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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.02.2013

Authentisch gefilmte Erniedrigung

Regisseur Danis Tanovic schildert die Verzweiflung einer Roma-Familie

Moderation: Katrin Heise

Regisseur Danis Tanovic (Mitte) stellt auf der Berlinale mit seinen beiden Hauptdarstellern Semada (l.) und Nazif Mujic seinen Wettbewerbsfilm "An Episode in the Life of an Iron Picker" vor.
Regisseur Danis Tanovic (Mitte) stellt auf der Berlinale mit seinen beiden Hauptdarstellern Semada (l.) und Nazif Mujic seinen Wettbewerbsfilm "An Episode in the Life of an Iron Picker" vor. (picture alliance / dpa / Joerg Carstensen)

Eine Roma-Familie und ihr täglicher Kampf ums Überleben. Regisseur Danis Tanovic lässt die beiden Hauptdarsteller seines Berlinale-Beitrags ihre eigene Geschichte spielen: "Wir hatten kein Skript, nichts, und wir haben einfach dann neun bis zehn Tage gedreht und eben den Film fertig gemacht".

Katrin Heise: Zwei aufgeweckte kleine Mädchen, der Vater sammelt und verkauft Altmetall, die Mutter ist mit dem dritten Kind schwanger: Die Familie von Senada und Nazif. Es ist Winter, es ist kalt – vor allem ist es kalt, wenn man wie diese Familie in einer Roma-Siedlung außerhalb einer bosnischen Stadt, mehr in Hütten denn in Häusern, lebt, mit gesammeltem Holz heizt.

Der Alltag ist nicht leicht, ist sowieso nie leicht, aber dann stellen sich auch noch Komplikationen bei Senada ein, Schmerzen – sie ist nicht krankenversichert. Im Krankenhaus untersucht man sie zwar, ihr Kind im Leib ist tot, sie blutet, aber man behandelt sie nicht. Die geforderten fast 500 Euro haben die zwei nicht, und der Kampf letztlich ja um das Leben dieser schwangeren Frau, das ist das, was Regisseur Danis Tanovic zeigt, beklemmende 75 Minuten lang zeigt in seinem Film "An Episode in the Life of an Iron Picker". Ich grüße Sie ganz herzlich, Danis Tanovic, schönen guten Tag!

Danis Tanovic: Hi!

Heise: Es ist sehr, sehr eindrucksvoll zu sehen, diese Verzweiflung, diese Hoffnungslosigkeit, die Resignation in den Gesichtern, auch die Angst. Ich habe anfangs gedacht: Wie konnte die Kamera da eigentlich so nah dran sein, in so einer Situation? Und dann habe ich erst gelesen, dass die Darsteller die echten Senada und Nazif sind, die ihre Erlebnisse in dem Film nachspielen. Wie sind Sie, Herr Tanovic, auf die Geschichte gestoßen und dann auch auf die Familie gekommen?

Tanovic: Also ich habe die Geschichte in der Zeitung gelesen. Und es hat mich so traurig gemacht, dass ich sofort meine Produzentin angerufen habe und gefragt habe: Hast du das gelesen? Und wir konnten beide diese unglaubliche Geschichte einfach nicht glauben, dass man eine schwangere Frau einfach so sterben lässt. Also sind wir dann in das Dorf gefahren, und ich hätte am liebsten sofort einen Film gemacht. Und als ich dann mit ihnen gesprochen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es das Beste wäre, wenn sie selbst die Rolle spielen würden.

Nachdem ich sie dann überzeugt hatte, haben wir einfach losgelegt. Wir hatten kein Skript, nichts, und wir haben einfach dann neun bis zehn Tage gedreht und eben den Film fertig gemacht.

Heise: Wie liefen diese Dreharbeiten, Sie sagen, nur in neun bis zehn Tagen, ohne Skript? Ich meine, das sind Laien, die ihre eigenen Erlebnisse, diese schrecklichen Erlebnisse nachspielen. Wie haben Sie zusammen gearbeitet, dass eine solche Intensität auch dabei rauskam?

Tanovic: Die Geschichte ist sehr, sehr intensiv von sich selbst aus, und wir mussten sie einfach nur ablichten. Ich habe ein sehr, sehr gutes Team, und wir verstehen uns sehr, sehr gut untereinander, miteinander. Wir haben zwei Kameras, und dann haben wir einfach losgelegt. Und die Gefahr war natürlich, dass sie anfingen, wenn wir eine Szene zwei-, drei- oder viermal spielen würden, dass sie anfangen würden zu schauspielern. Und dann war das eben nicht das, was wir wollten. Das heißt, die Szene musste im Prinzip beim ersten Dreh im Kasten sein.

Heise: Da musste das Vertrauen ja auch sehr groß sein von Senada und Nazif, dass ihre Geschichte so dargeboten wird, dass sie auch mit ihrem Stolz und ihrer Würde rüberkommen.

