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Fazit | Beitrag vom 18.03.2016

Ausstellung "Lee Miller - Fotografien" in BerlinViel mehr als Model und Muse von Man Ray

Von Anette Schneider

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Eine Besucherin geht am 18.03.2016 durch die Ausstellung "Lee Miller - Fotografien" in Berlin. Im Hintergrund das Foto "Man Ray, Lee Miller (Neck)". Die Ausstellung mit Bildern von Lee Miller (1907-1977) ist vom 19. März bis 12. Juni 2016 im Berliner Gropiusbau zu sehen. Die US-Amerikanerin Miller wurde vor allem als Kriegsfotografin bekannt. (picture-alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Eine Besucherin geht am 18.03.2016 durch die Ausstellung "Lee Miller - Fotografien" im Martin-Gropius-Bau in Berlin. (picture-alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Von 1929 bis 1945, arbeitete Lee Miller als Fotografin. Seit fast 40 Jahren wird ihr Werk weltweit gezeigt. Eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau wirbelt die bisherige Sicht auf die Kriegsfotografin und Muse des Surrealisten Man Rays gehörig durcheinander.

Eine Frauenhand ist im Begriff, eine Glastür zu öffnen. Genau auf Höhe der Klinke aber ist das Glas so stark zerkratzt, dass es aussieht, als würde die Scheibe durch die Berührung zerspringen. Lee Miller fotografierte die Szene 1930. Wolfgang Moser von der Albertina Wien eröffnet damit seine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau. Denn auch er zersprengt etwas: das enge Korsett, in das Lee Miller bisher gepresst wurde!

"Eines der größten Qualitäten ist, dass sich Lee Millers Werk nicht auf ein einzelnes Genre reduzieren lässt. Und diese Vielseitigkeit ist sicher ein Spezifikum von Lee Millers Werk."

Schon die ersten Aufnahmen der chronologisch gehängten Ausstellung zertrümmern die Legende, Lee Miller sei eine surrealistische Fotografin gewesen. Nebeneinander sieht man Bilder von ihr und von Man Ray: Man Ray inszeniert seine Schülerin und Geliebte in gleißend heller Überbelichtung als traumhaft-surreales Wesen. Und immer wieder reduziert er sie auf ihren nackten Torso.

"Man Ray und andere surrealistische Künstler haben den weiblichen Körper fragmentiert dargestellt. Das heißt: ohne Kopf. Man nahm dem Körper die Identität. Der Körper wurde objektiviert und vor allem als erotischer Fetisch präsentiert."

Reaktion auf die Zumutungen  der Surrealisten

Lee Miller reagiert auf diese Zumutung: Sie fotografiert sich nackt mit Kopf! Sie rückt ins Blickfeld, was die Männer wegschneiden: Frauenköpfe, die vor schwarzem Untergrund zu schweben scheinen.

Und sie verpasst den Surrealisten mit ihren zerlegten Frauenkörpern eine schallende Ohrfeige: Auf einem Teller serviert sie ihnen eine amputierte weibliche Brust, dazu Messer und Gabel!

"Lee Miller stand den Surrealisten sehr kritisch gegenüber. Man darf nicht vergessen: So sehr die Surrealisten auch eine Avantgarde-Gruppe waren, waren sie Männer des 19. Jahrhunderts. Speziell auch Man Ray."

Als Lee Miller nach Paris kam, war sie 22 Jahre alt. Als sie Man Ray und Paris verließ, 25. Sie ging zurück nach New York und eröffnete ein erfolgreiches Fotostudio. Aus den Stilmitteln der Surrealisten - etwa Unschärfen, Überbelichtungen und Ausschnitte - hatte sie eine eigene künstlerische Sprache entwickelt, mit der sie die Wirklichkeit festhielt: Menschen. Mode. Die Wüste, durch die sie Ende der 30er-Jahre reiste, und den Krieg, der einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet.

