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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.06.2015

Azubi 4.0Über die Zukunft der dualen Berufsausbildung

Von Erik Albrecht

Azubis feilen am Mittwoch (17.03.2004) im Qualifizierungszentrum von VW Kassel in Baunatal an der Werkbank. Im Qualifizierungszentrum bekommen rund 700 Lehrlinge metallverarbeitender Berufe ihre Ausbildung. (picture alliance / dpa /  Uwe Zucchi)
Auszubildende feilen im Qualifizierungszentrum von VW Kassel in Baunatal an der Werkbank. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Wer kann, studiert. Immer weniger Jugendliche glauben, dass eine Lehre sie für die Anforderungen der Globalisierung und der digitalen Welt fit macht. Vor allem dem Mittelstand droht damit der Fachkräfte-Nachwuchs wegzubrechen.

Berufsbildungstag der Industrie- und Handelskammer Stuttgart. Schülergruppen ziehen von Stand zu Stand, Stuttgarts Unternehmen werben um den Nachwuchs.  Die Situation habe sich grundlegend gewandelt, meint Martin Frädrich von der IHK. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen werde es sehr eng.

"Wir sind noch nicht so weit, dass man völlig frustriert Abstand nimmt, aber erste Anzeichen sind da. Ich hoffe nicht, dass es dazu kommt. Trotz aller demografischen Entwicklungen. Das muss man auch sehen – wir haben weniger Jugendliche – dass dieser Wettbewerb nicht so zu Lasten der Wirtschaft ausgeht und dass es da nicht zu dramatischen Fehlentwicklungen kommt."

Bätje: "Das ist nicht die Mitte hier. Zwanzig sollte es sein. An der einen Seite haben wir sechszehn, an der anderen Seite haben wir vierundzwanzig."
Schüler: "Ach so."

Eigentlich bildet Frank Bätje angehende Tischlergesellen aus. Jetzt baut er Kerzenständer mit Achtklässlern. Schließlich sind sie die Fachkräfte von morgen.

Sie für das Handwerk zu begeistern, werde immer schwieriger, sagt Bätjes Chefin Viola Keuters, Leiterin des Berufsbildungszentrums der Handwerkskammer Magdeburg.

"Seit 1900 erlebt das Handwerk immer die Situation: Wenn ich die Tür aufmache, stehen da draußen junge Leute, die wollen meinen Beruf lernen. Jetzt ist die Situation anders. Wir selber haben bis vor fünf Jahren noch so viele Lehrlinge gehabt, dass wir selber kaum glauben konnten, dass mal andere Zeiten anbrechen. Seit fünf Jahren ist in der Kammer Magdeburg von 5000 Lehrlinge sind jetzt nur noch 2960 Lehrlinge da. Selbst in dieser Spanne ist nochmal die Hälfte abgebrochen. Also das zeigt die Dramatik."

Duale Ausbildung gilt als Grund für geringe Jugendarbeitslosigkeit

Zeitenwende in der dualen Berufsausbildung – vielen gilt sie als ein Schlüssel für den Erfolg des deutschen Wirtschaftsmodells. Ausbildung im Betrieb macht sie praxisnah, der zusätzliche Unterricht in der Berufsschule gibt ihr das theoretische Fundament. Auch deshalb ist die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland so niedrig wie nirgendwo anders in Europa. Produkte, "Made in Germany", sind weltweit gefragt. Doch zu Hause gibt es immer weniger junge Leute, die diese Waren auch in Zukunft noch herstellen wollen. Der Azubi 4.0, der Lehrling moderner Industrie- und Handwerksbetriebe – er ist Mangelware.

Sprecher:
Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Magdeburg:
Anlagenmechaniker: 28 freie Stellen
Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk: 19 Angebote
Kfz-Mechatroniker: 30 Lehrlinge gesucht
Tischler: 17 freie Lehrstellen

Freie Lehrstellen und niemand tritt sie an – die junge Generation ist gefragt wie nie. Jahrelang war das unvorstellbar. Da tagten Politik und Wirtschaft auf Ausbildungsgipfeln, schmiedeten Pakte und trotzdem blieben Hunderttausende Jugendliche ohne Lehrstelle. Heute könnten sich viele ihre Lehrstelle aussuchen – könnten, wohlgemerkt. Denn immer mehr haben keine Lust auf Ausbildung.

