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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 22.09.2016

Ausstellung "Reconnaissance"Sehtest für den Satellit

Von Anja Krieger

Aralsee -  Das Satellitenfoto der NASA vom 14.04.2007 (picture alliance / dpa / NASA)
"Satellitenbilder zeigen Orte, die wir vielleicht nie besuchen könnten" - Dieses Bild zeigt den Aralsee. (picture alliance / dpa / NASA)

Im Jahr 2005 hat Google seine Kartendienste Earth und Maps gestartet. Seitdem haben wir ein kleines Abbild der Welt auf dem Computer. Die Künstlerin Ingrid Burrington erschafft daraus eigene Werke, die von der Entstehung der Satellitenbilder und den Widersprüchen darin erzählen.

Wir schauen herab auf einen Wald. Aus der Luft sehen die Baumkronen klein aus wie Moos, ihr Dunkelgrün wechselt sich mit dem staubigen Braun des Bodens ab, bis eine helle Straße das Bild durchkreuzt. Es sieht aus wie ein ganz normales Satellitenfoto – wenn da nicht dieses mysteriöse Gebilde wäre. Wie ein Stück Kuchen liegt es mitten in der Landschaft, mehrere Häuser groß, mit weißen Linien, die wie Strahlen nach außen zeigen. Daneben ein großes Quadrat im Bau, auf dem Haufen aus Erde liegen. Die Strukturen hat Künstlerin Ingrid Burrington auf dem Gelände eines Raketentestcenters der NASA im US-Staat Mississippi gefunden.

"Diese zwei Objekte auf dieser Baustelle sind Kalibrierungsmarker. Sie werden verwendet, um den Fokus und die Kontraste von Luftbildern einzustellen. Es gibt eine Menge davon in aller Welt, verstreut in der Landschaft. Viele haben Formen und Muster. Das funktioniert so wie beim Augenarzt, wo man gefragt wird, welche Form sehen Sie da, oder welchen Buchstaben? Solche Markierungen sind einzig und allein dafür gemacht, aus großer Distanz gesehen zu werden."

Der Satellit fotografiert die Landschaft, und die Landschaft verweist auf den Satellit. Das ist eine der Verknüpfungen, die Ingrid Burrington in ihrer Ausstellung in der Berliner Galerie NOME unter dem Titel "Reconnaissance" herausarbeitet.

In den Werken der 29-jährigen Künstlerin geht es um die Infrastruktur des Erkundens und Auskundschaftens.

Mit ein mal ein Meter großen Bildern nimmt Burrington die Gottesperspektive auseinander und entlarvt die Hoffnung auf eine objektive Wahrheit von ganz oben als Illusion. Burringtons ein mal ein Meter große Lentikulardrucke zeigen zwei verschiedene Satellitenbilder von derselben Koordinate, je nachdem, ob man links oder rechts steht. Dazu gehören zwei Flugzeuge, die halb kaputt und einsam in der südkalifornischen Wüste liegen.

Müll erzeugen, um aus dem All gesehen zu werden

Die Maschinen vom Typ B-52 gehörten mal zum Atomwaffenarsenal der USA. Als in den 1990er-Jahren die Abrüstung kam, wurden die Flugzeuge zerstört und gut sichtbar aufgestellt. So sollten sich die Russen per Spionagesatelliten selbst ein Bild machen, erklärt Ingrid Burrington.

"Ich finde diese Idee irgendwie großartig, dass man Müll erzeugen muss, der aus dem All gesehen werden kann. Die Satellitenprogramme der USA und der UDSSR wurden vor allem dazu geschaffen, die Entwicklung von Atomwaffen auf der anderen Seite zu verfolgen. Dann, Dekaden später, wurde die gleiche Technologie wieder dafür genutzt, um zu beweisen, dass man genau dieselben Sachen wieder zerstört hatte."

Die 90 Tage, die das Kriegsgerät draußen stehen sollte, haben die beiden Flugzeuge längst überschritten. Burrington hat eine Aufnahme von 2008 mit einer zweiten von 2014 verbaut. In der Wüste tickt die Zeit langsam, bis auf den Farbton der Bilder und die Konturen des Seebetts verändert sich nichts.