Seit 1940 lebte Lee Miller mit dem Künstler Roland Penrose in England. Den Irrsinn der Bombardierung Londons hielt sie in irrsinnig anmutenden Bildern fest: etwa einer unbeschädigten Hausfassade, aus deren Tür meterhoch Schutt quillt. Oder einer Kirche, die nur noch aus drei griechischen Säulen besteht.

Als Kriegsfotografin ab 1942 in Europa

Ab 1942 begleitet sie als Kriegsfotografin der "Vogue", und mit ihrem jüdischen Kollegen David Sherman, die US-amerikanischen Truppen bei der Befreiung Europas. Nun wird ihre Form sachlich. Denn, so Wolfgang Moser:

"Lee Miller wollte auch ihren Beitrag im Kampf gegen die Nationalsozialisten leisten. Und das beschreibt auch sehr gut, wie sie die Kamera, die Fotografie gesehen hat: nämlich als agitatorisches Mittel. Als Waffe im Kampf gegen die Nationalsozialisten. Und vor allem auch als schonungsloses Mittel, die Bevölkerung aufzurütteln."

1945 erreicht sie mit US-Soldaten das gerade befreite Konzentrationslager Buchenwald, dann das Konzentrationslager Dachau. Unerträglich nah geht sie heran an die verzerrten Gesichter Ermordeter. An Leichenberge. An Überlebende vor einem Berg verbrannter Knochen. Sie lässt den Betrachter nicht entkommen!

Ausschnitt aus einem Bild von Lee Miller, die 1945 in Hitlers Badewanne in seiner Wohnung in München sitzt, aufgenommen in der Ausstellung "Lee Miller: Fotografien 1930 - 1970" im Kunstmuseum in Wolfsburg im Jahr 2006. (picture-alliance/ dpa)Eins der bekanntesten Bilder mit Lee Miller: Sie sitzt 1945 in Hitlers Badewanne in München. (picture-alliance/ dpa)
Und dann sieht man: Lee Miller in der Badewanne von Adolf Hitler.

"Lee Millers Inszenierung in der Badewanne von Adolf Hitler ist wahrscheinlich das komplexeste und das schwierigste Bild in ihrem Oeuvre. Sie dringt eben gemeinsam mit der 45. Division der US-amerikanischen Armee, an dem Tag, an dem sie in Dachau fotografiert hatte, in Hitlers Privatwohnung in München ein."

In der Badewanne: Lee Miller. Am Badewannenrand: ein Porträt von Adolf Hitler. Vor der Badewanne: ihre Armeestiefel, die sie ausweisen als Angehörige der Befreier.

"Miller hat mit ihrem Humor das Bild sehr praktisch erklärt: Sie wollte einfach nach langer Zeit wieder einmal ein heißes Bad nehmen. Tatsächlich visualisiert sie aber durch das Eindringen in den Privatraum einen radikalen Akt der Machtumkehrung."

Die Kamera beiseitegelegt

Ende 1945 kehrt sie aus Wien nach England zurück. Sie legt die Kamera beiseite, und deponiert ihr Werk auf dem Dachboden.

"Die Fotografie war für sie eine Waffe im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Und mit Kriegsende ist dieses Mittel natürlich obsolet geworden. Und sie hatte das Gefühl, das reflektiert sie auch in einem Brief aus Wien, sie hatte das Gefühl, nichts Relevantes mehr sagen zu können."

Irritierend ist nicht diese Entscheidung. Irritierend ist, dass sich seit fast 40 Jahren und in hunderten Ausstellungen ein sehr beschränktes Bild der Künstlerin hält. Erst jetzt, nachdem Wolfgang Moser tausende Negative sichtete, zeigt sich: Lee Miller war von Anfang an eine eigensinnige, feministische, verstörende und oft kompromisslose Künstlerin, die mit den Ideen des Surrealismus nichts am Hut hatte, sondern sich der Wirklichkeit stellte.

Die Ausstellung "Lee Miller – Fotografien" ist bis zum 12. Juni 2016 im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

Mehr zum Thema

Reportagen von Kriegsreporterinnen - Selbstporträt in Hitlers Badewanne
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 12.08.2015)

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