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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.07.2010

Bahnexperte: Deutsche Bahn geht unverantwortlich mit Fahrgästen um

Winfried Wolf über die strukturellen Probleme der Bahn

Winfried Wolf kritisiert das Krisenmanagement der Bahn (AP)
Winfried Wolf kritisiert das Krisenmanagement der Bahn (AP)

Erst leugnen, dann langsam mit der Wahrheit rausrücken - die Öffentlichkeitsarbeit der Bahn sei verheerend, sagt Sachbuchautor Winfried Wolf. Aber auch der Bund als Eigentümer habe eine Mitverantwortung für die aktuellen Probleme.

Gabi Wuttke: Die Bahn ist gerade mal wieder der Buhmann der Nation. Der überhitzte Fahrgast leidet und mit ihm das ganze Land. Irgendwie scheint jeder Bahnkunde zu sein. Zumindest was den öffentlichen Eindruck angeht, sinkt die Meinung über Bahnchef Rüdiger Grube gerade auf das Niveau seines Vorgängers Hartmut Mehdorn. Warum ist das so? Am Telefon ist jetzt Winfried Wolf, der sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte und der Gegenwart der Eisenbahn beschäftigt, auch in dem Buch "Die Globalisierung des Tempowahns". Guten Morgen, Herr Wolf!

Winfried Wolf: Schönen guten Morgen!

Wuttke: Rüdiger Grube hat Klimaanlagen, die bei mehr als 32 Grad Außentemperatur den Geist aufgeben, nicht bestellt. Trifft ihn der Zorn also zu Unrecht?

Wolf: Teilweise sicherlich. Wir reden ja auch nicht primär über Grube, sondern wir reden über die Deutsche Bahn AG und ihre unverantwortliche Art, mit Fahrgästen umzugehen. Und da trifft leicht die Verantwortung jetzt die vorausgegangenen Herren Dürr, Ludewig, Mehdorn vor allem, aber in bestimmtem Maße, darauf wird einzugehen sein, auch Herrn Grube.

Wuttke: Inwiefern Herrn Grube?

Wolf: Nun, Herr Grube ist jetzt doch ein Jahr lang und, glaube ich, zwei Monate Bahn-Chef. Er hat irgendwann mitgeteilt bekommen, dass seine Klimaanlagen in den ICEs bis 32 Grad noch richtig ticken und dann austicken, beim ICE 1 und ICE 2, beim ICE 3 bis 35 Grad. Man könnte es erwarten, dass er da ein Problem sieht und in irgendeiner Form, zumal es im Frühjahr einen sogenannten Frühjahrsputz bei Klimaanlagen und Toiletten und Türen gab, bei allen ICEs, darauf eingehen würde.

Vor allem spätestens hätte man nach dem letzten Wochenende erwartet, dass nicht Herr Grube abdeckt, wenn sein Sprecher sagt, es waren nur drei Ausfälle und die ganzen Geschichten bagatellisierten. Erst jetzt, nach insgesamt sechs Tagen glaube ich, oder fünf Tagen, im Detail herausrückt und sagt, ja, es ist ein richtig technischer Fehler, wir haben zu schwach ausgelegte Klimaanlagen.

Wuttke: Das Erbe von Hartmut Mehdorn und seinen Vorgängern, Sie haben sie genannt, muss man trotzdem sagen, wiegt ja außerordentlich schwer. Es wurde gespart auf Teufel komm raus, um den Börsengang vorzubereiten, dann durch Hartmut Mehdorn. Das kann doch keiner in 14 Monaten wieder in Ordnung bringen, zumal wir wissen, die Deutsche Bahn ist ein schwerfälliger Staatsbetrieb, noch immer.

Wolf: Ja, aber noch mal: Also die Öffentlichkeitsarbeit war verheerend, und dafür steht Herr Grube natürlich gerade, das hat Herr Mehdorn ja auch immer praktiziert, dass man am Anfang, wenn eine Achse bricht, eben leugnet, leugnet, leugnet, und wird dann, wenn es gar nicht mehr anders geht und andere alternative Medien und Recherchen ergeben, das war so und so, dann rückt man langsam mit der Wahrheit heraus. Und so war es eben jetzt.

Wenn ich gehört und gesagt bekomme, das waren drei ICEs, und jetzt weiß man, es sind über 35 gewesen, die konkret betroffen sind, und es hat erst vorgestern die Bahn in der Einzelheit bekannt gegeben, nachdem es unter anderem, glaube ich, der Fahrgastverband Pro Bahn diese Zahl additiv durch andere Klagen herausgegeben hat.

Dann noch was: Herr Grube hat vor, dass die Flotte von den ICEs 2 einer Generalüberholung zugeführt werden, das heißt, das ganze Interieur kommt heraus und neues hinein, wie es am ICE 1 ja auch vor zwei Jahren passiert ist und die gleichen Klimaanlagen drin blieben beim ICE 1. Auch jetzt hat er heute Morgen im Interview gesagt, dass beim ICE 2 bisher nicht vorgesehen war, andere Klimaanlagen einzusetzen.