In den 70 Meter hohen Türmen direkt am Hannoveraner Hauptbahnhof herrscht ein Gewusel wie in einem Ameisenhaufen. Eigentlich ist hier die Zentrale der Sparkasse. Doch die wird derzeit von Grund auf saniert. Unzählige Gewerke arbeiten parallel. Die Firma Schubert kümmert sich um die Elektrik. Stromanschlüsse, Bewegungssensoren und Licht auf insgesamt 36.000 Quadratmetern. Die Komplettsanierung ist nur eine der vielen Großbaustellen des Mittelständlers aus Tangerhütte in Sachsen-Anhalt. Wer in dem Geschäft mithalten will, braucht Fachkräfte. Doch Elektriker sind auf dem freien Markt kaum noch zu finden.

Schubert: "Null, nicht eine einzige Bewerbung. Wenn wir hier mit einer riesengroßen Zeitungsannonce werben, kommt vielleicht eine Bewerbung. Wenn wir das in Hamburg machen, seit einem halben Jahr null Bewerbungen. Wenn wir eine offene Stelle bei der Agentur für Arbeit melden, und die haben wir ständig gemeldet, kommen null Bewerbungen."

Ausbildung ist längst zur Chefsache geworden

Bleibt nur der Nachwuchs, um in Zukunft genügend Fachkräfte zu haben. Für Volker Schubert ist Ausbildung deshalb längst zur Chefsache geworden.

Auf der Fahrt in die Firmenzentrale in Tangerhütte in Sachsen-Anhalt wechseln sich Felder mit kleineren Ortschaften ab. Die Region ist ländlich geprägt. Bis nach Magdeburg, in die nächstgrößere Stadt, sind es 40 Minuten. Eine Ausbildung macht hier nur, wer aus der Region kommt.

Schubert: "Der demografische Wandel hat hier natürlich noch extremer zugeschlagen als irgendwo anders. Und da muss man sich Gedanken machen, wie man Mitarbeiter an dieses Unternehmen koppelt. Wir müssen das Unternehmen ja immer gemischt halten von der Altersstruktur. Es gibt sehr viele Unternehmen technischer Natur, die überaltert sind. Und das will ich vermeiden. Und wie bekommt man das hin?"

Schubert stellt die Schlüsselfrage für viele Unternehmen in der Region. Sachsen-Anhalt ist Frontgebiet im Kampf der Betriebe um Nachwuchs. 40 Prozent der Lehrstellen in Industrie und Handel blieben 2014 unbesetzt. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der Schulabgänger mehr als halbiert. Und so gehen deutlich mehr Menschen in Rente als Junge nachkommen.

Während immer mehr Betriebe mittlerweile ganz auf Lehrlinge verzichten, bildet Volker Schubert noch aus. Er startete eine Werbekampagne und schuf eine Sonderprämie für besonders gute Auszubildende.

Schubert: "Das ist auch wie eine Zielprämie anzusehen, die der Azubi monatlich bekommt. Und wenn er gut ist in der Berufsschule, bessert das sein Lehrlingsgehalt um das Doppelte auf. Das macht die Sache spannend. Aus diesem Grunde haben wir auch wieder mehr Zulauf, aber trotzdem viel zu wenig."

Immerhin: Noch findet er Lehrlinge, nicht nur in Tangerhütte, sondern auch an den anderen Firmenstandorten. In Hamburg bildet er zwei Lehrlinge mit Migrationshintergrund aus.

Schubert: "Das finde ich gut, weil dann haben wir auch ein bisschen Mischung, dass unsere Mitarbeiter auch mal begreifen: wir sind darauf auch angewiesen sind auf die Zuwanderung. Das ist ein Thema. Das begreifen ja viele nicht."

Die Medizinisch-technische Assistentin Betül Caliscan bei ihrer Arbeit in einem Krankenhaus.  (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Ein Migrationshintergrund kann die Suche nach einem Ausbildungsplatz erschweren. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Betriebe setzen auf Auszubildende aus Südeuropa

Deutschlandweit fehlen in diesem Jahr wohl 100.000 Lehrlinge. Manche Betriebe setzen da auch darauf, junge Menschen aus Südeuropa nach Deutschland zur Ausbildung zu holen. Florian Haggenmiller, Vorsitzender der DGB Jugend sieht das mit gemischten Gefühlen.

