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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.10.2015

Auswahl der MedizinstudentenSind Einserschüler die besseren Ärzte?

Von Florian Felix Weyh

Der Landarzt Wolfgang Dinslage behandelt am 31.01.2012 in seiner Praxis in Merzenich bei Düren einen Patienten. (dpa / Oliver Berg)
Gerade Landärzte werden gesucht - viele von ihnen finden keine Nachfolger, wenn sie in Rente gehen. (dpa / Oliver Berg)

Medizin ist eines der beliebtesten Studienfächer in Deutschland. Das Hauptkriterium für die Zulassung ist die Abiturnote, so will es der Gesetzgeber. Doch ist dieses Selektionsverfahren wirklich sinnvoll?

Sie sind jung.

Prof. Dr. med. Ulrich Schwantes: "Das sind Kinder, die da kommen!"

Patrick Ruthven-Murray: "Also ich hab jetzt immer mehr Leute natürlich, die haben Abitur, die sind siebzehn. In manchen Extremfällen sogar sechzehn."

Dr. med. Bernhard Marschall: "Weil sie früh eingeschult wurden und das G8-Abitur gemacht, weil sie eine Klasse übersprungen haben, das sind ja alles Einserkandidaten."

Sie sind gut.

Abiturientin: "Einskommazwei."

Abiturient: "Einskommaeins."

Abiturientin: "Einskommanull."

Schwantes: "Und gleichzeitig hat man schon das Gefühl: Wissen die um die Tragweite ihrer Berufsentscheidung?"

Dr. Heike Schmoll: "Die Abiture mit Eins vor dem Komma sind so häufig geworden, dass eigentlich keiner mehr Grund hat, sich da groß was drauf einzubilden."

Dr. med. Bernhard Marschall: "Wir haben also irgendwann einen Punkt erreicht, im Wintersemester 2011 zum Beispiel, wo wir eine halbe Hundertschaft an Einskommnull-Kandidaten nach Hause schicken mussten und ihnen sagen mussten: 'Tut uns leid, ihr seid einfach zu schlecht, um hier studieren zu können!'"

Sie sind jung, sie sind gut – und sie wollen alle dasselbe.

Marschall: "Wenn man sich vor Augen führt die Gesamtzahl der Schulabgänger, ungefähr 1,4 Prozent haben diese Traumnote 1,0. Dementsprechend ist die Mehrheit der Bevölkerung – auch der mit Abitur! – nicht in der Lage, Medizin zu studieren. Und das ist natürlich etwas, wo man schon dann an die Frage kommt: Hat das noch was mit freier Berufswahl zu tun?"

Nur wenige Abiturienten wollen Hausarzt werden 

Eine legitime Frage, die Dr. Bernhard Marschall da stellt. Er ist Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Münster und hat langjährige Berufserfahrung als Transplantationschirurg. Mediziner – ein Traumberuf. Doch mit welcher Abiturnote kann man ihn heute realistisch noch anstreben?

Ruthven-Murray: "Ich hab Leute betreut mit einer 3,0, die einen Platz bekommen haben!"

Patrick Ruthven-Murray, geschäftsführender Gründer der Berufsberatungsagentur "Plan Z" in Berlin. Studierter Betriebswirtschaftler.

"Also, wir clustern grob in den Bereich 1,0 bis 1,4, hier gibt's direkt Zulassungschancen. Zwischen den Werten 1,5 und 2,0 ist es mit so genannten Verbesserungsmöglichkeiten. Ich betreue auch viele Leute, die jetzt 2,6, 2,7 haben, und auch für die gibt es natürlich Studienmöglichkeiten, wobei die dann meistens eher Richtung europäisches Ausland gehen oder eben private Studienmöglichkeiten in Deutschland oder Österreich."

Schwantes: "Wir haben schon intern lange da drüber diskutiert: Wollen wir die Note des Abiturzeugnisses überhaupt sehen, ja oder nein? Ich persönlich muss gestehen, ich bin eher der Auffassung, sie ist nicht so sehr interessant! Wenn jemand bestätigt bekommen hat – wie auch immer! – die allgemeine Hochschulreife zu haben, dann hat er die allgemeine Hochschulreife."

Von 1998 bis 2008 erster Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an der Charité in Berlin. Gründungsmitglied der privaten Medizinischen Hochschule Brandenburg, die 2014 ihre Arbeit aufgenommen hat. Zugleich praktizierender Hausarzt im ländlichen Kremmen bei Berlin.