Anders sieht es aus, wenn man um die Aufnahme einer Highway-Kreuzung in Mountain View herum läuft. Auf dem Bild von 2006 ist die Onizuka Air Force Station gut zu erkennen. Hier aus dem Silicon Valley führte die Air Force jahrelang geheime Satellitenprogramme durch. Nicht weit davon, in Palo Alto, wuchs Künstlerin Ingrid Burrington selbst auf. Doch von der zweiten Seite des Bildes, die neun Jahre später entstand, klafft nur noch ein großes Loch an derselben Stelle. Das einzelne Satellitenbild kann immer nur eine Momentaufnahme liefern – oder eine Collage von Momenten, erklärt Burrington.
 
"Das ist ein Blickwinkel, der immer irgendwie manipuliert ist. Das Satellitenbild auf Google Earth zeigt immer einen wolkenlosen Nachmittag, überall auf der Welt. Diese Bilder sind also Montagen aus vielen Bildern desselben Orts, aus dem dann Wolken und Fehler herausgerechnet werden. Meine Drucke versuchen diesen Glitch, die Störungen in dieser Perspektive, zurückzuholen, indem sie Aufnahmen von verschiedenen Zeitpunkte oder aus verschiedenen Quellen zeigen."
 
Dafür nutzt Ingrid Burrington eine einfache Technik, bekannt von Kitschpostkarten mit Jesusgemälde oder niedlichen Katzenfotos. Über ein Linsenraster zeigen die Lentikulardrucke je nach Blickwinkel entweder das eine oder andere Motiv. Burrington wirft damit auch einen Blick auf Googles Datencenter, von denen aus Dienste wie Google Maps und Google Earth erst weltweit Verbreitung finden. Auf den Bildern poppt die digitale Wolke aus einem Waldstück auf, eine Baustelle verwandelt sich in einen Gebäudekomplex. Eine Aufnahme des amerikanischen Geologiedienstes US-GS zeigt die sauberen Konturen eines Google-Datencenters im Jahr 2014. Doch auf den Karten des Konzerns selbst ist davon bis  im Januar 2016 nichts zu sehen.

"In Google Earth war diese Landschaft jahrelang leer. Ich meine, ich bin da rausgefahren nach Iowa, um mir das Datencenter anzusehen, es ist wirklich da und fast fertig! Es gibt da eine hartnäckige urbane Legende, dass Google seine Datencenter eine ganze Weile lang mit Photoshop herausretuschiert hat, als Unternehmensgeheimnis. Mittlerweile verfolgt der Konzern eine viel offenere Strategie. Ich habe dafür allerdings nie echte Beweise gefunden. Es gibt nur noch ein anderes Beispiel, das ich gesehen habe, wo das zutreffen könnte."

Satellitenbilder zeigen Orte, die wir vielleicht nie besuchen könnten

Burrington stellt nicht nur Bilder verschiedener Zeitpunkte, sondern auch verschiedener Karten-Anbietern nebeneinander. So sind niederländische Militärbasen bei Google mit einem kuriosen Camouflage-Muster überdeckt. Beim Konkurrenten MapBox sieht man schon mehr, dafür ist ein ganzer Teil geschwärzt oder altes Kartenmaterial mit verbaut. Hier verfolgt die Künstlerin, wie Firmen und Staaten versuchen, Kompromisse zwischen Sicherheitsbedenken und Verfügbarkeit von Daten zu entwickeln - mit dem Ergebnis, dass die bearbeiteten Bilder erst recht Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Einseitig kritisch will Ingrid Burrington ihre dekonstruierten Luftbilder jedoch nicht verstehen wissen.

"Meine Haltung ist ambivalent. Einerseits ist mir klar, dass das in mancher Hinsicht falsche Bilder sind, die nicht die ganze Wahrheit eines Ortes erzählen. Andererseits sind sie eine großartige Gelegenheit, Orte zu sehen, die ich ansonsten unmöglich verstehen könnte. Man kann zuschauen, wie sich die Dinge über die Zeit entwickeln, in einer Weise, die es früher nicht gab  – zum Beispiel wenn man beobachtet, wie in Dubai plötzlich menschengemachte Inseln auftauchen."

Satellitenbilder zeigen uns Orte, die wir vielleicht nie besuchen könnten. Sie erlauben uns eine Perspektive aus der Luft, die uns Überblick verschafft, mit der wir verstehen, was über die Zeit passiert. Ingrid Burringtons Kunstwerke macht aber auch deutlich, dass die Fotos von oben, so entrückt und objektiv sie auch erscheinen mögen, immer noch menschliche Artefakte sind. Ihnen ist ihre eigene Geschichte genauso eingeschrieben wie die Besitz- und Machtverhältnisse unserer Gesellschaft.

"Reconnaissance", Ingrid Burrington, 17. September bis 11. Oktober, Berliner Galerie NOME

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