"Wir können da nur von profitieren, dass junge Europäer bei uns eine Ausbildung machen, wir als Gesellschaft. Das tut total gut. Nur ich glaube, die Arbeitgeber setzen da auf ein falsches Pferd. Ich glaube, man muss sich schon überlegen, dass man vor allem auch junge Menschen, die vielleicht noch nicht so eine gute Vorbildung haben über eine assistierte Ausbildung, über berufsbegleitende Maßnahmen dann auch heranführt an eine duale Ausbildung. Ich glaube da muss man viel mehr Energie aufwenden."

Immer noch blieben zu viele junge Menschen ohne Lehrstellen und landeten im Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung, bemängelt Haggenmiller. Und das trotz der Klagen der Wirtschaft. Die duale Ausbildung gerät damit gleich von mehreren Seiten unter Druck. Auf der einen bekommen junge Leute mit schlechteren Noten keine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Auf der anderen entscheiden sich immer mehr Besserqualifizierte für ein Studium.

Hurrelmann: "Es kann passieren, dass wir hier völlig neu nachdenken müssen und über die Zukunft des dualen Ausbildungssystems auch grundsätzlich nachdenken müssen."

Hurrelmann: "Insgesamt also  steht das gesamte Modell der dualen Ausbildung vielleicht noch nicht auf dem Prüfstand, aber doch auf der Beobachtungsstation. Und es wird hochinteressant, wie sich die verschiedenen Träger der beruflichen Ausbildung verhalten, wie sich die Ausbildungsströme der jungen Leute verändern werden."

Die Beobachtungsstation der dualen Ausbildung steht in Bonn. Das Bundesinstitut für Berufsbildung soll sie erforschen und weiterentwickeln. Friedrich Hubert Esser ist der Leiter. Langsam zieht unter den Fenstern seines Büros das Wasser des Rheins vorbei. Vor seinem wissenschaftlichen Auge ziehen dagegen seit Jahrzehnten Generationen von Lehrlingen vorbei. Doch in der Generation Y, bei den heute 15- bis 30-Jährigen, hat sich für Esser etwas grundlegend verschoben.

Esser: "Wir glauben es hat zum einen etwas mit dem Zeitgeist zu tun, mit dem Zeitgeist, was junge Leute sich heute unter Berufen vorstellen, wie sie gedenken, in Zukunft ihrer Erwerbsarbeit nachgehen zu können und zu wollen. Und da passt unter anderem auch, das, was Generation Y verkörpert. Das heißt, das was Optionen eröffnet."

Jung auf einen Beruf festgelegt - das gefällt vielen nicht

Möglichst lange alle Optionen offen zu halten, darin sieht auch der Jugendforscher Klaus Hurrelmann die zentrale Strategie der Generation Y im Wettbewerb um sichere Arbeitsplätze.

Hurrelmann: "Wenn man rein von den Wünschen, Vorstellungen, Interessen von jungen Leuten ausgeht, dann hat die berufliche Ausbildung einen Nachteil: Sie verlangt nämlich, dass man sich in verhältnismäßig jungen Jahren auf eine bestimmte berufliche Perspektive und meist sogar auf ein bestimmtes Berufsbild ausrichtet. Das ist vielen jungen Leuten zu früh."

Die Generation Y glaubt nicht mehr an die alte Weisheit: "Mach erst mal eine Lehre, da hast du wenigstens etwas Sicheres." 

Sie erinnert sich noch gut daran, wie ihre Vorgänger massenweise keine Ausbildungsplätze gefunden haben, damals Anfang der 2000er Jahre. Ohne Bildung – vor allem ohne gute Noten und Abschlüsse – hat man auf dem Arbeitsmarkt keine Chance, hat sie daraus gelernt. Bildung eröffnet Optionen.

Weigel: "Hauptschulabschluss, Realschulabschluss, was ist das wert? Was werden für Anforderungen von der Gesellschaft daran formuliert. Und das sind auch Ängste, die in der jungen Generation ganz handfest vorhanden sind: Wenn ich kein Abitur mache, dann finde ich auch keinen Beruf, mit dem ich später eine Familie ernähren kann oder ähnliches",

sagt Jeanine Weigel von der DGB Jugend. In keiner Generation in Deutschland haben so viele Abitur gemacht wie in der Generation Y. Und das hat Auswirkungen auf die duale Ausbildung.