"Bin ein bisschen zu spät gekommen vorhin, weil ich noch einen Hausbesuch vorher gemacht habe, und ich hab nicht damit gerechnet, dass die alte Dame nicht nur das Rezept haben wollte, das ich ihr dann ausgestellt habe. Das hab ich übrigens dann auch selbst bei der Apotheke vorbeigefahren, weil die kommt nicht dahin! Die ist an ihren Rollstuhl und an ihr Bett gebunden. Das Medikament soll sie aber morgen früh spätestens wieder haben und einnehmen. Das sind so diese Dinge, die wir auch weiterhin leisten müssen. Und eigentlich wo ich einem Studenten sagen muss: Auch das gehört mit zum Bild des Arztberufes – wenn du Hausarzt werden willst!"

Wollen sie Hausarzt werden?

Abiturient: "Ich möchte erst mal grundsätzlich Medizin studieren, und dann hoffe ich auch, dass das sich während des Studiums herausstellt, wo man dann später hinmöchte."

Abiturientin: "Das sind ja schon noch ein paar Jährchen bis dahin! Und ich denke, man sollte auch alles erst mal ein bisschen ausprobieren."

Ohne den Prüflingen im Auswahlverfahren der Universität Münster zum Wintersemester 2015 etwas unterstellen zu wollen, liegt die Vermutung nahe, dass Einserschüler sich zu Höherem berufen fühlen als zum Landarzt in Kremmen. Diesen Verdacht äußern auch ärztliche Funktionäre:

"Wir sind schief gewickelt, wenn wir glauben, dass Abiturienten mit einem Einser-Schnitt später in die Praxis gehen."

... wütete zum Beispiel ein Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung vor zwei Jahren in den Westfälischen Nachrichten. "Die gingen", sagte er, "in die Forschung, die Pharmaindustrie oder zu den Versicherungen." Und er ätzte gegen die Universität in Münster:

"Die 'so was von stur sei', weil sie nur Bewerber mit einem Schnitt von 0,9 und 1,0 zum Medizinstudium zulasse."

Letzteres stimmt nicht. In Münster haben im Herbst 2015 auch Bewerberinnen und Bewerber mit einer Note bis 1,2 eine Chance, im schwächer nachgefragten Sommersemester manchmal sogar mit 1,5. Dennoch ist es ein enger Trichter, durch den der Medizinernachwuchs muss – und es bleibt eine zweite, dringliche Frage: Bringt das Auswahl- und Zulassungsverfahren zum Medizinstudium wirklich die Ärztinnen und Ärzte hervor, die wir brauchen?

Schmoll: "Also, den geeigneten Landarzt für ein östliches, unterstrukturiertes Gebiet zu finden, das ist eine Aufgabe, die Sie nicht durch eine Studienauswahl leisten können."

Dr. Heike Schmoll ist die Bildungsexpertin bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

"Ich glaube, dass die Chance mit einem Test, der nicht nur die Abiturnote berücksichtigt, größer ist. Ganz bestimmt! Aber Sie wissen nie, wie dann individuelle Lebensentscheidungen laufen, mit wem der dann verheiratet ist, wo die Partnerin womöglich beruflich angebunden ist, das wissen Sie alles vorher nicht. Deshalb ist die prognostische Quote: 'Wir schaffen jetzt den Landarzt für den Osten!' - das geht nicht!"

Marschall: "Das Studium über sechs Jahre, die Facharztausbildung über fünf bis sechs Jahre, ist ein so multifaktoriell bestimmtes Verfahren, da dann noch mal Rückschlüsse auf eine achtstündige Auswahl vor zwölf Jahren zurückzuführen, wird uns rein statistisch nie möglich sein. Da müssen wir einfach mit leben, alles andere wäre statischer Unsinn wahrscheinlich."

Seit Jahrzehnten müssen die Studierenden durch das Nadelöhr Numerus Clausus

Trotzdem leistet sich Bernhard Marschall, der Studiendekan Medizin an der Westfälischen Wilhelms Universität in Münster, eines der aufwändigsten Studentenausleseverfahren Deutschlands.

