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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.08.2010

"Bakterien kennen keine Grenzen"

Hygiene-Experte fordert Bundeslösung

Rund eine Million Krankenhausinfektionen gibt es in Deutschland pro Jahr. (www.mbl.edu)
Rund eine Million Krankenhausinfektionen gibt es in Deutschland pro Jahr. (www.mbl.edu)

Nach dem Tod von drei Säuglingen in der Mainzer Uniklinik hat sich die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene für eine bundesweite Hygieneverordnung ausgesprochen. Föderalismus habe an dieser Stelle nichts zu suchen, sagte ihr Sprecher Klaus-Dieter Zastrow.

Susanne Führer: Drei Babys sind inzwischen auf der Intensivstation der Uniklinik Mainz gestorben und den Zustand von vier weiteren kleinen Patienten bezeichneten die Ärzte gestern Abend als kritisch. (...) Hier im Studio ist nun der Mediziner Klaus-Dieter Zastrow vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Kliniken in Berlin, guten Morgen, Herr Zastrow!

Klaus-Dieter Zastrow: Schönen guten Morgen!

Führer: Stimmen Sie Fred Zepp zu, die Versorgung von Kindern ist an allen Kliniken in Deutschland sicher?

Zastrow: Na wir haben ja gesehen, dass das nicht unbedingt so sein muss, aber im Großen und Ganzen stimme ich dem schon zu, dass die Versorgung gut und sicher ist. Aber es gibt eben solche Fälle und sie sind leider nicht ganz so selten, wie man eben den Eindruck gewinnen konnte. Es kommt schon öfter vor, es endet auch nicht immer – glücklicherweise nicht immer – so fatal tödlich, aber dass Kinder erkranken und eben an Krankenhausinfektionen, das kommt nicht sehr selten vor.

Die meisten Fälle gehen gut aus, aber verzögern natürlich den Krankenhausaufenthalt. Und was am Ende dann vielleicht doch als bleibender Schaden übrig ist, merkt man ja erst leider sehr viel später.

Führer: Wir wissen ja noch nicht, Herr Zastrow, ob die Kinder tatsächlich an diesen Darmbakterien in der Nährlösung gestorben sind, wir wissen aber natürlich, dass diese Darmbakterien da nichts zu suchen haben. Wie könnten die denn da reingeraten sein?

Zastrow: Ja es gibt da eigentlich nur drei Orte, das heißt oder drei Möglichkeiten. Die erste ist, dass der Hersteller der Infusionslösung eine kontaminierte Lösung angeliefert hat. Das halte ich für sehr unwahrscheinlich, denn der Herstellungsprozess gibt das eigentlich gar nicht her. Die Flaschen werden befüllt, anschließend strahlensterilisiert und dann ist gar keine Möglichkeit mehr, einen Keim einzubringen.

Außerdem wären dann, die Flaschen werden ja auch nicht einzeln aufbereitet, wären Tausende von Flaschen schon kontaminiert und man würde aus vielen Ecken Deutschlands hören, dass da was nicht in Ordnung ist. Also das ist eher unwahrscheinlich. Dennoch, als Rarität könnte es natürlich in Betracht kommen. Die zweite Möglichkeit ist in der Apotheke selber, beim Richten der Infusion. So wie wir das Prozedere gehört haben, wie es in Mainz durchgeführt wird, das bleibt eigentlich auch …

Führer: … in der Apotheke in der Klinik …

Zastrow: … genau, die Klinik hat eine eigene Apotheke und mischt dann verschiedene Lösungen zusammen, so wie es eben für den Patienten gebraucht wird. Und das muss ja tatsächlich individuell hergerichtet werden und dabei könnte so was passieren. So wie Herr Pfeiffer gestern, der Klinikumsvorstand, es geschildert hat, gibt es keine Lücke. Das heißt also, so wie er es dargestellt hat, wenn die wirklich so gearbeitet haben, dann fragt man sich, da geht eigentlich auch nichts. Da muss dann irgendwo ein schweres Versagen aufgetreten sein.

Und die dritte Möglichkeit auf der Station selbst, dass beim Legen der Infusion, beim Anlegen der Infusion, beim Anstöpseln der Infusion da etwas schiefgegangen ist. Die drei Möglichkeiten gibt es. Die zweite wird im Moment natürlich ein bisschen gestützt, weil es die Chargenkontrolle gegeben hat, und die Chargenkontrolle hatte eben auch diese Bakterien. Aber die Chargenkontrolle verlässt natürlich nicht die Apotheke, erreicht die Station ja gar nicht, also spricht natürlich schon sehr viel dafür, dass es in der Apotheke passiert ist.