Sprecher:
Region Mittelfranken: 908 freie Lehrstellen im Handwerk.
Leipzig  und Umland: 154 Lehrlinge gesucht.
Region Stuttgart 842: freie Lehrstellen.
Düsseldorf und Umgebung: 1438 freie Lehrstellen

Zurück auf der Berufsmesse im Stuttgarter Rathaus. Für viele Schüler ist dies eine Pflichtveranstaltung. An der Stirnseite des Raumes drängen sie sich vor zwei großen Stellwänden mit der Liste der freien Ausbildungsplätze.

Für die Industrie der Region ist es eine Liste des Mangels. Die Berufsmesse ist nur eines der vielen Projekte, mit denen Martin Frädrich von der Industrie- und Handelskammer um Nachwuchs kämpft. Doch der Kampf ist ein Fernduell. Der eigentliche Gegner befindet sich überhaupt nicht im Raum.

Frädrich: "Die Hochschulen sind die Konkurrenz und auch die weiterführenden Schulen, wenn man so will. Es geht wirklich nicht um einen ruinösen Wettbewerb, jemanden vom Studium abzuhalten, oder jemanden abzuhalten, einen höheren Schulabschluss zu machen, überhaupt nicht. Sondern es geht darum, dass wir die duale Ausbildung, die ja nun wirklich einen guten Ruf hat, und die unglaubliche Chancen hat, dass man die auch darstellt. Und dass die nicht hinten runterfällt, sondern als gleichwertige Alternative im Raum steht und wahrgenommen wird. Und so auch die Wahlmöglichkeit auch da ist."

Eine Ausbildung ist für viele Jugendliche zweite Wahl

Der Einbruch auf dem Lehrstellenmarkt ist nicht allein der Demografie geschuldet. Wer kann, studiert. Und mit steigenden Abiturientenzahlen werden das immer mehr. Gab es noch vor wenigen Jahren deutlich mehr Auszubildende als Studierende, hat sich das Verhältnis heute umgekehrt. Lehrling zu werden, ist für viele Jugendliche nur noch zweite Wahl. Wofür macht man sonst Abitur?

Hurrelmann: "Wir wollen mehr Abiturienten – ich halte das auch für eine Entwicklung, die gar nicht zu stoppen ist, weil das im Interesse der jungen Leute und ihrer Eltern liegt. Es muss aber gelingen, das Abitur auch als eine interessante Ausgangssituation für eine berufspraktische Ausbildung zu aktivieren."

Wie so etwas gelingen könnte, das zeigt die Handwerkskammer Magdeburg. In der Werkstatt des Berufsbildungszentrums lernen sonst angehende Gesellen. Jetzt beugen sich 14-Jährige über die Schraubstöcke – bislang allerdings ausschließlich Realschüler.

Christopher: "Ich schneide eine Gewindestange zu für meine Schraubzwinge. Und dann bohr ich in die Gewindestange ein Loch rein und schraube eine Schraube rein. Dann ist sie fertig."

Seit ein paar Jahren holt die Handwerkskammer Schüler wie Christopher in ihr Berufsbildungszentrum – damit sie testen können, wo ihre Talente liegen. Praxisorientierter Übergang von Schule in Ausbildung, kurz PÜSA, heißt das Projekt ein wenig sperrig. Früher war dieser Übergang für die meisten Realschüler eine Selbstverständlichkeit.

Christopher: "Ich hab noch zwei Jahre vor mir, und dann werde ich entscheiden, was ich machen möchte und ob ich Abitur mache oder gleich in die Lehre gehe."

Meint Christopher heute. Metallbauer ist der vierte Beruf, in dem er sich praktisch ausprobieren kann. Sein Mitschüler Paul hat zuletzt zwei Tage lang bei den Malern und Lackierern hereingeschnuppert. Da habe ihm gefallen, dass er seiner Fantasie freien Lauf lassen konnte, erzählt er. Doch mit Metall zu arbeiten, macht ihm richtig Spaß. Nur entscheiden, will er sich nach zwei Wochen PÜSA noch nicht.

