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Signale / Archiv | Beitrag vom 23.07.2006

Auswanderungsland Deutschland

Von Michael Stürmer

Immer mehr Deutsche verlassen das Land (AP)
Immer mehr Deutsche verlassen das Land (AP)

Zuerst wollen die Deutschen keine Kinder zeugen, dann wollen sie nicht sterben, und der Rest wandert aus. Aus dem Statistischen Bundesamt kommt die Nachricht, dass 2005 so viele Deutsche das Land verließen wie niemals seit den späten 40er Jahren.

Da war Nachkriegszeit, das Wirtschaftswunder gerade mal in den Anfängen, und viele fürchteten, die Ära Adenauer sei nur eine Pause vor neuen Katastrophen. Aber was treibt heute 144.814 die Menschen fort? Es sind zumeist junge, begabte, aktive, gut ausgebildete Deutsche, die auf Dauer ins Ausland gehen, am meisten in die Vereinigten Staaten, danach Schweiz, Polen und Österreich, Großbritannien und Frankreich, ungefähr ebenso viele nach Kanada wie nach Russland. Der letzte macht das Licht aus.

Soweit ist es noch nicht. Aber die Menschen spüren, dass Erstickendes in der Luft liegt. Die Zahl derer, die gehen wollen, ist so hoch wie nur zu wirtschaftlichen Krisenzeiten. Die heutige Auswanderung ist nicht größer als in der Bismarckzeit. Das hing damals mit der langen Wehrpflicht zusammen, aber auch mit einem dauerhaften Depressionszyklus. Immerhin aber hatten die meisten Familien viele Kinder. Heute ist das anders. Die Auswanderung hat damals Amerikas unendlichen Westen gefüllt und die rasant wachsenden Industriestädte an den Großen Seen, bis es 1893 mit der freien Landnahme vorbei war, Amerika seinen eigenen Krisenzyklus erlebte und zuhause, in Deutschland, die Reallöhne stiegen, die Macht milder und der Handel freier wurde.

Heute ist es nicht die harte Hand des Obrigkeitsstaates, der die Menschen entgehen wollen. Sie entziehen sich dem Machtkartell aus Steuerstaat und Vielregiererei und dem Bündnis aus Gewerkschaften, Rechtsprechung und Parteikalkül, das die Arbeitsplatzbesitzer unweigerlich schützt gegen die Außenseiter, die Alten gegen die Jungen, die Faulen gegen die Wagemutigen. Trotzdem sollen immer weniger junge Leute immer mehr Alte durchtragen mit ihren Steuern und Sozialbeiträgen, sie sollen dermaleinst aus dem Gesparten für sich selbst sorgen, und was sie bis dahin zurückgelegt haben, verspricht ihnen der Staat noch wegzusteuern. Wer rechnen kann, der geht besser anderswohin.

Und doch: Das Hauptmotiv ist nicht das Steuer- und Rentenkalkül. Es ist vor allem die alte Suche nach dem Glück, die die Menschen treibt: Die Welt gestalten und verändern, die eigenen Talente entfalten, die Luft der wirtschaftlichen Freiheit atmen, erforschen, was noch keiner erforscht hat, wagen, was noch keiner gewagt hat. Es sind nicht Studenten, die auf ein paar Semester anderswo Erfahrung sammeln. Es sind auch nicht Facharbeiter und Ingenieure, die auf ein paar Jahre entsandt werden. Nein, es sind die, die auf Nimmerwiedersehen ein Land verlassen, das sie am wenigsten entbehren kann und ihnen doch amtlich keine Träne nachweint.

No future für Biotechnologie, Nanotechnologie, Atomkraft. Damit fängt es an. Wer auf solchen Gebieten Neues sucht oder nur eine Arbeit, der findet in Deutschland nur Verbotstafeln, Ängste und Abwehr. Die deutsche Technikfeindlichkeit ist zur German Angst geworden vor allem und jedem. Risiko, Wagnis und Unternehmertum sind Fremdworte geworden. Deutschland ist von Vorschriften, zumeist hinderlichen, voll wie ein Ei. Und was nicht von deutschen Kommunen, Landesregierungen und Bundesregierungen kommt, das kommt aus Brüssel. 100.000 Seiten Vorschriften hat man mittlerweile erlassen für alles und jedes, der so genannte Acquis communautaire – nur leider fehlt das Rezept, wie man wieder Wagemut und Wachstum blühen lässt. Das alles geschieht ohne schlechtes Gewissen.

Die Bürokratie in Brüssel ist nahezu unkontrolliert, aufgeklärter Absolutismus, die in Berlin schreibt dem Parlament die Gesetze, die dann in der Regel paketweise durchgewunken werden. Der Endzweck jeder Bürokratie ist es, sich selbst voll zu beschäftigen. Diesem Ziel ist Deutschland auf allen Ebenen mittlerweile sehr nahe gekommen.

Ein Warnsignal, das aber außer den Fachleuten niemand bemerkte, ereignete sich vor zehn Jahren, als die Zahl der Doktorandenstipendien für die Max Planck Gesellschaft um ein volles Viertel gekürzt werden musste. Das Ergebnis: Die Professoren in Harvard und in Stanford freuten sich über lauter hart arbeitende, hoch motivierte Doktoranden aus Deutschland. Dass von denen noch viele zurückkommen, ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil sie in den USA bessere Berufungs-, Berufs-, Unternehmer- und Geschäftschancen finden. Deutschland ist ihnen dann allenfalls noch Urlaubsland.

Es gibt mehr als vier Millionen Arbeitslose in Deutschland, aber auch 1,2 Millionen freie Stellen. Die dafür Qualifizierten sind längst über alle Berge. Die Unterfinanzierung der Grundlagenforschung an Universitäten und Forschungsinstituten und die Überregulierung überall sonst vertreiben gerade die Jungen und die Leistungsträger, die das Land am meisten braucht. Die Zuwanderer können wir uns am wenigsten aussuchen, viele fallen direkt ins soziale Netz. Der angesehene Migrationsforscher Prof. Klaus Bade spricht akademisch vornehm von einer Schräglage: "Einheimische Spitzenkräfte wandern ab, und ausländische machen einen Bogen um unser Land. Das ist, milde ausgedrückt, keine gute Bilanz".

Der 1938 in Kassel geborene Michael Stürmer studierte in London, Berlin und Marburg, wo er 1965 promovierte. Nach seiner Habilitation wurde er 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte; außerdem lehrte er u.a. an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne. 1984 wurde Stürmer in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen und zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Forschungsbeirates des Center for European Studies in Brüssel. Zehn Jahre lang war er überdies Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: "Das ruhelose Reich", "Dissonanzen des Fortschritts", "Bismarck - die Grenzen der Politik" und zuletzt "Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte". Im so genannten ‘Historikerstreit’ entwickelte Stürmer die von Habermas und Broszat bestrittene These von der Identität stiftenden Funktion der Geschichte. Stürmer, lange Kolumnist für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", schreibt jetzt für die "Welt" und die "Welt am Sonntag".

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