"Es ist primär ein Akt der inneren Überzeugung und des Statements, dass wir sagen: 'Uns ist es wichtig, deswegen machen wir uns die Mühe, deswegen nehmen wir die Kosten und Ressourcen in Kauf!' Um nach außen auch zu demonstrieren: Arztsein ist mehr als nur ein Einsnuller-Abitur."

Arztsein ist mehr als nur ein Einsnuller-Abitur.

Doch der Weg in den Arztberuf setzt genau das voraus, in der Regel jedenfalls. Schauen wir das Auswahlsystem genauer an.

Studieneinheit eins: Von der "Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen", kurz ZVS, zu "hochschulstart.de".

Seit Generationen müssen angehende Medizinstudentinnen und -studenten durchs Nadelöhr des Numerus Clausus, NC genannt. Mit einem nur guten Abitur erhielt man allenfalls bis Mitte der 1980er-Jahre komplikationslos einen Medizinstudienplatz. Seit Anfang der Neunziger ist das Verhältnis zwischen Studienplätzen rund 10.000 und Studienbewerbern rund 45.000 mit kleinen Schwankungen konstant. Was sich dagegen immer mehr verschärfte, war das Kriterium Abiturnote. Irgendwann schien absehbar, dass nur noch eine gleichförmige Bestenkohorte Zugang zum Arztberuf erhalten würde.

Die Kritik an der ZVS wuchs unaufhörlich, so dass man sie 2008 durch die "Stiftung für Hochschulzulassung" mitsamt Internetportal "hochschulstart.de" ersetzte. Der ZVS hing ein legendärer Ruf bürokratischer Überforderung an, doch die Reform diente nicht bloß dazu, ein negatives Image abzustreifen. Seit 2008 werden die Studienplätze aller 35 staatlichen Medizinfakultäten nach einem überarbeiteten Reglement vergeben, das über den nackten Numerus Clausus hinausgeht. Teilweise zumindest.

"Nach Abzug einer Vorabquote für Härtefälle, Zweitstudienbewerber und ausländische Studienbewerber werden 20 Prozent der Studienplätze an die Abiturbesten des Jahrgangs vergeben, 20 Prozent werden nach Wartezeit verteilt, und 60 Prozent der Studienplätze können die Unis in einem eigenen Auswahlverfahren vergeben."

...schreibt der Berufsberater Patrick Ruthven-Murray in einem Ratgeber. Nur die Elite der Elite – 20 Prozent noch – gelangt aufgrund ihrer Abiturnote sofort an einen Studienplatz, wird also weder in Fähigkeiten und Fertigkeiten weiter überprüft, noch muss sie lange warten.

Leute, die eine 1,1 oder ne 1,2 haben, bei denen ist das schon wieder anders. Meistens über diese Abiturbestenquote kommen sie nicht mehr rein. Das heißt, sie müssen über die so genannten Auswahlverfahren der Hochschulen gehen, und hier ist es eben so, nur auf Basis der Note werden die nicht reinkommen.

Die Abiture der Bundesländer sind kaum vergleichbar

Das gilt sogar für viele Einsnuller-Kandidaten, denn bis auf Niedersachsen und Schleswig-Holstein gibt es im Herbst 2015 mehr von ihnen, als an Studienplätzen direkt über die Abiturnote verteilt werden. Für die beliebte Berliner Charité – wie auch für die Universität Heidelberg – braucht man mindestens 804 Punkte im Abitur; einen 1,0er-Abschluss kriegt man jedoch schon mit 768 Punkten.

Studieneinheit zwei: Zahlen lügen nicht. Aber sie nützen auch wenig.

Schmoll: "Wo hat er denn die Einskommanull her? Hat er sie aus Bayern, Sachsen – oder hat er sie am Ende aus Bremen oder Hamburg?"

Murray: "Ich würd's gar nicht nur auf die Bundesländer beziehen, auch innerhalb der Bundesländer gibt's riesige Unterschiede."

Schmoll: "Inzwischen muss man sagen, dass die Abiture so unterschiedlich sind zwischen den Ländern, dass es eigentlich gerade für diese NC-bedeckten Studiengänge wie Medizin hochgradig ungerecht ist."

Abitur im föderalen Bildungssystem ist nicht gleich Abitur. Ergo wird die Konkurrenz um Medizinstudienplätze alles andere als fair ausgefochten.

