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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.03.2015

Baltische Staaten"Die Angst kommt ja nicht von ungefähr"

Eva-Clarita Pettai im Gespräch mit Ute Welty

Menschen stehen mit Flaggen entlang einer Straße in Estland - ein Teil der mehr als 600 Kilometer langen Menschenkette durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland im Jahr 1989.  (dpa / picture alliance / Novosti)
Teil der mehr als 600 Kilometer langen Menschenkette, hier in Estland, durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland. Am 23.08.1989 demonstrierten Hunderttausende für Unabhängigkeit von der Sowjetunion. (dpa / picture alliance / Novosti)

In Estland wie auch in den anderen Baltenstaaten löst das Vorgehen Russlands im Ukraine-Konflikt Beunruhigung aus: Die Menschen befürchtet Parallelen zu 1939, erklärt die Politologin Eva-Carita Pettai.

Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Eva-Carita Pettai beklagt das mangelnde Verständnis für die Ängste der Balten vor dem russischen Nachbarn.

"Das Bewusstsein, wir müssen uns kümmern, damit wir hier nicht bald die kleinen grünen Männchen hier haben, wie in der Ostukraine, dieses Bewusstsein ist sehr groß", sagte Pettai am Samstag im Deutschlandradio Kultur über die Stimmung in den baltischen Staaten.

Das Bedrohungsgefühl der Balten habe sich in den vergangen Monaten auch durch russische Versuche, den Luftraum zu verletzen, verstärkt. Beunruhigend wirke auch "das Kidnapping" eines estnischen Sicherheitspolizisten, der immer noch in Moskau im Gefängnis sitze. Vor diesem Hintergrund unterstütze die Bevölkerung eine Politik der militärischen Stärke und der Präsenz der NATO-Verbündeten. Gleichzeitig wachse der Zweifel, dass die EU im Ernstfall "wirklich helfen würde", sagte Pettai, die am Institute of Government and Politics (IGP) an der Universität Tartu in Südestland lehrt.

Die Ängste sind historisch begründet

Die Annexion der Krim habe in den baltischen Staaten sofort das Bewusstsein zu "Parallelen der Situation von 1939" geweckt, "als die baltischen Staaten okkupiert wurden von der Sowjetunion", sagte Pettai weiter. Die "Angst, dass sie nicht sicher sind, war sofort vorhanden." Diese Angst komme nicht von ungefähr, sondern erkläre sich auch aus der eigenen historischen Erfahrung.

Kein Verständnis für den Diskurs von "traditionellen Einfluss-Sphären"

Auf großes Unverständnis träfen daher auch Argumentationen in westlichen Medien, dass es "Einfluss-Sphären" gebe oder "dass Russland ein legitimes Anliegen hat, Einfluss auf seine Nachbarstaaten auszuüben." Für eine solche Art von "imperialistischem Denken" gebe es überhaupt kein Verständnis. "Ich war überrascht darüber, wie wenig die Interessen der Länder zwischen Russland und Deutschland beachtet werden", kritisierte Pettai.

Insbesondere in Lettland seien die Befürchtungen vor russischer Einflussnahme groß - schließlich gebe es dort im Parlament auch eine prorussische Oppoisitoni: "Dadurch ist der Konflikt, die Sympathie mit Russland, direkt ins Parlament getragen, und es finden heftige Debatten statt." In Estland werde aktuell versucht, mit dem Aufbau eines estnischen russischsprachigen Sender eine Alternative zur Propaganda aus Russland zu schaffen.

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Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Die Ukraine steht im Mittelpunkt – mal wieder, muss man sagen, mal wieder, wenn sich die EU-Außenminister in Riga in Lettland treffen. Dem Ort des Treffens kommt eine besondere Bedeutung zu, denn Lettland, Litauen und Estland, die baltischen Staaten sind aufgrund ihrer Geschichte besonders aufmerksame Beobachter der Lage in der Ukraine. Und auch besonders aufmerksame Beobachter des russischen Agierens.

(Bericht)

Und in Estland zählt zu den schon erwähnten aufmerksamen Beobachtern auch Eva-Clarita Pettai, sie ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin an der Universität Tartu im Süden Estlands. Guten Morgen, Frau Pettai!

Eva-Clarita Pettai: Guten Morgen!

Welty: Sie haben den deutschen Außenminister, Sie haben Frank-Walter Steinmeier gehört. Was würden sie ihm gerne sagen wollen über das Baltikum in der jetzigen Situation?

Pettai: Oh ...