Führer: Also um das mal zu erläutern: Es wird, also die Nährlösung wird sozusagen den Babys verabreicht, aber es wird ein Teil zurückgehalten und der wird dann getestet. Und da hat man die Bakterien drin gefunden.

Zastrow: Genau.

Führer: Warum konnte man das nicht testen, bevor man die Nährlösung den Babys gegeben hat?

Zastrow: Ja weil es immer 24 Stunden braucht, bis die Bakterien wachsen und bis dann praktisch wir erkennen können, ob überhaupt was drin ist. Das ist auch jetzt keine spezielle Kontrolle für den Einzelfall, sondern man prüft auf diese Art und Weise Gesamtprozesse. Das ist eine permanent, routinemäßig laufende Kontrolle, mit der man eben diesen Prozess kontrolliert, aber man muss natürlich darüber nachdenken, ob man eventuell – das machen alle so, das ist jetzt keine Spezialität aus Mainz –, ob man da nicht doch etwas anders verfahren muss. Denn für den Einzelfall hat es eben keinen Wert, weil die Nachricht erst später kommt.

Führer: Ich habe gelesen, Herr Zastrow, dass diese Mischungen in der hauseigenen Apotheke – also man kann offensichtlich diesen kleinen Babys nichts schon fertig Gemischtes geben, das muss immer individuell angesetzt werden – in einem sogenannten Reinraum erfolgen. Was ist denn ein Reinraum? Also ich stelle mir vor, dass da die Hygienevorschriften extrem sind?

Zastrow: Ja, also der Reinraum zeichnet sich dadurch aus, dass dort über eine Klimaanlage sterile Luft eingepustet wird, da gibt es keine Fenster, jedenfalls keine, die geöffnet werden können. Dann gibt es noch eine Werkbank, die noch mal die Luft filtriert, in dieser Werkbank wird dann gearbeitet, man sitzt davor und hat nur die Hände in der Werkbank. Die Leute, die da sitzen, haben sterile Kittel an, haben Mund-Nasen-Schutz, haben einen Haarschutz, haben eine Händedesinfektion durchgeführt, dann noch sterile Handschuhe. Also unter extrem ja sterilen Bedingungen.

Und deswegen ist es eigentlich auch gar nicht nachvollziehbar, wie da jetzt, wo da der Keim herkommen sollte. Aber es ist nun mal passiert. Es könnte nur sein, dass eben sich irgendwann mal jemand nicht daran gehalten hat, aber es wurde auch gesagt, es sind immer zwei Leute – Vier-Augen-Prinzip –, die da sitzen. Das heißt, da müssen ja schon zwei versagt haben. Also ja, es bleiben Fragezeichen.

Führer: Wo Sie das gerade angesprochen haben, mit dem Vier-Augen-Prinzip gesagt: Gut, es wurde ja auch, in den ersten Reaktionen wurde gesagt, gut, es gibt all diese Vorschriften, aber natürlich wo Menschen arbeiten, passieren Fehler, das wissen wir. Dann wissen wir aber auch, dass man natürlich in kritischen Bereichen, ob es jetzt Atomkraftwerke sind oder Krankenhäuser, natürlich immer eine Sicherung einbauen muss, damit wenn diese menschlichen Fehler passieren, es eine Sicherung gibt, damit es jemand anderem auffällt. Und das wäre dieses Vier-Augen-Prinzip, ist das so eine Sicherung?

Zastrow: Das ist so eine Sicherung. Ja und es wurde ja gesagt, es wurde auch so gemacht. Also wenn man sagen würde, da war jetzt gerade eine andere Situation, weil alle krank waren, es waren nur diesmal nur mal zwei Augen da, die unbeobachtet waren, aber davon war ja nicht die Rede. Also die haben schon auch – jedenfalls stellen sie das so dar mit den Arbeitsanweisungen –, dass es eigentlich keine Lücke gibt, muss man so sagen.

Führer: Also wenn ich das zusammenfassen darf, ist es weiterhin ein großes Rätsel, wie es dazu kommen konnte.

Zastrow: Es ist ein Rätsel, ja.