Schmoll: "Es ist überhaupt nichts vergleichbar. Das liegt nicht nur daran, dass manche eben diese fünf Kernfächer haben und andere bei den Leistungskursen geblieben sind. Aber zum Beispiel gibt es dann auch welche, die machen nur zwei Leistungskurse, und andere machen drei, von denen Sie dann einen abwählen können. Es gibt auch welche, die haben vier Leistungskurse. Das ist einfach insgesamt völlig absurd! Auch die Regelungen, was Sie als Leistungsfächer nehmen dürfen, und welche Kombinationen Sie nehmen dürfen, sind vollkommen unterschiedlich. Man kann heute ja nicht mehr sagen, dass jeder Einserabiturient erstens ein Streber war und zweitens hochbegabt war, ja? Also inzwischen kriegen Sie ja ein Einserabitur auch locker, ohne dass sie beides sind!"

Der Rückgriff auf die absolute Abiturpunktzahl ist damit scheinobjektiv, und auch Münster mit einer Eingangsschwelle von 800 Punkten drittbegehrtester Medizinstudienort Deutschlands bleibt für die allermeisten Abiturienten unerreichbar. Das erklärt, warum Prüflinge im Auswahlverfahren der Hochschule dort so oft die gleiche Antwort geben, fragt man sie nach ihrer Abschlussnote:

Abiturientin: "Einskommanull."

Marschall: "Das trifft für knapp 90 Kandidatinnen und Kandidaten jetzt im aktuellen Verfahren zu. Also es gibt noch sehr, sehr viele, die ein solches Traumabitur – oder auch Alptraumabitur – haben, dass sie eben nicht über diese Quote der Abiturbesten, sondern über das Auswahlverfahren der Hochschule gehen müssen."

Von 160 Teilnehmern des eintägigen Testparcours erhalten knapp 80 einen Studienplatz. Rechnerisch lässt das nur einen Schluss zu: Selbst unter den Gescheiterten werden sich noch Einsnuller-Abiturienten befinden.

Die dann selbstredend an weniger begehrten Standorten studieren können. Conclusio: Auch im runderneuerten Vergabesystem ist der Numerus Clausus von den Auswahlfreiheiten der Universitäten nur überschminkt worden. Ob das rundum geeignete Mediziner hervorbringt? Und was ist mit den nur "guten" Schüler. Bleiben Sie gänzlich auf der Strecke?

Studieneinheit drei: Verbesserungsmöglichkeiten oder: Aufholen ohne aufzuholen.

Nehmen wir an, der Aspirant fürs Medizinstudium habe ein Abitur mit einer Eins vor dem Komma und einer Neun dahinter hingelegt:

Ruthven-Murray: "Mit einer 1,9 wäre man ja jetzt für verschiedene Auswahlverfahren auch eingeladen worden. Aber natürlich kann man nicht einfach unvorbereitet in so ein Auswahlverfahren gehen. Entweder gibt's Tests oder es gibt Interviews, da muss man natürlich sich entsprechend präparieren. Weil wenn man da nicht präpariert ist, hat man natürlich auch keine Chance. Bei sehr vielen Universitäten wird ja vor allem der sogenannte Prozentrangwert betrachtet. Das heißt: Gehört man zu den besten zehn Prozent? Oder gehört man zu den besten zwanzig Prozent? Und je nachdem gibt es einen Notenbonus. Also jetzt beste zehn Prozent gibt's dann zum Beispiel Standorte wie die Uni Erlangen-Nürnberg oder wie die Uni München, die geben 0,8 Notenbonus. Da fällt man zum Beispiel von einer 1,9 auf eine 1,1."

Ist die Warteliste verfassungswidrig?

Im Auswahlverfahren der Universitäten können also auch Schwächere beim Rennen um die Medizinstudienplätze mitlaufen. Durch diverse Faktoren lässt sich theoretisch so die Abiturnote aufwerten.

Ruthven-Murray: "Also eines der Beispiele, wo man sehr viel Notenbonus generieren kann, ist die Universität Tübingen. Da kann man bis maximal 1,1 Notenbonus bekommen. Heißt: Man könnte mit einer 2,1 auf eine 1,0 rutschen."

Nur ist das Ergebnis in einem gleitenden System, das auf Rangordnungsplätze zielt, von begrenztem Nutzen.

Ruthven-Murray: "Was dabei ein bisschen täuscht: Alle verbessern sich!"