Tanovic: Das stand eigentlich nie infrage. Ich bin ein paar Tage vor dem Team angereist und habe ein paar Tage mit der Familie, vor allen Dingen auch mit den Kindern dann verbracht. Und wir hatten zwei Solarkameras, die auch in HD, High Definition Quality, ablichten können. Und wir wollten einfach das auch so machen, dass nach zwei Tagen, nachdem wir abgereist waren, die ganze Sache vergessen sein würde, und alles vorbei wäre und die Menschen zu ihrem normalen Leben zurückkehren würden.

Heise: Sie haben irgendwann mal öffentlich gesagt, angesichts der Situation der Roma, oder gefragt haben Sie sich das: Was ist bloß aus diesem Land – also aus Bosnien – geworden, dass wir so mit den Menschen umgehen? Das kann man ja eigentlich erweitern, das kann man ja eigentlich auf ganz Europa erweitern und fragen, was ist bloß aus uns geworden, dass wir so mit dieser Gruppe umgehen, oder?

Tanovic: Sicher ist die Roma-Frage ein großes Problem in Bosnien, aber es könnte eigentlich auch ein Problem für Bosnien selbst sein, die Gesellschaft hat keine Vision. Und dasselbe trifft eigentlich auch in Europa zu, es gibt keine starke Vision für Europa, wir hangeln uns so von Tag zu Tag, ohne diese Vision im Kopf zu haben.

Heise: Mit dem bosnischen Regisseur Danis Tanovic spreche ich im Deutschlandradio Kultur über seinen Film "An Episode in the Life of an Iron Picker", der heute im Wettbewerb der Berlinale läuft. Herr Tanovic, Sie haben – das haben Sie vorhin auch erzählt – innerhalb von neun Tagen mit einer kleinen Kamera diesen Film eigentlich dokumentarisch gedreht. Sie lassen da ja auch ein bisschen so die Erinnerungen, eigene Erinnerungen wieder aufleben, nämlich ans Filmen während des Krieges, wo Sie als Dokumentarfilmer unterwegs waren, oder?

Tanovic: Nein, da ist keine Ähnlichkeit, weil man im Krieg sein Leben riskiert, wenn man dreht. Mir ging es darum, meine Erfahrungen aus dem Krieg dazu zu benutzen, um den Menschen näher zu kommen. Und ich wollte diese Menschen wie Menschen aussehen lassen. Roma werden immer so falsch dargestellt, man zeigt die Roma immer als Musikanten, als Tänzer, als Akrobaten, und mir ging es einfach drum zu zeigen, wie diese Menschen ums Überleben kämpfen, wie dieser Mann kämpft, um täglich überleben zu können.

Heise: Ihr Film steht ja auch exemplarisch für minimalen Aufwand und eben große Wirkung, also große gefühlsmäßige Wirkung auch. Ist Ihrer Meinung nach überhaupt die Haltung des Filmes, also die eindeutige Position, die er bezieht, das Mittel, um die Zuschauer zu erreichen? Weil manchmal schaut man als Zuschauer ins Gegenlicht, weil die Kamera einfach gegen das Licht filmen muss, oder wenn in der Roma-Siedlung der Strom gekappt wird, dann ist es auf der Leinwand auch fast dunkel. Es ist eben alles so, wie sie es auch vorgefunden haben, man ist dadurch ganz nahe dran, es ist aber auch anstrengend. Also das verstört den Zuschauer dann. Wollten Sie den Zuschauer verstören?

Tanovic: Eher nicht, ich wollte die Zuschauer nicht verstören, ich will allerdings mit Filmen Gefühle wecken. Und Gefühle, Emotionen, das ist doch der Schlüssel auch. Ich möchte, dass der Zuschauer versteht, wie diese Menschen leben, dass er mit ihnen fühlt und dass sich beim Zuschauer dadurch etwas verändert.

Heise: Wo wird der Film laufen außerhalb der Berlinale, wird er auch in Bosnien laufen, oder läuft er schon?

Tanovic: Natürlich wird der Film auch anderweitig gezeigt, das war ja die erste Aufführung, die Premiere sozusagen hier in Berlin. wir werden den Film auch auf dem Sarajevo-Filmfestival, auf dem Sofia- und dem Istanbul-Filmfestival zeigen, und das Filmopus ist schon gekauft worden von Italien, Frankreich, Deutschland und England, also das war das erste Mal, dass wir hier diesen Film überhaupt gezeigt haben.

Heise: Dann hoffen wir alle, dass es ein großes Publikum findet. Vielen Dank, thank you very much, Danis Tanovic!

Tanovic: Thank you!

Heise: Der neue Film des Oscar-Preisträgers über die Diskriminierung einer Roma-Familie läuft heute im Wettbewerb bei der Berlinale.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.