ohne Bezahlung.

"Gerade durch meine Tätigkeit in der Sanierung und Rechtsverfolgung habe ich mich schon früher mit sozialen Einzelfällen auseinandergesetzt und habe schon 1998 gesagt bekommen, dass ich viel zu sozial sei für meinen Job, weil ich mich für Bürgen eingesetzt habe, die vom eigentlichen Kredit nichts bekommen haben, aber dann den ganzen Kredit zurückzahlen mussten."

Selbst aktive Banker arbeiten angeblich im Ehrenamt mit

Zu sozial für die herkömmliche Bankenwelt – und damit wohl genau richtig, um Kreditentscheidungen zu treffen für die "Bank für Gemeinwohl" in Wien. Andere ehrenamtliche Mitarbeiter sollen sogar aktive Banker sein und heimlich mitarbeiten. Aber was ist mit denen, die ihr Geld in die neue Bank tragen sollen? Hat diese Bank Chancen bei den Kunden?

"Also ich glaube auch, dass ein Markt da ist, der wird jetzt nicht allzu groß sein, weil natürlich auch Menschen – ich sage mal – Misstrauen haben werden in eine solche Bank und sich fragen werden, sind das vielleicht nicht doch wirklich eher Amateure? Ist mein Geld dort sicher?"

Professor Matthias Fifka, Uni Erlangen. Spezialist für Unternehmensethik.

"Aber ich glaube, wir haben auch genügend Menschen, die sagen, ja, das ist ein neues Modell, das mich anspricht, wir haben eher rückläufige Kundenzahlen bei den großen Geschäftsbanken, weil die ja auch schon ein bisschen Vertrauen verspielt haben. Vor allem die größte, die Deutsche Bank, die sich ja nicht mit Ruhm bekleckert hat, um das mal salopp zu formulieren."

Jährlich steigende Mitgliederzahlen bei Ethikbanken

Die Mitgliederzahlen der Ethikbanken steigen dagegen, teilweise jährlich im zweistelligen Prozentbereich. So hat die Umweltbank inzwischen 115.000 Kunden. Die GLS Bank sogar 190.000 Kunden.

Bei der Wiener "Bank für Gemeinwohl" ist das noch Zukunftsmusik. Noch fehlen vier Millionen Euro für die Banklizenz. Zwei Millionen haben Euro haben die Genossenschaftler schon spendiert. Aber sie müssen noch zahlreicher werden – und derzeit geht es langsamer voran als geplant. Deshalb werben sie auf Informationsabenden wie diesem um Investoren. Einige werden wiederkommen, einige werden investieren. Auch Michael Pöltl hat sich an den Infotischen inzwischen ausgiebig informiert.

"Es ist sicherlich eine Idee, die fasziniert. Ich finde den alternativen Ansatz, die Ressource Geld dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen, interessant. Und ich werde sicherlich noch einmal darüber nachdenken. Aber jetzt, so, wie ich rausgehe, werde ich eher nicht investieren."

Immerhin, mindestens ein Selbstloser hat direkt vor Ort unterschrieben, den Vertrag für eine bessere Bankenwelt.

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