Welty: Das ist eine gemeine Frage, aber es interessiert mich wirklich!

Pettai: Ich würde wahrscheinlich sagen, man sollte den Balten ein bisschen (Tonstörung)  zuhören. Und ich glaube, man sollte nicht unterschätzen, welche historischen Erfahrungen die Balten mit Russland haben, und vielleicht dazu sensibler auch mal hinhören. Denn diese Ängste, die es in diesen Ländern gibt, die kommen ja nicht von ungefähr.

Welty: Die baltischen Staaten wurden nach dem Ersten Weltkrieg von Russland unabhängig, wurden dann 1940 von der Sowjetunion annektiert und dann erst 1991 wieder selbstständig. Sie haben es gerade schon angedeutet, das bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Inwieweit prägt das den baltischen Blick auf diese Krise?

Pettai: Das prägt den Blick enorm. Ob es jetzt historische Reflexe sind oder auch wirklich begründete Ängste, aber natürlich haben sich die Parallelen zu 1939 massiv aufgedrängt, als die Annexion der Krim stattfand. Und (Tonstörung) diese Art von imperialistischem Denken, dass es Einflusssphären gibt und dass...

[Interview wird kurz unterbrochen wg. einer technischen Störung]

Welty: Frau Pettai, wir haben ein bisschen Probleme mit der Leitung, mit der Qualität der Telefonleitung. Wenn Sie vielleicht ein bisschen herumgehen, dann haben wir vielleicht eine bessere Chance?

Pettai: Ja, ich versuche es ...

Welty: Nein, ich glaube, das hat keinen wirklichen Sinn. Wir machen ein bisschen Musik, wir versuchen, Sie noch mal zu erreichen. Bleiben Sie in der Nähe des Telefons, wir rufen noch mal an!

Pettai: Mache ich, okay!

(Musik)

Welty: Und wir sind wieder verbunden mit Eva-Clarita Pettai, Historikerin und Politikwissenschaftlerin in Estland. Und Frau Pettai, wir waren stehengeblieben bei der historischen Situation der baltischen Staaten, von Russland unabhängig, dann von der Sowjetunion annektiert, seit 1991 selbstständig. Sie waren dabei zu erklären, wie das den baltischen Blick auf die ukrainische Krise verändert und prägt!

Pettai: Ja, wie ich schon sagte, als die Annektierung der Krim stattfand, waren sofort die historischen Parallelen hier in der öffentlichen Diskussion natürlich von 1939, als die baltischen Staaten annektiert wurden oder okkupierten wurden von der Sowjetunion, und natürlich die Angst, dass sie nicht sicher sind, ist irgendwo vorhanden, auch wenn sozusagen gebetsmühlenartig wiederholt wird, nein, jetzt sind wir Mitglieder der EU und der NATO, jetzt kann uns nichts mehr passieren.

Welty: Jetzt ist vereinbart worden, mehr Beobachter der OSZE in die Ukraine zu schicken. Ist das eine Maßnahme, die die Menschen in den baltischen Staaten wenigstens ein bisschen beruhigt?

Pettai: Ich bin mir nicht sicher, ob die Beobachter jetzt so viel verändern. Natürlich wird das unterstützt und überhaupt ist hier eine sehr große Solidarität mit der Ukraine, viel Initiative auch in der Bevölkerung, wir spenden und sammeln für die ukrainischen Flüchtlinge. Aber ich glaube, wirklich Interesse besteht mehr an stärkeren Sanktionen, an stärkerem Auftreten einfach gegenüber Russland, auch militärisch hier. Also, die Stationierung von NATO-Übungstruppen hier im Baltikum wurde sehr positiv aufgenommen, es gab überhaupt keine kritischen Diskussionen, das wird allgemein als ein Sicherheitszeichen angesehen.

Welty: Das heißt, Sie wünschen sich womöglich mehr Unterstützung durch die NATO als durch die EU?

Pettai: Auf jeden Fall. Ich glaube, sie glauben nicht wirklich, dass die EU ihnen helfen würde im Zweifelsfall.

Welty: Inwieweit spielt die Sorge auch eine Rolle, dass mehr Militär auch eine weitere Eskalation bedeuten könnte?

Pettai: Erstaunlich wenig. Darüber wird erstaunlich wenig diskutiert. Also, die Debatten, die ich auch aus Deutschland verfolge, die eben in die Richtung gehen, die findet man hier nicht unbedingt in den Medien reflektiert, sondern das subjektive Sicherheitsbedürfnis geht dahin, dass sie sagen, lieber rüsten wir ... oder wir kriegen Hilfe, wir zeigen Stärke, wir zeigen, wir werden beschützt, als dass wir irgendwie Sorge haben, dass das weiter eskaliert. Da ist das sozusagen ein bisschen egoistisch, die Sichtweise.