Paul: "So eine Berufsorientierung ist ja schon eine gute Sache für das spätere Leben, aber ich mache auch so Praktikum und so was. Also ich probiere mich immer so mich 'ranzutasten, was ich am besten finde."

Christopher: "Ich überlege mir das eigentlich selber, mit meinen Eltern spreche ich darüber, was ich werden möchte, was damit passieren könnte und dann entscheide ich das spontan und mal gucken, wie meine Noten dann sind."

Schüler haben nur verschwommene Vorstellung von der Berufswelt

Schüler müssten heute stärker frühzeitig an eine Berufswelt herangeführt werden, von der viele nur eine sehr verschwommene Vorstellung hätten, sagt Viola Keuters, Leiterin des Berufsbildungszentrums der Handwerkskammer.

Keuters: "Es ist ein Kampf, aber Schritt für Schritt kommen wir näher, transparent darzustellen, Metallbauer ist nicht mehr der Metallbauer, wie Papa das gelernt hat, es ist ein ganz anderes Berufsbild, moderner, Du hast ganz viele Möglichkeiten, auch in Industriebetrieben später mal zu arbeiten."

Information als Lösung aller Probleme? Umfragen zeigen, dass sich viele Schüler bei der Berufswahl schlecht informiert fühlen. Kein Wunder bei über 350 Ausbildungsberufen. In Stuttgart schickt die Industrie- und Handelskammer deshalb Azubis als Ausbildungsbotschafter in die Schule. In Sachsen-Anhalt basteln pensionierte Handwerksmeister mit Jugendlichen nach dem Unterricht. Girls‘ days, boys‘ days, Praktika – selbst Elternabende veranstalten einige Kammern.

Frädrich: "Inzwischen geht es so weit, wer nicht kommt, vielleicht hat es ja Gründe, die berechtigt sind, dann gehen wir hin",

sagt Martin Frädrich von der IHK Stuttgart. Und das Handwerk wirbt damit, dass die Chancen gerade für Gymnasiasten später einen Betrieb zu übernehmen, noch nie so gut gewesen seien wie heute. Schließlich gingen viele Eigentümer bald  in Rente. 200.000 Betriebe müssten allein in den kommenden zehn Jahren Nachfolger finden.

Imagekampagne des ZDH: "Was liebst Du an Autos? Alles. Wenn ich ein Unfallauto sehe, dann geht es mir innerlich auch schlecht. Und wenn das Auto wieder fertig ist, dann habe ich ein Grinsen im Gesicht. Ich bin Tamir, ich bin Karosseriebauer."

"Abklatschen!" nennt der Zentralverband des deutschen Handwerks die neuste Staffel seiner Imagekampagne.  Mit hippen Videos wirbt er in sozialen Netzwerken um den Nachwuchs. Azubis wie Tamir stellen ihre Berufe vor. Zum Schluss kommt die Botschaft.

Wenn du auf Autos stehst, Kraft und Genauigkeit, dann hol dir meinen Job.

Wollseifer: "Manche haben ein veraltetes Bild vom Handwerk. Wir versuchen dieses Bild ein Stück weit gerade zu rücken."

Auch deshalb existiere die Imagekampagne, erklärt der Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer.

Wollseifer: "Der Ansatz ist, dass wir Handwerk so darstellen wollen, wie es heute ist: nämlich hochinnovativ. Wir wollen die Betriebe darstellen, wie sie heute sind: hochtechnisiert."

Trotzdem: Ganz so einfach lässt sich die bildungshungrige Generation Y dann doch nicht vom Studium abhalten. Dabei sei das duale Ausbildungssystem von der Idee her unheimlich attraktiv, betont der Jugendforscher Klaus Hurrelmann.

Hurrelmann: "Es gestattet jungen Leuten vom ersten Tag an etwas zu tun. Ich kann – und das kommt dieser jungen Generation ja sehr entgegen – ich vom ersten Tag etwas machen, ich kann etwas bewirken, ich sehe, dass ich etwas tue. Wenn man das herausstellen kann und wirklich auch die berufliche Ausbildung so umstellen kann, dass das in den Vordergrund tritt, dann wird sich das auswirken und wird ein sehr positives Element sein, was ich in dieser Form so ohne weiteres in einem Studium ja gar nicht erleben kann."

