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Baden im Burkini

Aheda Zanetti ist Designerin eines "muslimischen" Badeanzuges

Von Andreas Stummer

Nun können auch die Musliminnen die australischen Strände genießen- im Burkini.
Nun können auch die Musliminnen die australischen Strände genießen- im Burkini. (www.ahiida.com)

Als Kind wurde die Australierin libanesischer Abstammung ausgelacht, wenn sie in Burka schwimmen ging. Da es für gläubige Musliminnen keine adäquate Badekleidung gab, entwarf die 34-jährige Aheda Zanetti einfach selbst den Burkini, eine Mischung aus der traditionellen Burka und Bikini.

Der Stadtteil Punchbowl im Westen von Sydney. "Klein-Libanon", wie die überwiegend arabisch-stämmigen Einwohner das Viertel nennen. Englisch ist hier eine Fremdsprache, die Moschee gleich um die Ecke. In ihrer Boutique bringt die aus Beirut stammende Modemacherin Aheda Zanetti zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört: Bademode für muslimische Frauen.

Aheda hat einen multikulturellen Badeanzug entworfen. Halb Burka, das traditionelle, sackähnliche Gewand, das muslimische Frauen fast völlig verhüllt und halb Bikini, das stoffgewordene Feigenblatt. Das Ergebnis ist der erste islam-kompatible Zweiteiler der Welt, genannt: Burkini.

"Der Badeanzug besteht aus langen Hosen und einem langärmeligen, sweatshirt-artigen Oberteil, an dessen Nacken eine Kapuze festgenäht ist. Sie ersetzt das Kopftuch. Ich habe mich an der westlichen Mode orientiert. Obwohl eine Frau darin verhüllt ist, zeigt niemand auf sie und sagt: Dahinten ist eine Muslimin!"

Der Koran verlangt, dass sich muslimische Frauen bedeckt halten, ausgenommen sind nur Gesicht, Hände und Füße. Leicht bekleidet an den Strand zu gehen ist Gotteslästerung und in der Sommerhitze von Kopf bis Fuß verhüllt so unbequem wie unangenehm. Nicht aber mit Aheda Zanettis Burkini.

"Der Badeanzug hat das Leben vieler muslimischen Frauen verändert. Er gibt ihnen die Freiheit zu tun, was sie möchten. Auch am Strand. Bestimmt 90% der Frauen gingen nie ins Wasser, weil sie nicht schief angeschaut werden wollten. Jetzt aber haben wir unseren eigenen Badeanzug, der praktisch ist und in dem wir uns frei bewegen können."

In Australien sind Sonne, Sand und Meer Teil der Kultur. Ob Einheimische, Zuwanderer oder Touristen: Am Strand sind alle gleich. Soziale, religiöse oder politische Verschiedenheiten werden zusammen mit den Kleidern abgelegt. Eine Freiheit, von der die heute 34-jährige Aheda früher nur träumen konnte.

Aheda ist zwei, als ihre Familie Mitte der 70er vor dem Bürgerkrieg im Libanon flieht und von Beirut nach Sydney kommt. Koranschule, nur libanesisch-stämmige Bekannte: Ahedas Vater erzieht seine einzige Tochter als streng gläubige Muslimin. Ihre Mutter bringt ihr zu Hause das Schneidern bei, aber Aheda fällt die Decke auf den Kopf.

Sie liebt es draußen zu sein, den Strand und das Meer. Heimlich nimmt Aheda Schwimmunterricht. Mit Kopftuch und von oben bis unten eingewickelt in mehrere Lagen dicker, schwarzer Wickelgewänder.

"Meine Kleidung war einfach unpassend und viel zu schwer. Wenn ich aus dem Wasser kam, dachte ich, ich hätte zehn Tonnen Ziegelsteine auf dem Rücken. Es war nicht bequem, ich konnte mich damit nicht frei bewegen. Außerdem war man den ganzen Tag nass. Die Kleider brauchten ewig, um zu trocknen."

Im Freibad durfte sie aus Sicherheitsgründen nicht voll bekleidet ins Wasser, am Strand wurde sie, dick vermummt, ausgelacht. Aheda fühlte sich als Australierin zweiter Klasse. Eine Enttäuschung, die sie ihren eigenen Töchtern ersparen wollte. Inzwischen verheiratet und vierfache Mutter suchte Aheda vor zwei Jahren überall nach Schwimmkleidung für muslimische Frauen. Vergebens.

"Es gab nichts. Überhaupt nichts. Ich konnte nicht glauben, dass überall ein lästiges Kopftuch dabei war. Also setzte ich mich selbst hin, entwarf ein Badekostüm und ersetzte das Kopftuch durch eine festgenähte Kappe. Als Test schlug ich Räder damit und rannte im Park herum. Und es funktionierte."

Der 100 Euro teure Burkini kommt in leuchtenden Farben von türkis bis kirsch-rot oder in bescheidenerem dunkelgrau oder schwarz. Bevor ihre Badekostüme in Produktion gingen, bat Aheda den obersten Mufti Australiens um eine Audienz. Und war erleichtert, als er dem islamischen Zweiteiler seinen Segen gab.

"Für mich war es wichtig, nicht nur etwas für Musliminnen zu tun, sondern auch Islam-Gläubige zu respektieren. Der Burkini ist mein Beitrag, um Muslime und die westliche Kultur näher zusammenzubringen. Damit können wir muslimischen Frauen sein wie alle anderen. Wir werden nicht mehr wegen unserer Religion, Kultur oder Hautfarbe ausgegrenzt."

Weltweit gibt es etwa eineinhalb Milliarden Muslime, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Sie führen buchstäblich ein Schattendasein, während die Männer ihren Platz an der Sonne genießen.

Aheda Zanetti hofft, dass ihr Burkini das ändern wird. Nach Australien wird der Badeanzug bald auch in Europa, den USA und Asien vertrieben. Und mit einem schlichten Burkini können muslimische Frauen beim Schwimmen nicht mehr baden gehen.



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