Was also wird dabei gewonnen? Da jeder Aspirant die Tests durchläuft, muss man sich überdeutlich von der Gruppe abheben, tritt man mit dem Handicap eines schlechteren Abiturs an. Die Chancen mögen individuell gegeben sein, in der Masse führen sie aber nicht dazu, dass sich die Studentenkohorte nennenswert verbreitert. So oder so: Achtzig Prozent der späteren Ärztinnen und Ärzte gehören der Abiturientenelite an. Nur zwanzig Prozent, die über Warteliste kommen, können in der Schule schlechter gewesen sein.

Zum Wintersemester 2015 beträgt die Wartezeit bis dato nie erreichte sieben Jahre und wird von Gerichten damit bereits als verfassungswidrig angezweifelt.

Angesichts ihrer abschreckenden Dauer ist diese Quote gewiss kein Mittel zur weniger gleichförmigen Zusammensetzung der Studentenschaft. Wer sich Gedanken macht, wie er Menschen mit besonderer Qualifikation für den Arztberuf erkennen soll, bleibt dennoch immer auf den Bewerberpool von Musterschülern beschränkt, zumindest im staatlichen System.

Studieneinheit vier: Die anderen unter den Besten.

Marschall: "Es ist unsere innere Überzeugung, dass eben nicht nur die Abiturnote darüber bestimmen sollte, ob jemand Mediziner wird oder nicht."

Abiturientin: "Wir wissen ja noch nicht so genau, was auf uns zukommt, und das macht es halt ein bisschen schwierig."

Marschall: "Das, was wir heute mit ihnen versuchen durchzuführen, ist ein Test darauf, ob Sie besondere Qualifikationen auch für den späteren Arztberuf mitbringen."

"Das Bewerbungsschreiben als solches dient uns vornehmlich dazu, diese phantastische Abiturnote ein bisschen zu hinterfragen. Sind das tatsächlich die grauen Mäuschen, die sich eingeschlossen haben und mit viel Fleiß diese Noten erworben haben? Im Vertrauen gesagt: Sind sie nicht!"

Abiturientin: "Also, ich hab das Motivationsschreiben geschrieben und bin dann gleich hergekommen."

Marschall: "Der zweite Teil, der naturwissenschaftliche Verständnistest, testet genau das, was sein Name sagt. Und der dritte Teil, der ist halt eben explizit auf die sogenannten nonkognitiven Dinge ausgerichtet. Im Prinzip haben wir verschiedene Kriterien ausgesucht, die wir für wichtig erachten. Das ist zum Beispiel eine Vertrauenswürdigkeit, die Befähigung Verantwortung zu übernehmen, eine Fürsorge, Empathie zu empfinden, all solche Dinge werden in diesen kleinen Szenen thematisiert."

Marschall: "Machen Sie Ihre Aufgabe, seien Sie möglichst authentisch! Versuchen Sie nicht zu schauspielern, weil das geht schief! Sie erahnen sowieso nicht, was wir uns an der Station gerade gedacht haben und was wir da gerne sehen wollen."

Prüfungszentrale. Männerstimme sagt: "Sechs Minuten noch!"

Marschall: "So, die Bewerber werden jetzt auf die Stationen verteilt." Männerstimme Funkspruch: "Station 4?""Vollzählig." Marschall: "Da stellen sie sich jetzt der Reihe nach auf." Männerstimme Funkspruch: "Drei Minuten!"

Rund 1600 Rollenspiele am Tag

Marschall: "Im Prinzip ist es so, dass wir für diesen Studierfähigkeitstest rund 120 Fakultätsmitglieder, die mindestens Facharztstatus haben, zusammenziehen. Wir haben rund 40 Simulationspatienten. Wir verfügen über einen Schwarm von rund 30 studentischen Hilfskräften. Die auch wirklich notwendig sind, um alle Kandidaten und Kandidatinnen von Ort zu Ort zu geleiten. Und wir performen rund 1600 Schauspielszenen an einem Tag."

Männerstimme zählt rückwärts: "Sieben ... sechs ... fünf .... vier ... drei ..." Marschall: "Das ist aber lange angezählt!" 

