Seit 10:07 Uhr Lesart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 10:07 Uhr Lesart
 
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.03.2016

Autor Siegfried Lenz Warum sein Kriegsroman in der Schublade blieb

Jörg Magenau im Gespräch mit Andrea Gerth

Siegfried Lenz sitzt auf einem Podium und erzählt. (dpa / Angelika Warmuth)
Seinen zweiten Roman "Der Überläufer" hatte der Schriftsteller Siegfried Lenz offenbar vergessen. Nun ist das unveröffentliche Werk endlich erschienen. (dpa / Angelika Warmuth)

Für alle Fans des Schriftstellers Siegfried Lenz ist sein 1951 geschriebener, erst jetzt gedruckter Roman "Der Überläufer" eine Sensation. Unser Literaturkritiker Jörg Magenau zeigt sich beeindruckt von der Sprachkraft dieses Jugendwerks aus dem Nachlass. Das Thema Desertation sei aber ein Tabu gewesen.

"Wenn man da so einen Roman von 1951 hat und der Autor ist tot, dann guckt man da natürlich anders drauf, als wenn es ein lebender Autor wäre, der Gegenwartsliteratur produziert", sagte der Literaturkritiker Jörg Magenau im Deutschlandradio Kultur über den Schriftsteller Siegfried Lenz, der 2014 gestorben war und zu den wichtigsten deutschen Autoren der Gegenwartsliteratur zählte.

Den Roman "Der Überläufer", der nun mit 65 Jahren Verspätung erschienen ist, könnte man so heute nicht mehr schreiben, sagte Magenau. Aber das frühe Lenz-Buch sei natürlich werkgeschichtlich sehr interessant. Der Schriftsteller habe darin sein eigenes Trauma des Krieges und seiner Desertation kurz vor Ende des Krieges verarbeitet.

Lenz vergaß seinen zweiten Roman

Der Schriftsteller habe seinen zweiten Roman offenbar später vergessen, sagte Magenau. In dem jetzt erschienenen Buch werde auch die damalige Korrespondenz mit dem Verlag Hoffmann und Campe dokumentiert. Dort sei Lenz erster Roman "Habichte in der Luft" erschienen, der zweite Roman wäre dann eigentlich "Der Überläufer" gewesen. Aber handwerkliche Einwände des Lektors hätten dazu geführt, dass das Buch nicht herauskam, vielleicht auch Angst vor dem Thema.

"Das war natürlich ein Tabu einerseits damals, über Desertation überhaupt zu sprechen, über Kameradenverrat, über Vaterlandsverrat", sagte Magenau. Anderseits sei 1952 von Alfred Andersch das Buch "Die Kirschen der Freiheit" erschienen und das Thema Desertation sei bereits in der öffentlichen Diskussion gewesen.

Gute Erzählung  

Gerade für Lenz-Freunde sei das Buch unbedingt zu empfehlen, sagte Magenau. "Da kann man sehen, wo er eigentlich herkommt, was ihn umgetrieben hat in dieser Zeit und was für ein wirklich toller Erzähler er ist", sagte er. "Das ist er von der ersten bis zur letzten Zeile in diesem Buch, auch wenn die Konstruktion nicht wirklich aufgeht." Magenau sagte, er habe sich bei der Lektüre gefragt, wie jemand erst 25 Jahre alt sein und schon dermaßen gut erzählen könne.  

Siegfried Lenz: Der Überläufer
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2016
368 Seiten, 19,99 Euro

Mehr zum Thema

Kurz und kritisch - Zwei Beziehungen
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 15.11.2014)

Siegfried Lenz - Hamburg nimmt Abschied von seinem Ehrenbürger
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 28.10.2014)

Siegfried Lenz - "Ein leiser Zeuge des 20. Jahrhunderts"
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 07.10.2014)

Skizzen eines feinfühligen Erzählers
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 06.12.2011)

Lesart

Lukas Bärfuss: "Hagard"Eine Geschichte des tragischen Zerfalls
Buchcover "Hagard" von Lukas Bärfuss. Im Hintergrund eine Ansicht von Zürich in der Abenddämmerung. (Wallstein Verlag / dpa / Friso Gentsch)

Auto, Geld und Überblick: In "Hagard" verliert ein Mann, der auf die 50 zugeht, alles. Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss erzählt in seinem neuen Roman vom Verschwinden in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird – und ist damit im Rennen um den Preis der Leipziger Buchmesse.Mehr

Helfen und HelfenlassenBitte, danke, gern geschehen
Man sieht zwei Frauen und einige Flüchtlingskinder. Alle sehen fröhlich aus. (picture-alliance / dpa / Michael Hudelist)

Im Herbst 2015 entstand in Deutschland eine Bewegung, die als "Willkommenskultur" in die Geschichtsbücher eingehen wird. Millionen von Menschen halfen Menschen in Not mit Tatkraft, Spenden und Engagement. Warum werden sie als "Gutmenschen" beschimpft? Darüber diskutieren wir mit dem Historiker Tilmann Bendikowski und dem Flüchtlingshelfer Holger Michel.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur