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Tonart | Beitrag vom 03.03.2016

Aziza Brahim: "Abbar el Hamada"Lieder für ein vergessenes Volk

Von Carsten Beyer

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Dorf der Sahraouis in Smara im algerischen Exil. ( imago/Engelhardt)
Dorf der Sahrawis in Smara im algerischen Exil. ( imago/Engelhardt)

Ihre Kindheit verbrachte sie im Flüchtlingslager, jetzt ist Aziza Brahim ein Star der Weltmusik. Sie nutzt ihren Ruhm und ihre Musik, um auf das Schicksal ihres Volkes, den Sahrawis, aufmerksam zu machen. Deshalb führt auch ihr neues Album "Abbar el Hamada" direkt in die Westsahara.

"Ich liebe ganz einfach die Musik. Wenn ich singe, fühle ich mich frei, dann fühle ich mich wirklich bei mir selbst. Ich träume nicht davon, ein großer Star zu werden. Das bedeutet mir nichts! Ich möchte einfach so weitermachen wie bisher, mich mit meinen Musikern und meinem Publikum austauschen und dabei Geschichten erzählen von mir – und von meiner Heimat."

Aziza Brahim ist eine bemerkenswerte Frau. Elegant gekleidet ist sie, sie ist eloquent und sie verfügt über eine enorme Ausstrahlung. Es fällt schwer, in dieser Frau ein heimatloses Flüchtlingskind zu sehen, das ohne Vater in einem Camp aufgewachsen ist.

Exil statt Westsahara

Und doch ist genau das ihre Geschichte: Aziza Brahim gehört zu einem Volk, das im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit eigentlich gar nicht mehr existiert. Seit 1976, seit dem Rückzug der Spanier aus der Westsahara, leben die Sahrawis im Exil, weil Marokko und Mauretanien damals ihr Staatsgebiet unter sich aufgeteilt haben. Wer damit nicht einverstanden war, musste fliehen.

Für die kleine Aziza bedeutete das eine Kindheit im Container - hinter Stacheldrahtzaun:

"Klar, ich hab noch viele Erinnerungen an meine Kindheit – und die sind nicht immer angenehm. Wir waren heimatlos, in einem Gebiet, das wir nicht kannten. Es fehlte uns an allem: an Essen, an Kleidung, an Schuhen. Wasser hatten wir oft auch keins. Aber es gibt auch ein paar schöne Erinnerungen. An die Zusammenkünfte mit den alten Nachbarn zum Beispiel, oder mit der Familie. Jeden Freitag haben wir uns getroffen und die alten traditionellen Lieder gesungen, und wir Kinder durften dabei mit Steinen spielen. Also ich schaue mit gemischten Gefühlen auf diese Zeit zurück."

Aziza Brahim hat es geschafft, den Lagern in der Hamada zu entkommen – nicht zuletzt dank der Musik. Ihre Großmutter, eine berühmte sahrawische Sängerin, hatte sie schon früh unterrichtet. Später durfte sie in Kuba zur Schule gehen und landete schließlich in Barcelona, wo sie heute noch lebt, mit ihrem Sohn und ihrem spanischen Ehemann.

Die Sängerin Aziza Brahim (picture alliance / dpa / Jorge Zapata)Die Sängerin Aziza Brahim (picture alliance / dpa / Jorge Zapata)Der Kontakt in die Flüchtlingslager ist aber nie abgerissen. Für Aziza Brahim ist die Westsahara noch immer ihre Heimat, sind die Sahrawis noch immer ihr Volk.

"Mein Leben ist geprägt von ständigen Ortswechseln, aber egal wo ich gerade bin, die Verbindung zu meinem Volk, zu meiner Kultur, werde ich nicht aufgeben. Der Großteil meiner Familie lebt noch immer im Flüchtlingslager in Algerien und ich spreche mindestens einmal in der Woche mit ihnen. Also, ich bin immer auf dem Laufenden, was dort passiert und das ist mir auch sehr wichtig. Das sind meine Wurzeln, das ist mein Land, davon kann ich mich niemals lösen."

Rastlose Suche nach Heimat

Auch auf ihrem neuen Album "Abbar El Hammada" geht es um das Schicksal der Sahrawis. Die insgesamt zehn Songs, die Aziza Brahim zusammen mit einer Band aus spanischen und westafrikanischen Musikern aufgenommen hat, reflektieren ihre rastlose Suche nach Heimat – und die Sorge, die Situation ihrer Landsleute in der Hamada könnte sich noch weiter verschlimmern.

"Die Lage der Menschen dort ist dramatisch. Seit 40 Jahren schon leben sie im Exil, und jetzt, aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage, haben viele Länder ihre Hilfsorganisationen zurückgezogen und die Entwicklungshilfe gestrichen. Dazu kommt noch, dass es in den letzten Jahren in der Region immer wieder schwere Überschwemmungen gegeben hat. Es fehlt an Medikamenten, es fehlt an Lebensmitteln, es fehlt an Baumaterialien, es fehlt eigentlich an allem."

Musik allein kann kein Leben retten, das weiß auch Aziza Brahim. Aber immerhin hat ihr Erfolg in den letzten beiden Jahren dazu geführt, dass das Schicksal der Sahrawis nun wieder stärker im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit steht. Für die Sängerin ist das der schönste Erfolg, den sie sich wünschen kann.

"Musik ist eine friedliche Kunst – und sie ist eine Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Lieder haben durchaus die Kraft, etwas zu verändern – im Bewusstsein der Menschen. Deshalb darf meine Musik beispielsweise in Marokko auch nicht gespielt werden. Ob Musik allerdings tatsächlich ausreicht, um einen echten politischen oder gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, da bin ich mir auch nicht sicher."

Aziza Brahim: "Abbar El Hammada"
Glitterbeat Records 2016

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