Nein, das ist nicht das Lagezentrum der NASA in Houston, auch kein Manöver der Bundeswehr. Den Medizinstudiums-Testtag an der Universität Münster mitzuerleben, erinnert an Größeres als ein bloßes Auswahlverfahren. Generalstabsmäßig geplant und wie eine Groß-OP durchgeführt, um allen 160 Aspiranten exakt gleiche Bedingungen zu bieten, darf es nicht einmal zu einer Minutenverschiebung im Stationentakt kommen. Herzstück beim MMA, dem "Multiplen-Mini-Aktions-Test", den in anderer Form sonst nur noch die Universitäten Hamburg und Dresden verwenden, sind Spielszenen mit Simulationspatienten, die für alle Prüflinge gleich lang dauern. Die Aufgaben aus dem ärztlichen Alltag wirken manchmal oberflächlich einfach, manchmal diffizil. Manchmal fragt man sich, ob sie überhaupt eine befriedigende Lösung erlauben.

Marschall: "Das ist gar nicht Ziel unserer Erhebung. Was wir beurteilen wollen, ist die Performance. Und wie weit man jetzt in diesem Geschehnis allgemein kommt, ist für uns eigentlich völlig uninteressant, weil das hat was mit Fachwissen zu tun, natürlich auch mit Training. Das interessiert uns weniger. Sondern es interessiert uns, mit welcher Souveränität, mit welcher Empathie und ähnlichen Skills der Kandidat das anpackt."

Das Studienhospital der Universität Münster, in dem ab dem klinischen Abschnitt auch in der Ausbildung regelmäßig mit Simulationspatienten gearbeitet wird, erlaubt die unbemerkte Teilnahme hinter einer Spiegelglasscheibe. Überraschend dabei: Verfolgt man die Übungen dieser jungen Ärztinnen und Ärzte in spe, fühlt man bei aller Kürze der Zeit sofort, wer einen guten, zugewandten Mediziner abgäbe und wer eher nicht.

Marschall: "Das ist genau das Prinzip, auf dem dieses MMA basiert. Nur fünf Minuten pro Station – da könnte man ja auch sagen: 'Naja, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, dann hätte ich das auch anders lösen können!' Nein! Es geht tatsächlich darum, dass wir viele Anforderungen stellen, zehn Stationen an der Zahl. Und in jeder kommt ein ähnlicher Eindruck herüber. Wir haben insgesamt damit 20 Jurorenurteile, die genauso wie Sie sagen: 'Wir haben da ein gewisses Bauchgefühl.' Aber dadurch, dass es eben zwanzig sind, ist die Subjektivität herausgemittelt, und dementsprechend haben wir ein faires, auch weitgehend transparentes und vor allen Dingen auch reliables Messinstrument entwickelt."

...das zumindest eine Spreizung im Kandidatenfeld hervorrufen soll. Die Abiturnote bleibt dennoch mit 51 Prozent in der Endbewertung übergewichtet. Das verlangt der Gesetzgeber so, um die Fiktion des Abiturs als allgemeine Hochschulzugangsberechtigung aufrecht zu erhalten. Dennoch werden am Ende des anstrengenden Acht-Stunden-Prüfmarathons vermutlich ein paar Einsnuller zugunsten von 1,2er-Abiturienten herausgefallen sein. Bernhard Marschall sieht das Ergebnis aber noch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt:

"Die Hauptwirkung dieses Testes dürfte wahrscheinlich gar nicht in dem neuen Ranking derer liegen, die wir jetzt hier testen. Sondern vornehmlich darin eben, dass wir ein gewisses Bewerberfeld gar nicht mehr sehen hier! Nämlich zum Beispiel die Kandidaten, die Medizin studieren, nur weil sie den Schnitt haben. Denn die möchten sich einer solchen Testung gar nicht unterziehen. Aber eben auch derer, die eben, obwohl sie die Einladung noch erhalten haben, kalte Füße bekommen oder etwas anderes eben ins Auge gefasst haben. Diese Pre-Assessment-Selektion ist sicherlich mit die wichtigste und bedeutsamste Wirkung des Verfahrens."

Und sie ist beträchtlich: Bis zu 40 von 160 Kandidaten sagen erfahrungsgemäß kurzfristig ab und werden durch Nachrücker ersetzt. Überspitzt könnte man sagen, dass vielleicht die nicht ganz so empathischen späteren Ärzte an dieser Praxishürde gescheitert sind – aber man dürfte es nicht sagen, jedenfalls nicht als Universitätsangestellter.