Führer: Nach dem Tod von drei Babys in der Mainzer Uniklinik spreche ich im Deutschlandradio Kultur mit dem Mediziner Klaus-Dieter Zastrow über Krankenhaushygiene im Allgemeinen. Denn öffnen wir mal ein bisschen das Feld, Herr Zastrow: Als Sie vor einem halben Jahr, es war im April, schon einmal im "Radiofeuilleton" zu Gast waren, da ging es um den relativ schlechten Standard der Hygiene an deutschen Kliniken im internationalen Vergleich. Im Gespräch mit meinem Kollegen Frank Meyer kamen Sie auf einen Fall aus Frankreich, da war ein prominenter Schauspieler und Schauspielersohn, Guillaume Depardieu nämlich, in einem Krankenhaus gestorben an einer Krankenhausinfektion, also er hatte sich da einen Erreger gezogen.

Und es gab natürlich eine riesige Aufmerksamkeit in allen Medien in Frankreich und es wurden also Regeln und Gesetze geändert, und es ist binnen Kurzem gelungen, in den französischen Kliniken die Ansteckungsrate fast zu halbieren. Und damals, Herr Zastrow, haben Sie – ich hab es mir noch mal angehört, das Interview – etwas bitter, fast zynisch gesagt, tja, vielleicht muss es erst den Richtigen erwischen, bevor alle wach werden. Jetzt haben wir drei tote Babys und es gibt Ankündigungen aus der Regierungskoalition, jetzt eine bundesweite Hygieneregelung zu erlassen.

Zastrow: Ja, das wird Zeit, ist längst überfällig. Die Zahlen, die wir haben, eine Million – bis zu einer Millionen – Krankenhausinfektionen und bis zu 40.000 Todesfällen pro Jahr …

Führer: … bis zu einer Million? Das ist ja noch mehr, als ich dachte …

Zastrow: … bis zu einer Million, ja, die Zahlen schwanken auch immer ein bisschen. Ist ja auch eine Frage, wie viele Krankenhauspatienten haben wir, mal haben wir 16 Millionen, mal 18 Millionen, es ist ja auch keine absolute Konstante. Und in der Vergangenheit hat sich die Politik darauf konzentriert, über die Zahlen zu streiten, und ich habe da immer schon gesagt, ob es 800.000 sind oder 700.000 oder 900.000, ist eigentlich völlig egal. Denn die Botschaft lautet, wir können mit sachgerechter Hygiene die Hälfte vermeiden. Und ob wir uns über 300.000 unterhalten oder über 500.000 – nicht wahr, kann ja wohl nicht wahr sein, dass man es daran festmacht! Sind gewaltige Zahlen, keine andere Infektionskrankheit in Deutschland erreicht auch nur annähernd diese Dimension. Wir haben 5000 Verkehrstote, aber 40.000 im Krankenhaus und können 20.000 vermeiden, da kann man sich nicht ständig darüber streiten, ob es 18 oder 17.000 sind! Und, ja jetzt …

Das ist natürlich bitter für die Betroffenen, und Kinder haben, oder gerade auch neugeborene Säuglinge haben ja doch, setzen ganz andere Emotionen frei, und jetzt haben wir schon die ersten Stimmen aus der Politik gehört, die sagen, ja wir müssen jetzt was tun. Das haben wir auch immer schon gesagt und gesagt, wir brauchen eine bundesweite Hygieneverordnung. Was sollen Länderverordnungen? Föderalismus hat an der Stelle nichts zu suchen, Bakterien kennen keine Grenzen, die interessiert es nicht, ob sie in Schleswig-Holstein oder in Bayern sitzen, machen überall die gleichen Infektionen. Und die Krankheiten zu verhindern, sind auch überall die gleichen Methoden.

Und als wir die Schweinegrippe, als die uns überraschte im vorigen Jahr, da wurde ja über Nacht eine Meldepflicht und alles Mögliche, es ging auf einmal alles, da war mit Föderalismus gar nichts. Und dann fragt man sich, oder haben wir uns gefragt, warum geht das nicht auch mit der Krankenhaushygiene? Denn hier geht es elementar um Krankheiten, um Menschenleben und am Ende des Tages, was für mich nicht im Vordergrund steht, aber um Milliarden von Kosten, die entstehen als Folgekosten auch für die Krankenkassen und den Staat schlechthin.

Führer: Der Mediziner Klaus-Dieter Zastrow vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Kliniken Berlin, ich danke Ihnen herzlich für Ihren Besuch, Herr Zastrow!

Zastrow: Sehr gerne!

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