Und da kann ich noch mal sagen, ich meine, man weiß, es wird im Sommer wärmer als 32 Grad, und wenn man da sagt, man macht eine Generalüberholung für hundert und mehr Millionen Euro für ICE-2-Flotte und lässt die Klimaanlagen drin, dann ist es einfach unverantwortlich. Heute Morgen hat er nur gesagt, man überlegt jetzt, ob man vielleicht andere einbauen lässt.

Wuttke: Wie stehen Sie denn dazu, wie die Bahn-Eigentümerin, also der Staat, agiert?

Wolf: Der Staat ist der 100-prozentige Eigentümer oder der Bund genauer gesagt und damit die Bundesregierung, die Vertretung der Bevölkerung…

Wuttke: Ja eben!

Wolf: Ja, ich hab jetzt nicht widersprochen, danke schön, ja. Er hat natürlich eine Verantwortung dafür, ebenso das Eisenbahnbundesamt als eine dem Verkehrsministerium untergeordnete Behörde, das haben die auch erst so langsam zugegeben. Zunächst hat Herr Ramsauer gepoltert und gesagt, die müssen auch bei 40 Grad arbeiten. Er hätte wissen müssen, das Verkehrsministerium musste wissen, dass sie eben nicht bei 40 Grad arbeiten.

Es sind ja keine Geheimdokumente, die da vorliegen. Es sind Handbücher für die ICEs, die mindestens dem Verkehrsministerium vorliegen sollten, nicht nur bei der Deutschen Bahn AG. Und da steht es eben drin, was wir jetzt wie gesagt erst in den letzten zwei Tagen erfahren haben, wie lang die ausgelegt sind.

Und wenn da jetzt Herr Ramsauer, Herr Grube und andere auf Normen verweisen, dann ist es auch lächerlich, weil erst mal diese Normen von der Union internationale des chemins de fer vom UIC, das sind Normen eines privaten internationalen Eisenbahnverbands, es sind sozusagen Richtwerte, die sollte man einhalten, aber man sollte auch überlegen, ob man nicht einfach einen Tick draufgibt, was ganz normal ist.

Das galt auch für die Achsen, aber da sind auch die Normen eingehalten worden, aber die Normen waren halt für die Belastungen des Hochgeschwindigkeitsverkehrs in der Neigetechnik zu schwach ausgelegt worden, was man jetzt nach fünf, sieben Jahren zugibt, obwohl es die Fachpresse schon lange so geschrieben hat. Und was jetzt die Normen des EBA betrifft, gilt das Gleiche. Normen sind ja nicht gottgegeben, sondern man kann überlegen, ob die geldgültig sind.

Wenn man merkt, dass seit mindestens dem Sommer 2003 Klimaanlagen ausfallen bei der Hitze, kann man sagen, okay, dann ist die Norm vielleicht nicht ausreichend, wir müssen andere Klimaanlagen einbauen.

Wuttke: Herr Wolf, was ich aber eigentlich auch noch meinte, war die Sache mit den Finanzen, denn natürlich, die Bundesregierung war die treibende Kraft, um damals den Börsengang auf den Weg bringen zu wollen, ist dann gescheitert, weil geht gerade alles nicht, von daher trägt doch unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit der Fahrgäste auch die Bundesregierung und nicht nur jetzt der Bahnchef und seine Mitarbeiter Verantwortung dafür, was da los ist.

Wolf: Ja, klar. Und dieser Börsengang, der – bei der S-Bahn ist es ja sehr super und sehr gründlich aufgearbeitet worden …

Wuttke: In Berlin, genau.

Wolf: Auch bei der Wartung, dass bei der Wartung real gespart wurde – jetzt kann ich es nicht beweisen beim ICE, aber bei der S-Bahn ist es direkt belegt worden, und zwar im Zusammenhang mit dem Börsengang. Und im Koalitionsvertrag vom Oktober oder September letzten Jahres steht natürlich drin, dass sobald es die Börsenlage zulässt, man wieder an die Börse gehen will mit der Bahn.

Und entsprechend machte vor einer Woche Herr Grube die Entscheidung, für knapp drei Milliarden Euro Arriva, einen europäischen Busbetreiber und Schienenbetreiber, einzukaufen und nicht diese drei Milliarden in die Verbesserung der Qualität des Schienenverkehrs im Inland zu investieren.

Wuttke: Im Interview der "Ortszeit" von Deutschlandradio Kultur Winfried Wolf, der sich seit vielen Jahren mit der Eisenbahn beschäftigt, unter anderem in dem Verkehrssachbuch "Die Globalisierung des Tempowahns". Herr Wolf, besten Dank, schönen Tag!

Wolf: Schönen Tag, tschüss!

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