Welche Arbeit lässt uns die Globalisierung überhaupt noch?

Doch die Grundfrage bleibt für die Generation Y: Macht duale Ausbildung überhaupt noch Sinn? Im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung werden immer stärker Maschinen unsere Arbeit übernehmen. Die vollautomatisierte Fabrik ist als Industrie 4.0 längst Alltag. Und was doch noch per Hand zusammengebaut oder genäht werden muss, das wandert schon jetzt durch die Globalisierung in Billiglohnländer ab. Was bleibt dann noch für uns?

Eichhorst: "Entscheiden, analysieren, beurteilen, bewerten, aber tatsächlich auch die Kommunikation mit Menschen. Ich denke, das sind so Bereiche, in denen dann menschliche Arbeit auch in Zukunft schwerpunktmäßig stattfinden wird."

Werner Eichhorst forscht am Institut zur Zukunft der Arbeit dazu, wie sich unsere Arbeitswelt verändern wird. Viele Routinearbeiten  werden in der Zukunft von Maschinen erledigt, glaubt er.  

Eichhorst: "Die Facharbeiter in Deutschland haben aber aufgrund ihrer beruflichen Qualifizierung durchaus auch Chancen, höherwertige, anspruchsvollere Tätigkeiten auszuüben, wenn sie entsprechend sich weiterentwickeln, wenn sie eben mit den Technologien auch Schritt halten und wenn sie damit umgehen können. Insofern sehe ich gar nicht so schwarz für diesen mittleren Bereich der Qualifikationsstruktur."

Facharbeiter werden auch in Zukunft weiter gebraucht, prognostiziert auch Ayad Al-Ani vom Berliner Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Nur eben als Facharbeiter 4.0.

Al-Ani: "Dann wird der ja nicht mehr irgendetwas mit der Hand anfassen, sondern er wird irgendwelche computerisierte Abläufe steuern. Das heißt, der Industriearbeiter mutiert zu einem Prozessarbeiter, zu jemandem, der steuert, der mit Computer arbeitet, der mit Algorithmen arbeitet."

Damit wachsen die Anforderungen. Trotzdem werde es in Zukunft zu viele studierte Bachelors und Master geben, während die gelernten Meister fehlen, befürchtet  Wissenschaftskollege Friedrich Hubert Esser.

Esser: "Das ist eben eine unterschiedliche Form von Kompetenz, die da aufgebaut worden ist. Und das passt für mich so nicht zusammen: Einer, der darüber nachgedacht hat, wie das Auto der Zukunft aufgebaut und weiterentwickelt wird, der ist nicht zwingend dafür zu haben, einen Motor, der defekt ist zu reparieren. Also das soll man sich mal nicht so leicht vorstellen."

Eppler: "Dirk bist du noch in der Drei? Ich bräuchte mal für eine Viertelstunde, 20 Minuten deine Leiter. Ist das möglich?"

Zurück in der Sparkasse Hannover. Zielsicher bewegt sich Markus Eppler durch das Gewusel der Großbaustelle – auf der Suche nach einer Leiter. Seit einem Dreivierteljahr arbeitet er hier als Azubi. Mittlerweile hat er fast jede Bauphase praktisch erleben können. Hier in der dritten Etage schließt Eppler die Steuerungskästen für die Elektrik an, während er auf den obersten Sprossen seiner Leiter balanciert.

Eppler: "Das Gerät an dem ich hier herumschraube, kostet übrigens 600 Euro. Dieser kleine Kasten ist nur für vier Fenster zuständig. Wir haben hier auf der Etage 60 solche Kästen. Da kann man sich auch vorstellen, wieviel Geld hier noch dahinter steckt."

Ausbildung und Studium besser verzahnen

Der Ausbildungsweg von Markus Eppler ist eine der Antworten der Schubert GmbH auf den Nachwuchsmangel. Denn der 27-Jährige ist nicht nur Azubi, er macht ein duales Studium bei dem Mittelständler aus Tangerhütte. In den Semestern studiert er in Magdeburg E-Technik wie jeder andere Student auch. In den Ferien lernt er auf dem Bau. Hinzu kommt ein Praxisjahr.

