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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.04.2008

"Ban the bomb"

Vor 50 Jahren fand in London der erste Ostermarsch gegen nukleare Aufrüstung statt

Von Rolf Wiggershaus

Beim zweiten Londoner Ostermarsch versammelten sich rund 20.000 Demonstranten auf dem Trafalgar Square am 30.3.1959 (AP Archiv)
Beim zweiten Londoner Ostermarsch versammelten sich rund 20.000 Demonstranten auf dem Trafalgar Square am 30.3.1959 (AP Archiv)

Der erste Ostermarsch von der Londoner City zur 80 Kilometer westlich gelegenen Rüstungsfabrik Aldermaston war wirklich ein Marsch und dauerte vier Tage. Beim Aufbruch am Karfreitag waren es ungefähr 700 Teilnehmer, bei der Schlusskundgebung am Ostermontag, dem 7. April 1958, bereits 10.000. Der Londoner Ostermarsch inspirierte die Anti-Atom-Bewegungen in vielen anderen Ländern.

1958 ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid in der Bundesrepublik Deutschland, dass zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung bei "Atomenergie" an die Bombe und den Rauchpilz über Hiroshima dachten und ein Drittel noch nie etwas von friedlicher Kernenergie gehört hatte. Tatsächlich waren ja bis zum Bau von Atomkraftwerken zur Elektrizitätsgewinnung die Bomben die einzige nukleare Realität - die Bomben und die zahlreichen Bombentests mit radioaktivem "Fallout".

"Ban the bomb, ban the bomb.”"

Dieser Ruf war immer wieder zu hören, als Ostern 1958 eine wachsende Menschenmenge von London zur gut 80 km westlich gelegenen Atomwaffenfabrik Aldermaston zog. Beim Aufbruch vom Trafalgar Square am Karfreitag waren es ungefähr 700 Teilnehmer, bei der Schlusskundgebung in Aldermaston am Ostermontag, dem 7. April 1958, bereits 10.000. Der Deutsche Dienst der BBC zitierte damals aus einem Bericht der Londoner TIMES:

""Es dauerte 40 Minuten, bis die Kolonne der Ostermarschierer an uns vorbei war. (...) Alles Kommunisten, sagte ein Zuschauer. Auf jeden Fall sind sie für die Russen, sagte ein anderer. (...) Es gab aber auch andere Reaktionen. Gruppen von wohlgesinnten Zuschauern (...) spendeten jedem Vater Beifall, der ein Kind auf den Schultern oder einen Kinderwagen schiebend mitmarschierte oder jeder jungen Mutter, die ein Kind an der Hand mitzog."

Zur Demonstration aufgerufen hatte die Campaign for Nuclear Disarmament – die Kampagne für nukleare Abrüstung. Sie war im Januar 1958 unter anderem von dem Philosophen und Nobelpreisträger Bertrand Russell und dem linken Labourpolitiker Michael Foot gegründet worden und wurde rasch zur größten politischen Massenbewegung im England der Nachkriegszeit.

Großbritannien hatte 1952 eine Atombombe, 1957 eine Wasserstoffbombe gezündet und war zur dritten Nuklearmacht nach den USA und der Sowjetunion geworden. Ziel der Kampagne war: durch Druck von unten die Regierung und die Parteiführungen zu einem bedingungslosen Verzicht Großbritanniens auf Nuklearwaffen und zum Einsatz für die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in Europa zu zwingen.

Der Ostermarsch wurde zum Vorbild für andere Länder, zum Beispiel für die Bundesrepublik. Im Dezember 1957 hatte die Pariser NATO-Konferenz beschlossen, die europäischen Mitgliedsstaaten mit Atomwaffen-Depots auszustatten. Im März 1958 beschloss der Bundestag, die Bundeswehr atomar aufzurüsten. Es kam zu einer Welle von Kundgebungen und Demonstrationen.

Doch diese Aktionen waren fixiert auf die Unterstützung durch SPD und DGB. Als deren Führungen auf den außen- und sicherheitspolitischen Kurs der christdemokratischen Regierung einschwenkten, sah sich die antimilitaristische Opposition in Westdeutschland von parlamentarischer Präsenz und der Unterstützung durch gesellschaftliche Großorganisationen abgeschnitten.

In dieser Situation wurde die englische Kampagne für nukleare Abrüstung zur Inspiration für organisatorische Autonomie und unkonventionelle Protestformen. Die Anfänge der deutschen Ostermarschbewegung im Jahre 1960 waren allerdings sehr bescheiden, wie die Erinnerungen von Heiner Halberstadt zeigen, der wegen seiner Unterstützung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und der Ostermärsche 1962 aus der SPD ausgeschlossen wurde:

"Wir, die wir beispielsweise einen Ostermarsch von Miltenberg nach Frankfurt gemacht haben, durch den Spessart mussten, weil die bayrische Polizei uns die Benutzung von größeren Straßen verboten hatte, kamen in Dörfer, um die Leute zu ermutigen, etwas zu tun gegen Kriegsgefahren.

Und die Bauern sperrten ihre Hühner ein und guckten uns böse an, denn vorher waren Kolonnen von der Jungen Union in den Dörfern gewesen und hatten Flugblätter verteilt, (...) dass das alles Kommunisten seien, die da kommen würden. (...) Aber je mehr wir uns Frankfurt näherten, gab es hinter den Fensterscheiben schon ein verhaltenes Winken und irgendwie eine - sagen wir mal - bedingte Zustimmung."

Heute muss man feststellen: Nach Jahrzehnten des Auf und Ab ist die Ostermarschbewegung immer noch ein unverzichtbarer Seismograf für die jeweils neuesten Bedrohungen infolge unterbliebener nuklearer Abrüstung.

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