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Kompressor | Beitrag vom 13.11.2015

Ausstellung "This Way" in WolfsburgJeppe Hein zwischen Couch und Chakra

Von Jochen Stöckmann

 Eine Besucherin und ein Museumsmitarbeiter stehen am 11.11.2015 in der Kunstausstellung "Jeppe Hein. This Way" im Kunstmuseum Wolfsburg vor einem riesigen Käfig, in dem ein Spiegel kreist. (picture-alliance / dpa / Alexander Kohlmann)
Ein riesiger Käfig, in dem ein Spiegel kreist, in der Kunstausstellung "Jeppe Hein. This Way" im Kunstmuseum Wolfsburg. (picture-alliance / dpa / Alexander Kohlmann)

Es ist die bislang größte Einzelausstellung von Jeppe Hein: "This Way" im Kunstmuseum Wolfsburg ist ein riesiges psycho-technisches Labyrinth. Der Däne zeigt damit, wie die Belastung mit einem Burnout seine Kunst beeinflusst und verändert hat.

Am Anfang steht – nicht das Wort, nicht der Weg, sondern die Qual der Wahl: Gleich drei weit auseinanderliegende Milchglastüren hat Jeppe Hein mit ein und derselben Aufforderung "This Way" beschriftet:

"Wo geht's lang? Es gibt drei Eingänge heute. Einen hier, links, dann rechts und dann die dritte. Also: This way, that way, another way? – Your way! Genau, another way."

Am besten, man lässt sich einfach treiben. Nur keine überstürzten Entscheidungen – darauf stimmt der dänische Installationskünstler bereits im 20 Meter langen Gang vor der Garderobe ein: Die Wand leuchtet, dicht an dicht bemalt mit blauen Farbstreifen. Kein Konzept à la Yves Klein, kein Griff in die Kunstgeschichte, sondern eine Kur, Maltherapie:

"Das ist eine sehr helle, blaue Farbe. Und da habe ich – einatmen – einen Strich gemacht und beim Ausatmen den nächsten Strich gemacht. Man muss manchmal tief atmen. Es hilf nichts (rhythmisches Hecheln) – das muss langsamer gehen. Man muss manchmal entschleunigen."

Aufwendiges konstruktivistisches Kaleidoskop

Aber was heißt hier "man"? Ich, Du, wir alle – jeder Besucher soll es dem Künstler gleichtun. Denn Jeppe Hein springt, kaum haben wir sein Labyrinth betreten, auf eine kreisrunde Drehbühne, bestückt mit zwei Reihen kopfhoher Spiegelwände:

"Spiegel, die sich drehen. Auf dem Kopf, dass man keine Balance mehr hat. Spiegel, die sich bewegen. Das ist nicht immer schön, in sich selbst reinzugucken, aber das ist es wert."

Die "Introspektion" erfordert einen enormen technischen Aufwand: Da rotieren etwa gewaltige Spiegelflächen um 360 Grad in alle Richtungen, zerlegen die riesige Wolfsburger Museumshalle in ein konstruktivistisches Kaleidoskop: optisch, im Auge des Betrachters. Der wird in dieses kinetische Universum förmlich hineingesogen – um dann im ganz persönlichen Kosmos von Jeppe Hein zu landen: Insgesamt 3253 Aquarelle rahmen das Labyrinth. Zwischen Halloween-Masken taucht immer wieder dieser Elefant auf, ganz ungelenk, ein Knuddeltier in vielen Variationen:

"Manchmal ist es ganz dünn. Manchmal ist es ganz dick. Manchmal hat es einen Riesenkopf und manchmal ist der Kopf gar nicht dran. Ich bin ja auch kein guter Maler. Aber es geht auch nicht darum, dass ich gut malen kann. Es geht um Ausdruck!"

Abstrakte Spiralen und konzentrische Farbkreise gehen nicht auf ästhetische Erwägungen zurück, sie sind ein mentales Barometer: Jeppe Heins Höhen und Tiefen seit einem Burnout 2009. Tag für Tag hingemalte Notizen. Hier "Venice" oder "Guggenheim", dort eine Liebeserklärung für "drei Prinzessinnen". Das erinnert an Museumsbesuche, Kunstmarkt-Tourneen und auch Privates:

"Wenn mir das noch mal begegnet, aktiviert es meine ganzen Gefühlsmuster. Ich muss meine Gefühle rauskriegen."

Verarbeitung eines Burnouts

Die Gefühle mussten raus, Gestalt annehmen in den Chakra-Farben buddhistischer Meditation. Oder auf der Couch, wo ein Analytiker ihr Geheimnis ergründen, rausfinden sollte. Beide Psycho-Techniken hat Jeppe Hein probiert. Sie haben seine Aquarellmalerei geprägt:

"Dieses Fragile und die Offenheit, dass man sie zeigt. Verletzlichkeit – wenn man seine Verletzlichkeit zeigt, das ist eine Stärke. Und je mehr man zeigt, desto stärker wird man auch selbst."

Damit hat der Artist sich selbst wieder aufgerichtet. Aber was bringt das für sein Publikum? Die schöne Erfahrung, dass Installationskunst nicht nur die Wahrnehmung, "brain-work", sondern auch Körper- und Bauchgefühl, "feeling", auslösen kann. Etwa mit Kugeln, die auf einer Art Schwebebahn geisterhaft durch das Museum gleiten und dann auf tibetanische Klangschalen treffen:

"Die Frequenz geht durch deinen Körper. Und da habe ich diese Malereien gemacht. Hier zum Beispiel: die Schale direkt auf dem Papier, dann eine Farbe nach der anderen. Und dann schlage ich an, bis die Farbe rausspritzt und diese Muster macht."

Der Raumklang ergibt ein pointilistisches Zufalls-Gemälde, konventionell anzuschauen. Spannender ist Jeppe Heins Umgang mit einem völlig leeren Saal, der nur mit Kopfhörern zu betreten ist:

"Da geht man langsam rein und plötzlich spürt man eine Vibration in seinem Headset. Das indiziert eigentlich, dass man in eine Wand reingelaufen ist. So bewegt man sich also ein bisschen zurück, dann stoppt die Vibration. Und dann kann man rechts und links daran vorbeilaufen. Und so kommt man langsam durchs Labyrinth mit diesem Erspüren."

Alle Sinne werden angesprochen

Durchs Reich der Spürsinne mit Augen und Ohren – fehlt nur noch die Nase: Dafür gibt es den Dufttunnel, mit einer Neon-Schrift am Eingang: "Ich erwarte nichts, bin aber für alles offen."

"Da komme ich doch jetzt auf den Burnout. Hatte der mit Erwartungshaltungen zu tun? – Ich glaube mehr, dass es meine eigene Erwartung war, und wo ich hinwollte: Die Bestätigung, die ich gesucht habe, in einer falschen Richtung. Ich bin rumgereist durch die ganze Welt und wollte immer da oben stehen und so."

Dieses ganz große Rad will Jeppe Hein nun nicht mehr drehen. Den – wie er sagt – "positiven Druck" des Kunstmarktes mag er aber auch nicht missen. Und so konzentriert er sich aufs Spiel, vergnügt, lebensfroh und wohl auch einträglich genug für ihn und seine drei Prinzessinnen.

Die Ausstellung "This Way" von Jeppe Hein ist vom 15.11.2015 bis zum 13.3.2016 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.

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