Marschall: "Wir dürfen nur daraufhin untersuchen, ob jemand für das Studium geeignet ist. Da das Studium aber natürlich auf den Beruf hinweist, ist das dann nur so eine Nuance. Unsere Zielgröße ist quasi der Studierende im praktischen Jahr, der ja dann auch schon am Patienten arbeitet. Und das führen wir den Juroren dann vor Augen und fragen sie danach: Können Sie sich diesen Kandidaten, diese Kandidatin im praktischen Jahr vorstellen?"

Trickreich argumentiert und vernünftig gedacht. In Münster wird – für eine staatliche Medizinfakultät eher ungewöhnlich – auch an die Zeit nach dem Studium gedacht. Direkte Steuerungsmöglichkeiten des Arztbedarfs sind in diesem System allerdings weder erwünscht, noch machbar. Dafür stehen andere Mitspieler bereit.

Studieneinheit fünf: Die Medical School oder: Privat darf anders entscheiden.

Hofmann: "Wir haben auch eine Aussage über die Fächer, die als Facharztweiterbildung gewählt worden sind. Da ist es so, dass die Pädiatrie bei uns ganz oben rangiert, gefolgt dann von der Inneren Medizin und auf Platz drei dann die Allgemeinmedizin."

Dr. Marzellus Hofmann ist Studiendekan der Universität Witten-Herdecke, die seit 1983 einen privaten Medizinstudiengang anbietet. Entsprechend lang sind auch die Erfahrungen mit dem späteren Berufsleben der Absolventen.

"Die Allgemeinmedizin an Platz drei... Also was mich auf jeden Fall zufrieden macht, ist, dass man sagen kann: Zwanzig Prozent in niedergelassene Fachärzte! Das ist immerhin – wie ich jetzt gelernt habe am Ärztetag in Münster – wären dann zehn Prozent mehr als das im Bundesschnitt so der Fall ist."

Schwantes: "Die Allgemeinmedizin – also sozusagen die Basis der Medizin – kommt im Studium erst ganz am Schluss: 'Woher der Patient kommt, ach so, haben wir vergessen zu sagen: Der Hausarzt hat ihn eingewiesen! Der macht Einweisungen, damit die anderen Ärzte arbeiten können!' (lacht) Viele Studenten sagen in den letzten Semestern, wenn sie dann mit der Allgemeinmedizin zu tun haben, sagen sie: 'Warum ist uns das erst so spät mitgeteilt worden? Warum ist uns dieses Berufsbild nie gezeigt worden?'"

... erinnert sich Ulrich Schwantes an seine Professorenzeit an der Berliner Charité. 2014 hat er die private Medizinische Hochschule Brandenburg mitbegründet. Wie in allen ostdeutschen Regionen fehlt es auch in Brandenburg an Allgemeinmedizinern. Das soll anders werden. Die Ausbildung der Studentinnen und Studenten findet in Kooperation mit regionalen Kliniken und niedergelassenen Medizinern übers ganze Land verteilt statt. Ziel ist neben einem stärkeren Praxisbezug die Bindung an Land und Leute.

In Brandenburg reicht ein formal bestandenes Abitur

"Ich erreiche, dass über einen Zeitraum von sechs Jahren Studium plus fünf oder sechs Jahren Weiterbildung die Leute hier bei uns im Land arbeiten. Das heißt, ich sozialisiere sie in einer wichtigen Phase ihres Lebens in einer Umgebung, die eben insgesamt das Land Brandburg ausmacht, und davon erhoffen wir uns, dass über diesen Effekt doch deutlich mehr Studenten bleiben, als das üblicherweise der Fall ist."

Sowohl in Brandenburg als auch in Witten-Herdecke reicht formal ein bestandenes Abitur.

Hofmann: "Was uns hauptsächlich interessiert, sind Persönlichkeitseigenschaften und sind interpersonelle Kompetenzen. Natürlich ist ein Abitur eine Voraussetzung, aber eben nicht in einem NC-Sinn."

Schwantes: "Die Abiturnote spielt eine eindeutig untergeordnete Rolle. Wir können nicht sagen, sie spielt überhaupt keine Rolle."

Hofmann: "Also, wir können sagen, dass unsere Semester einen Abiturschnitt zwischen 1,9 und 2,0 haben, ungefähr. Das heißt aber auch, dass da durchaus jemand dabei sein kann, der ein Abitur von 2,7 hat, oder eben auch jemand mit 1,1."

