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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.08.2008

Ausverkauf des Gesundheitswesens

Renate Hartwig: "Der verkaufte Patient", Pattloch Verlag, 283 Seiten

Ein Hausarzt untersucht einen Patienten in seiner Arztpraxis in Hannover (AP)
Ein Hausarzt untersucht einen Patienten in seiner Arztpraxis in Hannover (AP)

Mit Vehemenz protestiert Renate Hartwig in ihrem Buch "Der verkaufte Patient" gegen die Gesundheitsreform. Hartwigs Vorwurf: Der Umbau des Gesundheitswesens schadet den Patienten und nutzt nur der Pharmaindustrie.

Wenn sich die engagierte Publizistin Renate Hartwig etwas vorgenommen hat, dann lässt sie nicht locker. Vor zwölf Jahren begann ihr öffentlicher Kampf gegen Missstände in unserer Gesellschaft mit ihren Buch "Scientology – Ich klage an". Jetzt hat sie die Gesundheitsreform ins Visier genommen.

Seit sie selber vor zwei Jahren bei einem Arztbesuch erfuhr, unter welchen Kostendruck Mediziner ihre Patienten versorgen müssen, hat sie die Verflechtungen zwischen Politik, Krankenkassen und Gesundheitsdienstleistern bis ins letzte Detail recherchiert und Überraschendes zu Tage gebracht. In ihrem neuen Buch "Der verkaufte Patient" wehrt sie sich vehement und mit deutlichen Worten gegen den geplanten Umbau im Gesundheitswesen, gegen den - wie sie es nennt - Ausverkauf der Menschlichkeit zugunsten eine reinen Profitstrebens.

Die Politik, so ihr Vorwurf, verkauft das deutsche Gesundheitssystem an profitorientierte Kapitalgesellschaften, die nicht mehr den Menschen, sondern nur das Geld im Fokus haben. Ungeniert fragt sie daher, wem nutzt was? Warum haben bestimmte Personen lukrative Beraterverträge, wer wird von Pharmaunternehmen gesponsert? Wohin fließt das Geld, das die Versicherten Monat für Monat an die Krankenkassen zahlen?

Wer zum Beispiel bei der DAK versichert ist, erfährt, dass die netten Gesundheitsberater, die ihn vielleicht neuerdings anrufen, Angestellte einer amerikanischen Firma sind. Sie haben den Auftrag, möglichst viele der Versicherten davon abhalten zum Arzt zu gehen, um die Behandlungskosten zu senken. Wer die elektronische Patientenakte bislang für sinnvoll hielt, weil sie die Krankengeschichte auf einen Blick verspricht, dem dürfte bei zahlreichen Zugriffsmöglichkeiten auf die sensiblen Daten mulmig werden. Denn außer Arzt und Patient könnten in Zukunft auch andere Personen wie etwa Krankenkassenmitarbeiten in die Untersuchungsergebnisse einsehen, was laut führender IT-Experten die Möglichkeit des Missbrauchs enorm steigert.

Das Buch ist ein klarer Aufruf zum Prostest, in dem sich Patienten und Ärzte solidarisieren sollen. Denn beide Gruppen geht es an Kragen, schreibt die Autorin. Der Patient wird minimal versorgt und finanziell maximal ausgenommen, die Ärzte werden mit komplizierten Abrechnungssystemen und verschiedenen Qualitäts- und Zertifizierungsmaßnahen unter Druck gesetzt. Es geht um Geld und um Macht. Die Folge: Das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt stehe kurz vor dem Ausverkauf, so die wiederholte Warnung der Autorin.

Renate Hartwig will mit ihrem Buch mehr als nur aufklären. Sie will etwas bewegen, das ist das Ziel ihrer Kampagne. Deshalb erklärt sie nicht nur, was alles im Gesundheitssystem schief läuft. Sie sagt auch gleich wer Schuld hat, was sie persönlich davon hält und wie die Konsequenzen aussehen sollten. Das tut sie zum Teil mit gepfefferte Sätze und heftigen Parolen. Ihre persönliche Empörung ist deutlich zu spüren, aber daraus macht sie auch kein Geheimnis.

Die Bayrische Landesgesundheitsministerin fordert sie auf den Hut zu nehmen, den Gesundheitsökonom der SPD Karl Lauterbach nennt sie Ullas Harry Potter und über Ulla Schmidt selbst schreibt sie, sie missachte das Grundgesetz.

Hier traut sich jemand kräftig mit den Faust auf den Tisch zu hauen.

Das ist gut, auch wenn die Zahl ihrer Gegner nicht klein ist. Doch das stört Renate Hartwig nicht, die eine sehr klare Vorstellung davon hat, wie Gerechtigkeit in einem Sozialstaat aussehen sollte. Schließlich zahlen fast 90 Prozent der Bundesbürger in die gesetzlichen Krankenkassen ein, lautet ihr Argument, da sollte man doch wissen dürfen, was genau mit dem Geld gemacht wird.

Nach der Lektüre versteht der Laie auf jeden Fall das komplizierte Geflecht zwischen Krankenkassen, Politik, kassenärztlicher Vereinigung und Wirtschaft.
Ein spannendes und zugleich unbequemes Buch, mit dessen Inhalt man sich entweder solidarisiert oder dass man komplett ablehnt. Der Tonfall ist Geschmackssache. Doch wer laut trommelt, wird eben auch gehört.

Rezensiert von Susanne Nessler

Renate Hartwig: Der verkaufte Patient. Wie Ärzte und Patienten von der Gesundheitsreform betrogen werden
Pattloch Verlag
283 Seiten, 16,95 Euro

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