Alle Anschlüsse sind verdrahtet. Für Markus Eppler geht es zurück ins Büro. Er dokumentiert seine Arbeit selbst. Als dualer Student wechselt er ständig die Rollen:

Eppler: "Man hat immer noch die Tätigkeiten des Auszubildenden des Monteurs später, aber man blickt auch schon in die Planung, in die Führung, in die Durchführung rein. Und das soll ich ja später auch machen, ich soll ja nicht als Monteur auf die Baustelle, ich soll ja als Bauleiter und Projektleiter das irgendwann mal alles machen."

Volker Schubert: "Der duale Student ist für uns ein Student, definitiv",

sagt auch Schubert. Dass Eppler für ihn auf der Leiter steht – ohne den Fachkräftemangel wäre es wohl nie so weit gekommen. Für ihn ist es vor allem eine Möglichkeit, auch gute Schüler für sein Unternehmen zu gewinnen.

Schubert: "Der Student, der mit seinem regulären Studium fertig wird, wird nicht zu einem kleinen Mittelständler gehen. Da stehen genügend Konzerne vor der Tür, die die Studenten übernehmen. Um uns aber den Nachwuchs zu sichern, haben wir überlegt, wie wir es machen und haben dann diesen dualen Studiengang als sehr charmant angesehen."

Auch das ist eine Antwort auf den Run aufs Studium. Wenn es jungen Menschen so schwer fällt, sich für eine Berufsausbildung zu entscheiden, bietet das duale Studium beides – die Chancen eines Studiums und eine Berufsausbildung als Auffangnetz, sollte sich das Studium doch als zu schwer erweisen. Das duale Studium könne aber nicht der einzige Weg sein weg vom Entweder-Oder, vor dem junge Menschen heute nach der Schule stehen, sagen die Forscher.

Lehrling und Meister in der Werkstatt. (picture alliance / dpa/ Sebastian Kahnert)Lehrling und Meister in der Werkstatt (picture alliance / dpa/ Sebastian Kahnert)

Hurrelmann: "Es muss deutlich sein – und das geht jetzt in die Strukturen hinein – dass jeder, der eine solche Berufsausbildung macht, danach nicht gezwungen ist, in den Beruf zu gehen. Das klingt zunächst etwas hart, weil ja die Ausbildung der Berufseinmündung dient, aber genau hier muss das duale System aufpassen."

Esser: "Das heißt, Ausbildung im Beruf ist keine Sackgasse für Beruf oder im Beruf zu bleiben, sondern dass es beispielsweise für die ausbildungsstarken Berufe dann ganz klare Verbindungslinien zu entsprechend affinen Studiengängen gibt, also der Kfz-Mechatroniker das Fahrzeugbaustudium aufnehmen kann und dabei auch verlässliche Aussagen darüber bekommt, was er dabei im Studium angerechnet bekommt und was nicht."

Durchlässigkeit ist für Hurrelmann und Esser der Schlüsselbegriff. Ausbildung und Studium müssen enger miteinander verzahnt, Leistungen gegenseitig anrechenbar werden. Zusätzlich müsse ohnehin jeder seine eigene Weiterentwicklung selbst in die Hand nehmen, sagt Ayad Al-Ani. Schließlich nehme die Halbwertszeit unseres Wissens immer weiter ab.

Ayad Al-Ani: "Ich muss mir dann überlegen, wie schaut mein Ausbildungspfad eigentlich bis zum Ende des Lebens aus. Ich muss ja beständig mich neu erfinden, wenn man so will, mich mit neuen Technologien, mit neuen Inhalten auseinandersetzen. Aber die Verantwortung, meinen persönlichen Ausbildungsplan zu entwerfen, das bleibt bei mir."

Sprecher:
Suchen Fleischer – Guter Hauptschulabschluss erwünscht.
Elektroniker gesucht: Sehr guter bis guter Hauptschulabschluss.
Zimmerer: Hauptschulabschluss mit Note 3 oder besser in Mathematik und Deutsch. Motiviert, schwindelfrei.