Schmoll: "Natürlich gucken die aufs Abitur, die können sich davon gar nicht freimachen! Denn sonst haben sie ja ganz schnell den Effekt: 'Also bei der Medizinischen Hochschule, da kann man auch noch mit 3,5 anfangen!'"

...unkt Bildungsjournalistin Heike Schmoll. Allerdings beschere die Umgehung des Numerus Clausus via Privatuniversität – sollte sie überhaupt gelingen – Kosten anderer Art, erklärt der Berufsberater Patrick Ruthven-Murray:

"Entweder verpflichtet man sich zu was oder man bezahlt. Das sind ja die zwei Varianten."

Manchmal gibt es auch Kombinationsmodelle, bei denen teilweise die Studiengebühren erlassen werden, wenn man seine Berufsperspektive einschränkt.

Ruthven-Murray: "Kassenärztliche Vereinigung Sachsen hat so ein Modell. Die sagen halt, sie finanzieren ein Studium im osteuropäischen Ausland, meistens dann Ungarn. Wenn man aber zurückkommt, dann verpflichtet man sich, die fünf Jahre Facharztausbildung eben in Sachsen mehr oder weniger auf dem Land zu machen. Und sie schränken auch ein, welche Facharztausbildung man machen kann. Da muss man sich das schon ein bisschen genauer überlegen, ob man das machen möchte."

Kassenärztliche Vereinigungen sind unter Zugzwang

So wie Kommunen und Krankenhäuser die Medizinische Hochschule Brandenburg finanziell mittragen, sehen sich zunehmend die Kassenärztlichen Vereinigungen unter Zugzwang gesetzt, frühzeitig in die Ärzteauswahl einzugreifen, weil am Ende der langen Kette nicht das herauskommt, was sie für ihre Region benötigen. Auch die private Universität Witten-Herdecke hat erstmals eine solche Zusammenarbeit vereinbart.

Hofmann: "Wir haben eine Kooperation, ja. Und zwar sind wir angesprochen worden von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt, die natürlich auch das Problem haben, dass sie dort mehr Ärzte hinbekommen wollen. Und haben zugesagt, dass die KV Sachsen-Anhalt ein Bewerbungsverfahren durchführt, ein eigenes Bewerbungsverfahren, und die dort Ausgewählten dann in unser Bewerbungsverfahren eingeschleust werden und wir zwei Plätze da für die möglichen Studierenden der KV-Sachsen-Anhalt mit aufnehmen."

Die Aspiranten müssen hier sogar zwei Filterstufen passieren – nur wer wirklich und unbedingt Arzt werden will, kann das meistern. Damit schließt sich der Kreis zu den Einserabiturenten: Letztlich ist der innere Antrieb, über einen langen Zeit-raum aufrechterhalten, der Schlüssel zum Studienplatz. So glaubt Bernhard Mar-schall durchaus nicht, dass seine Studentinnen und Studenten in Münster die 1,0 erst im Abiturzeugnis erblicken und sich dann für Medizin entscheiden, sondern dass sie sich gezielt darauf vorbereitet haben.

Marschall: "Dass sie eigentlich schon sehr frühzeitig erkannt haben, dass sie für das Berufsziel Medizin ein gutes Abitur brauchen, Den wenigsten ist das tatsächlich so in den Schoß gefallen, sondern da steckt auch schon viel Selbstdisziplin dahinter, frühzeitig anzufangen, um jeden Punkt zu kämpfen, um eben dieses Ziel sich zu ermöglichen. Dass jemand mehr oder weniger durch Zufall so ein Abitur hat und dann sagt: 'Och, da könnte ich jetzt auch Medizin zu studieren!', ist glaub ich ein völlig falsches Klischee."

Bleibt zu hoffen, dass dieses Durchhaltevermögen auch etwas mit dem zu tun hat, was die ehrgeizigen jungen Menschen später tatsächlich tun sollen: Als verständnisvolle Ärzte kranken Menschen zur Seite stehen.

Mehr zum Thema:

Landarztmangel in Brandenburg - Der Libanese mit dem Trabi
(Deutschlandfunk, Dossier, 15.11.2013)

"Wir starten eine Schmerzoffensive"
(Deutschlandfunk, Interview, 14.03.2012)

Pauken bis der Arzt kommt ist vorbei
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 21.06.2010)

Ja, Arzt - und weg!
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 10.03.2010)

House of God
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 01.01.1980)

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