Welty: Wo Sie das Stichwort Medien erwähnen: Wie erleben Sie die Berichterstattung über die Ukraine, gerade auch die im Westen, über die ja viel diskutiert wird? Da gibt es ja zwischen Ukraine verherrlichen und Putin verstehen viele Möglichkeiten, oder eben auch nicht so viele Möglichkeiten ...

Pettai: Ich persönlich, und ich glaube, das ist hier auch ein bisschen reflektiert in den hiesigen Medien, war überrascht darüber, wie wenig die Interessen und Vorstellungen der Länder zwischen Russland und Deutschland Beachtung finden. Und wie doch irgendwo immer noch so ein Denken vorhanden ist, dass es eine Interessenssphäre gibt für Russland, dass Russland ein legitimes Anliegen hat, Einfluss auf seine Nachbarstaaten auszuüben. Und das wird hier halt überhaupt nicht verstanden, da ist überhaupt kein Verständnis vorhanden für diese Art von imperialistischem Denken. Und da ist wirklich eine deutliche Schere zwischen hiesiger Sichtweise und dem, was man so in manchen westlichen Medien findet.

Welty: Ich spreche ja jetzt mit Ihnen in Estland. Würde das Gespräch dasselbe sein, wenn Sie in Litauen wären oder in Lettland?

Pettai: Ich glaube, in diesen Punkten ja. Natürlich ist die subjektive Bedrohung oder die subjektiven Probleme oder auch die objektiven Probleme innerhalb der Länder, innerhalb der politischen Konstellationen jeweils doch durchaus unterschiedlich. Wir haben in Estland und Lettland natürlich große russischsprachige Minderheiten, die auch vor allen Dingen in Lettland politisch vertreten sind in einer weitgehend ethnischen Partei und auch im Parlament sitzen, obwohl sie schon immer in der Opposition waren. Aber dadurch ist natürlich der Konflikt ... Die Sympathien mit Russland werden direkt ins Parlament getragen und es finden natürlich heftige Debatten statt. Und die eventuell subjektive Angst, das Angstempfinden auf lettischer Seite ist dementsprechend viel konkreter. Hier in Estland gibt es eine solche Partei nicht. Natürlich gibt es die große Aufmerksamkeit von den Medien in die Richtung, natürlich wird darüber geredet, dass eventuell eine fünfte Kolonne im Land wäre und dass man aufpassen muss. Es gibt jetzt eine Initiative, einen russischsprachigen Sender, einen estnischen russischsprachigen Sender zu etablieren, damit eben eine Alternative zur Propaganda aus Russland geboten wird. Wie erfolgreich das sein wird, weiß ich nicht, aber da findet was statt. Also, das Bewusstsein, wir müssen uns kümmern, damit wir hier nicht die kleinen grünen Männchen bald haben, so ähnlich wie in der Ostukraine, das Bewusstsein ist sehr groß.

Welty: Wie, glauben Sie, wird das weitergehen?

Pettai: In welcher Hinsicht?

Welty: In der Hinsicht auf die baltischen Staaten?

Pettai: Also, ich weiß es nicht. Ich glaube persönlich nicht, dass Russland, also dass Putin jetzt primär die baltischen Staaten als nächstes Ziel im Blick hat. Aber wir sehen bereits in den letzten Monaten immer wieder Versuche von russischer Seite, hier entweder den Luftraum zu verletzen, oder wir hatten die – das kam auch in den deutschen Medien, allerdings sehr wenig –, wie sagt man, das Kidnapping eines Sicherheitspolizisten hier, eines estnischen, von estnischem Territorium, der noch immer in Moskau im Gefängnis sitzt. Wir sehen in Lettland, Ostlettland, Südostlettland durchaus Bewegungen oder erste Stimmen, die sich mit Russland und mit der ganzen Ukraine-Situation beziehungsweise Krim-Situation solidarisieren ...

Welty: Frau Pettai, wir haben gleich die Nachrichten, ich muss Sie an dieser Stelle unterbrechen.

Pettai: Ja.

Welty: Und sage danke schön! Eva-Clarita Pettai ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin in Estland und sie half uns, ein bisschen besser zu verstehen, wie die baltischen Staaten auf die Krise in der Ukraine schauen. Nochmals danke dafür!

Pettai: Ja, bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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