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Kompressor | Beitrag vom 25.09.2015

Ausstellung über den Körper im digitalen ZeitalterZerlegung in zuckende Zellstruktur

Von Rudolf Schmitz

(Frankfurter Kunstverein)
Die Bergziege im Menschen versuchte der Künstler Thomas Thwaite zu ergründen. Mit Bein-Prothesen lief er wie ein Vierbeiner in einer Ziegenherde mit. (Frankfurter Kunstverein)

Was ist der menschliche Körper? Und was stellen wir heute – technologisch, medizinisch – damit an? Die Ausstellung "Körper-Ich. Körper im Zeitalter digitaler Technologien" im Frankfurter Kunstverein geht dieser Frage nach.

Die schönste Arbeit dieser Ausstellung stammt vom Engländer Thomas Thwaites. Denn er sieht die Sache angenehm ironisch. Nach langen Forschungen hat er eine Prothesen-apparatur entwickelt, die ihm ermöglicht, tagelang auf allen Vieren zu gehen. Zweck der Übung? Thomas Thwaites möchte mit Ziegen und wie eine Ziege leben: Gras kauen, herumklettern, die Welt aus ihren Augen betrachten.

"Eine Ziege ist natürlich so unspektakulär und unprätentiös wie es nur geht. Allein da bricht es schon wieder in eine Selbstironie dessen, was die Technologie eigentlich erzeugen möchte: dieses Heroische, dieses Erweitern, ganz bionisch werden. Er bricht es, er möchte eigentlich nur einer Ziege nahe sein..."

Franziska Nori, Leiterin des Frankfurter Kunstvereins, führt mich durch die Ausstellung. Zu den vielen Leonardo-da-Vinci-haften Entwürfen dieser Ziegenprothese, zu einem Video, das den Künstler in der Gemeinschaft einer Ziegenherde zeigt. Gefilmt mit der Helmkamera, aber dann auch wieder von außen gesehen. Die Tiere wundern sich, der Ziegen-Künstler buhlt um ihre Sympathie.

"Sein Anspruch ist ein empathisches Nähegefühl gegenüber Tieren, die in ihrer Landschaft, in diesem Fall einer sehr schönen Alpenlandschaft, in einer Natur zu einer Einheit werden. Das heißt: Die Idee, die Utopie, fast die Romantik bei diesem Medienkünstler besteht darin, ein stärkeres empathisches Verständnis für das Tiererlebnis zu entwickeln, im Prinzip völlig optimierungsfrei, in dem der Mensch sich als Teil einer Schöpfung wahrnimmt".

Präzision und gespenstische Geräusche

"Da Vinci", so heißt bezeichnenderweise der Operationscomputer, der in Yuri Ancaranis Video für spektakuläre Bilder sorgt. Der Chirurg blickt nicht mehr auf den Körper des Patienten, sondern sitzt an einer Konsole, von der aus er seine mikroinvasiven Eingriffe steuert. Wir sehen, was der Chirurg sieht: Hochpräzisionsinstrumente im Einsatz am menschlichen Herzen. Dazu gespenstische Geräusche von Herztönen und eindringenden Nadeln und Zangen:

Diese Zerlegung des menschlichen Körpers in zuckende Zellstruktur ist keine Zukunftsmusik. Sondern der Stand der medizinischen Technologie schon heute. Nur dass Yuri Ancarani daraus ein visuelles Spektakel macht. Für Science Fiction dagegen sorgt Melanie Gilligan. Ihre Videofilme zeigen eine Gesellschaft, die auf nonverbaler Kommunikation beruht, auf Gedankenlesen. Und sie lässt offen, ob diese Transparenz ein Segen oder ein Fluch sein könnte.

"Bei der Melanie Gilligan sehen wir eine Umsetzung, was ja schon in vielen Forschungslabors aktuell stattfindet: das Implementieren von Mikrotechnologien, also konkret Chips in den Körper, in die Haut. Wir sehen die Utopie einer Gesellschaft, die dem Individuum einen Mikrochip unter die Zunge implantiert. Und dieser ermöglicht nicht nur eine physische Veränderung im Sinne einer physischen Höchstleistung, sondern im Sinne einer emotionalen und empathischen Leistungssteigerung".

Der gläserne Mensch

Die Kunstvereinsleiterin Franziska Nori hat die fünf Videos auf einem sperrigen Gestänge installiert. Ihr Thema ist beklemmend: Da ist der gläserne Mensch, von dem so viel gesprochen wird. Serviert in einer Atmosphäre freundlich-experimenteller Gruppendynamik.

"Wir wissen von der NSA, die mittlerweile die ganzen Daten über uns sammelt. Wie wäre es denn, wenn wir jetzt noch wissentlich und willentlich eine Technologie in unseren Körper implantieren, die diese Ansammlung von Informationen über uns noch mal optimiert und steigert?"

Kate Coopers computeranimierte Avatare erscheinen da schon fast wie Relikte aus alten Zeiten: Lara Croft läßt grüßen.

"Ihre Bilder erinnern uns an die Warenwelt, an die Werbung, hochauflösende digital perfekt dargestellte Frauenkörper, extrem sportlich, extrem perfekt, makellos, geometrisch".

"Prothesen-Gott", so hatte Sigmund Freud den Menschen genannt, der seine körperlich-seelischen Unzulänglichkeiten mit Hilfe der Technik zu überwinden versucht. Und darüber nicht froh wird. Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein zeigt, wie das neue Unglück der optimierten Körper aussehen könnte. In faszinierenden Bildern, die sich mit großer Leichtigkeit präsentieren. Als hätten sie den moralisch-ethischen Ballast dieser neuen Welten längst abgeworfen.

Frankfurter Kunstverein: Körper-Ich: Körper im Zeitalter digitaler Technologien, vom 26.9.2015 bis 10.1.2016 in Frankfurt/Main

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