15 Prozent der Schüler machen keinen oder nur mit einen schlechten Abschluss 

Ein guter Hauptschulabschluss oder besser – trotz Mangels bekommt längst nicht jeder eine Chance auf dem Ausbildungsmarkt. Denn DEN einen Ausbildungsmarkt gibt es nicht in Deutschland. Zum einen suchen viele Jugendliche und Betriebe immer noch vor allem in ihrer Region. Zum anderen begrenzt aber schon der Schulabschluss, auf welche Stelle sich ein Jugendlicher überhaupt bewerben kann. Der Ausbildungsmarkt zerfällt in einzelne Teile. Und gerade für Hauptschüler sind die Mauern vor den besseren Berufen in den vergangenen Jahren eher höher geworden. Nur die gut ausgebildete Jugend, die in der Industrie 4.0 arbeiten könne, profitiere von der gegenwärtigen Situation, konstatiert  der Deutsche Gewerkschaftsbund. Dabei verlassen in Deutschland immer noch 15 Prozent der Schüler die Schule ohne oder mit nur einem sehr schwachen Hauptschulabschluss. Auch ihnen eine Chance zu geben, darin liegt die eigentliche Herausforderung des gegenwärtigen Lehrlingsmangels.

Petri: "Wir fahren zum Partnerunternehmen OC-Hydraulik. Das ist ein mittelständisches Unternehmen hier in Oschersleben, das sich mit der Herstellung und Montage von Hydraulikanlagen beschäftigt."

Dirk Petri auf Firmenbesuch. Er und sein Team von Sozialpädagogen betreuen in dem Unternehmen in Sachsen-Anhalt einen Auszubildenden. Assistierte Ausbildung heißt das Konzept. Jetzt wird es für viele Firmen interessant.

Petri: "Das ist an sich eine schöne Form der Ausbildung. Die Statistik sagt es ja eindeutig, in den nächsten Jahren werden wir nicht mehr alle Ausbildungsplätze belegen können. Das ist jetzt schon so. Und dieses Programm bietet eben die Möglichkeit, dass ich Jugendliche finde, die eben nicht hundertprozentig meinen Vorstellungen entsprechen, aber denen ich trotzdem die Chance geben kann."

Und zwar als reguläre Azubis im Betrieb. Nur einen Sozialpädagogen bekommen die Jugendlichen an die Seite gestellt. Zusätzlich können sie Nachhilfe für die Berufsschule beantragen. Zwölf Lehrlinge betreut Petri derzeit. Einer von ihnen ist Tobias Pawlik.

"Die Arbeit läuft hier ordentlich sauber und präzise ab. Pünktlich wird angefangen",

beschreibt der 24-Jährige seinen neuen Arbeitsalltag mit feiner Ironie. Denn gerade das frühe Aufstehen fällt ihm noch schwer. Zwischenzeitlich hatte Petri sogar einen Weckservice für ihn eingerichtet.

Pawlik: "Desto länger man arbeitslos ist, desto länger dauert es, bis man sich gewöhnt hat wieder arbeiten zu gehen, desto schwieriger ist dann der Einstieg."

Drei Jahre war Pawlik arbeitslos, bevor er in die assistierte Ausbildung aufgenommen wurde. Es folgten eine Potenzialanalyse, dann Probearbeiten in mehreren Betrieben, zuletzt bei OC-Hydraulik.

Pawlik: "Der erlösende Anruf kam dann am Wochenende, dass sie doch noch einen Ausbildungsplatz für mich gefunden haben. Da war ich schon überglücklich."

Kleve: "Im Moment müssen wir noch ein bisschen an der Disziplin arbeiten, aber das geht zum normalen Leben dazu, das ist erstmal nicht problematisch",

sagt Gerhard Kleve, der bei OC-Hydraulik für Personal zuständig ist. Auch bei ihm bewerben sich immer weniger junge Leute um einen Ausbildungsplatz. Jetzt ist Tobias Pawlik der erste Azubi mit pädagogischer Unterstützung.

Kleve: "Wir brauchen ja Nachwuchs, das ist ja unbestritten. Die Firma soll ja noch ein bisschen weiterarbeiten. Die Nachwuchsgeneration steht in den Startlöchern, aber nicht in allen Positionen. Das war eine ideale Verbindung. Das wir den sozialen Aspekt realisieren können, ist eine gute Fügung dann, das ist aber nicht unser Hauptziel. Unterm Strich ist es so, wir sind keine soziale Einrichtung. Das ist eine Firma wie jede andere auch. Die hat die Aufgabe Gewinn zu erwirtschaften letztendlich."

Und fachlich sei Tobias Pawlik einfach gut.

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