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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.01.2010

Ausweichen als Lebensprinzip

Rolf Schneider: "Marienbrücke", Osburg Verlag, Berlin 2009, 413 Seiten

Der Wiener Prater (AP Archiv)
Der Wiener Prater (AP Archiv)

Rolf Schneider erzählt die Lebensgeschichte eines Kunsthistorikers aus der DDR, der 1988 das Privileg einer Dienstreise nach Wien genießt. Er kann sich in "Marienbrücke" nicht entscheiden, ob er in Österreich bleiben oder in die Heimat zurückkehren soll.

Eine Reise führt den 56-jährigen Jacob Kersting im Februar 1988 nach Wien. Vier Monate wird der Kunsthistoriker in der österreichischen Hauptstadt weilen, um über den Jugendstil-Architekten und Designer Josef Hoffmann zu arbeiten. Eigentlich nichts Außergewöhnliches: Ein Wissenschaftler reist in eine Stadt, um sich vor Ort ein Bild von den Forschungsobjekten zu machen. Bei Jacob Kersting allerdings verhält sich die Sache ein wenig anders. Er ist in Berlin-Lichtenberg in den Zug nach Wien gestiegen, ausgestattet mit einem gültigen Dokument, das ihm die zeitweilige Ausreise aus der DDR erlaubt.

Rolf Schneider stellt in seinem Roman "Marienbrücke" einen Mann ins Zentrum des Handlungsgeschehens, dem das Ausweichen zum Lebensprinzip geworden ist. Kersting fährt nach Wien, um über Josef Hoffmann zu arbeiten, doch wird er ebenso von dem Hoffmann-Kontrahenten Adolf Loos angezogen. Dass diese Reise ein Privileg ist, weiß Kersting, aber er versteht die Gunst der Stunde nicht zu nutzen und kann sich nicht entscheiden, ob er in Österreich bleiben oder zurück in die DDR gehen soll. Da er aus dem Einerseits- Andererseits-Dilemma keinen Ausweg findet, stürzt er sich am Schluss des Romans von der Marienbrücke. Doch der Sturz stellt nicht das Ende seiner Odyssee dar, da er den Selbstmordversuch überlebt.

Am Anfang und am Ende des Romans wird jene Brücke erwähnt, die der Romantitel aufruft. Die Marienbrücke verdankt Maria ihren Namen, der Mutter des Heilands. Im ersten Kapitel steht Kersting auf der Marienbrücke, betrachtet die Statue der Patronin der Christenheit und liest auch die Inschrift, die besagt, "die Gottesmutter wolle sich herbeilassen, die Sünden zu vernichten". Er nimmt diese Worte zur Kenntnis, bezieht sie aber nicht auf sich, da er kein Katholik ist. Dadurch entgeht ihm aber auch, dass diese Worte als Brücke zu verstehen sind, die die Gottesmutter denen baut, die in Not geraten sind.

In Rolf Schneiders Roman wird die Brücke zum zentralen Symbol. Sein Held, Jacob Kersting, scheitert, weil er zu mutlos ist, um bestehende Verbindungen abzubrechen. Das aber wäre die Voraussetzung, um solche Brücken bauen zu können, die ihm neue Lebensperspektiven eröffnen.

Rolf Schneider erzählt die Lebensgeschichte des Kunsthistorikers aus zwei Perspektiven. In den 89 Kapiteln wird einmal ein biografischer Bogen gespannt, der von der Hitlerzeit bis in die achtziger Jahre der DDR reicht. Nach einem Kapitel, das sich der Vergangenheit zuwendet, folgt ein Wien-Kapitel, in dem Schneider von Kerstings Erfahrungen in der österreichischen Hauptstadt erzählt. Nicht immer überzeugen die Anknüpfungen an den unterbrochenen Erzählstrang nach einem Perspektivwechsel, was auch daran liegt, dass einige Geschichten zu weit vom Geschehen um die zentrale Figur wegführen.

Rolf Schneider erzählt die unentschieden endende Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Scheitern tragisch ist. Darin gleicht er Buridans Esel, der verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann. Kersting allerdings bekommt von der Geschichte noch eine Chance. Ob er sie zu nutzen versteht, lässt Rolf Schneider offen.


Besprochen von Michael Opitz

Rolf Schneider, Marienbrücke, Roman.
Osburg Verlag, Berlin 2009, 413 Seiten, 19,95 Euro.

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